Eröffnungsbericht von Nick Beams auf der SEP Sommerschule

Der Wirtschaftszusammenbruch von 2008 und seine revolutionäre Bedeutung

Teil 1

Von Nick Beams
27. Februar 2009

Nachfolgend bringen wir den 1. Teil des Eröffnungsberichts von Nick Beams auf der Sommerschule der SEP im Januar 2009 in Sydney. Beams ist Nationaler Sekretär der Socialist Equality Party (Australien) und Mitglied der Internationalen Redaktion der WSWS. Die Teile 2,3 und 4 werden wir in den nächsten Tagen veröffentlichen.

Ich möchte meinen Bericht damit beginnen, euch aufzufordern, sein Thema zu beachten: Der Zusammenbruch von 2008 und seine revolutionäre Bedeutung.

Das Wort "revolutionär" ist nicht einfach so als rhetorische Phrase dahingesagt. Es soll die Aufmerksamkeit auf die historische Bedeutung der globalen Wirtschaftskrise und auf die neuen Aufgaben lenken, die sich für unsere Partei dadurch ergeben.

In den Medien wird oft auf die Große Depression der 1930er Jahre verwiesen und es unterliegt keinem Zweifel, dass wir es momentan mit der schwersten Wirtschaftskrise seit damals zu tun haben. Aber wenn man historische Parallelen ziehen will, dann sollte der Bezugspunkt nach meiner Meinung 1914 sein und nicht 1929.

1914 ist die kapitalistische Weltordnung zusammengebrochen. Das nahm die Form eines Krieges an, aber dem Ausbruch des militärischen Konflikts zwischen den europäischen Mächten lag der Zusammenbruch der ökonomischen Grundlagen zugrunde, auf denen die vorherige relative Stabilität beruht hatte.

Der kapitalistische Zusammenbruch von 1914 mündete in eine Epoche revolutionärer Kämpfe, obwohl das unmittelbar keineswegs offensichtlich war. Als Lenin 1915 die objektiven Bestandteile einer revolutionären Situation untersuchte, war sein Name erst wenigen Menschen bekannt. Gegen den Verrat der Sozialdemokraten, die sich hinter ihre jeweils eigene herrschende Klasse gestellt hatten, betonte Lenin, dass der Krieg die sozialistische Revolution auf die historische Tagesordnung gestellt hatte.

Der Zusammenbruch des Kapitalismus ist nicht einfach eine Wirtschaftskrise. Er bedeutet den Beginn einer neuen Epoche, in der das Schicksal der Gesellschaft für die nächsten Jahrzehnte entschieden wird. Wir sind jetzt in eine solche Periode eingetreten. Das Jahr 1914 signalisierte den ersten großen Zusammenbruch der kapitalistischen Ordnung. Das Jahr 2008 markiert den zweiten.

Das Jahr 2009 hat mit einer drastischen Demonstration der politischen Konsequenzen dieses Zusammenbruchs begonnen. Der israelische Angriff auf Gaza war nicht nur ein weiterer Schritt in der mehr als 60-jährigen Unterdrückung des palästinensischen Volkes, er war ein Hinweis auf den Charakter der internationalen Beziehungen und Politik der kommenden Periode.

Der zionistische Staat wird nicht zuletzt von den explosiven Widersprüchen der israelischen Gesellschaft selbst vorwärts getrieben, die mit der globalen Wirtschaftskrise einen neuen Schub erfahren haben. Dass man sich während des Angriffs auf Gaza an die schlimmsten Verbrechen der 1930er und 1940er Jahre erinnert fühlte - an Guernica und die Liquidierung des Warschauer Ghettos - ist das sicherste Anzeichen für den Charakter der historischen Epoche, in die wir jetzt eingetreten sind.

Die Reaktion der so genannten Demokratien auf den Angriff erinnert sehr an ihre Haltung in den 1930er Jahren zu dem Angriff des faschistischen Regimes n Italien auf Abessinien.

Seit dem vollen Ausbruch der globalen Finanzkrise im August und September ist klar geworden, dass die kapitalistische Weltwirtschaft nicht nur mit riesigen Verlusten und einer tiefen Rezession konfrontiert ist, sondern mit einem Zusammenbruch der Kapitalakkumulation.

