Opel beschäftigte 1995 in Deutschland noch 45.600 Arbeiter und Arbeiterinnen, vor zwei Jahren (2006) waren es noch 27.600, heute nur noch rund 25.000. Im Stammwerk Rüsselsheim arbeiteten Anfang dieses noch knapp 18.500 Menschen für Opel, darunter etwa 7.000 Angestellte im Internationalen Technischen Entwicklungszentrum (ITEZ).
Hatten 1978 von insgesamt 50.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten noch 42.000 einen Arbeitsvertrag mit Opel, so sind es heute in Rüsselsheim nur noch 18.500 von insgesamt 35.000. Das bedeutet nicht nur einen drastischen Stellenabbau, sondern auch die Ersetzung fast jedes zweiten Arbeitsplatzes durch Leih- und Fremdfirmentätigkeit. Das Klima hat sich stark verändert, und Stress und Unsicherheit sind allgegenwärtig.
Ein Team der World Socialist Web Site verteilte vor der Frühschicht einen Artikel zur Krise bei Opel und zur Rolle des Betriebsrats. ["Opel-Krise: Betriebsräte und IG Metall bieten Lohnsenkung und Kurzarbeit an"]. Viele Arbeiter ließen Frust und Unzufriedenheit erkennen: "Die Stimmung im Betrieb ist gedrückt", sagte einer, "die Arbeiter werden nicht informiert, oder nur über die Medien. Keiner weiß, wie es weiter geht."
Überall herrscht Unsicherheit. Am Tor 60 erfahren wir, dass fast alle Nachtschichtler mittlerweile von Fremdfirmen gestellt werden. Hier wurden massiv feste Arbeitsplätze durch Leiharbeit zu Niedrigtarifen ersetzt. Wir sprechen mit Beschäftigten des Dienstleisters Formel D, von SCR Sils Center Rüsselsheim, von Mayer Zeitarbeit und andern Leihfirmen. Wir treffen auch frühere Opel-Teilezurichter, die heute zu Caterpillar gehören.
Ein Leiharbeiter aus der Nachtschicht berichtet, sein Arbeitsvertrag laufe nur noch bis zum 15. Dezember; was danach komme, wisse er nicht. Ein anderer ergänzt: "Unsere Arbeit bei Opel ist generell befristet. Uns können sie praktisch von heut auf morgen loswerden." Auf Nachfrage erklärt er, von IG Metall und Betriebsrat erwarte er nichts, die würden für die Leiharbeiter keinen Finger rühren. Die Mitarbeiter einer Reinigungs-Fremdfirma berichten, bei ihnen seien kurzfristig fünfzig Leute abgebaut worden.
Unzufriedenheit mit dem Betriebsrat
Beim Mittagsschichtwechsel sprechen wir mit einer Reihe von Opel-Arbeitern, die sich zwar scheuen, mit Namen zitiert zu werden, aber dennoch ihrer Unzufriedenheit Luft machen.
Viele haben inzwischen den Handzettel der WSWS gelesen und drücken ihre Zustimmung aus. "Ihr habt darin alles richtig erklärt", sagt ein Arbeiter am Tor K48. "Genau so ist es. Es stimmt auch, dass wir Arbeiter uns nur gemeinsam, mit einer internationalen Strategie wehren können. Aber das ist mit unserm Betriebsrat nicht zu machen", fährt er fort. "Das funktioniert nicht, die genießen hier zu viele Privilegien."

