Conti/Schaeffler: Belegschaft soll für Spekulationsverluste bezahlen

Von Michael Regens
13. Februar 2009

Die Entwicklung bei den Autozulieferern Schaeffler und Continental zeigt, wie Politik und Wirtschaft auf die internationale Wirtschaftskrise reagieren: Die Belegschaften haben die Last der Krise zu tragen, während das Vermögen der Besitzer mit staatlichen Mitteln gerettet wird.

Das fränkische Familienunternehmen Schaeffler hatte im letzten Jahr den dreimal größeren Reifenhersteller und Autozulieferer Continental in einer feindlichen Übernahme geschluckt. Es war "der größte Firmenkauf in Europa in diesem Jahr" (Wiener Zeitung). Ziel der beiden Eigentümer Maria-Elisabeth Schaeffler und Sohn Georg war es, unter ihrer Führung den weltweit zweitgrößten Autozulieferer hinter dem Weltmarktführer Bosch (Umsatz 26,3 Mrd. Euro) zu schaffen.

Doch die Familie verspekulierte sich. Sie hatte sich insgesamt 16 Milliarden Euro geliehen, um den Coup zu finanzieren. Den beteiligten Banken - Commerzbank, Dresdner Bank, Hypo-Vereinsbank, Royal Bank of Scotland, Landesbank Baden-Württemberg und UBS - dienten die erworbenen Aktien von Continental als Sicherheit. Doch der Wert dieser Aktien brach drastisch ein, als sich der Absatzrückgang in der Autobranche auf die Zulieferindustrie auswirkte. Hatte Schaeffler pro Conti-Aktie noch 75 Euro bezahlt, so liegt der heutige Wert des Papiers nur noch bei 15 Euro.

Schaffler hat zudem weit mehr Conti-Aktien gekauft, als ursprünglich geplant. Da sich wegen der Absatzkrise viele Investoren aus der Autoindustrie zurückzogen, erhielt Schaeffler bis zum Ablauf der Übernahmefrist rund 90 Prozent der Aktien, statt wie geplant 50. 49,9 Prozent davon gingen direkt in den Privatbesitz der Familie Schaeffler über, während die restlichen Aktien bei zwei privaten Banken deponiert wurden.

Eine im August 2008 unter Schirmherrschaft von Ex-Kanzler Schröder (SPD) und Niedersachsen Ministerpräsident Wulff (CDU) vereinbarte Investorenvereinbarung, die den Übernahmekampf zwischen Schaffler und Conti beendete, hatte festgelegt, dass Schaeffler für vier Jahre nicht mehr als 49,9% der Aktien besitzen darf. Nachdem am 14. November aus Brüssel grünes Licht für die Übernahme gekommen war, schloss Schaeffler am 8. Januar 2009 die Übernahme ab.

Die durch die Übernahme entstandenen Schulden lasten nun auf Schaeffler. Sie summieren sich auf 22 Milliarden Euro. Um die Aktionäre zu bezahlen, musste das Unternehmen mehr als 10 Milliarden der von den Banken geliehenen 16 Milliarden in Anspruch nehmen. Außerdem ist Continental mit Sitz in Hannover wegen der Übernahe der Siemens-Tochter VDO im Jahr 2007 zusätzlich mit rund 11 Milliarden Euro verschuldet.

Die Belegschaft von Schaeffler und Conti soll nun doppelt bluten: Zum einen soll sie die Lasten des Produktionseinbruchs in der Autoindustrie und zum anderen die Kosten der milliardenschweren Verschuldung tragen.

Anfang Februar hat Schaeffler begonnen, 20.000 der 31.000 in Deutschland Beschäftigten in die Kurzarbeit zu schicken. Betroffen sind fast alle deutschen Standorte. Der Konzern beantragte die Kurzarbeit für ein halbes Jahr. Ihr Umfang beträgt im Durchschnitt rund 20 Prozent, was einem Arbeitstag pro Woche entspricht. Bevor die Arbeiter jedoch in Kurzarbeit gehen, sollen sie möglichst ihre Urlaub- und Zeitkonten aufbrauchen. Allein am Unternehmenssitz in Herzogenaurach arbeiten inzwischen 6.600 Beschäftigte in Kurzarbeit, in den FAG-Werken in Schweinfurt und dem nahe gelegenen Eltmann etwa 5.000.

Vor zwei Tagen wurde dann bekannt, dass Schaeffler die Löhne einfrieren will. Statt zum 1. Mai soll eine mit den Gewerkschaften vereinbarte Tariferhöhung erst zum 1. Dezember 2009 in Kraft treten.

Und schließlich werden die Zerschlagung des Unternehmens und der Verkauf seiner profitablen Teile vorbereitet. Experten schätzen, dass dadurch 80.000 der weltweit 230.000 Arbeitsplätze bei Schaeffler und Continental in Gefahr sind.

Ende Januar 2009 beantragte der Schaeffler-Konzern Staatshilfen von bis zu vier Milliarden Euro. Diese Hilfen sind mit weiteren Angriffen auf die Belegschaft verbunden und dienen in erster Linie dazu, das Privatvermögen der Milliardärsfamilie Schaeffler retten.