In seinem Abschiedsinterview in der Financial Times sagte US-Finanzminister Henry Paulson, dass er seit August dreimal den Zusammenbruch des globalen Finanzsystems befürchtet habe. Die Gefahr ist nicht vorüber. Der Gouverneur der spanischen Zentralbank Miguel Angel Fernandez Ordonez warnte am 21. Dezember in einem Zeitungsinterview, dass der Welt ein totaler Zusammenbruch des Finanzsystems drohe, wie die Welt ihn seit der Großen Depression nicht mehr gesehen habe.

"Der Inter-Banken-Handel funktioniert nicht und dies setzt einen Teufelskreis in Gang: Die Konsumenten konsumieren nicht, Unternehmen stellen nicht ein, Investoren investieren nicht und die Banken verleihen nicht. Wir sehen eine beinahe totale Paralyse, der niemand entkommt."

Die neuesten Nachrichten besagen, dass die Bank of Amerika mehr Geld von der Regierung braucht, um die Übernahme von Merril Lynch zu finanzieren, andernfalls sie sich zurückziehen könnte mit der Folge neuer Finanzzusammenbrüche.

Alle Wirtschafts- und Finanznachrichten weisen in eine Richtung: die Vertiefung der globalen Krise. Bis jetzt haben sich die finanziellen Verluste in den USA im Häusermarkt auf vier Billionen Dollar und am Aktienmarkt auf neun Billionen Dollar aufgehäuft.

Die Washington Post berichtete am 3. Januar, dass die Staatsverschuldung der USA sich allein in diesem Jahr vermutlich um zwei Billionen Dollar erhöhen werde. Das wirft die Frage auf, wie lange ausländische Investoren, die einen großen Teil dieser Schuldtitel halten, noch bereit sind, weiter Mittel zur Verfügung zu stellen. Im Moment gibt es weitweit eine große Nachfrage nach US-Schatzbriefen, was selbst ein Ausdruck der Furcht ist, die die Weltfinanzmärkte ergriffen hat. Aber wie lange diese Nachfrage anhält, weiß niemand. Ein Analyst wird in dem Bericht mit den Worten zitiert: "Irgendwo tickt eine Zeitbombe, aber wir wissen nicht genau, auf welches Datum sie eingestellt ist."

Jüngsten Zahlen zufolge halten ausländische Investoren ungefähr drei Billionen Dollar der gesamten 10,7 Billionen Dollar der US- Staatsschulden. Wenn ein signifikanter Teil dieses Kapitals abgezogen würde, dann würde das zu einem Finanzzusammenbruch führen.

Die Rezession dauert nach den Angaben des Amtes für nationale Wirtschaftsstatistik in den USA jetzt seit Dezember 2007 an - das ist länger als der Durchschnitt in der Nachkriegszeit. Wenn sie noch bis April dauert, dann ist sie die längste überhaupt in der Nachkriegszeit. Die Zahl der verlorenen Arbeitsplätze erreichte im Dezember 2,6 Millionen. Damit war es das Jahr mit der höchsten Zahl verlorener Arbeitsplätze seit 1945. Den stärksten Anstieg der Arbeitslosigkeit gab es in den letzten vier Monaten: 403.000 im September, 320.000 im Oktober, 533.000 im November und 524.000 im Dezember.

Daten aus der Industrie der USA und aus aller Welt weisen auf eine sich beschleunigende Rezession hin. In den USA berichtete das Institut für Lagerhaltung, dass sein Index für Dezember auf 32,4 Punkte gefallen sei, im Vergleich zu dem tiefsten Stand von 30,3 im Juni 1980. Der Auftragseingang fällt seit dreizehn Monaten ununterbrochen und hat inzwischen den tiefsten Stand seit dem Beginn der Erhebung dieser Daten im Jahre 1948 erreicht.

Ein in Europa viel beachteter Index fiel im Dezember 33,9 Punkte, von 35,6 Punkten im Monat vorher. Ein Stand von unter 50 Punkten ist das Zeichen für ein Schrumpfen der Wirtschaft. In Asien sieht die Lage nicht anders aus. Japan und Korea schrumpfen beide deutlich. Toyota, die Messlatte für die Autoindustrie, wird zum ersten mal in der Geschichte einen Verlust ausweisen. China, das noch vor wenigen Monaten das Abgleiten in eine globale Rezession verhindern sollte, erlabt den schärfsten Abschwung seit der so genannten "Marktöffnung" vor 30 Jahren. Die Industrieproduktion ist den dritten Monat hintereinander geschrumpft und das chinesische Wachstum ist möglicherweise auf 5,5 Prozent gesunken. 8 bis 9 Prozent Wachstum werden als notwendig erachtet, um soziale Stabilität zu gewährleisten.

