Eröffnungsbericht von Nick Beams auf der SEP Sommerschule

Der Wirtschaftszusammenbruch von 2008 und seine revolutionäre Bedeutung

Teil 2

Von Nick Beams
28. Februar 2009

Nachfolgend bringen wir den 2. Teil des Eröffnungsberichts von Nick Beams auf der Sommerschule der SEP im Januar 2009 in Sydney. Beams ist Nationaler Sekretär der Socialist Equality Party (Australien) und Mitglied der Internationalen Redaktion der WSWS. Der 1. Teil wurde gestern veröffentlicht. Die Teile 3 und 4 werden wir in den nächsten Tagen veröffentlichen.

Ich habe anfangs darauf hingewiesen, dass die wirkliche Bedeutung der globalen Finanzkrise nur verstanden werden kann, wenn sie in ihren historischen Kontext gestellt wird. Mit anderen Worten, wir müssen die Logik des wirtschaftlichen und historischen Prozesses offen legen, aus der sie entstanden ist.

Wie geht man nun an diese Aufgabe heran? Man muss dafür die Methode der historischen Analyse von Karl Marx anwenden. Ich bin sicher, dass einige von euch schon oft die Passagen aus dem Vorwort zur Kritik der Politischen Ökonomie gehört oder gelesen haben, in denen Marx diese Methode des historischen Materialismus skizziert. Aber es lohnt sich, sie noch einmal zu wiederholen.

"In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewusstseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozess überhaupt. Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt. Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein."

In der kapitalistischen Produktionsweise nimmt der Widerspruch zwischen dem Wachstum der Produktivkräfte und den Produktionsverhältnissen zwei miteinander zusammenhängende Formen an.

Erstens ist da der Konflikt zwischen der globalen Entwicklung der Produktivkräfte - der inhärenten Tendenz des Kapitals Grenzen, Barrieren, Zeitzonen, Länder und Kontinente zu überwinden - und dem Nationalstaatensystem, in dem die politische Macht und die Eigentumsformen der herrschenden Kapitalistenklasse historisch verankert sind. D.h. es gibt einen Konflikt zwischen dem globalen Charakter der Produktivkräfte, wie sie sich unter dem Kapitalismus entwickeln, und der Aufteilung der Welt in rivalisierende Nationalstaaten.

Zweitens gibt es den Widerspruch zwischen dem Anwachsen der Produktivkräfte, der sich in steigender Arbeitsproduktivität ausdrückt - der eigentlichen Grundlage des Fortschritts der Zivilisation selbst - und den gesellschaftliche Produktionsverhältnissen auf der Grundlage der Lohnarbeit. Dieser Widerspruch äußert sich in dem tendenziellen Fall der Profitrate, den Marx vom historischen Standpunkt aus als das wichtigste Gesetz der politischen Ökonomie bezeichnete.

Unsere Aufgabe ist es, die historische Entwicklung dieser Widersprüche aufzudecken. Dafür ist die Methode äußerst wichtig, die Trotzki in seinem berühmten Bericht für den dritten Kongress der Kommunistischen Internationale im Juni 1921 anwandte und in seinem Artikel Die Kurve der kapitalistischen Entwicklung und in anderen Artikeln und Reden in der ersten Hälfte der 1920er Jahre ausarbeitete.

Trotzkis großer Beitrag zur historisch-materialistischen Methode bestand darin, zwei Seiten der kapitalistischen Entwicklung zu unterscheiden. Die erste war der Konjunkturzyklus - das Auf und Ab der Wirtschaftsaktivität -, der den Kapitalismus von seiner Geburt bis zu seinem Tod begleitet. Die zweite sind die längerfristigen Kurven der Entwicklung, die sich über viele Jahre, ja, Jahrzehnte erstrecken und klar unterschiedene Phasen der Entwicklung des kapitalistischen Systems markieren.

Mitte der 1920er Jahre konnte man rückblickend solche Phasen deutlich unterscheiden. Die Periode bis 1848 war von relativ langsamem Wachstum geprägt, das in der Wirtschaftskrise von 1847-48 endete. Diese ging den revolutionären Massenerhebungen von 1848 voraus.

