Ein spannender Thriller, aber kein historischer Film

"Operation Walküre - Das Stauffenberg-Attentat"

Von Peter Schwarz
30. Januar 2009

"Operation Walküre" ist ein spannender Thriller, aber kein historischer Film. Regisseur Bryan Singer, Drehbuchautor Christopher McQuarrie und Hauptdarsteller Tom Cruise haben das Attentat auf Hitler vom 20. Juli als Requisitenkammer für eine Story benutzt, die viel mit den ideologischen Stereotypen der Bush-Ära, aber wenig mit der deutschen Realität von 1944 zu tun hat.

Die Verschwörer (Foto: © 20th Century Fox)

Äußerlichkeiten - wie das Aussehen der Protagonisten und Einzelheiten des Attentats auf Hitler - sind mit viel Sorgfalt, Geschick und unter Aufbietung aller Mittel, die Hollywood zur Verfügung stehen, von den historischen Vorbildern kopiert worden. Deren Ideen, Motive, politischen Überzeugungen und gesellschaftlichen Hintergründe bleiben dagegen im Dunkeln. Es gibt Gute und Böse, Helden und Verbrecher, Weiß und Schwarz, aber keine Zwischentöne, keine Widersprüche, keine Entwicklung, kein gesellschaftlicher Zusammenhang.

Tom Cruise ist in die Uniform des Hitler-Attentäters Claus Schenk Graf von Stauffenberg geschlüpft, um einen jener positiven Helden darzustellen, die es im Kino zu Dutzenden gibt. Er mimt Stauffenberg als strahlenden Helden, wild entschlossen, Hitler und sein Regime zu beseitigen. "Sie können Deutschland dienen oder dem Führer, nicht beiden", sagt er gleich in der ersten Szene im afrikanischen Wüstendsand. Kurz darauf wird er verwundet und nach Deutschland zurückgebracht.

Das genügt, um Stauffenbergs Motive zu erklären. Mehr halten die Autoren für überflüssig. Mit dem wirklichen Stauffenberg - dem Demokratiegegner, Antisemiten und Kriegsbegeisterten - hat diese Darstellung wenig zu tun. Stauffenbergs politische und ideologische Vorstellungen hätten schlecht in ein Heldenepos gepasst, deshalb wurden sie ausgeklammert.

Der Historiker Richard J.Evans, ein Spezialist für das Dritte Reich, hat im Magazin der Süddeutschen Zeitung die Gesinnung des Hitlerattentäters folgendermaßen beschrieben: "Stauffenbergs Moralverständnis war ein vielschichtiges Konglomerat aus katholischer Lehre, einem aristokratischen Ehrenkodex, dem Ethos des Alten Griechenland und deutscher romantischer Dichtung." Unter dem Einfluss des Dichters Stefan George habe Stauffenberg "ein idealisiertes mittelalterliches Reich" ersehnt, "durch das Europa - unter der Führung Deutschlands - ein neues Maß an Kultur und Zivilisation erlangen würde".

Diese Vorstellungen waren mit den Zielen der Nazis vereinbar. Stauffenberg trat zwar nie in Hitlers Partei ein, deren plebejischer Charakter seinem elitären Wesen widersprach, aber er unterstützte Hitler 1932 bei der Reichspräsidentenwahl und feierte 1933 seine Ernennung zum Reichskanzler. Er sah in den Nationalsozialisten "eine Bewegung der nationalen Erneuerung, die mit den schäbigen parlamentarischen Kompromissen der Weimarer Zeit aufräumen würde". Und er war "der Meinung, dass eine Politik der Bereinigung der deutschen Rasse und des Ausmerzens jüdischer Einflüsse daraus ein entscheidender Teil dieser Erneuerung sein müsse", schreibt Evans.

Den Krieg begrüßte Stauffenberg als entscheidenden Schritt auf dem Weg zur Schaffung eines europäischen Großreichs unter deutscher Vorherrschaft. Erst als sich die Niederlage abzeichnete, wurde er zum Gegner Hitlers. Er lehnte die Massenmorde an Zivilisten, Juden und Kriegsgefangenen zwar ab, die die deutsche Offensive im Osten begleiteten. Doch er tat dies weniger aus moralischen als aus strategischen Gründen. Seiner Auffassung nach ließen sich die deutschen Großmachtpläne nur verwirklichen, wenn es gelang, einen Teil der Zivilbevölkerung zu gewinnen. Er wollte einen Bürgerkrieg gegen Stalins Regime entfesseln, anstatt sich die gesamte Bevölkerung durch Terror zum Feind zu machen.

Die Wandlung Stauffenbergs aus einem begeisterten Hitler-Anhänger zum Hitler-Attentäter hätte einen interessanten Filmstoff abgegeben. Aber ein solcher Film hätte nicht den makellosen Helden gezeigt, den uns Tom Cruise präsentiert. Er hätte einen wesentlich vielschichtigeren Charakter darstellen und Fragen aufwerfen müssen, denen "Operation Walküre" gezielt ausweicht - Fragen nach den politischen Zielen des Widerstands, nach seiner sozialen Zusammensetzung, nach seiner Beziehung zu anderen gesellschaftlichen Schichten, nach dem Zustand der deutschen Gesellschaft, usw.