Der jüngste Bericht von JP Morgan Global Research beginnt mit den Worten: "Wir befinden uns mitten in einem tiefen globalen Schrumpfungsprozess, der vermutlich den schärfsten Vier-Quartale-Rückgang des BIP in der Nachkriegsära bringen wird." Es wird geschätzt, dass das durchschnittliche Wachstum in den G-8 um fünf Prozent geringer ausfallen wird.

Indem Versuch sich selbst angesichts dieser bedrückenden Situation etwas aufzuheitern ging die Financial Times mit einem Leitartikel ins neue Jahr, der den Titel Trug "Aus den reichen Lehren von 1989 lernen".

"In einem Jahrzehnt, das durch so düstere Dinge wie islamischen Terrorismus, Erderwärmung und Finanzkrise beherrscht ist, ist es schwierig, sich die unbeschwerten Tage von 1989 vorzustellen, als der Kommunismus in Europa zusammenbrach und die Welt vor einer strahlenden Zukunft zu stehen schien.

‘Gesegnet war, wer in dieser Zeit des Aufbruchs leben durfte’, schrieb Wordsworth über die Französische Revolution. Seine Gedanken teilten Millionen, die vor zwanzig Jahren an der Zerstörung der Berliner Mauer, dem Sturz der sowjetischen Herrschaft in Osteuropa und der folgenden Auflösung der Sowjetunion beteiligt waren."

Allerdings musste der Leitartikel eingestehen: "Schon bald machte die Freude der Ernüchterung Platz, als wirtschaftliche Umstrukturierungen das Leben der Menschen ins Chaos stürzten." Trotzdem gebe die Zerstörung der Sowjetunion immer noch Grund zu feiern und sollte uns für die vor uns liegende Zeit inspirieren, fuhr der Leitartikel fort.

"Zwanzig Jahre sind mehr, als nur ein passender Jahrestag. Für das ex-kommunistische Osteuropa, das von der Wirtschaftskrise hart getroffen wird, ist es das Ende einer Ära. Die Ostausdehnung der westlichen Allianz hat erst einmal ihre Grenzen erreicht, Russland wird sich, notfalls mit Gewalt jedem weiteren Vordringen widersetzen. Aber die Regierungen sind mit dem wirtschaftlichen Chaos beschäftigt. Während sie um einen Weg in die Zukunft kämpfen, müssen sie versuchen, das Erbe von 1989 bis 2009 zu erhalten. Ja, die Zeiten waren oft hart, aber gab es nicht fast überall einen unübersehbaren Geist des Fortschritts? Hoffen wir, dass dieser Geist in den schwierigen Jahren vor uns nicht verloren geht."

Die Tatsache, dass die FT ihren Lesern für die vor ihnen liegenden stürmischen Zeiten nicht mehr bieten kann, als das "Erbe von 1989" ist ein Zeichen für den Mangel an Zuversicht und Perspektive, um nicht zu sagen beträchtlicher Nervosität, mit der die Bourgeoisie in diese globale Krise geht. Und das mit gutem Grund. Denn die Weltwirtschaftskrise hat nicht nur eine breite Schneise in die ausgefeilten ökonomischen Strukturen geschlagen, die in den letzten beiden Jahrzehnten aufgebaut wurden, sie hat auch das Dogma des freien Marktes zerschmettert, das die ideologische Grundlage von Regierungen in aller Welt war.

Das wirkliche Erbe von 1989 liegt nicht da, wo die FT es sucht. Es liegt vielmehr in der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise selbst. Das Ende der Ordnung des Kalten Kriegs verschaffte dem globalen Kapitalismus zwar eine kurze Atempause, aber langfristig setzte es alle ihm innewohnenden Widersprüche frei.

Der Wirtschaftskommentator der FT, Martin Wolf, ließ in seiner ersten Kolumne des Jahres am 7. Januar einen etwas anderen Zungenschlag erkennen.

"Willkommen 2009. Dies ist das Jahr, in dem das Schicksal der Weltwirtschaft entschieden wird, vielleicht für Generationen. Einige hoffen, dass wir zum global ungleichgewichtigen Wirtschaftswachstum der mittleren Jahre dieses Jahrzehnts zurückkehren können. Sie liegen falsch. Wir stehen lediglich vor der Wahl, womit wir es ersetzen können. Die Wahl ist entweder eine besser ausbalancierte Weltwirtschaft oder ihre Auflösung. Die Wahl kann nicht verschoben werden. Sie muss dieses Jahr getroffen werden.