Während diese revolutionären Kämpfe in einer Niederlage für die aufstrebende Arbeiterklasse endeten, beseitigten sie aber doch die restlichen feudalen Hindernisse für die Entwicklung des Kapitalismus in Westeuropa. Es setzte eine Periode machtvoller kapitalistischer Entwicklung ein: Es wurden Eisenbahnen gebaut, die den Rahmen für den kapitalistischen Markt enorm erweiterten; Großbritannien wurde zur Werkbank der Welt; die Schifffahrt erlebte einen großen Aufschwung, und der Weltmarkt dehnte sich aus. Dieser Aufschwung der Kurve der kapitalistischen Entwicklung dauerte 25 Jahre.

Nach der Finanzkrise von 1873 setzte eine neue Periode ein. Die Krise ebbte zwar schließlich zurück, aber die Bedingungen des viktorianischen Booms kehrten nicht wieder. Die nächsten beiden Jahrzehnte gingen in die Wirtschaftsgeschichte als die Große Depression des 19. Jahrhunderts ein. Sie waren vor allem von fallenden Preisen und Profitraten gekennzeichnet. Es war durchaus keine Periode der Stagnation. Im Gegenteil, der Druck auf die Profitraten war die treibende Kraft für bedeutende Veränderungen in der Stufenleiter und dem Umfang der kapitalistischen Produktion - besonders in der Vereinigten Staaten - und neuen Managementmethoden, die dort entwickelt wurden, und für das Wachstum der Industrie in Deutschland.

Auch die Struktur der Weltwirtschaft veränderte sich stark. In den letzten 25 Jahren des 19. Jahrhunderts war das Rennen um die Kolonien in vollem Gange, und die europäischen Mächte suchten sich Märkte, Bodenschätze und andere Rohstoffe zu sichern. Größere Entwicklungen gab es auch im Finanzwesen mit dem Aufkommen internationaler Kredite und anderer Finanzierungsformen. Manchmal wird diese Periode auch als die erste Welle der Globalisierung bezeichnet.

Die Große Depression dauerte bis Mitte der 1890er Jahre, woraufhin die kapitalistische Kurve wieder nach oben ging. Die Profite begannen zu steigen, die Märkte dehnten sich aus und die Bourgeoisie ging mit Selbstbewusstsein in das neue Jahrhundert. Die neuen Bedingungen fanden ihren Ausdruck bekanntermaßen in den revisionistischen Theorien Eduard Bernsteins in der Führung der zweiten Internationale. Bernstein kam damals zu der Auffassung, dass Marxens Zusammenbruchstheorie durch die Ereignisse widerlegt sei. Die Partei müsse jetzt ihre revolutionäre Perspektive aufgeben.

Aber anstatt eine stabile Basis für die bürgerliche Herrschaft zu bieten, wie ihre Vertreter sich das Anfang des 20. Jahrhunderts vorgestellt hatten, legten die enormen Veränderungen in der Struktur des Weltkapitalismus die Basis für revolutionäre Erschütterungen. Der junge russische Marxist Leo Trotzki war einer der ersten, der ihre Bedeutung erklärte. Seine Analyse dieser Transformation bildete die Grundlage für seine Theorie der Permanenten Revolution, die er 1905 ausarbeitete.

"Indem der Kapitalismus allen Ländern seine Wirtschafts- und Verkehrsweise aufdrängt, hat er die ganze Welt in einen einzigen ökonomischen und politischen Organismus verwandelt. Wie der moderne Kredit Tausende von Unternehmern durch ein unsichtbares Band verknüpft und dem Kapital eine erstaunliche Beweglichkeit verleiht, viele kleine Privatbankrotts verhindert, damit aber zugleich die allgemeinen Wirtschaftskrisen zu unerhörten Ausmaßen steigert - so hat auch die ganze ökonomische und politische Arbeit des Kapitalismus, sein Welthandel, sein System monströser Staatsschulden sowie die politischen Gruppierungen von Nationen, die alle Kräfte der Reaktion in eine Art weltweite Aktiengesellschaft einbeziehen, nicht nur allen einzelnen politischen Krisen entgegengewirkt, sondern auch den Boden für eine soziale Krise von unerhörten Ausmaßen bereitet." Leo Trotzki: Ergebnisse und Perspektiven,, Die Permanente Revolution, Frankfurt 1971, S. 111f)

