Ohne Kompass - Filme der Wende

Eine Filmreihe im Berliner Zeughauskino

Von Bernd Reinhardt
29. Juli 2009

Im Februar präsentierte die Berlinale unter dem Namen "Winter ade" Filme der Vorwendezeit. Das Zeughauskino zeigte Ende Mai die Fortsetzung: "Scheiden tut weh." Standen die Filme der achtziger Jahre für Reformhoffnungen hin zu einem lebenswerteren "Sozialismus" in der DDR, spiegelt sich in den vier vom Autor ausgewählten Spielfilmen zwischen 1990-1992 das Zerplatzen dieser Hoffnung wider und das Aufkeimen neuer Illusionen - diesmal in einen lebenswerten Kapitalismus.

Letztes aus der DaDaeR von Jörg Foth (1990) ist die Filmadaption zweier Bühnenprogramme der beiden DDR-Kabarettisten und Liedermacher Steffen Mensching und Hans-Eckardt Wenzel. Ihr Lieder-Kabarett hob sich in den achtziger Jahren bewusst vom offiziellen, staatstragenden Kabarett wie der Distel ab. Sie sahen sich als Clowns, die nur scheinbar mitmachten und waren der Alternativszene mit ihrem Faible für Anarchie, Jahrmarkt und Straßentheater (natürlich mit staatlicher Genehmigung) verbunden.

Letztes aus der DaDaeR Letztes aus der DaDaeR

Die beiden aus dem Gefängnis ausgebrochenen Clowns Meh und Weh durchwandern die trostlose Landschaft der zusammenbrechenden DDR, einen roten Rettungsring und eine Puppe mit sich führend, die Sehnsucht verkörpert. Sie machen sich lustig über absurde Ordensverleihensrituale der Kunst-Bürokratie und der Jagdleidenschaft des Politbüros, deren abgehobene Scheinwelt betonend, wo man mit Platzpatronen auf in exotische Tierkostüme geschlüpfte Schauspieler schießt.

Die Clowns begeben sich live unters Volk: Auf dem sagenumwobenen Hexentanzplatz des Harzer Brockens hat die versammelte Bevölkerung einen Scheiterhaufen entzündet, der den Clowns Angst macht: Unter beifälligem Johlen Umstehender wird eine rote Fahne verbrannt. "Das Volk vergaß sich". Antikommunismus als Ergebnis der Atmosphäre ständigen Misstrauens in der DDR?

"Alles Sch..." verrät ein wie ein Buch aufgeklappter roter Klodeckel, aus dem leicht abgewandelt Goethes Faust gelesen wird: "Habe nun, ach! Philosophie und Ideologie durchaus studiert ... Und bin so klug als wie zuvor." Und: "Menschen machen ihre Geschichte selbst - aber nicht aus freien Stücken" wird Marx in einem Schlachthaus zitiert. Dokumentaraufnahmen zeigen Arbeiter in maschineller Tötungsroutine. Eine Kuh verendet zuckend, langsam vor der Kamera, eine ekelhafte Szene.

In der neuen Welt werden die Clowns zu Gejagten einer Geld fordernden Menschenmenge, angeführt von gespenstischen Gestalten, die nach dem Zusammenbruch der DDR wie der böse Geist aus der Flasche plötzlich in Freiheit gelangen; darunter dubiose Richter, Kirchenmänner und ein SA-Mann. Zuletzt gelangen die Clowns auf den alten preußischen Garnisonsfriedhof in Berlin und antworten zusammengekrümmt, hündisch kläffend, dem Hundegebell von einem mit Deutschlandfahnen geschmückten Plattenbau. Auf einem Balkon - zwei deutsche Schäferhunde.

Am Ende weiß man nicht, was schrecklicher ist, das in Bilder gepackte Selbstmitleid von Wenzel und Mensching oder ihre politische Eitelkeit: Die beiden Hofnarren der SED stilisieren sich zu tragischen linken Opfern der Geschichte.

Das Land hinter dem Regenbogen (1992), Debütfilm von Herwig Kipping, ist von der Gefühlslage ähnlich, obwohl er ein Künstler ist, der schon als Student mit den SED-Funktionären auf Kriegsfuß stand. Inmitten der Wüste liegt eine grüne Oase, das Dorf "Stalina". Hier ziehen am Zuschauer die fünfziger Jahre der DDR vorbei, beginnend nach Kriegsende bis zu Stalins Tod und dem Aufstand des 17. Juni 1953, wobei biblische Parallelen gezogen werden. Der zu Stalin betende Bürgermeister stirbt am Kreuz - allerdings nicht für die historischen Sünden der Partei, sondern als Opfer eines wütenden Mobs, der im Wesentlichen vom selben Egoismus, Sadismus und boshafter Gewalt getrieben ist wie die ganze Gesellschaft.

