Obamas Truppenaufbau in Afghanistan bereitet neue Kriege vor

Von Keith Jones
25. Februar 2009

Der US-Imperialismus ist dabei, den Krieg in Afghanistan auszuweiten und zu intensivieren. Er erhöht die Zahl der Soldaten in Afghanistan enorm und dehnt den Krieg ins benachbarte Pakistan aus.

Der Truppenaufbau ("Surge") der Obama-Regierung in Afghanistan und die zwangsläufige Verschärfung der Gewaltspirale wird katastrophale Folgen für die afghanische und die pakistanische Bevölkerung haben. Er verleiht der Jahrzehnte alten geopolitischen Rivalität zwischen Indien und Pakistan eine zusätzliche explosive Dynamik. Gleichzeitig wird er die Rivalität der Großmächte um die Kontrolle über das ölreiche Zentralasien verschärfen. Damit werden die Grundlagen für noch größere und zerstörerische Kriege gelegt.

Präsident Barack Obama gab letzte Woche die Entsendung weiterer 17.000 amerikanischer Soldaten nach Afghanistan bekannt. Die amerikanische Truppenstärke wird dadurch um fast 40 Prozent erhöht. Auf Druck Washingtons hat die afghanische Regierung begonnen, Stammesgruppen zu bewaffnen. Damit kopiert sie die vom Pentagon im Irak angewandte Taktik.

Seit August haben die USA 38 Raketenangriffe auf pakistanisches Territorium verübt. Die beiden jüngsten Angriffe fanden nur Tage nach dem Besuch von Obamas Sonderbotschafter für Afghanistan und Pakistan, Richard Holbrooke, in Islamabad statt. Der New York Times vom Samstag zufolge bedeuten die beiden letzten Luftschläge eine Änderung der amerikanischen Politik, die Washington noch tiefer in die innerpakistanische Politik verwickelt. Zum ersten Mal haben die USA islamistische Milizen aufs Korn genommen, die nichts mit den Kämpfen in Afghanistan zu tun haben.

Die Times legte auch offen, dass amerikanische Sondereinheiten verdeckte Landoperationen in Pakistan durchführen, und dass seit vergangenem Sommer 70 amerikanische Ausbilder pakistanische Soldaten und Fallschirmspringer in der Guerilla-Bekämpfung ausbilden.

Inzwischen lautet ein Standardargument der Obama-Regierung und geopolitischer Think Tanks, dass die Vernichtung der "Rückzugsgebiete" der Taliban in Pakistan eine entscheidende Voraussetzung für den Sieg über die Aufständischen in Afghanistan sei. Und dafür sei nötig, dass Islamabad "mehr tut".

Unter dem Druck Washingtons führt das pakistanische Militär seit Jahren offensive Operationen in den traditionell autonomen Zentral Verwalteten Stammesgebieten (FATA) durch, beschießt Dörfer, lässt angebliche Gegner der amerikanischen Besetzung Afghanistans "verschwinden" und verhängt im Stile einer Kolonialmacht Kollektivstrafen gegen "nicht kooperationswillige" Stämme. In den letzten sechs Monaten wurden diese militärischen Operationen noch verschärft.

Anfang des Monats gab das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen bekannt, dass die Kämpfe im Norden Pakistans 450.000 Menschen zu Flüchtlingen gemacht hätten, und äußerte die Befürchtung, innerhalb weniger Wochen könnten es 600.000 werden. Holbrooke selbst sagte im öffentlichen Fernsehen PBS, er habe auf seinen Flügen über die FATA "platt gemachte Dörfer" gesehen.

Aber Washington übt starken Druck auf seine pakistanischen Verbündeten aus, noch rücksichtsloser vorzugehen, selbst wenn das den Zorn der Bevölkerung gegen die Regierung weiter anheizt und das Militär zu spalten droht, das einen erheblichen Teil seines Personals bei den Paschtunen rekrutiert. Die Paschtunen haben in Afghanistan am meisten unter der amerikanischen Besetzung gelitten, wie auch in Pakistan unter der Kampagne der Regierung, die ihre Autorität in den FATA wieder herstellen will.

Die New York Times und andere liberale Anhänger der Obama-Regierung sehen den Krieg in Afghanistan im Unterschied zum Irakkrieg (den die Times dessen ungeachtet enthusiastisch unterstützte) quasi als "guten Krieg" an. Tatsächlich unterscheiden sich die beiden Kriege überhaupt nicht. Beide wurden vom Zaun gebrochen, um in Regionen, die über riesige Ölreserven verfügen, die amerikanische Hegemonie herzustellen. Die Kriege sollen die globale Vorherrschaft der USA sichern, obwohl die amerikanische Wirtschaftsmacht schon stark angeschlagen ist.

