Frankreich: Von Massenentlassungen bedrohte Arbeiter drohen ihre Fabriken in die Luft zu sprengen

Von Alex Lantier
23. Juli 2009

Im Betrieb des Autozulieferers New Fabris in der 36.000 Einwohner zählenden Industriestadt Chatellerault südlich von Tours haben Arbeiter Gaskanister mit elektrischen Leitungen verkabelt. Sie verlangen von den zwei wichtigsten Kunden von New Fabris, den Autoherstellern Renault und PSA Peugeot-Citroen, Abfindungen von 30.000 Euro. Sie drohen mit Entzündung des Gases, falls sie die Zahlungen nicht bis zum 31. Juli erhalten.

Wie der Betriebsleiter Pierre Réan sagte, haben PSA und Renault die Schließung von New Fabris ausgelöst, als sie "ihre Aufträge rücksichtslos und ohne Vorwarnung gekündigt haben." Die Aufträge wurden dieses Frühjahr um 80, beziehungsweise 30 Prozent zurückgefahren. Sie machten bis dahin 90 Prozent des Geschäfts von New Fabris aus.

Das Lyoner Handelsgericht liquidierte New Fabris am 16. Juni und alle 366 Arbeiter des Betriebs verloren ihre Arbeit.

Diese Entscheidung macht die Unverfrorenheit der Autohersteller deutlich. Zusammen erhielten Renault und Peugeot im Januar für das Versprechen, Jobs und industrielle Aktivitäten zu retten, sechs Milliarden Euro aus dem staatlichen Konjunkturpaket. Jetzt wird erwartet, dass im kommenden Jahr in Chatellerault 2.400 Arbeitsplätze verloren gehen.

Ein örtlicher Vertreter der stalinistischen Gewerkschaft CGT berichtete am 7. Juli, dass 150 Arbeiter von New Fabris mit Bussen vor die Peugeot-Zentrale in Poissy, einem westlichen Stadtteil von Paris, gekommen seien, um zu protestieren und mit Peugeot-Arbeitern der Fabrik von Porte-de-Poissy zu sprechen. Die Fabrik und große Gebiete von Poissy wurden jedoch von einem großen Aufgebot der polizeilichen Sondereinsatzkräfte CSR abgeriegelt, die damit verhinderten, dass die Arbeiter von New Fabris und von Peugeot sich austauschen konnten.

Auf die Frage nach den Gründen für die explosive Verkabelung ihrer Fabrik erklärte ein Arbeiter von New Fabris: "Maschinen und Vorräte an fertigen Produkten sind unsere einzige Verhandlungsmasse." Die Arbeiter schätzen ihren Wert auf drei bis vier Millionen Euro.

Die Regionalzeitung La Nouvelle République (Die Neue Republik) berichtete am 17. Juli, dass Arbeiter von New Fabris und Gewerkschaftsdelegierte die Firmenzentrale von Renault in Billancourt aufgesucht hätten. Renault bot jedoch nur eine Entschädigung von 3.300 Euro an. Industrieminister Christian Estrosi weigerte sich, mit den Arbeitern von New Fabris zusammenzutreffen.

Arbeiter des Betriebs der Kommunikationsfirma Nortel in Chateaufort drohten, die Fabrik am 14. Juli (dem französischen Nationalfeiertag, d. Ü.) mit Hilfe von Gaskanistern in die Luft zu jagen. Die Finanzdienstleistungsfirma Ernst & Young hatte die Abwicklung des Betriebs am 28. Mai eingeleitet. Ihr Personal verweigerte ein Treffen mit den Arbeitern und Gewerkschaftsvertretern von Chateaufort. Le Monde berichtete, dass Arbeiter und nicht Gewerkschaftsdelegierte die Gaskanister mit Zünddrähten verbunden hätten.

In einem Interview mit Le Monde sagte Christian Berenbach, Gewerkschaftsvertreter der CFDC (christlich orientierte Gewerkschaft, d. Ü.) im Betrieb: "Wir sind keine Terroristen. Wir suchen einen Ausweg aus der Krise." Berenbach erklärte, Nortel habe die Schließung der Fabrik durch die Übertragung von 14 Millionen Euro auf die zentralen Firmenkonten in Kanada ausgelöst.

Nachdem Estrosi am 15. Juli ein Treffen mit Vertretern von Ernst & Young und mit Arbeitern angekündigt hatte, entfernten die Arbeiter die Gaskanister. Estrosi hatte noch bemerkt, er wolle Nortels Aktivitäten in Chateaufort nicht "schwächen", da er der Meinung sei, die Firma habe "das notwendige Zeug, um die Krise durchzustehen."

Beim Hersteller für Fahrzeugteile JLG in Faullet unweit Bordeaux befinden sich 163 Arbeiter in einem Solidaritätsstreik für 53 kürzlich entlassene Mitarbeiter. Sie drohen das Fabrikinventar mit Hilfe von Gaskanistern in die Luft zu sprengen, sollten die entlassenen Kollegen keine Entschädigungszahlungen erhalten. Am 15. Juli stimmte die Leitung von JLG einer Entschädigung in Höhe von 16.000 Euro zu. Die streikenden Arbeiter bestanden jedoch auf der Zahlung von 30.000 Euro und lehnten das Angebot ab.

Am 19. Juli wurde berichtet, das JLG-Management habe dem Betrag von 30.000 Euro zugestimmt.

Der Ablauf der Ereignisse ist ein eindeutiger Hinweis auf sich entwickelnde explosive politische Zustände, weil die Unternehmen Wirtschaftskrise und Rettungspakete nutzen, um sich auf Kosten der Arbeiterklasse die Taschen voll zu stopfen.