Das Land hinter dem Regenbogen Das Land hinter dem Regenbogen

Der Film führt den Stalinkult der 50er Jahre und den von der SED hysterisch geführten Kampf gegen Saboteure an, thematisiert Denunziation, Doppelzüngigkeit und Leistungsnormen, sucht aber nie nach rationalen Ursachen. Nicht zuletzt die ins Groteske zugespitzten Bilder verstärken den allgemeinen Eindruck des Widersinns. Zum Schluss steht die Frage, ob dies aber nicht doch besser sei, als der Verlust aller sozialistischen Ideale, die aus dem Munde des Mädchens Maria, der Hoffnungsträgerin des Films einen märchenhaft-religiösen Anstrich bekommen. Außerhalb der Oase ist nur unfruchtbares, sinnloses, feindliches Nichts.

In Verlorene Landschaft(1991) stellt Andreas Kleinert (Wege in die Nacht) die während des Kalten Krieges starre Gegenüberstellung zweier gesellschaftlicher Systeme in Frage. Den filmischen Rahmen stellt die Rückkehr eines westdeutschen Politikers an den Ort seiner Kindheit in der DDR dar, wo er von Erinnerungen gepackt wird.

Verlorene Landschaft Verlorene Landschaft

Der kleine Junge wächst in völliger Isolation auf einem Gehöft auf, umgeben von einem hohen Bretterzaun. Die Eltern verbergen ihn vor der Außenwelt. Schuld sind das Trauma des Faschismus und die alliierten Bomber. Die Eltern verbieten dem Sohn Schule, Zeitung, kurz alles, was von außen kommt, wo man, wie sie annehmen, wieder aus Kindern Soldaten machen will. Größer geworden, siegt die Neugier, er überwindet den Zaun und sieht die geheimnisvollen Flüchtlinge im Wald, die unbedingt auf die andere Seite des Flusses wollen, wo nach Aussage der Eltern eigentlich nichts existiert - bzw. der Westen. Später flieht er, durchschwimmt den Fluss, um auf dem anderen Ufer wieder auf eine Grenze zu stoßen: den konservativen Mief der fünfziger Jahre in der BRD.

Hervorstechendes Merkmal des an Andrej Tarkowski geschulten Films ist Ambivalenz. Die Isolation des Jungen von der Gesellschaft bedient die Neurose der Eltern. Aber bietet der Hof dem Jungen nicht auch Sicherheit vor, wie die Eltern es sehen, der Brutalität der äußeren Welt? Und auch die Freiheit im Westen, wohin die Menschen aus der DDR flüchten ist relativ und hat Grenzen. Das weiß der erwachsene Real-Politiker.

Kleinert sucht nach Berührungspunkten, wobei seine geschichtslose Betrachtung, die psychologische "innere Grenzen" ins Feld führt, letztlich auf eine allgemeine Relativierung - auch der stalinistischen Diktatur - hinausläuft. Der Zuschauer sieht die Welt aus dem subjektiven Blickwinkel der bornierten Eltern und aus kindlicher Sicht. Objektive Ansätze fehlen jedoch. Die im Film gezogenen Parallelen stalinistischer und faschistischer Gewalt bedienen in ihrer Oberflächlichkeit das gängige Klischee: Kommunismus gleich Faschismus, wobei stillschweigend die Lüge akzeptiert wird, dass der Stalinismus das Erbe der Oktoberrevolution repräsentiere. Düstere, Flüchtlinge verfolgende Ledermänner wecken Assoziationen an SS oder Gestapo. Zahlreiche Fackeln im Wald rufen in dem vorwiegend schwarz-weiß gedrehten Film Erinnerungen an historische Bilder von Fackelzügen der Nazis wach. Sehr allgemein plädiert der Film für die Überwindung menschlicher Grenzen.

Stilles Land(1992), sicher einer der schönsten Filme von Andreas Dresen, beschreibt, wie ein DDR-Provinztheater von der Wende überrumpelt wird, während es das Stück "Warten auf Godot" probt.

Stilles Land Stilles Land

Nach der Theater-Sommerpause nimmt die Anzahl der DDR-Flüchtlinge dramatisch zu. Die arrogante Reaktion Honeckers weckt Empörung. Und plötzlich scheint die Inszenierung des jungen Regisseurs Kai, die Ausweglosigkeit und Deprimiertheit ausdrücken sollte, allen immer fragwürdiger. Von der Haltung aggressiver Verzweiflung ist es nicht weit bis zu der Erkenntnis, dass es nicht darum gehen kann, auf irgendetwas zu warten, sondern die Initiative zu ergreifen: Einfach losgehen.

Das Ensemble verliest eine Resolution, fordert öffentliche Diskussion über die Situation im Land, man hängt nicht weiter frustriert herum, sondern begegnet sich bei der Mahnwache und in der Kirche beim Neuen Forum. Intendant und Parteisekretär machen sicherheitshalber gute Miene, hofieren den Menschen, die feierlich-andächtig ihre Kerzen entzünden, marschieren in dem kleinen Demonstrationszug mit, unter Plakaten wie: "Wir sind das Volk", "Die Gedanken sind frei" und "Demokratie".

