Sozialismus und die öffentliche Meinung in Amerika

Von David Walsh
18. April 2009

Eine amerikanische Telefonumfrage hat aufgedeckt, dass nur 53 Prozent der Amerikaner glauben, der Kapitalismus sei gegenüber dem Sozialismus das überlegene System. Die Umfrage wurde Anfang April von dem Meinungsforschungsinstitut Rasmussen Reports durchgeführt. Sie ergab weiter, dass zwanzig Prozent der Befragten den Sozialismus bevorzugen, während sich 27 Prozent nicht entscheiden wollten.

Bei unter dreißigjährigen Erwachsenen gab es, Rasmussen zufolge, "fast einen Gleichstand: 37 waren für den Kapitalismus, 33 Prozent für den Sozialismus, und dreißig Prozent waren unentschieden."

Diese Ergebnisse enthüllen eine Realität, die das amerikanische Establishment fieberhaft zu verbergen versucht: In unsrer Gesellschaft existiert eine tiefgehende Abneigung gegen das bestehende Wirtschaftssystem und seine Existenzbedingungen.

Die Erkenntnisse der Rasmussen-Untersuchung sind angesichts der in Amerika herrschenden Ideologie eine in höchstem Maße erstaunliche Ablehnung der offiziellen Medienmeinung. Breite Teile der Bevölkerung sehen im Sozialismus eine positive Alternative zum Kapitalismus.

Weit verbreitet ist die Empörung über Banker, Vorstandschefs und den Rest der Finanzaristokratie, die das Land seit Jahrzehnten ausplündern und jetzt auch noch Billionen Staatsgelder kassieren. Ihr Verhalten wird von Millionen Menschen als zutiefst ungerecht betrachtet. Arbeitsplätze, Renten und Krankenversicherung stehen unter Dauerfeuer, und die Wohnhäuser haben dramatisch an Wert verloren. Die Menschen sehen ganz allgemein ihre Zukunft immer pessimistischer und mit großer Sorge.

Der Zorn der Massen über die Wall Street und die allgemeine Frustration über das bestehende System bringt den starken Wunsch nach einer Alternative zur aktuellen, unerträglichen Lage hervor. Diese Alternative wird offensichtlich ganz allgemein mit dem Begriff "Sozialismus" in Verbindung gebracht.

Sozialismus wird im Denken vieler Amerikaner positiv mit einer humaneren, demokratischeren und stärker auf Gleichheit gerichteten Politik in Verbindung gebracht, d.h. mit einer Gesellschaft, in der die sozialen Bedürfnisse an erster Stelle stehen und nicht das Profitinteresse der Reichen.

Das Ausmaß der Unterstützung für solche Vorstellungen ist gerade unter jungen Menschen bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass der Sozialismus in den letzten etwa 60 Jahren in den USA gnadenlos schlecht gemacht oder sogar aus der öffentlichen Wahrnehmung vollkommen ausgeblendet wurde. Im politischen Establishment, sogar in seinem liberalen Flügel, bestand die übelste Beschimpfung, mit der man einen politischen Gegner belegen konnte, darin, ihn einen "Sozialisten" zu nennen. Damit war er aus der Gemeinschaft ausgestoßen, exkommuniziert und vogelfrei.

In den vergangenen Jahrzehnten herrschte in der Oberschicht einhellig die Meinung: Der kapitalistische freie Merkt löst alle Probleme, und der "unamerikanische" Sozialismus ist ein toter Hund. Dem ist anscheinend nicht so.

Eine tiefe Kluft trennt die Meinung und das Selbstverständnis des Establishment vom Denken und Fühlen der arbeitenden Bevölkerung. Der Durchschnittsamerikaner sieht und hört in der Mainstreampolitik und den täglichen Medien nichts, was ihm ein positives Bild des Sozialismus vermitteln könnte. Und doch befürworten der Umfrage zufolge 47 Prozent der Bevölkerung den Sozialismus oder haben sich noch keine abschließende Meinung darüber gebildet.

Im März sagte Barack Obama vor einer Gruppe führender Wirtschaftsmanager: "Ich habe schon immer fest an die Kraft des freien Marktes geglaubt. Er war schon immer die Lokomotive des amerikanischen Fortschritts, und wird das auch weiterhin sein. Er ist die Quelle eines beispiellosen Wohlstands in der Geschichte der Menschheit." Wenn die Wirtschaft "aus der Balance gerät", argumentierte Obama, muss die Regierung eingreifen, "aber das Ziel muss immer sein, das Schiff wieder auf Kurs zu bringen, damit das private Unternehmertum wieder seine wunderbare Kraft entfalten kann."

Millionen von Amerikanern sehen das anders, aber ihre Ansichten finden in dem bestehenden Politikbetrieb keinen Ausdruck. Jeder bedeutende amerikanische Politiker, und fast jeder weniger bedeutende, ist ein gekaufter und bezahlter Handlanger mächtiger Wirtschafts- und Finanzinteressen. Wir haben praktisch den Öl- und Gas-Senator, den Gouverneur der Finanzindustrie, den Abgeordneten der Gesundheitsindustrie oder der Rüstungswirtschaft. Soziale Ungleichheit hat ein Ausmaß erreicht, das für das Funktionieren jeder Gesellschaft katastrophale Auswirkungen zeitigt. Das obszöne zur Schau Stellen von Vermögen durch die Superreichen bleibt gewiss nicht ohne Folgen.

