59. Berlinale - Teil 6

"Wir wollten realistische Filme über die DDR machen"

Von Bernd Reinhardt
11. April 2009

Auf der Berlinale 2009 hatte die WSWS Gelegenheit, mit dem Regisseur Rainer Simon über seine Arbeit als Filmemacher in der DDR zu sprechen.

Rainer Simon Rainer Simon

Rainer Simon ist Jahrgang 1941. Als Jugendlicher lernt er jemanden kennen, der nicht von den Nazis, sondern unmittelbar nach dem Krieg 14-jährig als Werwolf von der Roten Armee ins KZ gesteckt wird. Aufseher sind ehemalige Häftlinge. An Simons Schule unterrichtet ein einst strammes NSDAP-Mitglied, das nun in die SED eingetreten ist. Auf Druck der Schüler wird der Lehrer entfernt, doch nur um an eine andere Schule versetzt zu werden. Der von der Naturwissenschaft begeisterte Simon tritt mit 16 aus der Kirche aus, mit 17 in die SED ein und agitiert die Bauern auf dem Land. Doch diese wollen das gerade erst erhaltene eigene Land nicht wieder an den Staat abgeben.

Als die Kritik Chruschtschows an Stalin langsam auch in der DDR durchsickert, bekommt Simons Welt einen weiteren Riss. Mit Gleichgesinnten gründet er an der Filmhochschule das Kollektiv 63. Ihr Programm: die DDR zeigen, wie sie ist, mit ihren Widersprüchen, um so auch in der DDR stalinistische Entartungen zu bekämpfen. Man weist die Studenten in die Schranken. Eine Art stalinistisches Tribunal, Folge einer kritischen Äußerung an der Wandzeitung wird zum Schlüsselerlebnis Simons. Es ist das Jahr 1964 nach dem Sturz Chruschtschows, dessen forcierter Industrieaufbau in der UdSSR eine mehrjährige Streikwelle ausgelöst hat.

Das 11. Plenum der SED 1965 korrigiert aus Angst vor ähnlichen Entwicklungen die "Überspitzungen" des "Leistungsprinzips". Gleichzeitig beginnt eine Hetze gegen Künstler. Verboten werden unter anderem eine Reihe Filme, darunter Spur der Steine (1966) von Frank Beyer. Im Film gibt es eine Szene, in der Arbeiter einer Leistungsbrigade wegen ständigen Materialmangels gegen die Bauleitung, gegen die SED-Funktionäre streiken wollen. Auch in anderen verbotenen Filmen dieser Zeit werden Konflikte zwischen jungen Arbeitern und der SED gezeigt, sie wehren sich gegen deren penetrante Kontrollsucht. In Simons erstem Filmprojekt geht es ebenfalls um die Kontrolle von Jugendlichen.

Der Regisseur gegenüber dem WSWS : "Ich hatte 1965 als ersten Filmstoff ein Jugendbuch von Horst Bastian ‚Die Moral der Banditen’. Nach dem 11. Plenum wurde mir plötzlich verboten, diesen Film zu drehen. Er zeigt so eine Art anarchistische Jugendbande unmittelbar nach dem Krieg, die sich gegen die Faschisten wehrt, die noch da sind, sich aber auch gegen die Bevormundung durch die Partei wehrt, die sich zu der Zeit gerade mal so einrichtet. (...) Das war ein Film über die Wurzeln der DDR. (...) Die Anfangsjahre der DDR, die sind kaum mal realistisch auf die Leinwand gekommen."

Simon wird Regieassistent bei Ralf Kirsten, der einen Film über den Künstler Ernst Barlach dreht (Der verlorene Engel, 1965), der zunächst verboten wird. Nicht nur künstlerisch bedeutsam ist die Begegnung mit Konrad Wolf, der 1967 seinen autobiografisch gefärbten Film Ich war Neunzehn über das Kriegsende in Berlin dreht. Wolf (1925-1982), Sohn des Schriftstellers und KPD-Mitglieds Friedrich Wolf, war mit Bruder Markus, dem späteren Chef der Auslandsspionage der DDR in der Sowjetunion aufgewachsen und als Soldat der Roten Armee zurückgekehrt. Simon befragt Wolf nach den Säuberungen in der UdSSR und die Reaktion der deutschen Emigranten auf den Hitler-Stalin-Pakt. Die Antwort befriedigt nicht. Wolf spricht vorsichtig über die Angst der Emigrantenfamilien angesichts rational nicht nachvollziehbarer Verhaftungen und über die gleichzeitige Hingabe an die kommunistische Idee, die ihnen die Säuberungen trotz allem als unvermeidliches, notwendiges Opfer erscheinen lässt.

