Papst nimmt Holocaust-Leugner wieder in die Kirche auf

Von Stefan Steinberg
5. Februar 2009

Kontroversen um Papst Benedikt XVI. sind nichts Neues. Seit er 2005 das Amt des Papstes übernahm, gab er entsprechend seiner persönlichen reaktionären Glaubensauslegung immer wieder Stellungnahmen ab und verkündete Beschlüsse, die sowohl bei anderen Glaubensgemeinschaften als auch bei liberaleren Elementen innerhalb der katholischen Kirche Proteststürme auslösten.

Seine jüngste Entscheidung, die Exkommunikation von vier ultrakonservativen Bischöfen wieder aufzuheben, hat einen wahren Schock ausgelöst; einige Kritiker forderten den Rücktritt des Papstes. Einer der vier Bischöfe, der Brite Richard Williamson, hat den Holocaust wiederholt geleugnet.

Die vier Bischöfe sind Mitglieder der traditionalistischen St.-Pius- Gesellschaft (SPPX), die 1970 von dem französischen Erzbischof Marcel Lefebvre (im Gedenken an Papst Pius X.) gegründet worden war. Lefebvre war wegen seiner ultrakonservativen Ansichten und seiner scharfen Opposition gegen die Entscheidungen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-65) berüchtigt. Mit diesem Konzil sollte die Kirche reformiert und an moderne politische und ideologische Anforderungen angepasst werden. Mit der Gründung der SPPX versuchte Lefebvre die Ergebnisse des Konzils zu unterminieren. Die vier jetzt von Benedikt XVI. erneut eingesetzten Bischöfe wurden 1988 von Johannes Paul II. exkommuniziert, nachdem sie von Lefebvre ohne Genehmigung des Vatikans ordiniert worden waren.

Die Wiederzulassung der SPPX, die vermutlich ein paar hunderttausend Mitglieder auf der ganzen Welt zählt (ein winziger prozentualer Anteil an der gesamten Mitgliedschaft der katholischen Kirche), war am Amtssitz des Papstes von langer Hand vorbereitet worden. Der derzeitige Generalbevollmächtigte der SPPX, Bischof Bernard Fellay, begrüßte in einer Stellungnahme die Wahl Kardinal Joseph Ratzingers zum Papst und im August 2006 trafen sich die beiden, um Pläne für die Wiederzulassung der Bruderschaft zu diskutieren.

Der Sturm der Entrüstung über die Wiederaufnahme der SPPX-Bruderschaft richtete sich vor allem gegen die Person Richard Williamsons, der dem schwedischen Fernsehen vor Kurzem ein Interview gegeben hatte, in dem er die Existenz der Gaskammern der Nazis leugnete. Er behauptete dann auch noch, es seien nur 300.000 Juden und nicht sechs Millionen in den Konzentrationslagern der Nazis umgekommen.

Ratzinger wurde nicht nur kritisiert, weil er einen notorischen Antisemiten wieder in die Kirche aufgenommen hatte, sondern auch wegen des Zeitpunkts dieser Entscheidung - drei Tage vor den traditionellen Feierlichkeiten zum Gedächtnis der Shoa und am Vorabend des 50. Jahrestages der Einberufung des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Nach einer Flut von Protesten jüdischer Organisationen, europäischer Politiker und von Kirchenvertretern, einschließlich einiger deutscher Bischöfe, gab Ratzinger letzte Woche eine Stellungnahme ab und distanzierte sich von den Äußerungen Williamsons, hielt jedoch an seinem Beschluss zur Wiederaufnahme der SPPX fest.

Obwohl viele jüdische Führer gewarnt hatten, dass die Rehabilitierung eines Holocaust-Leugners durch den Papst die Beziehungen des Vatikans zu den Juden beschädigen werde, hat die israelische Regierung die Frage heruntergespielt. Der Sprecher des israelischen Außenministeriums Yigal Plamor sagte gegenüber Associated Press, dass dies "keine Angelegenheit (sei) die zwischenstaatliche Beziehungen betrifft", und dass die Auseinandersetzung die geplante Reise des Papstes nach Israel nicht berühre.