Der Brief an Honecker wird aber erst nach der Antrittsrede von Egon Krenz abgeschickt, die ein Signal ist, dass die Partei wieder im Sattel sitzt. Ein junger Schauspieler gerät in eine Berliner Polizeiaktion: "Heute ist hier eine andere Vorstellung und wir bestimmen, was gespielt wird." Kurz darauf öffnet die SED die Mauer. Die Reaktion: Freude und Trauer. "Das ist das Ende" und "Jetzt können wir überall hin". Irgendwie ist jetzt die Luft raus und Unsicherheit verbreitet sich. Die Premiere des Stücks ist sehr schlecht besucht und wird vom Intendanten, der wieder Rückenwind verspürt, abgesetzt, die Kirche, Podium des Neuen Forums, ist leer wie eh und je, und der alte Schauspieler Horst, der als erster das Schweigen brach, ist wieder verbittert verstummt.

Was die Zukunft auch bringen wird, sie braucht engagierte Menschen. Kai siedelt nicht, wie Regieassistentin Claudia, in den Westen. Voller Tatendrang wird er sich hier vor Ort den neuen künstlerischen Herausforderungen stellen. Und gelernt hat er inzwischen, dass sich auch Schauspieler von der anderen Seite nicht nur für Mickeymaushefte und teure Autos interessieren.

Dresen fängt die hoffnungsvolle Anfangsstimmung der Wende, die unter vielen Künstlern nach dem Fall der Mauer und dem Wahlsieg der CDU in Enttäuschung umschlägt, sensibel ein. Mit dem opportunistischen Theaterleiter, überzeugend gespielt von Kurt Böwe, hat Dresen eine authentische Figur geschaffen. Und der junge Hamburger Schauspieler Thomas, der es schafft, das Theaterensemble für kurze Zeit wieder für das Theater und die Kraft der Kunst zu begeistern, ist eine sympathische Figur, die mit ihnen eines gemeinsam hat: Er weiß so wenig wie sie, wohin die Reise gehen wird und hat darauf genauso wenig Einfluss.

Welche Richtung einschlagen?

Dresens Film ist der Gegenpol jenes Katzenjammers, der am stärksten in Letztes aus der DaDaeR zum Ausdruck kommt und mit dem Zusammenbruch des Stalinismus auf seine Weise "das Ende der Geschichte" verkündet. Die Clowns sind letztlich verzweifelte Verteidiger des stalinistischen Systems, das für sie trotz aller Absurdität, ein Bollwerk gegen jene kapitalistische und braune Flutwelle darstellte, die sie jetzt, "umgeben von Bonzen und Bossen" auf sich zurasen sehen, voller Panik, auch weil die einfache Bevölkerung das begeistert zu begrüßen scheint.

Dresens Film verteidigt nicht hysterisch den DDR-Staat. Er stößt auch nicht in Kohls rechte Parole: "Freiheit oder Sozialismus" Er sieht einen sehr einfachen, positiven Aspekt. Der Mauerfall führt zum Zusammenschluss der kleinen Leute in Ost und West. Seine hemdsärmlig optimistische Antwort auf jene "linke" zynische Weltuntergangsstimmung lautet: Überall kocht man mit Wasser, auch im Kapitalismus.

Dass die Hoffnungen vieler Künstler in einen besseren "DDR-Sozialismus" nach dem Fall der Mauer in die Hoffnung eines humanen Kapitalismus mündeten, ist in erster Linie ein Produkt der DDR selbst, deren Ursprünge nicht in der sozialistischen Bewegung, sondern ihrer Unterdrückung durch den Stalinismus fußte. Eine sozialistische Perspektive hätte erfordert, die Arbeiter für eine politische Revolution und die Entmachtung der herrschenden Bürokratie zu gewinnen und die stalinistischen Verbrechen und Verfälschungen der Geschichte aufzudecken. Stattdessen machten sich die oppositionellen Gruppen und Parteien der Wendezeit, wie Neues Forum, Demokratischer Aufbruch, Bündnis 90, Demokratie jetzt usw., die Perspektive von Gorbatschow zueigen, der im Namen von Perestroika und Glasnost eine Wiedereinführung von Marktwirtschaft forderte. Nicht nur "Reformer" der SED wie Modrow, Gysi, sondern auch viele Künstler begrüßten diese Entwicklung euphorisch und halfen damit, die Verwirrung in der Bevölkerung aufrechtzuerhalten.

Die Filme führen die Orientierungslosigkeit der meisten Filmregisseure während der Wendezeit vor Augen. Welcher Filmemacher hat damals das Ausmaß jener dramatischen Zerstörung von Industrie und Arbeitsplätzen vorausgeahnt, die nach der Wiedervereinigung begann und dagegen seine Stimme erhoben? Auch in Dresens Film fehlt jeder Hinweis.

Doch durch sein gesamtes Filmschaffen zieht sich eine ungebrochene Sympathie für die einfachen Leute.

Siehe auch:
59. Berlinale: Jadup und Boel - der letzte verbotene Spielfilm der DDR
(11. April 2009)

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