Einsturz des Kölner Stadtarchivs

Wer ist dafür verantwortlich?

Von Sybille Fuchs
6. März 2009

Am Dienstag, dem 3. März gegen 14 Uhr brach in wenigen Sekunden der sechsstöckige Bau des Kölner Stadtarchivs in sich zusammen und versank in einem riesigen Hohlraum im Erdboden. Einige benachbarte Gebäude wurden ebenfalls in die Tiefe gerissen. Noch immer ist nicht ganz sicher, ob und wie viele Menschen dabei zu Tode kamen oder verschüttet wurden. Beschäftigte und Besucher des Archivs konnten sich rechtzeitig in Sicherheit bringen.

Bisher werden noch zwei Bewohner eines angrenzenden Hauses vermisst. Es hätten aber auch sehr viel mehr sein können. Die Kölner Severinstraße, an der das Gebäude stand, ist eine sehr lebhafte Innenstadtstraße mit zahlreichen Geschäften. Unmittelbar gegenüber liegen ein Altenheim und ein Gymnasium. Im Umkreis von 150 Metern wurden alle Anwohner evakuiert. Die Anwohner sind geschockt und voller Angst, dass es zu weiteren Einstürzen kommen könnte.

Noch vor wenigen Tagen zog durch die Straße der Kölner Karnevalszug, dem Tausende Menschen zujubelten. Wäre der Einsturz an diesem Tag passiert, hätte es ungleich viel mehr Opfer gegeben. Sollten sich unter den Trümmern noch Überlebende befinden, dürfte deren Rettung fast unmöglich sein.

Unermesslich ist der Schaden durch den Verlust der Archivschätze. Die für die historische Forschung der Stadtentwicklung entscheidenden Dokumente über Politik, Rechts- und Besitzverhältnisse, Wirtschafts- und Alltagsgeschichte sind aller Wahrscheinlichkeit nach zum größten Teil verloren.

Gerade im Kölner Archiv befanden sich aber nicht nur wertvolle Dokumente der Stadtentwicklung, sondern auch einzigartige historische Schriften, Dokumente und Urkunden aus der gesamten Geschichte Europas etwa vom Jahr 900 bis in die Neuzeit. Viele dieser bedeutenden Kulturzeugnisse waren unter großen Mühen über den Zweiten Weltkrieg gerettet worden.

Weiter befanden sich im Archiv die Ratsprotokolle seit 1376 und die sogenannten "Schreinszeugnisse". Das sind Dokumente, die als Ursprung europäischer Rechtsgeschichte angesehen werden. Das "Erzstift und Kurfürstentum Köln" (Kurköln) war eines der ursprünglich sieben Kurfürstentümer des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, und die Stadt spielte in der deutschen und europäischen Geschichte eine wichtige Rolle.

Das Archiv beherbergte wertvolle Handschriften des Philosophen und Kirchenlehrers Albertus Magnus (1200-1280). Auch die Archive sämtlicher säkularisierter Klöster der Stadt, Sendschreiben von Päpsten, Wirtschaftsverträge und Urkunden von Gesandtschaften wurden im Stadtarchiv aufbewahrt. Die meisten dieser Dokumente sind auf hauchdünnem Pergament verfasst. Selbst wenn man sie noch finden sollte, ist vieles wohl zerstört.

Auch aus neuerer Zeit barg das Archiv unschätzbare Nachlässe und Teilnachlässe berühmter Architekten (Gerhard Böhm, Wilhelm Riephahn), Politiker (Konrad Adenauer), des Komponisten Jacques Offenbach, des Medienphilosophen Vilém Flusser und von Schriftstellern wie Dieter Wellershoff oder Heinrich Böll. Auch der Nachlass von Hans Mayer, einem in Köln geborenen Literaturwissenschaftler, der mit vielen bedeutenden Autoren und Dichtern korrespondierte, u. a. mit Thomas Mann, Paul Celan und Günter Grass, war der Stadt bereits zu Lebzeiten des Autors übergeben worden. Der Nachlass von Böll war erst Anfang dieses Jahres nach langen Verhandlungen vom Stadtarchiv für 800.000 Euro von den Erben übernommen worden.

Nicht zuletzt befand sich auch das Redaktionsarchiv der Rheinischen Zeitung von Karl Marx im Kölner Stadtarchiv. Die Rheinische Zeitung für Politik, Handel und Gewerbe wurde am 1. Januar 1842 in Köln gegründet und Ende März im darauffolgenden Jahr durch die staatlichen Behörden verboten. Die Zeitung war das Sprachrohr des progressiven Bürgertums und stand in Opposition zur preußischen Regierung. Marx begann seine Tätigkeit dort mit der Artikelserie "Debatten über Preßfreiheit und Publikation der Landständischen Verhandlungen". Marx schrieb darin einen Satz, der bis heute nichts an Aktualität eingebüßt hat: "Die erste Freiheit der Presse besteht darin, kein Gewerbe zu sein," womit er gegen diejenigen polemisierte, die die Pressefreiheit der Gewerbefreiheit unterordnen wollten.