Tatsächlich hat sich inzwischen gezeigt, dass Williamson nicht der einzige "faule Apfel" in der SPPX ist. In einem Interview mit der italienischen Zeitung Corriere della Sera leugnete auch der Führer der Bruderschaft in Norditalien, Floriano Abrahamovic den Massenmord der Nationalsozialisten an den Juden. Abrahamovic erklärte, die Gaskammern der Nationalsozialisten seien zu Desinfektionszwecken errichtet worden und er wolle nicht darüber spekulieren, ob es darin Todesfälle gegeben habe. Die Zahl von sechs Millionen Opfern in den Lagern hat nach Abrahamovic "symbolischen" Charakter und von Massenmord zu reden sei "übertrieben".

Angesichts der ideologischen und politischen Bilanz der kurzen Regierungszeit Papst Benedikts XVI. überrascht seine jüngste Entscheidung keineswegs. Seit Ratzinger 2005 das Amt des Papstes übernahm, hat er die katholische Kirche auf einen rechten Kurs getrimmt und alte Vorurteile und Konflikte mit anderen Bekenntnissen, insbesondere dem Islam und dem Judentum, wieder angefacht.

Kurz nach seiner Inthronisierung hat Ratzinger deutlich gemacht, dass er die Mitgliedschaft der Türkei in der Europäischen Union ablehnt. Damals wie heute hat die Türkei eine islamische Regierung. Er befürwortete auch den Bezug auf Gott in der europäischen Verfassung, was Europa als christliches Gebilde identifiziert hätte. In mehreren Reden hat Ratzinger wiederholt die "Einzigartigkeit" des Katholizismus betont.

Weiter hat Ratzinger im September 2006 - nur einen Tag nach dem fünften Jahrestag der Terrorangriffe vom 11. September - in einer Vorlesung an der Universität Regensburg abwertende Stellen aus byzantinischen Quellen über den Propheten Mohamed zitiert und damit einen schweren öffentlichen Affront gegen den Islam begangen. Nach weltweiten Protesten äußerte der Papst sein Bedauern über "die Reaktionen auf ein paar Passagen in meiner Rede"- ähnlich entschuldigte er sich vergangene Woche -, und weigerte sich, seine Aussagen zurückzunehmen oder sie zu spezifizieren.

Ein Jahr später setzte Ratzinger seine Offensive gegen die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils fort, als er die Trienter Messe erneut institutionalisierte. Sie wird von einem Priester, der der versammelten Gemeinde den Rücken zukehrt, in Latein gehalten. Einer der Hauptgründe für die Reform der Messe durch das Vatikanische Konzil in den 1960er Jahren war jedoch, dass sie bis dahin ein Gebet beinhaltete, dass die heidnischen Juden "aus der Dunkelheit zum Katholizismus" bekehren sollte.

Im März 2008 setzte Ratzinger nach der Wiederbelebung der Trienter Messe noch eins drauf und nahm, was sehr ungewöhnlich war, persönlich die Taufe eines ehemaligen Muslims, des aus Ägypten stammenden italienischen Journalisten Magdi Allam, vor. Dieser hatte wiederholt gegen den Islam polemisiert. In einer seiner Veröffentlichungen erklärte Allam: "Im Islam, der von Natur aus gewalttätig und historisch konfliktträchtig ist, ist der Teufel tief verwurzelt."

Ratzinger hat auch deutlich gemacht, dass er bestrebt ist, die Heiligsprechung von Papst Pius XII. zu beschleunigen, der während des Krieges auf infame Weise mit den faschistischen Regimes in Italien und Deutschland zusammenarbeitete und zahlreiche Appelle aus seiner Kirche ignorierte, einzuschreiten und die Vernichtung des europäischen Judentums zu verhindern.

