Der Tod von Michael Jackson

Von David Walsh
1. Juli 2009
Michael Jackson Michael Jackson

Der Tod des Sängers Michael Jackson im Alter von 50 Jahren hat aufrichtige Trauer ausgelöst, er kam aber nicht besonders überraschend. Wie die Dinge lagen, war ein glückliches Ende seiner Geschichte kaum vorstellbar. In Amerika haben Menschen für außergewöhnlichen Ruhm und große Erfolge sehr oft einen fürchterlichen Preis zu zahlen.

Ohne Zweifel hat der Tod Jacksons sehr viele Menschen berührt. Er war schließlich einer der ersten global auftretenden Superstars und soll weltweit ungefähr eine Dreiviertelmilliarde Alben verkauft haben. Man kann davon ausgehen, dass die Freunde seiner Musik und seiner Auftritte auf Grund seiner offensichtlichen persönlichen Traumata Mitgefühl mit ihm hatten und mit echten Gefühlen reagieren.

Über die Reaktionen der Magnaten in der Unterhaltungsindustrie und den Medien ist Gegenteiliges festzustellen. Das gleiche trifft auf die verschiedensten Politiker zu (vom britischen Premierminister Gordon Brown und dem deutschen Wirtschaftsminister Karl Theodor zu Guttenberg bis hin zum ehemaligen südkoreanischen Präsidenten Kim Dae-Jung und der früheren philippinischen Firstlady Imelda Marcos). Hier gibt es einen Wettlauf zwischen finanziellem (und sogar politischem) Kalkül und Zynismus.

Der Tod Jacksons am Donnerstag Nachmittag in einem angemieteten Haus in Los Angeles führte zu einem plötzlichen Ansturm auf verschiedene Online-Dienste, es gab auch einen sprunghaften Anstieg beim Verkauf seiner Musikprodukte. Auf den Kanälen des Kabelfernsehens und in den Internetnachrichten wurde kaum noch ein anderes Thema angesprochen. Am Freitag berichtete MTV, dass es "Jacksons Musik geschafft hat, die ersten 15 Plätze der Bestsellerliste bei Amazon zu besetzen, sowie die Hälfte der Top 20 der heruntergeladenen Alben und Singles von iTune einzunehmen."

Die Vermutung, dass der Tod Jacksons in gewissen Kreisen als einmalige Gelegenheit zur Verbesserung der diesjährig rückläufigen Verkaufszahlen im CD-Handel begriffen wurde, tut der sprichwörtlich beutegierigen Meute von Industriemanagern wohl kein Unrecht an. (Analysten rechnen 2009 mit einem Gesamterlös im Musikhandel von 23 Milliarden Dollar, 16 Prozent weniger als 2006)

Der Geschäftsführer von Sony, Howard Stringer - seine Firma besitzt die Rechte an Jacksons Verkaufsschlagern - nannte den Sänger in einer offiziellen Stellungnahme "einen brillanten Troubadour seiner Generation, ein Genie, das die Leidenschaften und Schöpferkraft einer Ära ausdrückte", derweil der Nachrichtendienst Bloomberg anmerkte, dass Sony "die Einkünfte verbessern kann, indem der Verkauf der CDs und DVDs der verstorbenen Pop-Ikone wieder in Gang gebracht wird." Ein Analyst der Deutschen Bank AG in Tokio jedoch reagierte mit einer kalten Dusche auf diese Freude und erklärte, dass der Beitrag von Jacksons Hinscheiden zum Gesamtgewinn der Firma "begrenzt sein wird und kaum Auswirkungen auf den Aktienpreis haben dürfte."

Was die Massenmedien betrifft, so zerrten die verschiedenen Nachrichtenblätter 2005 zur Zeit des Prozesses wegen Kindesmissbrauchs gegen Jackson jede anrüchige Einzelheit ins Rampenlicht und erörterten sein Privatleben in abstoßendster Weise. Boulevardzeitungen und die Medien allgemein begegneten seinem Freispruch in allen Anklagepunkten mit einem enttäuschten Gemurre. Die erwartete Gefängnisstrafe für Jackson hatte schlichtweg so viele Möglichkeiten für weitere Berichte und Gelegenheiten zum Ausschlachten seiner Demütigung in Aussicht gestellt.

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Nach seinem Tod schrieb die Los Angeles Times : "Die Boulevardblätter, die Jackson gnadenlos gehetzt, und ihm wegen seines bizarren Benehmens, seines immer merkwürdiger werdenden Aussehens und den Anschuldigungen wegen Kindesmissbrauchs den Spitznamen‚Wacko (verrückter) Jacko’ verpasst hatten, waren plötzlich vollen überschwänglichen Lobes für den Mann, "der Milliarden Menschen den Soundtrack geliefert hat."

In derart gelagerten Fällen gehört die britische Sun von Rupert Murdoch immer zu den schlimmsten Gangstern. Am Freitag schrieb sie scheinheilig: "Er hat seine Ankläger besiegt, seine Gesundheit war jedoch ruiniert und sein Vermögen vernichtet. Heute gedenken wir des Michael Jackson, den die Welt liebte: der Kinderstar der Jackson Five, dessen Talent, Charisma und Charme die Welt in Bann schlug...

"Die ganze Welt war seine Bühne und die ganze Menschheit sein Publikum. Unvergesslich für diejenigen, die das Glück hatten, ihn zu sehen. Wer Aufnahmen von ihm hat - es wird kaum jemanden geben, der keine hat - wird sie heute abspielen und ihn betrauern."