Die Drohungen, Fabriken in die Luft zu jagen, folgen auf eine Welle so genannter "boss-nappings" im Frühjahr, als von Arbeitslosigkeit bedrohte Arbeiter ihre Chefs als Geiseln nahmen. Solche Aktionen stießen auf breite öffentliche Sympathie. Dem Meinungsforschungsinstitut Ifop zufolge konnten 63 Prozent der Befragten die Arbeiter verstehen, die ihre Chefs gefangen nahmen; 30 Prozent unterstützten solche Aktionen vorbehaltlos.

Die Regierung ist äußerst unbeliebt. Die neueste Ifop-Umfrage zeigte, dass 59 Prozent der Befragten die Politik des konservativen Präsidenten Nicolas Sarkozy ablehnen.

Industrieminister Estrosi kritisierte die Drohungen der Arbeiter, ihre Fabriken zu sprengen, als "würdeloses Verhalten". Diese Kritik, verdient selbst nichts als Verachtung. Wirklich würdelos sind die Aktionen einer Regierung, die unzählige Milliarden in die Taschen der größten Banken und Firmen schaufelt und zulässt, dass im ganzen Land Fabriken dicht gemacht werden.

Wenn die Arbeiter zur Verteidigung ihrer Arbeitsplätze und Fabriken keine Arbeitskämpfe führen, sondern sich statt dessen auf extreme Verzweiflungstaten - wie das verzweifelte Verhandeln um Abfindungen, verbunden mit Bombendrohungen gegen die eigenen Fabriken - einlassen, dann nur, weil sie politisch in die Isolation getrieben wurden.

Keine der offiziellen Parteien - rechts wie links - schlägt der Arbeiterklasse vor, auf die Wirtschaftskrise mit einem unabhängigen politischen Programm zu reagieren: nämlich die Macht zu ergreifen und die gesellschaftlichen Mittel zu nutzen, die derzeit den Banken zur Verfügung gestellt werden. Mit diesen Mitteln müssen die Industrie wiederaufgebaut und neue Arbeitsplätze geschaffen werden.

Die französische bürgerliche Linke, vor allem die Sozialistische und die Kommunistische Partei, haben bei der Zerstörung der Industrie in den vergangenen dreißig Jahren eine Schlüsselrolle gespielt. Und zwar sowohl in, als auch außerhalb von Regierungsverantwortung. Ihre Reaktion auf die derzeitige Wirtschaftskrise bestand darin, geringfügige Modifikationen des von Sarkozy vorgelegten Bankenrettungsplans vorzuschlagen. Ihre gemeinsamen Empfehlungen veröffentlichten sie im Frühjahr immer genau vor den eintägigen Gewerkschaftsdemonstrationen. Sie wurden auch noch von den Parteien der "radikalen Linken", wie der Nouveau Parti Anti-Capitaliste (Neue Antikapitalistische Partei - NPA) mit unterzeichnet.

Die Gewerkschaften, die die Pläne der bürgerlichen Linken unterstützten, haben die Arbeiter der betroffenen Fabriken bewusst isoliert.

Die Krise in der französischen Autoindustrie ist beispielhaft. Um in enger Absprache mit dem Staat die Opposition gegen die sozialen Kürzungen der Regierung zu unterlaufen, haben sich die Gewerkschaften in den letzten Jahren auf zahnlose, eintägige Streiks der Beschäftigten im öffentlichen Dienst konzentriert. Es gab jedoch keine breitere Streikaktion, um der Krise und dem Niedergang in der Autoindustrie zu begegnen.

Schon einige Jahre vor dem Beginn der Wirtschaftskrise brach die Automobilproduktion in Frankreich rasant ein. Für dieses Jahr wird ein Rückgang der Produktionszahlen von 40 Prozent gegenüber der im Vorjahr schon rückläufigen Zahl von 2,57 Millionen Fahrzeugen erwartet.

Trotz des Überflusses an selbsternannten "Sozialisten" in Frankreichs politischen Führungseliten gibt es heute in diesem Land keine Partei der Abeiterklasse.

Insbesondere die Parteien der "radikalen Linken" unterstützen die Gewerkschaften weiter und weigern sich, zu einem politischen Kampf gegen die Politik Sarkozys aufzurufen, was einen politischen Bruch mit der Sozialistischen und der Kommunistischen Partei notwendig machen würde.

Die NPA, die derzeit über ein eventuelles Wahlbündnis mit der Kommunistischen Partei verhandelt, ließ ihre Klassenorientierung in einer Erklärung vom 17. Juni mit dem Titel "Entlassungen: Zusammenarbeit ist dringend" durchblicken. Trotz des verwirrend aktivistisch klingenden Titels wurde im Wesentlichen erläutert, weshalb die NPA keine Initiative zur Bildung einer politischen Führung der Kämpfe der Arbeiterklasse ergreift.

Unter Hinweis auf die Isoliertheit der Kämpfe an den verschiedenen Produktionsstandorten schrieb die NPA: "Dies könnte Anlass zur Diskussion konkreter vorwärts weisender Perspektiven unter den Arbeitern selbst sein. Ein solches Treffen kann aber nicht einfach angeordnet werden."

Unter Bezug auf einige von Streiks betroffenen Produktionsstandorten wurde dann noch angefügt: "Die NPA könnte Vertreter von fünfzehn oder mehr Betrieben in Frankreich versammeln, die heute von Entlassungen bedroht sind, und einen ‘Aufruf der NPA’ aus dem Hut zaubern. So funktioniert es aber nicht."

Die dringlichste Aufgabe ist die Schaffung einer politischen Partei, die die Kämpfe der Arbeiter in Frankreich und Europa auf der Grundlage einer sozialistischen Perspektive führt.

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