Während er die katholische Kirche allen möglichen Gegnern des Judentums und des Islam öffnete, hat er immer eingegriffen, wenn es darum ging, seine Kirche von potentiell linken Elementen zu säubern - so wie bei dem aus Brasilien stammenden Befreiungstheologen Leonardo Boff.

In den Medien wurde viel über die Motive und die "Taktlosigkeit" des Papstes bei der Wiedereingliederung der SPPX-Bruderschaft und des antisemitischen Bischofs in die Kirche diskutiert. Wir sollen glauben, Joseph Ratzinger sei eine weltfremde Person, die vor ihrer Bestallung als Benedikt XVI. über Jahre hinweg als Vorsitzender der päpstlichen Glaubenskongregation eine rein klerikale und akademische Existenz geführt habe - dabei handelt es sich übrigens um die unmittelbare Nachfolgeorganisation der Heiligen Inquisition. Jetzt sei dieser naive Mensch von seiner Umgebung schlecht beraten worden und habe daher eine unkluge Entscheidung getroffen.

Diese Interpretation verlangt selbst dem Leichtgläubigen zuviel ab. Obwohl er über lange Jahre in der Kongregation tätig war, ist Ratzinger fest in der realen Welt verwurzelt. In seiner Jugend und vor Kriegsende war Ratzinger kurzzeitig in Hitlers Jugendbewegung und ist voll und ganz mit den Konsequenzen der Verbrechen des Nationalsozialismus vertraut.

Auch ist die rechtsgerichtete und antisemitische Orientierung der SPPX-Bruderschaft kein Geheimnis. Vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil klagte SPPX-Gründer Lefebvre das jüdische Volk wegen "Gottesmordes" an. Und noch 1985- drei Jahre vor seiner Exkommunikation - schrieb Lefebvre einen Brief an Papst Johannes Paul II, in dem er den moralischen Niedergang der Kirche beklagte, die durch den Einfluss von "Juden, Kommunisten und Freimaurern" geschwächt sei. Bis zum heutigen Tag pflegt die SPPX enge Beziehungen zu ultrarechten politischen Gruppierungen in Frankreich.

Der Standpunkt, dass Ratzinger von politisch unfähigen und weltfremden Novizen umgeben ist, hält keiner Überprüfung stand. Nach einem Zeitungsbericht hat " die Verwaltung des Vatikan für ein an weltlichen Gütern desinteressiertes Land seine finanziellen Angelegenheiten erstaunlich gut gemanagt." Vergangenes Jahr, als die ersten düsteren Wolken am Finanzhorizont aufzogen, habe der Vatikan die zur Rettung seiner beträchtlichen finanziellen Investitionen angemessenen Schritte unternommen. Im letzten September war in einem Bericht zu erfahren, dass die vom Heiligen Stuhl bestellten Ökonomen Monate vor den derzeitigen Bankenturbulenzen ihre Vermögenswerte aus ausländischen Instituten abgezogen und in Gold und Ländereien investiert hatten.

Der Vatikan besitzt riesige Reichtümer und betreibt eine eigene Bank - das 1942 gegründete Institut für Religiöse Werke (IOR), dessen geschätztes Vermögen zwischen einer und zehn Milliarden US-Dollar liegt. Im Vertrauen auf ein relativ sicheres eigenes Vermögen kann der Papst gut für neue "ethische Grundsätze" in der Finanzwelt plädieren.

Schon immer war der Vatikan ein Zentrum politischer Intrigen. Sein derzeitiger Geschäftsführer weiß ganz genau, dass der weltweite wirtschaftliche Absturz politische Erschütterungen nach sich ziehen wird. Wie schon in der Vergangenheit unheilvoll praktiziert, schließen die Wächter der katholischen Kirche ihre Reihen und machen sich mit zutiefst reaktionären politischen Kräften gemein.

Siehe auch:
Ratzingers Kreuzzug
(22. September 2006)

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