Wir befinden uns in den Klauen der ernstesten globalen Finanzkrise seit sieben Jahrzehnten. Die Folge ist, dass der Welt kreditwürdige, potente, bereitwillige private Kreditnehmer ausgehen. Die Alternative, die Abhängigkeit von riesigen amerikanischen Haushaltsdefiziten und einer ungeheuren Lockerung der Geldpolitik der Zentralbank kann nur zeitweilig sein - wenn sie auch unvermeidlich ist. Aber daraus wird sich kein neuer dauerhafter Aufschwung ergeben. Grundlegende Veränderungen sind notwendig."

Mit anderen Worten, das Problem des Weltkapitalismus ist nicht, dass er phantastische Verluste erlitten hat, sondern dass seine gesamte Akkumulationsweise zusammengebrochen ist. Wolfs Forderung nach einer "besser ausbalancierten Weltwirtschaft" kann allerdings nicht erfüllt werden. Das wirkliche Ungleichgewicht ist nicht zwischen so genannten Defizitländern und Überschussländern wie China. Es geht um mehr. Das Ungleichgewicht steckt mitten im Herzen des Wirtschaftssystems: es besteht zwischen der ungeheuren Akkumulation von fiktivem Kapital in der ganzen globalen kapitalistischen Wirtschaft und dem verfügbaren Mehrwert, der ihm eine ausreichende Profitrate ermöglicht. Dieses Ungleichgewicht kann nur durch die Vernichtung riesiger Kapitalmengen beseitigt werden, was die Arbeiterklasse in allen Teilen der Welt ins Elend stürzen wird - von den USA über Europa, bis China und Indien und bis zu den übrigen "aufstrebenden" Wirtschaften.

Kürzlich warnte der Chef von JP Morgan Chase, Jamie Dimon, in einer Diskussion mit der Financial Times nicht nur vor weiteren vor uns liegenden Problemen, sondern er wies auch auf die weiterreichenden Folgen des Zusammenbruchs hin. "Wenn wir auf die Exzesse in der Finanzwirtschaft auf den Gebieten wie dem Highly Leveraged Lending und der Securitization zurückblicken, dann ist klar, dass einige dieser Märkte nicht zurückkehren werden", sagte er. Aber gerade diese Märkte spielten bei der Expansion der amerikanischen und der Weltwirtschaft in den letzten zwanzig Jahren so eine wichtige Rolle.

Während sich die Leitartikler der FT angesichts dieser Situation an das doch ziemlich heruntergekommene Erbe von 1989 klammern, sind die Ereignisse der letzten zwei Jahrzehnte eine machtvolle Bestätigung der Analyse des Internationalen Komitees der Vierten Internationale. Unsere Bewegung, und nur unsere Bewegung erklärte, dass der Zusammenbruch der stalinistischen Regimes dem Kapitalismus keine neuen Wege eröffnete, sondern nur die erste Äußerung einer historischen Krise der gesamten kapitalistischen Weltordnung sei.

Ich werde darauf später noch etwas detaillierter eingehen. Lasst mich an dieser Stelle unterstreichen, dass die Ereignisse des letzten Jahres die Kraft der marxistischen Methode unterstreichen.

Vor einem Jahr diskutierten wir im Januar 2008 in Sydney ein Dokument von David North mit dem Titel " Anmerkungen zur politischen und ökonomischen Krise des kapitalistischen Weltsystems und die Perspektiven und Aufgaben der Socialist Equality Party", das wir am 11. Januar 2008 auf der World Socialist Web Site veröffentlicht haben.

Das Dokument begann: "Das Jahr 2008 wird von einer bedeutenden Verschärfung der ökonomischen und politischen Krise des kapitalistischen Weltsystems geprägt sein. Die Unruhe auf den Weltfinanzmärkten ist nicht bloß Ausdruck eines konjunkturellen Abschwungs, sie zeigt vielmehr eine tiefgreifende Störung des Systems an, die bereits die internationale Politik destabilisiert.... Sechzehn Jahre nach der Auflösung der Sowjetunion, ein Ereignis, das angeblich den endgültigen und unwiderruflichen Triumph des globalen Kapitalismus signalisierte, herrscht in der Weltwirtschaft Chaos. Das Platzen der Immobilienmarkt-Blase in den Vereinigten Staaten, die durch unkontrollierte spekulative Investitionen in Hypotheken mit mangelhafter Kreditwürdigkeit rasend schnell angewachsen war, hat bei internationalen Banken und anderen Finanzinstituten zu weltweiten Verlusten von Hunderten Milliarden Dollar geführt.... Das Ergebnis ist eine internationale Finanzkrise, die, in den Worten eines Analysten, die Lebensfähigkeit und Legitimität des anglo-amerikanischen kapitalistischen Systems in Frage stellt."