Die Herrschenden bilden sich ein, sie könnten sich alles erlauben, die Gesellschaft ausplündern, ihre Kolonialkriege führen und jedes erdenkliche Verbrechen begehen. Sie verlassen sich darauf, dass die verkommenen Gewerkschaften, die so genannten Bürgerrechtsorganisationen und die Liberalen ihre Stimme nicht für die Bedürfnisse und Interessen der Bevölkerung erheben. Aber je mehr die gesellschaftlichen Gegensätze übertüncht und ignoriert werden, desto explosiver werden sie auch.

Diese Situation ist instabil und unhaltbar. Gefühlsmäßig liegt die Bevölkerung offensichtlich mit dem gesamten politischen System über Kreuz. Die USA wurden in den letzten sieben Monaten vom Wirtschaftskollaps hart gebeutelt. In den Beziehungen des gesellschaftlichen Bewusstseins zur Gesellschaftsrealität entwickelt sich ganz objektiv und allen Bemühungen des Establishments zum Trotz eine gewaltige Umorientierung: Der Sozialismus wird wieder eine wichtige Rolle im politischen Leben Amerikas spielen. Die Umfrage ist Ausdruck eines Prozesses, der bereits im Gange ist.

Natürlich sind die meisten Amerikaner verwirrt über den Sozialismus, der Jahrzehnte lang unter Beschuss stand. Hätte Rasmussen, oder wer auch immer, gefragt, welche Gesellschaft die Leute bevorzugten, eine, in der die gesamte Politik auf die Bereicherung des obersten Prozents (oder besser: des obersten Zehntel Prozents) der Bevölkerung ausgerichtet ist, oder eine, die auf sozialer Gleichheit beruht - was wäre wohl das Ergebnis gewesen?

In einer Krise verschaffen sich grundlegende soziale Interessen und Stimmungen unvermeidlich Ausdruck. Der aktuelle Zusammenbruch der kapitalistischen Ordnung sortiert die Bevölkerung objektiv nach Klassenkriterien.

Unbeschadet aller Bemühungen, die amerikanische Gesellschaft zu brutalisieren und die Bevölkerung empfindungslos und gleichgültig gegenüber dem Leiden und dem Schicksal Anderer zu machen, zeigt die jüngste Umfrage, dass die breite Masse der Menschen eine elementare sozialistische Gesinnung hat. Sie lehnen Ungerechtigkeit ab, sie unterstützen soziale Gleichheit und Demokratie, und ihre Sympathien liegen bei den Benachteiligten und Unterdrückten.

Die kapitalistischen Medien glauben an ihre Realität und an ihre unbegrenzte Fähigkeit, zu manipulieren und die öffentliche Meinung zu formen. Tatsächlich finden aber ganz andere Prozesse statt, die auf revolutionäre Veränderungen hinsteuern. Leo Trotzki erklärte die Veränderung im Bewusstsein in Zeiten der Krise mit großer Tiefe, als er schrieb: "Der wissenschaftliche Sozialismus ist der bewusste Ausdruck des unbewussten historischen Prozesses, nämlich der instinktive und elementare Trieb des Proletariats, die Gesellschaft auf kommunistischer Grundlage neu aufzubauen. Diese organischen Tendenzen in der Psychologie des Arbeiters entwickeln sich heute in der Epoche von Krisen und Kriegen mit größter Schnelligkeit." (Leo Trotzki, Verteidigung des Marxismus, "Von einem Kratzer - zur Gefahr von Wundbrand", Essen 2006, S. 121)

Die gesellschaftliche Entwicklung folgt einer unausweichlichen Logik. Genau in dem Moment, in dem sich eine breite Linksentwicklung gegen den Kapitalismus in der Bevölkerung abzeichnet, verkünden die linksliberalen Überreste um die Zeitschrift The Nation, es sei praktisch unmöglich, "sich den Sozialismus heute noch vorzustellen", geschweige denn, ihn zu realisieren. Diese sozialen Elemente sind von konservativen Anschauungen durchtränkt und an den Status Quo gefesselt. Sie werden das Anwachsen einer sozialistischen Massenbewegung in den USA wütend bekämpfen. Das ist der elementare Instinkt ihrer Klasse, des privilegierten Kleinbürgertums.

Die Umfrage von Rasmussen ist Grund für wirklichen Optimismus. Die Aufdeckung sozialistischer Sympathien in der Bevölkerung hat in ultrarechten Kreisen zu Unruhe geführt. Aus dem gleichen Grund wurden die Ergebnisse der Umfrage in den großen Medien weitgehend ignoriert. Sollte das Institut Rasmussen, das von einem rechten evangelikalen Christen geführt wird, seine Umfrage als eine Art Weckruf verstanden haben, dann stieß er damit auf taube Ohren: Dieser Telefonhörer wurde sofort wieder aufgelegt.

Siehe auch:
Illusionen in den Markt und die Realität der kapitalistischen Krise
(14. April 2009)