Arbeiter aus dem Continental-Werk Clairoix in Nordfrankreich besetzten am Mittwoch, den 6. Mai, vorübergehend den Eingangsbereich des französischen Conti-Schwesterbetriebs in Saargemünd, Lothringen. Das Werk Clairoix des deutschen Reifenproduzenten Continental ist eins von zwei Werken, die in Kürze geschlossen werden sollen.
Continental-Werk in SaargemündNoch am selben Mittwochabend zogen sich die Arbeiter wieder vom Saargemünder Werksgelände zurück, nachdem ihnen versprochen wurde, dass ein Treffen zwischen Conti-Management und den französischen Gewerkschaftsvertretern von 27. Mai auf den 12. Mai vorverlegt würde.
Vor einer Woche hatten die Arbeiter von Clairoix beschlossen, die Aktionen zur Verteidigung ihrer Arbeitsplätze über die französisch-deutsche Grenze hinaus zu tragen und die Conti-Arbeiter im Werk Aachen zu Solidaritätsaktionen aufzurufen. Am Mittwochmorgen machten sich über 300 Arbeiter in 60 Wagen auf, um die Kollegen in Aachen aufzusuchen.
Diese Aktion musste die Gewerkschaftsbürokratie verhindern. Die Aachener Zeitung vom 5. Mai berichtet: "Conti-Betriebsratschef Bruno Hickert mahnt seine Kollegen eindringlich zur Besonnenheit. Krawalle würden uns nur schaden!’ Er habe den Franzosen die Demonstration auszureden versucht und sie auf deutsche Gepflogenheiten aufmerksam gemacht, sagte Hickert..."
Aufgeschreckt von der befürchteten Ankunft der französischen Delegation wurde ein großes Kontingent deutscher Polizei zum Schutz der Fabrik aufgeboten. Der große Parkplatz vor der Aachener Fabrik wurde von Polizeikräften komplett abgeriegelt. Etwa zwanzig Mannschafts- und Streifenwagen waren angerückt, darunter auch berittene Polizei und eine Hundestaffel aus NRW. Polizeibeobachter behielten sämtliche Einfallstraßen, die zur Fabrik an der Philipsstraße führen, im Auge.
Wie die französische Zeitung Libération am 6. Mai berichtete, gelangte die Nachricht vom Polizeiaufmarsch in Aachen zum Konvoi der Clairoix-Arbeiter: "Der Konvoi änderte seine Route und steuerte nun Saargemünd an", das Conti-Werk, das in Frankreich unmittelbar an der Grenze zum Saarland liegt.
In der Fabrik von Saargemünd befindet sich die Leitung der französischen Continental-Werke. Das Management von Saargemünd erhielt offenbar Wind von der bevorstehenden Ankunft der Clairoix-Arbeiter und schloss die Arbeiter des Lothringer Werks in den Produktionshallen ein. Zum Schutz vor den Arbeitern aus Clairoix wurden Polizei und CRS herbeigerufen. Trotzdem gelang es den Arbeitern, die Hängeschlösser am Tor zu knacken und das Werksgelände zu betreten, nicht aber die Produktionsstätten. In Saargemünd zogen sogar vor dem Gerichtsgebäude und vor der Unterpräfektur Polizisten und CRS-Kräfte auf.
Hier der Bericht der Zeitung Le Nouvel Observateur über die Ankunft der Arbeiter aus Clairoix im Werk Saargemünd: "Unter Rufen Wir sind hier zu Hause’ und Continental - Solidarité’ öffneten die Contis’ den Riegel am Eingangstor im Werk des Mosel-Departements und betraten das Werksgelände. Sie konnten jedoch nicht in die Produktionshallen gelangen, deren Tore verriegelt oder mit Stahlpaletten verstellt waren. Schließlich öffneten sich die Fabriktore, um hundert Arbeiter heraus zu lassen, während die Kollegen aus Clairoix riefen: Lasst unsere Kollegen heraus’, und: Hinter Gitter gehören die Bosse’."