Die Krise von "bisher ungekannten Ausmaßen" brach im August 1914 mit dem Beginn des ersten Weltkriegs aus. In seinem Buch Der Krieg und die Internationale erklärte Trotzki, dass der Krieg im tiefsten Sinn eine Revolte der Produktivkräfte gegen die nationalstaatliche Struktur des Weltkapitalismus sei.

Die Entwicklung der Weltwirtschaft stellte die Notwendigkeit einer neuen politischen Struktur auf die Tagesordnung. Aber die bürgerlichen Regierungen versuchten "nicht auf der Grundlage einer vernünftig organisierten Zusammenarbeit der gesamten produzierenden Menschheit... diese Aufgabe des Imperialismus zu lösen, sondern auf der Grundlage der Ausbeutung der Weltwirtschaft durch die kapitalistische Klasse des siegreichen Landes, das durch diesen Krieg aus einer Großmacht zu einer Weltmacht werden soll."

Dieser Krieg kündete von dem Bankrott des Nationalstaats, aber auch der kapitalistischen Wirtschaftsform. Es war der umfassendste Zusammenbruch eines Wirtschaftssystems in der Geschichte, das an seinen eigenen inneren Widersprüchen gescheitert war.

"Unter diesen Umständen", schloss Trotzki, "hat die Arbeiterklasse, das Proletariat, kein Interesse, das überlebte und überholte "Vaterland" zu verteidigen, "das zum hauptsächlichsten Hemmnis für die ökonomische Entwicklung geworden ist... Der imperialistischen Ratlosigkeit des Kapitalismus kann das Proletariat als praktisches Tagesprogramm nur die sozialistische Organisation der Weltwirtschaft entgegenstellen.

Das Proletariat ist gezwungen, dem Kriege als Lösungsmethode für die unlösbaren Widersprüche des Kapitalismus auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung seine Methode entgegenzustellen - die Methode der sozialen Revolution."

In seiner Arbeit zu den Perspektiven Anfang der 1920er Jahre kam Trotzki auf die Beziehung zwischen dem Krieg und der Kurve der kapitalistischen Entwicklung zurück. Der Ausbruch des Kriegs signalisierte das Ende des Aufschwungs, der Mitte der 1890er Jahre begonnen hatte. Allerdings beendete nicht der Krieg den Aufschwung, sondern das Ende des Aufschwungs endete im Krieg.

So erklärte Trotzki diese Beziehung auf einem Treffen im Dezember 1922.:

"Im technologischen Sinn entwickelte sich Europa mit ungeheurer Geschwindigkeit und Macht von 1893 bis 1913, es wurde während der 20 Jahre vor dem imperialistischen Krieg sozusagen wirtschaftlich reich. Mit Beginn des Jahres 1913 - und dies können wir positiv ausdrücken - kam die Entwicklung des Kapitalismus ein Jahr vor Ausbruch des Krieges mit seinen Produktivkräften zum Stillstand, weil die Produktivkräfte an die Grenzen stießen, die ihnen das kapitalistische Eigentum und die kapitalistische Form der Aneignung gesetzt hatten. Der Markt war aufgeteilt, der Wettbewerb erreichte seine höchste Steigerungsform und von da ab versuchten die kapitalistischen Länder einander vom Markt nur mit mechanischen Mitteln zu vertreiben.

Es ist nicht der Krieg, der die Produktivkräfte in Europa zum Erliegen brachte, sondern vielmehr entstand der Krieg selbst aus der Unmöglichkeit, die Produktivkräfte in Europa unter kapitalistischen Bedingungen weiter zu entwickeln." (Aus dem Englischen: Trotsky, The First Five Years of the Comintern, Volume 2, New Park, p. 306)

Die wirtschaftliche Entwicklung Europas in den 1920ern bestätigte Trotzkis Analyse. Das Ende des Kriegs brachte keine Rückkehr der Vorkriegsbedingungen. In ganz Europa kämpfte die Industrie darum, das Produktionsniveau der Vorkriegszeit wieder zu erreichen. Das gelang erst 1925-26. Und nach drei Jahren Wachstum geriet die deutsche Wirtschaft, die größte Europas, 1928-29 wieder in die Rezession.