Elli, Arbeiterin in der Qualitätssicherung, erklärt zum aktuellen Rettungspaket der Bundesregierung und zu der Rolle, die der BR-Vorsitzende Klaus Franz dabei spielt: "Ich finde es nicht in Ordnung, dass der Betriebsrat einfach über unsere Köpfe hinweg zusagt, wir wären bereit, Opfer zu bringen. Haben wir all die Jahre etwa nicht schon genug Opfer gebracht?" Sie berichtet, dass die Kollegen in ihrer Schicht heute praktisch doppelt soviel Arbeit leisten wie vor ca. zehn Jahren.
"Jeder macht sich Gedanken über die Zukunft", sagt Elli. "Wir sollen ständig verzichten. Schon als sie das neue Werk bauten, haben wir verzichtet. Aber das funktioniert nicht, es kommt nichts dabei raus. Das Ergebnis ist, wir haben weniger in der Tasche und mehr Arbeit für weniger Leute, und natürlich mehr Druck von oben!"
Ein weiterer Arbeiter berichtet, was ihn besonders ärgert: "Die Gewerkschaft benutzt unsere Gelder ungefragt zur Finanzierung der SPD. Kein Wunder, dass die Leute austreten."

Stefan Ripp, Projektmanager für Presswerkzeuge, arbeitet schon seit 27 Jahren bei Opel. Doch in letzter Zeit, so sagt er, sei sein Vertrauen "angekratzt: Ohne mit der Wimper zu zucken stellt man den Banken dreistellige Milliardenbeträge zur Verfügung, aber bei den Autokonzernen, da zieren sie sich auf einmal."
"Wenn General Motors in den USA bankrott macht, dann kommt es zu einer Weltwirtschaftskrise", fährt Stefan fort. "Es geht ja nicht nur um die Mitarbeiter des GM-Konzerns; da hängen die Zulieferer und viele andere mit dran. Wie man sagt, ist zum Beispiel Bosch mit vierzig Prozent von General Motors abhängig. Und wenn GM untergeht, dann sind auch Chrysler und Ford davon betroffen."

Siegmund Gomolka ist in der Fertigung beschäftigt; er arbeitet seit 1989 bei Opel. Er hat die WSWS -Erklärung über die Rolle des Betriebsrats gelesen und erklärt uns, er selbst sei aus diesem Grund vor Jahren aus der Gewerkschaft ausgetreten: "Ich bin einfach der Meinung, die Gewerkschaft tut fast gar nichts für die Arbeiter. Es ist wie in dem Artikel beschrieben: Da wäscht eine Hand die andere. Mittlerweile arbeiten sie enger mit der Geschäftsleitung zusammen als mit den Arbeitnehmern."
"Das haben wir bei den letzten Tarifrunden gesehen", fuhr er fort. "Es ist ja kaum noch was raus gekommen. Da frage ich mich doch, was haben die denn bei den Verhandlungen überhaupt gemacht? Warum waren sie mit diesen 2,4 Prozent zufrieden? Warum hat die IG Metall diesem Abschluss zugestimmt? Das ist die Frage.
Uns wird gesagt, es werde um die Arbeitsplätze gekämpft. Aber am Band werden doch immer mehr Arbeitsplätze wegrationalisiert, und keiner schert sich drum. Die Arbeit bleibt aber die gleiche, bloß mit immer weniger Arbeitern; und da frag ich mich, Klaus Franz, was tust du eigentlich, um diese Arbeitsplätze zu erhalten?"
"Durch all die Auslagerungen", fährt Stefan fort, "ist es mittlerweile so eng geworden, dass wir eigentlich nur noch Stammleute am Band haben. Alle Nebenbereiche sind an die Fremdfirmen ausgegliedert worden. Immer mehr Leiharbeiter verrichten die Arbeiten, die früher von Opelanern gemacht worden sind."
Siegmund berichtet, dies habe zu einer Situation geführt, wo die einen, die Stammarbeiter, in der Stunde 15,20 Euro verdienen, und die Leiharbeiter für vergleichbare Tätigkeiten gerade mal sechs Euro die Stunde. "Die Gewerkschaft lässt es zu; sie vertritt die Leiharbeiter nicht", fügte Siegmund hinzu.
"Auch ich fühle mich nicht von ihr vertreten. Ich glaube nicht, dass sie meine Interessen vertreten. Und die Interessen der Leiharbeiter schon gar nicht. Wie kann man zulassen, dass man in einem Werk praktisch zweierlei Gesellschaften hat? Wie kann das sein?"
