In den letzten beiden Tagen haben die Aktienmärkte weltweit erneut viele Milliarden Dollar verloren. Hinter dieser Entwicklung steht die Furcht, eine Deflationsspirale könnte zu einer globalen Rezession führen. Zwar versuchen Regierungen und Medienkommentatoren, die Öffentlichkeit mit der Versicherung zu beruhigen, dies sei kein Wiederaufleben der 1930er Jahre. Aber die Geldmärkte sprechen eine andere Sprache.
In der Finanzpresse wird inzwischen offen darüber gesprochen, dass allen offiziellen Beteuerungen zum Trotz sämtliche Regierungsinterventionen und Projekte internationaler Zusammenarbeit nicht in der Lage waren, den Wirtschaftszusammenbruch aufzuhalten. Peter A. McKay schrieb gestern im Wall Street Journal : "Den Regierungen geht im Kampf um die Stabilisierung des Finanzsystems und der Wirtschaft die Munition aus."
Ähnlich äußerte sich John Durie im Australian : "Jetzt ist es endlich raus: NICHTS FUNKTIONIERT. Infolgedessen befinden sich die internationalen Börsen im freien Fall." Durie erinnerte daran, dass die amerikanische Regierung und die chinesische Führung jeweils ca. eine Billion Dollar in Rettungspakete gesteckt haben, aber: "Die Welt ist weiter im Niedergang."
Die nächste schlechte Nachricht kam, als es den Vorstandsvorsitzenden von General Motors, Ford und Chrysler nicht gelang, die Zustimmung des Kongresses zu einem beispiellosen Rettungspaket über 25 Mrd. Dollar für die Großen Drei zu bekommen, um den Zusammenbruch zu verhindern. Nach zweitägigen Anhörungen in Washington wurde das Rettungspaket zumindest in seiner ursprünglichen Form abgelehnt, obwohl alle Teilnehmer, inklusive der UAW [Autoarbeitergewerkschaft], einer weiteren Verschlechterung der Bedingungen für die Autoarbeiter im Rahmen eines Rettungspakets zugestimmt hatten.
Auf einen Wertverfall der amerikanischen Aktien am Mittwoch um mehr als fünf Prozent folgte am Donnerstag kurz vor Handelsschluss ein weiterer Absturz. Im Laufe des Tages hatten sich die Aktien leicht erholt, als Gerüchte aufkamen, bei den Verhandlungen mit der Autoindustrie habe es eine Einigung gegeben. Am Ende eines Achterbahn-Tages war der Dow Jones um fast 445 Punkte oder 5,6 Prozent auf 7.552 Punkte gefallen. Der Standard & Poors 500 Index fiel weiter und verlor 54,14 Punkte oder 6,7 Prozent. Er landete bei 752,44 Punkten, dem niedrigsten Stand seit elf Jahren.
Die wilden Ausschläge zeugen zeitweise von schierer Panik und Instabilität. Am Dienstag schoss der Chicago Board Options Exchange Volatility Index, der auch das "Furcht-Barometer" der Wall Street genannt wird, um 10,1 Prozent auf 74,45 hoch. Das ist ein Beleg dafür, dass die Probleme noch weiter wachsen.
Hinter der Verkaufswelle steckt die Furcht, dass die Rezession nicht nur tiefer und länger sein könnte, als bisher befürchtet, sondern auch in eine Entwicklung überzugehen droht, die Sheryl King, ein führender US-Ökonom von Merrill Lynch, als "eine zersetzende deflationäre Phase" bezeichnete. Deflation ist der Vorläufer einer Depression, weil fallende Preise eine Abwärtsspirale von wirtschaftlichen Verlusten, Produktionskürzungen, Massenentlassungen und geringerer Nachfrage erzeugen.