In den Vereinigten Staaten war die Situation noch ziemlich anders. Nach einer schweren Rezession 1920-21 erlebte die amerikanische Wirtschaft eine sprunghafte Entwicklung der Produktivität, wie es sie seitdem wohl nicht mehr gegeben hat. Von 1919 bis 1929 stieg der Ausstoß bei gleichbleibender Beschäftigtenzahl um mehr als 60 Prozent. Ende der 1920er Jahre trug die amerikanische Industrie etwas mehr als 40 Prozent zur Weltproduktion bei: Mit nur sechs Prozent der Bevölkerung produzierten die USA 57 Prozent der Maschinen weltweit. In den 1920er Jahren verdoppelte sich der Stromverbrauch der amerikanischen Industrie, während sich der Verbrauch der privaten Haushalte verdreifachte.

Im Unterschied dazu lag die europäische Industrieproduktion 1920 um 23 Prozent unter dem Niveau von 1913 und 1923 immer noch um 18 Prozent darunter.

Angesichts dieser Situation hätte es auf den ersten Blick scheinen können, als ob die Perspektive, mit der die Bolschewiki im Oktober 1917 den Kampf um die Macht aufnahmen - die Perspektive der sozialistischen Weltrevolution -, widerlegt worden sei. Während Europa stagnierte, dehnte sich der amerikanische Kapitalismus weiter aus.

Aber das Problem bei dieser Einschätzung war, dass sie die Weltwirtschaft ignorierte, oder, um es vielleicht etwas genauer zu sagen, insoweit sie die Weltwirtschaft berücksichtigte, tat sie das nicht als "eine machtvolle unabhängige Realität", um Trotzkis Formulierung zu benutzen, sondern als eine Summe einzelner nationaler Teile. (Dieser Fehler wurde übrigens letztes Jahr wiederholt, als unzählige Stimmen unter Berufung auf die "Entkopplungstheorie" die Hoffnung verbreiteten, die übrige Welt könne den Auswirkungen der globalen Finanzkrise entkommen, die in den Vereinigten Staaten ausgebrochen war).

Von einem globalen Standpunkt - dem einzig richtigen - betrachtet, ergab sich ein ganz anderes Bild.

Sicher sah der amerikanische Kapitalismus in den 1920er Jahren wesentlich stärker und stabiler aus als der europäische. Außerdem entwickelte er sich auf Kosten des europäischen. Aber der amerikanische Kapitalismus war sich nicht länger selbst genug. Er hatte die globale Vorherrschaft auf der Basis seines enormen Binnenmarktes errungen. Er war auch nicht von den Beschränkungen gehemmt, die das europäische Nationalstaatensystem charakterisierten.

Aber diese Periode war jetzt zu Ende gegangen. Der amerikanische Kapitalismus war vom Weltmarkt abhängig geworden. Diese Tatsache hatte schließlich seiner Intervention in den Ersten Weltkrieg zugrundegelegen. Dafür war die traditionelle Doktrin der Vereinigten Staaten aufgegeben worden, der sie seit ihrer Gründung gefolgt waren, nämlich, sich in keinen Krieg in Europa hineinziehen zu lassen.

Das war auch der Grund, warum die amerikanischen Banken und Finanzbehörden, sich so intensiv an der Erarbeitung des Dawes-Plan beteiligten, der den deutschen Kapitalismus wieder auf die Füße stellen sollte. Deutschland wurde als Investitionsziel für das amerikanische Kapital gebraucht. Ganz sicher brauchte Europa Amerika, aber Amerika war noch mehr von Europa abhängig.

Wird fortgesetzt.

Siehe auch:
Weltwirtschaftsforum in Davos von Trübsinn
(3. Februar 2009)
Ratlosigkeit und Spaltung beherrscht
( 13. Januar 2009)