Über die Gewährung der Staatshilfen gab es innerhalb der Großen Koalition Streit. Bundeskanzlerin Angela Merkel und andere Politiker kritisierten, es sei bisher kein "ausreichendes Unternehmenskonzept" vorgelegt worden. Inzwischen ist aus Regierungskreisen aber zu vernehmen, dass selbst wenn ein passender Investor gefunden werde, kaum ein Weg an staatlichen Hilfen vorbei führe. Hauptbedingung der Regierung ist dabei, dass ein "tragfähiges Konzept für die Zukunft" vorgelegt wird.

Mit einem "tragfähigen Konzept" ist gemeint, dass das Unternehmen auf Kosten der Belegschaft saniert wird. Kurzarbeit, Sparmaßnahmen, Lohnsenkungen und Entlassungen sollen dafür sorgen, dass die Banken ihre Gelder zurückbekommen und das Milliarden-Vermögen der Schaeffler-Familie erhalten bleibt.

Das Unternehmen selbst hat sich inzwischen bereit erklärt, in den kommenden ein bis zwei Wochen ein solches Konzept vorzulegen. Es soll in Zusammenarbeit mit den Banken erarbeitet werden. Da Schaeffler unter enormen öffentlichen Druck steht, werden die Familie und die Bundesregierung versuchen, das "Konzept" der Bevölkerung scheibchenweise zu verkaufen. Um die Empörung der Belegschaft zu mildern, hat die Familie Schaeffler ein Lippenbekenntnis abgegeben, sie werde sich von einem Teil ihres Vermögens trennen.

Die Gewerkschaften und Betriebsräte unterstützen die Forderung nach Staatshilfe, auch wenn sie wissen, welche Bedingungen daran geknüpft sind. Ein Sprecher der Industriegewerkschaft Bergbau Chemie Energie beharrte wie die Regierung darauf, "dass die Schaeffler-Gruppe ein tragfähiges Unternehmenskonzept vorlegen muss". Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende von Schaeffler, Norbert Lenhard, sagte den Nürnberger Nachrichten, er befürworte das Ersuchen Schaefflers um Staatshilfen.

Die Familie Schaeffler und ihre Vergangenheit

Schaeffler gehört zu den großen deutschen Unternehmen, die sich noch ganz in Familienbesitz befinden. Vor der Übernahme von Continental beschäftigte es weltweit 66.000 Mitarbeiter, davon 31.000 in Deutschland. Das Unternehmen gehört zwei Personen, Maria-Elisabeth Schaeffler und ihrem Sohn Georg. Deren gemeinsames Netto-Privatvermögen wird auf 4,85 bis 5,37 Milliarden Euro geschätzt, womit Frau Schaeffler in der Liste der reichsten Deutschen auf Platz 22. steht.

Frau Schaeffler pflegt freundschaftliche Beziehungen zu hohen Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft. Zu ihrem Netzwerk gehören Unternehmerpersönlichkeiten wie VW-Miteigentümer Ferdinand Piëch, Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, Ex-Siemens-Chef Heinrich von Pierer und Bayerns Ex-Ministerpräsident Günther Beckstein.

Ähnlich wie bei anderen deutschen Milliardärsfamilien (Quandt, Flick) gehen auch die Wurzeln des Schaeffler-Vermögens auf die Verbrechen der Nazi-Ära zurück. Nach offiziellen Angaben beginnt die Firmengeschichte der Familie Schaeffler zwar erst nach dem Zweiten Weltkrieg im Jahre 1946. Doch das ist nachweislich falsch.

Die Brüder Schaeffler hatten sich bereits kurz nach Kriegsbeginn in Oberschlesien eine Fabrik angeeignet, die bis zur Machtübernahme der Nazis im Besitz eines jüdischen Fabrikanten war. Wilhelm Schaeffler, damals tätig für die Dresdner Bank im Bereich "Wirtschaftlichkeitsprüfung", war 1939 im Zuge seiner beruflichen Tätigkeit auf den unter der Aufsicht eines Bankenkonsortiums stehenden Betrieb aufmerksam geworden und hatte seine Übernahme in die Wege geleitet.

Der nach der Arisierung kurzerhand in "Schaeffler AG" umbenannte Betrieb produzierte während des Krieges Textilien, unter anderem für die Wehrmacht. Später produzierte der Betrieb so genannte Nadellager für die Rüstungsindustrie. Aus einer Publikation des staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau geht hervor, dass die Firma auch an der industriellen Verwertung von Menschenhaar von ermordeten Juden beteiligt war.

Als 1944 die Rote Armee anrückte, flüchteten Georg Schaeffler und sein Bruder mit Teilen der Maschinen, Rohstoffe und mehreren hundert Mitarbeitern nach Herzogenaurach, dem heutigen Sitz des Unternehmens. Ab 1946 begannen sie, mit ihrem Know-How und ihren Maschinen zuerst für die Amerikaner und später für die deutsche Autoindustrie zu produzieren. Maria-Elisabeth Schaeffler erbte das Unternehmen 1996, nachdem ihr Mann Georg gestorben war.