Weiterhin bilden die USA das Zentrum des globalen Chaos. Neue Daten weisen auf immer mehr Arbeitslose hin, weiter abnehmende Bautätigkeit, sinkende Verbraucherpreise und Krisen bei Finanzriesen wie der Citigroup und bei General Electric. Der Politikausschuss der Federal Reserve hielt im Protokoll seines letzten Treffens fest, dass er von einem weiteren Schrumpfen der Wirtschaft bis mindestens Ende 2009 ausgeht. "Es ist der perfekte Wirtschaftssturm, eine Kombination aus gewöhnlicher Rezession, Zusammenbruch des Wohnungsbaus, Kreditkrise und starkem Verfall von Vermögenswerten", sagte Barry Ritzoltz, ein führender Wirtschaftsexperte, vor Journalisten.
Das Abgleiten in die Rezession hat durchaus globale Dimensionen. Dies wurde von Daten des japanischen Finanzministeriums zusätzlich beleuchtet. Sie besagen, dass die Exporte der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt im Oktober gegenüber dem Vorjahr um 7,7 Prozent zurückgegangen sind. Das ist der stärkste Rückgang seit fast sieben Jahren. Die Zahlen belegen die Abhängigkeit des japanischen und des asiatischen Kapitalismus insgesamt vom amerikanischen Markt. Sie trugen dazu bei, die asiatischen Börsen den zweiten Tag in Folge in den Keller zu schicken.
Der Nikkei Index der Tokioter Börse verlor 570,18 Punkte und landete bei 7.703,04 Punkten, dem tiefsten Stand seit dem 28. Oktober. An diesem Tag erlebte er im Handelsverlauf einen 26-Jahre-Tiefstand bei 6.994,90 Punkten. Es war der höchste Tagesverlust seit dem 22. Oktober. Der Nikkei hat in dieser Woche bisher neun Prozent und in diesem Monat zehn Prozent verloren. Ökonomen erwarten jetzt für drei weitere Quartale ein Schrumpfen der Wirtschaft, was dann einen Rückgang in fünf Quartalen in Folge, den längsten der Geschichte, bedeuten würde.
Unter dem Druck von Abschlägen beim Tiefbergbau und im Finanzbereich schloss der australische S&P/ASX 200 vier Prozent schwächer bei 3.252,90 Punkten. Das ist der niedrigste Tagesabschlusswert seit 2004. Der Hongkonger Hang Sen Index ging mit einem Verlust von 4,3 Prozent mit 12.264,34 Punkten aus dem Markt. Südkoreas Kospi schloss um 6,7 Prozent schwächer bei 948,69 Punkten. Es war der achte Tag mit Verlusten in Folge.
Auch europäische Werte fielen, weil Banken und Rohstoffproduzenten wegen der Angst vor einer tieferen Rezession stark unter Druck standen. Der FTSEuro first 300 Index schloss mit 781,06 Punkten, dem niedrigsten Wert seit April 2003. Die stärksten Verluste erlitten jene Industrien, die besonders der Krise ausgesetzt sind, wie z.B. der Bergbau oder die Banken. Letztere gerieten vor allem unter Druck, als die Aktien von Citigroup ins Trudeln gerieten und Investoren die Überlebenschancen der US-Bank in Frage stellten.
Der weltgrößte Stahlproduzent Arcelor-Mittal fiel um 12,4 Prozent zurück. Der britische Versicherer Aviva, der Ende Juni über Verträge in Höhe von 359 Milliarden Pfund verfügte, fiel um 15,5 Prozent. Weil der Ölpreis auf unter 50 Dollar pro Barrel fiel, fielen die Aktien von Ölkonzernen wie Royal Dutch Shell und Energieversorgern wie E.on rapide ab.
Die Streichung von 1.400 bis 2.700 Stellen bei AstraZeneca, Rolls Royce, Sandvik und Peugeot Citroen unterstreichen diese trüben Aussichten. In Großbritannien kündigten BAE Systems, der Baustoffhersteller SIG und die Investmentfirma Fidelity International deutlichen Arbeitsplatzabbau an. Der Einzelhandel erlitt im Oktober einen Umsatzrückgang von 0,1 Prozent.