Das afghanische und das pakistanische Volk haben jetzt schon einen hohen Preis für die räuberischen Ambitionen Washingtons und der Wall Street bezahlt. Die Rolle des pakistanischen Militärs als Werkzeug der geopolitischen Strategie der USA geht bis auf die frühen 1950er Jahre zurück. Im Gegenzug war Washington die stärkste Stütze für eine ganze Reihe rechter Militärdiktaturen und hat auch das Regime von George W. Bushs "Freund" und "unverzichtbarem Verbündeten im Kampf gegen den Terror", General Pervez Musharraf, unterstützt.

Die gegenwärtige Intervention der USA in Afghanistan ist der Höhepunkt von drei Jahrzehnten von Intrigen und Subversion. Zuerst bewaffneten die USA islamische Guerillas, um die pro-sowjetische Regierung in Kabul zu destabilisieren und die Sowjetunion in einen katastrophalen Bodenkrieg zu verwickeln. Später besetzten sie im Namen des Kampfs gegen "islamistischen Terror" Afghanistan und installierten ein korruptes und gewalttätiges Marionettenregime.

Die Verschärfung des Kriegs in Afghanistan wird nur die ganze Region weiter destabilisieren. Pakistan ist gegenüber Washingtons "globaler strategischer Partnerschaft" mit Indien äußerst misstrauisch. Um Indien zu einem Gegengewicht zur aufsteigenden Macht China aufzubauen, wollte die Bush-Regierung Indien zum Status einer "Weltmacht" verhelfen. In diesem Sinne bot sie Neu-Delhi einen zivilen Nuklearvertrag an, der praktisch das Embargo gegen Indien für den Handel mit Atomtechnologie beendete. Das ermöglichte es Indien, sein eigenes Atomprogramm auf die Entwicklung seiner Atomwaffentechnologie zu konzentrieren.

Islamabad beschuldigt Indien, mit dem Segen Washingtons seinen Einfluss in Afghanistan seit 2001 stark ausgebaut zu haben. Indien hat tatsächlich die afghanische Regierung von Hamid Karzai großzügig unterstützt, und indische Strategen betrachten laut einem kürzlichen Bericht des Nachrichtenmagazins India Today Afghanistan als "strategisch wichtigen Punkt für Indien... Sie glauben, dass Afghanistan, für den Fall, dass Islamabad nicht diplomatisch unter Kontrolle gehalten werden kann, sich als nützliches Sprungbrett für militärische Maßnahmen an der afghanisch-pakistanischen Grenze erweisen könnte."

Indien neidet Pakistan seine Schlüsselposition für den Krieg in Afghanistan. Mehr als 80 Prozent des Nachschubs für die US-Truppen in Afghanistan werden durch Pakistan transportiert. Indien befürchtet, die Konzentration der Obama-Regierung auf den Krieg in Afghanistan könnte dazu führen, dass deren Beziehungen zu Indien im Vergleich mit denen der Bush-Regierung geringer bewertet werden könnten.

Nach den Terroranschlägen von Mumbai vergangenen November bezeichnete Indien Pakistan als Zentrum des weltweiten Terrorismus. Ein entscheidender Grund für diese kriegerische, anti-pakistanische Haltung Indiens war sein Wunsch, Washington davon abzuhalten, sich bei der Lösung des Kaschmir-Konflikts stärker zwischen Indien und Pakistan einzuschalten. Im Präsidentschaftswahlkampf hatten Obama und mehrere seiner Berater gesagt, die USA sollten die Kaschmir-Frage aufgreifen. Wenn man Islamabad helfe, Indien in dieser Frage Konzessionen abzuringen, dann wäre das ein Ausgleich für die pakistanische Unterstützung Washingtons im Afghanistankrieg.

Die chauvinistische, hinduistische Rechte Indiens und Teile des militärischen Establishments beschweren sich, dass die USA zwar Militärschläge in Pakistan ausführen und Israel freie Hand für Angriffe auf Gaza geben, gleichzeitig aber von Indien verlangen, nicht gegen kaschmirische Aufständische in Pakistan vorzugehen. "Vergessen wir nicht", sagte der ehemalige indische Außenminister Jawant Singh dem Magazin Outlook, " dass die Amerikaner in der Klemme sitzen. Sie haben die Region destabilisiert und versuchen, noch was für sich rauszuholen."

