Der Madoff-Skandal

Von Barry Grey
17. Dezember 2008

Der Zusammenbruch von Bernard L. Madoffs Investmentfirma Investment Securities LLC zieht immer weitere Kreise. Ihr Gründer und Besitzer wurde am Donnerstag letzter Woche verhaftet, nachdem er gestanden hatte, dass seine Investitionsberatungsfirma "ein riesiges Schneeballsystem" war.

Das FBI hat ein Strafverfahren eingeleitet und die Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC) reichte eine Zivilklage ein. Der schon betagte Madoff schätzt, dass die Verluste aus seinem Betrug 50 Mrd. Dollar übersteigen. Die von Banken, Hedge Fonds und reichen Investoren gemeldeten Verluste summierten sich über das Wochenende schon auf fast zwanzig Milliarden Dollar.

Banken und Hedge Fonds in aller Welt - in den USA, Großbritannien, Italien, Spanien, Frankreich, der Schweiz und Japan - melden Verluste von Hunderten Millionen, wenn nicht Milliarden Dollar. Universitätsstiftungen, soziale Einrichtungen und andere Institutionen, die ihr Geld Madoff selbst oder Hedge Fonds anvertraut hatten, die in Madoffs Firma investiert hatten, sind schockiert, dass ihre Investitionen möglicherweise wertlos geworden sein könnten.

Prominente reiche Einzelpersonen - wie J. Ezra Merkin, der Vorsitzende des Autofinanzierers GMAC, Fred Wilpon, Haupteigner der New York Mets, Norman Braman, ehemaliger Besitzer des Philadelphia Eagles Profi Football Teams, Frank Lautenberg, Multimillionär und Demokratischer Senator aus New Jersey, und Mortimer Zuckerman, Besitzer der New York Daily News - gehören ebenfalls zu den Opfern, die Millionen verloren haben. Zu den Tausenden und sogar Zehntausenden, die vermutlich betroffen sind, gehört auch eine nicht geringe Zahl von durchaus nicht wohlhabenden Rentnern, deren Altersersparnisse in Madoffs Operationen stecken.

In der Folge des Madoff-Skandals werden unvermeidlich weitere Investmentfirmen in den Strudel geraten und dementsprechend weitere Tausende Anleger und Hunderte Unternehmen betroffen sein.

Madoffs Masche hätte nicht ohne die Komplizenschaft der höchsten Finanz- und Regierungskreise funktionieren können.

Vertreter des Staates behaupten jetzt, Madoff hätte mindestens seit 2005 eine Art Schneeballsystem betrieben - mit den Einlagen neuer Kunden wurden die Zahlungen an die schon existierenden Investoren finanziert. Im Moment weiß noch niemand genau, seit wann Madoff seine alten Kunden mit dem Geld neu hinzugewonnener bezahlt hat. Madoff war früher Vorsitzender der New Yorker Börse Nasdaq und sitzt heute im Vorstand der Nationalen Vereinigung der Wertpapierhändler. Sein Finanzierungsgebäude stürzte ein, als Kunden die Rückzahlung von Einlagen in Höhe von sieben Mrd. Dollar forderten.

Die New York Times berichtete am Samstag: "Es gibt erste Hinweise, dass Madoffs System schon seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten läuft... Es ist noch nicht einmal klar, ob Madoff überhaupt irgendwelche der Geschäfte getätigt hat, über die er seinen Investoren berichtete."

Eines aber ist klar: Madoff ist eine Wall Street Legende und ein Mann mit vielen Verbindungen zu hohen und höchsten Stellen. Seit 2000 hat er dem Demokratischen Wahlkampfkomitee für den Senat mindestens 100.000 Dollar gespendet und mehr als 23.000 Dollar den Kandidaten der Partei, darunter Senator Charles Schumer aus New York, dem Vorsitzenden des gemeinsamen Wirtschaftsausschusses des Kongresses, und Senator Lautenberg. Zu seinem Team von Anwälten gehört Mark Mukasey, der Sohn des Justizministers.

Es gab ausreichend Hinweise, dass Madoffs Geschäfte betrügerisch waren. Er wurde berühmt und reich, weil er seinen Investoren vom ersten Tag an Zinsen von eins bis zwei Prozent im Monat bot. Reiche Investoren und Hedge Fond Manager bestaunten Madoffs glückliches Händchen, gleich ob der Bulle oder der Bär an der Börse tanzte, und unbeeindruckt von den Achterbahnfahrten der Börsenkurse.