Aber die schlechtesten Nachrichten kommen weiterhin aus den USA. In der letzten Woche meldeten sich 27.000 Arbeiter arbeitslos, wie das Arbeitsministerium berichtet. Das waren viel mehr als erwartet. Aufs Jahr hochgerechnet sind es jetzt 542.000 neue Arbeitslose. In der Woche davor rechnete man noch mit einer Zahl von 515.000 Zugängen, und Analysten hatten eigentlich 505.000 Neumeldungen erwartet. Die Gesamtzahl der Arbeitslosen betrug am 8. November 4,012 Millionen. Das ist die höchste Zahl seit Dezember 1982.
Das Protokoll des Politikausschusses der Federal Reserve zeigt, dass einige Teilnehmer erwarten, die Arbeitslosigkeit könne nächstes Jahr auf acht Prozent steigen. Im Oktober waren es 6,5 Prozent.
Aus dem Protokoll spricht die Sorge, der Fed könnten die Mittel ausgehen, um einer deflationären Spirale entgegenzuwirken, weil die Zinsen jetzt schon so niedrig sind. Eine solche Entwicklung "wäre eine schwierige politische Herausforderung", wie die Fed verlautbarte. Ein Rückgang der Verbraucherpreise im Oktober um ein Prozent heizte solche Befürchtungen weiter an. Wie ein Bericht des Handelsministeriums vom Mittwoch zeigte, ist das der schärfste monatliche Rückgang, seit die Regierung diese Zahlen 1947 zu erheben begonnen hat.
Auch die Lage beim Wohnungsbau ist düster. Amerikanische Bauunternehmen begannen im Oktober mit dem Bau von aufs Jahr hochgerechnet 791.000 Wohnhäusern. Das ist die niedrigste Zahl, seit die Statistikbehörde 1959 mit der Erhebung von Zahlen über den Hausbau begonnen hat. Damals gab es in den USA allerdings fünfzig Prozent weniger Haushalte. Im September gab es 394.000 fertig gestellte, unverkaufte Häuser, und zusätzlich waren vier Millionen weitere Häuser auf dem Markt (viele dieser Häuser waren zwangsversteigert).
Es gibt Anzeichen, dass die Implosion des Finanzsektors noch keineswegs vorüber ist. Die Aktien der Citigroup fielen gestern um 24,2 Prozent auf 4,85 Dollar, nachdem sie am Vortag schon um 23 Prozent gefallen waren. Die Bank hatte zweifelhafte strukturierte Investmentpapiere (SIV’s) im Wert von siebzehn Milliarden Dollar übernommen. Citi schloss auch einen weiteren Hedge Fond, der früher einmal über vier Mrd. Dollar Einlagen verwaltet hatte. Der Fond war auf sechzig Millionen Dollar geschrumpft und mit 880 Millionen Dollar Schulden belastet.
General Electric will GE Capital, ein großes Institut für Konsumentenkredite, gesundschrumpfen. Das könnte Kosteneinsparungen von zwei Mrd. Dollar bringen, zum Verkauf von hoch belasteten Wertpapieren im Wert von 90 Mrd. Dollar führen und Tausende Entlassungen bei den 75.000 Beschäftigten nach sich ziehen. JPMorgan Chase plant, zehn Prozent der Beschäftigten seiner Investmentsparte einzusparen. Das sind ungefähr 3.000 Angestellte.
Während die Finanzriesen ums Überleben kämpfen und versuchen, ihre faulen Kredite loszuwerden, wird immer klarer, dass der Weltkapitalismus in einem Zusammenbruch vom Ausmaß der Depression der 1930er Jahre steckt, der das Leben und die sozialen Bedingungen von Hunderten Millionen Arbeitern in aller Welt zerstören wird.