Der Stauffenberg-Film tut nichts dergleichen. Er verengt den Blick auf den kleinen, militärisch-aristokratischen Widerstandszirkel, dem sich Stauffenberg angeschlossen hatte. Und selbst dieser wirkt, trotz teilweise hervorragender Besetzung der Rollen, schematisch und flach. Um den Stern Stauffenbergs heller leuchten zu lassen, werden die anderen Protagonisten als Zauderer, Memmen oder Opportunisten dargestellt, als kraftlose ältere Herren, die lautstark über ihre Pläne streiten und bürokratisch penibel Ausweise für die Verschwörer ausstellen - eine absurde Vorstellung angesichts des engmaschigen Überwachungsnetzes der Nazis.

Über den Hintergrund dieser Männer erfährt der Zuschauer noch weniger als über den Hintergrund Stauffenbergs. Dabei waren sie größtenteils entschiedene Gegner von Gleichheit und Demokratie. Stauffenberg hatte sie schwören lassen, "die Gleichheitslüge" zu verachten und sich "den naturgegebenen Rängen" zu beugen. Die meisten hatten Hitler unterstützt, als er mit der Arbeiterbewegung aufräumte und Deutschland aufrüstete, um die "Schande" des Versailler Vertrags auszumerzen. Sie entschlossen sich erst zum Widerstand, als sie merkten, dass der Krieg verloren war und seine Fortsetzung in die totale Kapitulation führen würde.

Zivilisten und gewöhnliche Leute kommen in dem Film nur als Statisten vor. Die einzigen Ausnahmen sind Stauffenbergs adelige Frau Nina und Carl Friedrich Goerdeler, ein erzkonservativer, deutschnationaler Politiker, der von den Verschwörern als zukünftiger Reichskanzler vorgesehen ist.

Auch hier dominiert das Klischee: Nina ist ganz hübsche, liebende Gattin, begleitet von vier süßen Kindern, und Stauffenberg der sorgende Vater, alle eingebettet in Luxus und Harmonie. Es handelt sich eher um eine idealisierte amerikanische Musterfamilie als um eine deutsche Offiziersfamilie mitten im Krieg.

Goerdeler steht für "den Politiker" schlechthin und bildet als solcher ein Störfaktor. Der Sturz der Nazi-Diktatur stellt sich nicht als politisches, sondern als rein militärisches und sprengstofftechnisches Problem. Das ist das eigentliche Credo des Films. Parallelen zur zeitgenössischen Ideologie des "Kriegs gegen den Terror", die gesellschaftlich und politisch motivierte Konflikte als rein militärische definiert und entsprechend "löst", sind nicht zu unübersehen.

Ein Verschwörer verkündet: "Es gibt kein Problem, das sich nicht durch den sorgfältigen Einsatz von Sprengstoff lösen ließe." Stauffenberg selbst beharrt: "Dies ist keine politische, sondern eine militärische Operation." Er drängt darauf, dass sich keine Zivilisten in die Aufstandspläne einmischen. Die Kontrolle soll in den Händen der Offiziere bleiben, der "wesentlichen Träger des Staates und der eigentlichen Verkörperung der Nation".

In dieser Darstellung steckt ein wahrer Kern, doch der Film verhält sich völlig unkritisch dazu und geht sogar über die Realität hinaus. In Wirklichkeit pflegten die Verschwörer um Stauffenberg politische Kontakte, die bis ins Lager der SPD und der Gewerkschaften hinein reichten. So war der Sozialdemokrat Julius Leber als Innenminister ihrer Regierung vorgesehen.

Einen Volkaufstand gegen die Nazis strebten die Verschwörer allerdings nicht an. Das verboten ihre politischen Ansichten und ihre gesellschaftliche Stellung. Ein solcher Aufstand hätte sich nicht nur gegen den "Führer" und seine engsten Gefolgsleute gerichtet, sondern auch gegen Hitlers Hintermänner in der Wirtschaft und in den militärisch-aristokratischen Kreisen, aus denen sie selbst stammten. Daher planten sie den Aufstand als militärische Verschwörung, in der politische und gesellschaftliche Faktoren lediglich eine untergeordnete Rolle spielten. Daraus erklären sich die dilettantische Ausführung und das Scheitern der Verschwörung, die im Film zwar dargestellt, aber nicht plausibel erklärt werden.

Tatsächlich gab es 1944 in Deutschland eine weit verbreitete Ablehnung des Nazi-Regimes Zwölf Jahre zuvor hatten bei den letzten halbwegs freien Wahlen Millionen Arbeiter für die Sozialdemokraten und Kommunisten gestimmt. Viele von ihnen waren damals bereit, den Nazis mit der Waffe in der Hand entgegenzutreten. Doch das Versagen der SPD- und KPD-Führer hatte sie daran gehindert, und der anschließende Terror der Nazis unterband jeden organisierten Widerstand. Die Mehrheit dieser kommunistischen und sozialdemokratischen Arbeiter schloss sich den Nazis nie an. Die lebten mit geballter Faust in der Tasche und hätten sich jedem ernsthaften Aufstand angeschlossen. Hinzu kamen breite Schichten, die von den Niederlagen und Entbehrungen des Krieges enttäuscht waren und sein Ende herbeisehnten.

Davon spürt man in "Operation Walküre" nichts. Der Film präsentiert Stauffenberg als heroischen Einzelkämpfer, von dessen Tatkraft, Geschicklichkeit und Entschlossenheit das Schicksal Deutschlands abhängt. Seine Spannung bezieht der Film ausschließlich aus dem unmittelbaren Tathergang. Hier versteht Regisseur Bryan Singer ("X-Men", "Superman Returns") sein Handwerk. Durch Regie, Kameraführung, Schnitt und dramatische Musik wird der Zuschauer in Atem gehalten. Für ein historisches Verständnis des Widerstands vom 20. Juli reicht das nicht aus.