In meinem Bericht auf diesem Treffen erklärte ich, dass die Finanzkrise in den USA und das Wirtschaftswachstum in China und anderen weniger entwickelten Ländern keine getrennten Dinge, sondern verschiedene Aspekte des gleichen Prozesses seien.

"Das schnelle Wachstum Chinas (und anderer Länder) wäre nicht ohne die massive Zunahme der Verschuldung in den USA möglich gewesen. Aber dieses Schuldenwachstum, das die US-Wirtschaft und die weltweite Nachfrage am Laufen gehalten hat, hat jetzt in die Krise geführt."

Natürlich könnte man argumentieren, dass die Finanzkrise vor einem Jahr schon ausgebrochen war und es deshalb nicht so schwierig war, solche Schlussfolgerungen zu ziehen. Lasst uns also weiter zurückgehen.

In einem Bericht auf einem Treffen am 5. Juni 2000 sagte ich Folgendes zu der Bedeutung der Zunahme von fiktivem Kapital.

"Den Priestern der christlichen Religion zufolge verlässt die Seele den Körper und steigt in den Himmel auf. Die Hohenpriester des Marktes lehren eine ähnliche Doktrin, wenn sie behaupten, dass Geld sich vom Produktionsprozess lösen kann und in einen Finanzhimmel gelangt, wo Geld endlos Geld erschafft.

Kann das Kapital seinen Traum vom Geld, das sich ohne Ende in mehr Geld verwandelt, wahr machen? Oder sind diesem Prozess Grenzen gesetzt? Die Aktienwerte können steigen, und Profite können mit dem Handel von Aktien erzielt werden, solange weiteres Kapital auf den Markt gelangt. Mit anderen Worten: Gewinne und Profite können nach der Art eines Pyramidenschemas oder Kettenbriefes akkumuliert werden.

Während das fiktive Kapital kontinuierlich in die Höhe steigt und dabei das produktive Kapital immer kleiner erscheinen lässt, kann es seinen Ursprüngen nicht entkommen. An einem bestimmten Punkt wird es mit der Tatsache konfrontiert, dass es nur ein Anspruch auf Mehrwert ist und dieser Mehrwert tatsächlich aus der Arbeiterklasse herausgeholt werden muss.... Folgerichtig nimmt die Struktur des globalen Kapitals zunehmend die Form einer umgedrehten Pyramide an, da die Masse des fiktiven Kapitals, die ihren Anteil am Mehrwert beansprucht, sprunghaft steigt im Verhältnis zum produktiven Kapital, das diese Forderungen letztlich erfüllen muss."

Dann wies ich in dem Bericht auf die Finanzkrise hin, die acht Jahre später ausbrechen sollte: "Diese umgekehrte Pyramidenstruktur des globalen Kapitalismus ist die Quelle seiner extremen Instabilität. Hunderte Milliarden Dollar an Kapital drängen durch die Weltmärkte auf der Suche nach Profit, um ihre Profitrate aufrecht zu erhalten.

Wenn die Preise für Vermögenstitel - Aktien, Anleihen, Immobilien etc. - steigen, strömt das Kapital in diese und versucht Profit zu machen, indem billig gekauft und teuer verkauft wird. Das Eisen wird geschmiedet, solange es heiß ist. Aber wenn der Markt zu stocken beginnt, wird offensichtlich, dass die Kapitalwerte gewaltig aufgeblasen waren. Der Andrang Richtung Ausgang nimmt die Form einer Massenpanik an und über Nacht werden Kapitalwerte zerstört - nicht nur fiktives Kapital, sondern ebenso produktives Kapital."

Fortsetzung folgt

Siehe auch:
Weltwirtschaftsforum in Davos von Trübsinn
(3. Februar 2009)
Ratlosigkeit und Spaltung beherrscht
( 13. Januar 2009)