Wie Arbeiter aus Saargemünd am Donnerstag einem WSWS -Reporterteam berichteten, entstand darauf ein Gerangel, als einige Gewerkschaftsfunktionäre des Saargemünder Werks, die durchs Fenster heraus geklettert waren, den Arbeitern von Clairoix Vorhaltungen machten. Das Nachrichtenmagazin Le Point zitiert den CFDT-Sprecher Jean-Luc Niederlander: "Niemand hat vorher mit uns gesprochen. Ihr seid einfach gekommen, ohne uns zu informieren."
Als Hickert an diesem Tag in Saargemünd ankam, und erfuhr, dass die Fabrik besetzt war, weigerte er sich, mit den Arbeitern von Clairoix zu sprechen, und drückte so erneut seine Feindschaft gegen ihren Kampf aus. Der AZ-online sagte Hickert, die deutschen Betriebsräte seien solche Methoden nicht gewöhnt.
Das erklärte Ziel der Aktion der Clairoix-Arbeiter in Saargemünd bestand darin, ein Dreiparteien-Meeting zwischen den französischen Gewerkschaften, den deutschen Besitzern und der französischen Regierung, das für den 27. Mai angesetzt war, vorzuverlegen. So sagte Xavier Mathieu, der CGT-Gewerkschafter aus Clairoix, zu den Arbeitern, die das Saargemünd-Werk besetzten: "Wir sind hier und wir bleiben hier, bis wir ein früheres Datum bekommen."
Die Arbeiter von Clairoix verließen die Fabrik von Saargemünd am Mittwochabend, nachdem ihnen mitgeteilt worden war, dass dieses Meeting vom 27. auf den 12. Mai vorverlegt worden sei.
Auch die CGT weigert sich, einen ernsthaften Kampf um die Arbeitsplätze zu führen. Sie machte klar, dass die Gewerkschaft nur um eine bessere Abfindung für die entlassenen Arbeiter kämpfe. Bruno Levert, CGT-Funktionär in Clairoix, sagte am 6. Mai gegenüber Le Monde, er glaube nicht mehr, dass die französische Regierung einen Käufer für Continental bekommen werde. Er sagte: "Continental wird Marktanteile nicht an einen Käufer verlieren wollen. Wenn sie Clairoix schließen, dann deshalb, weil sie Marktanteile woanders in Europa gewinnen. Das einzige, was wir von Continental verlangen, ist, dass sie uns geben, was uns zusteht, und das ist unsere Abfindung."
Seit Jahresbeginn hat der Continental-Schaeffler-Konzern mit weltweit 133.000 Beschäftigten schon 7.000 Arbeitsplätze zerstört. So werden die Fabrik in Clairoix und das LKW-Reifenwerk in Hannover-Stöcken ganz geschlossen, und weitere Stellenstreichungen und Werkschließungen sind in Vorbereitung.
Die Schließung von Clairoix bedeutet den Verlust von 1.120 Stellen. Als die Arbeiter erfuhren, dass ihre gerichtliche Beschwerde gegen die Zerstörung der Arbeitsplätze gescheitert war, zerstörten sie aus Frust ein Büro in der Präfektur von Compiègne und ein Gebäude am Werkseingang von Clairoix. Inzwischen laufen deswegen mehrere Anzeigen gegen Arbeiter wegen Sachbeschädigung. Mehrere Regierungsmitglieder haben deshalb Gift und Galle gegen die Arbeiter gespuckt und gefordert, härter gegen "aktive Minderheiten" vorzugehen.
Am 23. April waren Clairoix-Arbeiter nach Hannover in Deutschland gefahren, wo ebenfalls eine Continental-Fabrik von Schließung bedroht ist. Als sie am frühen Morgen dort eintrafen, wurden sie stürmisch von ihren deutschen Kollegen willkommen geheißen, die sich zu ihrer Begrüßung am Hauptbahnhof Hannover versammelten. Darauf marschierten die deutschen und französischen Arbeiter gemeinsam durch die Stadt.
Die versammelten deutschen Arbeiter trugen handschriftliche Plakate auf Deutsch und Französisch mit Aufschriften wie "Liebe Kollegen aus Clairoix, willkommen in Hannover" und "Proletarier aller Länder vereinigt euch". Als die französische Delegation schließlich eintraf, nahmen die deutschen Arbeiter ihre Slogans auf und riefen: "Tous ensemble, Continental solidarité" (Alle gemeinsam, Continental - Solidarität).