Das Stadtarchiv, das von seiner Baukonstruktion her sehr stabil war und durch Frischluftversorgung für optimale Lagerbedingungen und eine Raumtemperatur von 15 bis 18 Grad sorgte, galt als Vorbild für andere Archivbauten. Auf etwa 18 Regalkilometern lagerten die unersetzlichen Originaldokumente. Darunter 65.000 Urkunden, mehr als 104.000 Karten und Pläne, 50.000 Plakate und eine Million Fotos. Der Versicherungswert beträgt 400 Millionen Euro, aber der wirkliche Verlust ist nicht mit Geld zu bezahlen.

Sorgloser U-Bahnbau

Unter der Severinstraße wird zur Zeit eine U-Bahnlinie gebaut. In unmittelbarer Nähe des Stadtarchivs wurde ein größerer Hohlraum, ein 28 Meter tiefer Schacht, ausgehoben, um einen Übergang zwischen zwei U-Bahnröhren zu ermöglichen. In dieses kellerartige Gebilde, waren große Mengen an Wasser und Erdmassen gerutscht.

Dadurch wurde dem Stadtarchiv im wahrsten Sinne des Wortes der Boden unter den Füßen weggezogen, wodurch der ansonsten stabile Bau aus dem Jahre 1971 regelrecht nach vorn abkippte. Die Staatsanwaltschaft hat ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt wegen "Baugefährdung und fahrlässiger Körperverletzung" eingeleitet.

Die Verantwortlichen der Stadt und der Kölner Verkehrsbetriebe weisen jedoch alle Vorwürfe zurück, man habe auf die mit dem U-Bahnbau bisher aufgetretenen Schäden nicht angemessen reagiert.

Als im Jahr 2007 die Tunnelröhren durch das Erdreich gefräst wurden, haben Anwohner sofort erhebliche Risse in ihren Häusern festgestellt. Ein Gutachter bestätigte deren Vorhandensein, hielt sie aber für "statisch nicht relevant."

Ein zweiter Gutachter, den die Anwohner hinzugezogen hatten, hielt die Häuser ebenfalls für ausreichend standsicher. Nachdem Mitarbeiter des Stadtarchivs im Keller erhebliche Risse festgestellt hatte, wurden diese bei einer Begehung ebenfalls als tolerierbar eingestuft.

Bereits 2004 war der massive Kirchturm der St.-Johann-Baptist-Kirche infolge des U-Bahnbaus in starke Schieflage geraten und musste abgestützt werden. Auch in zahlreichen anderen historischen Gebäuden der ehemaligen Römerstadt Köln, darunter das historische Rathaus, hatten sich Böden gesenkt oder waren Deckenverkleidungen abgesprungen.

Der Bau der neuen Nord-Süd-U-Bahn, die kilometerlang unter Wohngebieten gebaut wird, war jahrelang in Köln sehr umstritten, gerade, weil die Stadt nicht nur auf Fließsand und Rheinkies, sondern auch auf jahrhundertealtem Kulturschutt gebaut ist. Einen festen Untergrund oder gar Felsen gibt es nicht unter der Stadt. Bevor sich die mittelalterliche Stadt ausdehnte, befand sich an der Stelle, wo jetzt gebaut wird, das Rheinufer. Immer wieder werden, wenn Baugruben ausgehoben werden, auch große Hohlräume und alte Gewölbe freigelegt, die manchmal mit Bauschutt notdürftig verfüllt wurden. Gerade nach den gewaltigen Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs wurden viele Neubauten auf solchen Schuttablagerungen gebaut.

Aus diesem Grund gab es ernsthafte Befürchtungen, dass ein zusätzlicher U-Bahnbau zu Problemen führen könnte. Es hätte mindestens drei durchaus sinnvolle und preiswertere Lösungen gegeben, um die anstehenden Verkehrsprobleme zu lösen, aber die Kommunalpolitiker schoben die Entscheidungen jahrelang hinaus.

Die Stadt Köln und viele ihrer Kommunalpolitiker sind für ihre beschönigend "Klüngelwirtschaft" genannte Verantwortungslosigkeit, Schlamperei und Korruptionsanfälligkeit berüchtigt. Die Bauskandale, bei denen Korruption im Spiel war oder ist, sind zahlreich. Zur Zeit geht es unter anderem um zweifelhafte Millionengeschäfte im Zusammenhang mit der Erweiterung der Kölner Messe. Auch die dubiosen Vorgänge bei der Abfallentsorgung in Köln, in die Politiker verwickelt waren, sind in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten immer wieder durch die Presse gegangen.

Nach einem Wechsel im Rathaus musste es mit dem teuren U-Bahnbau plötzlich ganz schnell gehen. Aber schon mit den ersten Spatenstichen 2003 für den U-Bahn-Tunnel traten erste Gebäudeschäden auf; dennoch wurde der Bau vorangetrieben.

Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU), dessen Partei das Projekt forciert hatte, äußerte nach dem Einsturz plötzlich Bedenken, ob weitergebaut werden könne, ruderte aber am nächsten Tag schon wieder zurück. Inzwischen herrscht politische Einigkeit, dass der Bau der U-Bahnlinie fertiggestellt werden soll. Auch der Sozialdemokrat Jürgen Roters, gemeinsamer Oberbürgermeisterkandidat von SPD und Grünen bei der anstehenden Kommunalwahl am 30. August, hält einen Baustopp angesichts der bereits entstandenen Kosten "für nicht akzeptabel". Roters war 2002 Kölner Regierungspräsident und erteilte Schramma, der damals schon Oberbürgermeister war, die Baugenehmigung.

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