Nicht weniger provokativ wird sich die stärkere Intervention der USA auf die allgemeine geostrategische Lage in Eurasien auswirken. Russland und China sehen eine Begrenzung amerikanischen Einflusses in Zentralasien als entscheidend für ihre langfristigen militärischen und ökonomischen Interessen.

China fürchtet eine Einkreisung durch die USA, wenn Washington Indien zu seinem bisherigen Verbündetenkreis entlang der Pazifikküste hinzufügt, in dem Japan die wichtigste Rolle spielt. Außerdem betrachtet China Zentralasien als wichtigen Baustein für die Lösung seiner Energieprobleme. Russland sieht Zentralasien als sein traditionelles Einflussgebiet. Außerdem würde es Russlands Ziel, seine eigenen riesigen Energiereserven als geopolitischen Hebel zu nutzen, entgegenkommen, wenn der Zugang der USA zu den Energievorkommen der Region eingeschränkt würde.

Russland war besonders hinsichtlich Afghanistan sehr aktiv. Zum Schrecken und zur Enttäuschung Washingtons gab Kirgisien kürzlich bekannt, dass die USA den Luftwaffenstützpunkt Manus innerhalb von sechs Monaten räumen müssen. Die Bekanntgabe erfolgte, kurz nachdem Moskau ein umfangreiches Hilfspaket für Kirgisien zugesagt hatte.

Russland hat angeboten, einige nichtmilitärische Versorgungsgüter für die USA und die Nato über sein Territorium nach Afghanistan transportieren zu lassen. Aber es ist offensichtlich seine Absicht, Transportrouten gegen amerikanische Zugeständnisse einzutauschen, z.B. in der Frage der Stationierung von antiballistischen Raketen in Osteuropa. Russland hat jüngst die Aufstellung einer schnellen Eingreiftruppe der Kollektiven Sicherheitsvertragsorganisation angekündigt, die unter seiner Führung steht. Damit stellt sich Russland direkt der Ausweitung der Nato-Einflusssphäre nach Zentralasien entgegen. Die schnelle Eingreiftruppe soll dem Terrorismus und anderen Bedrohungen der "Stabilität" im Kaukasus und in Zentralasien entgegen wirken.

Washington ist auf der verzweifelten Suche nach zusätzlichen Versorgungswegen nach Afghanistan, weil die Aufständischen in Pakistan sehr effektiv den Nachschubweg durch die Stammesgebiete im Nordwesten Pakistans und über den Khyber-Pass stören. Der Truppenaufbau in Afghanistan wird eine beträchtliche Erhöhung der Lieferungen von Waffen, Treibstoff und Nahrungsmitteln erforderlich machen.

Der Iran wird die Stärkung der amerikanischen Präsenz in Afghanistan als zusätzliche Bedrohung sehen, aber auch als potentielle Chance, zu einem Modus vivendi mit Washington zu gelangen. (Indien hat kürzlich eine Straßenverbindung von Kabul zur iranischen Grenze fertig gestellt, wodurch sich die Möglichkeit eines alternativen Versorgungsweges für die USA und die Nato auftut.)

Die explosiven geopolitischen Spannungen, die von den USA mit ihrem Vorstoß nach Zentralasien angeheizt werden, zeigten sich in aller Schärfe im August letzten Jahres, als der russisch-georgische Krieg ausbrach.

Die globale Depression wird den Kampf der Großmächte um Märkte, Rohstoffe und geopolitische Vorteile nur noch weiter verschärfen. Schon greifen Regierungen in Wirtschaftsfragen zur so genannten Beggar-thy-neighbor -Politik oder zum Sankt-Florians-Prinzip, in andern Worten einer Wirtschaftspolitik auf Kosten der Nachbarländer.

Der Krieg kann durch Appelle an die eine oder andere reaktionäre bürgerlich-nationale Clique oder die Vereinten Nationen nicht verhindert werden. Letztere fungieren lediglich als Clearing-Stelle für den Kuhhandel der rivalisierenden kapitalistischen Nationalstaaten. Im Fall von Afghanistan haben die UN der amerikanischen Besatzung sogar ihr Gütesiegel verliehen.

Der Kampf gegen Krieg erfordert die Mobilisierung der internationalen Arbeiterklasse als unabhängige politische Kraft im Kampf gegen den Kapitalismus und das veraltete Nationalstaatensystem, in dem er historisch verwurzelt ist.

Siehe auch:
Obamas neues Team für die Außenpolitik bereitet noch mehr Blutvergießen in Afghanistan und Pakistan vor
(31. Januar 2009)
Angriffe von Aufständischen auf Nato-Versorgungsrouten beleuchten Dilemma des US-Militärs in Afghanistan
( 16. Dezember 2008)