Simon sieht in den Säuberungen einen Widerspruch zu den propagierten humanen Idealen. Auch versteht der Wissenschaftsbegeisterte nicht, warum eine Weltanschauung, die sich auf die Wissenschaft beruft, keine in der Wissenschaft übliche Diskussion zulässt, sondern Kritiker beseitigt. Ende der sechziger Jahre liest Simon Krebsstation und Der erste Kreis der Hölle von Solschenizyn, Bücher, die heimlich in der Ost-Berliner Theaterszene kursieren. "Jetzt wusste ich", so Simon in seiner Autobiografie.

Seine Erfahrungen und Erlebnisse haben Einfluss auf seine Filme, in dem es um das Verhältnis des Einzelnen zur Macht geht. Die ersten künstlerischen Impulse erhält Simon vom neuen sowjetischen Film der sechziger Jahre. Ihn beeindrucken das tschechoslowakische Kino zur Zeit des Prager Frühlings, der polnische Regisseur Andrzej Wajda und der russische Neuerer André Tarkowski. Eine größere Bandbreite des internationalen Kinos lernt er an der Hochschule kennen, die italienischen Neorealisten und ihre Nachfolger, die zu seinen Vorbildern werden: Truffaut, Godart Antonioni, die fantasievolle, zum Skurrilen neigende Welt Fellinis. Auch das Theater, das für kritische Künstler in der DDR eine große Rolle spielte, zieht ihn in seinen Bann.

Simons erster Film, das Märchen Wie heiratet man einen König (1968), gerät in Kritik wegen angeblich dekadenter Züge. Es folgt der Kurzspielfilm Gewöhnliche Leute (1969), die Verfilmung einer harmlosen, sympathischen Alltagsgeschichte von Werner Bräunig. Dessen Hauptwerk, der Roman Rummelplatz, der ungeschönt das Leben im Uranbergbau der Wismut AG beschreibt, durfte allerdings nie in der DDR erscheinen, so sehr Bräunig dafür kämpfte. Der Roman erschien erst im Jahr 2007, mehr als 30 Jahre nach dem tragischen Tod des Autors, der diese Erfahrung nicht überwinden konnte. (http://www.wsws.org/de/2007/dez2007/rumm-d22.shtml)

"Wir wollten Filme über die DDR machen. Wir wollten kritische oder realistische Filme machen", sagte Rainer Simon gegenüber dem WSWS. "Das war aber nur möglich, wenn wir Filme ohne Konflikte machten, fast dokumentarische Filme über Jugendliche, wo aber nichts zugespitzt war. Die fielen damals aus der üblichen DEFA-Ästhetik heraus, indem sie relativ genau den Alltag beschrieben. Aber du konntest keine Konflikte ansprechen oder nur ganz verdeckt am Rande."

Die Niederschlagung des Prager Frühlings von 1968 bedeutet für Rainer Simon wie für viele andere eine große Enttäuschung: "Das moralische Ideal, die Hoffung, die man mal hatte, hatte bei mir persönlich nach 1968 einen starken Dämpfer erhalten, aber man hat natürlich immer noch gehofft, dass sich was ändert, das es einfach lebenswerter wird für die Leute. ..."

In den siebziger Jahren folgen seine Filme Männer ohne Bart (1970), ein Film über Jugendliche, und das Märchen Sechse kommen durch die Welt (1971). Die Filmkomödie Till Eulenspiegel (1974) nach einer Literaturvorlage von Christa und Gerhard Wolf war in der DDR beliebt, wegen der vielen Spitzen gegen die Obrigkeit, die das Publikum natürlich als Spitzen gegen die SED erkannte. Diese stets präsente zweite Ebene in Simons Filmen hat zur Folge, dass selbst aus einem historischen Stoff wie in der nachfolgenden Komödie Zünd an, es kommt die Feuerwehr (1978) die Szene bei der Fernsehausstrahlung herausgeschnitten wird, in der Arbeiter, die das neue Gefängnis bauen, um höhere Löhne streiken.

Am Schluss dieses Films gibt es eine düstere Szene, in der die Bevölkerung des Ortes unter den bellenden Kommandos eines sadistischen Gendarmen sinnlose Liegestützen im Schnee macht. Gewarnt wird vor gefährlichem Untertanengeist, der durch das Erwachsenenvorbild auch die Kinder infiziert. Der Film liefert Assoziationen stalinistischer Masseninszenierungen. Verantwortlich sind scheinbar alle. Einzige Hoffnungsträger sind, wie auch in seinem nächsten Film Jadup und Boel, unangepasste Außenseiter.

Jadup und Boel (1980) ist Simons letzter Versuch, DDR-Realität ohne historische Tarnung offen auf die Leinwand zu bringen. Entstanden nach dem Roman Jadup (1975) von Paul Kanut Schäfer, war es gleichzeitig der letzte verbotene Spielfilm der DDR. Der Film zeigt eine DDR, die dem Untergang geweiht ist, wenn es nicht zu der kritischen Bestandsaufnahme kommt, auf die die Künstler seit Chruschtschow vergeblich gehofft hatten.

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