Aber andere erkannten, dass solche beständigen Zinserträge nicht mit legalen Mitteln zu erreichen waren. Sie sahen Madoffs erstaunliche Bilanz, sein geheimnisumwittertes Geschäftsgebaren und die Tatsache, dass seine Buchprüfungsfirma in einem obskuren Hinterhofbüro in New York saß, und schlossen daraus, dass Madoffs Geschäft ein Schwindel war.

Ein Vorstandsmitglied aus der Wertpapierwirtschaft drängte die SEC seit 1999 mehrfach, Madoff zu überprüfen. "Madoffs Wertpapiergeschäft ist die größte Ponzi-Pyramide der Welt", schrieb er an die SEC. Andere Investmentfirmen gingen Madoff im Interesse ihrer Investoren aus dem Weg.

Die SEC führte 1992 eine Untersuchung gegen Madoff durch, wusch ihn rein und lehnte ein Eingreifen ab. Stattdessen wurde Madoff im Jahre 2000 vom damaligen SEC-Vorsitzenden Arthur Levitt in einen Ausschuss von Akademikern, behördlichen Aufsehern und Vorstandmitgliedern berufen, der die SEC in der Frage neuer Börsenregeln als Reaktion auf das Zunehmen des elektronischen Handels beraten sollte.

Die Entwicklung der SEC macht deutlich, wie sich Kontrollorgane der Regierung in Hilfsorgane zum groß angelegen Finanzbetrug verwandelten. Sie dient heute nur noch dazu, die Intrigen der Aktienhändler, Hedge Fonds und Banken abzudecken.

Die Beseitigung der Kontrolle und "regulativen Beschränkungen" für die Geschäftspolitik der Banken und Finanzhäuser, die in den letzten drei Jahrzehnten stattgefunden hat, ist ein Ausdruck der Krise und des Verfalls des amerikanischen Kapitalismus. Das wuchernde Parasitentum des Finanzsektors ist das Markenzeichen dieser Entwicklung. Die andere Seite der Medaille ist die systematische Stilllegung großer Teile der Industrie und der gnadenlose Angriffe auf die Arbeitsplätze und Löhne der Arbeiterklasse. Dieser Angriff erreicht, auch auf dem Hintergrund der Wirtschaftskrise, ein neues und noch brutaleres Stadium.

Die Tatsache, dass der Madoff-Skandal diesmal auch Teile der privilegiertesten gesellschaftlichen Schichten trifft, ist Beleg für die Tiefe der Krise. Er beleuchtet auch die soziale Physiognomie der elitären Teile der Bevölkerung, die von der ungeheuren Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums von unten nach oben profitiert haben. Das Streben nach persönlicher Bereicherung ist derart krankhaft, dass angeblich erfahrene Investoren und Wall Street-Insider sich kaum die Mühe machten, Madoffs Geschäftsmodell unter die Lupe zu nehmen, solange er die versprochenen Profite ausschüttete.

Dies ist nicht nur der größte Finanzbetrug der Geschichte. Es geht viel tiefer und ist viel weitreichender als das Fehlverhalten eines einzelnen Maklers und Fondmanagers. Es markiert ein neues Stadium der Desintegration des amerikanischen und weltweiten Finanzsystems. Es ist der gewaltsame Ausbruch einer jahrzehntelangen Entwicklung, die eine ungeheure Anhäufung von privatem Reichtum an der Spitze der Gesellschaft mittels halbkrimineller Finanzmanipulationen gesehen hat. Spekulationsgeschäfte die völlig losgelöst von der Produktion und der Schaffung von tatsächlichen Werten vor sich gingen. Man kann fast sagen, dass die gesamte Wirtschaft in ein gigantisches Ponzi-System verwandelt worden ist. Der Zusammenbruch fiktiver Kapitalwerte in Billionenhöhe wird immer bösartigere Formen zeitigen.

Siehe auch:
Wall Street fordert freie Verfügung über Geld des Finanzministeriums
(14. Oktober 2008)
Absturz an der Wall Street und wachsende Anzeichen einer globalen Rezession
( 11. Oktober 2008)

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