So sah das korrupte, heuchlerische Umfeld Jacksons aus, und es wirkte zerstörerisch auf ihn. Was auch die unmittelbaren physiologischen Gründe für seinen Tod waren, es wäre nicht angemessen, sein Sterben isoliert von dem enormen Druck zu betrachten, unter dem er lebte. Über 40 Jahre beruflich im Showgeschäft, von den Medien ständig gehetzt, verfolgt von übler Nachrede, unter dem enormem Erfolgsdruck des geplanten Comebacks brach Jackson - dessen Gesundheit schon seit Jahren angeschlagen war - im Vorfeld einer Serie von 50 aufreibenden Konzerten, die von Juli bis März 2010 in London geplant waren, zusammen.

Die Veranstalter hatten darauf bestanden, dass sich Jackson "einer Reihe gründlicher ärztlicher Untersuchungen" unterzog, bevor sie den Auftritten zustimmten, die zum Teil auch stattfinden sollten, damit der Sänger seine angeblich Hunderte Millionen Dollar hohen Schulden abtragen konnte. Typisch für die makabre und unbarmherzige Atmosphäre um Jackson ist das britische Wettbüro William Hill, das mit nur 1:8 darauf wettete, dass der erste geplante Auftritt stattfindet. Der Publizist Michael Levine aus Los Angeles, ein ehemaliger Sprecher des Künstlers, sagte in einer Pressekonferenz: "Kein Mensch kann diese anhaltend hohe Anspannung aushalten."

Im Laufe seines Lebens trafen verschiedene Entwicklungen aufeinander, die Michael Jacksons Schicksal schließlich besiegelten. An erster Stelle selbstverständlich sein außergewöhnliches Talent. An diesem Punkt ist es sehr schwierig, den Medienwirbel und die Übertreibungen zu durchschauen und sich ein zutreffendes Bild von seinem Talent zu machen. Die Bild- und Tonaufnahmen für Motown von 1968, als Jackson zehn Jahre alt war, zeigen, dass er auf dem Feld populärer Musik ein wirkliches Wunder war. Ein Kritiker formulierte es so: " In einer Kombination voneinander unabhängiger Bewegungen tanzt, flattert Jackson, er wirbelt, macht Schwenks, gleitet rückwärts über den Boden, und demonstriert triumphal, dass der menschliche Körper wie ein Musikinstrument und nicht nur als plumpes Werkzeug eingesetzt werden kann." (Guardian)

In der Industriestadt Gary aufwachsend, saugte Jackson Musik und die ihn umgebenden Stimmungen in sich auf und konnte, wie auch afroamerikanische Künstler früherer Generationen, die durch Kämpfe und Opfer der Menschenrechtsbewegung erreichten kommerziellen Möglichkeiten für sich nutzen.

Wie wir 2003 schrieben, hatte Jackson einen schwierigen familiären Hintergrund und "wurde von der erdrückenden Maschinerie der amerikanischen Unterhaltungsindustrie nach oben katapultiert - und das, angesichts seiner psychischen Verletzlichkeit, zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt.

Jacksons größter persönlicher Erfolg fällt in die Zeit der Reagan-Jahre, eine Zeit, in der viele Amerikaner ihren eigenen Radikalismus der siebziger Jahre - oder den von anderen - ablegten und sich auf das Geschäft des Reichwerdens konzentrierten. Selbstsucht, Hedonismus, Individualismus und Geldgier rückten an die erste Stelle. Jackson war ein phänomenal begabter Sänger, Tänzer und Liedermacher, aber die Fähigkeit, mit der Musik etwas auszusagen, ist weder angeboren, noch das Ergebnis selbst der unermüdlichsten Proben oder elterlichen Drucks.

Die ‚Jackson Five’ eroberten die Musikszene und insbesondere Motown zu einer Zeit, als die Protestwelle weit verbreitet war. Die Plattenfirma, Eigentum von Berry Gordy, einem glühenden Befürworter des ‚Schwarzen Kapitalismus’, hatte auch Kontakt zu radikalen Strömungen.

1971 brach ein Streit zwischen Gordy und dem Sänger Marvin Gaye aus, weil letzterer ‚What's Going On?’ aufnehmen wollte, einen Song gegen den Vietnamkrieg. Gaye, dessen Cousin in Vietnam gestorben war und dessen Bruder drei Vietnam-Feldzüge mitgemacht hatte, fragte in jener Zeit öffentlich: ‚Wie kann man von mir erwarten, Liebeslieder zu singen, wenn die Welt um mich herum explodiert?’ Andere schwarze Künstler wie Stevie Wonder nahmen Anfang der siebziger Jahre Lieder auf, die der Politik Richard Nixons gegenüber hochgradig kritisch eingestellt waren. Curtis Mayfield war ein ausgesprochener Gegner von Krieg und Rassismus.

Die Jacksons und ihr so genannter ‚Kaugummi-Soul’ wurden von der Musikindustrie, ohne dass sie daran selbst Schuld waren, als Gegenmittel gegen all das eingesetzt. Jackson brach in den späten siebziger Jahren mit seinem kindlich-musikalischen Image, was man ihm jedoch nicht über Gebühr anrechnen sollte. Er bewies außerordentliches Können, aber der Inhalt seiner Lieder war niemals von bemerkenswerten Einsichten und ganz sicher nicht von Widerstand gekennzeichnet. Man muss in der Mediendiskussion über Jackson immer zwischen der Wertschätzung seiner tatsächlichen Talente und der weit größeren Ehrfurcht unterscheiden, die Journalisten und Plattenindustrielle seinen Verkaufsziffern und seinem aufgehäuften persönlichen Reichtum entgegenbrachten."

Damit sollen nicht die brillanten Auftritte Jacksons und sein tänzerisches Können geschmälert werden, die wahrscheinlich in den 1980ern ihren Höhepunkt erreichten. Ein Leser der WSWS erinnert an die Aufführungen von damals: "Die Gruppe bot ein paar ältere Stücke, und dann sollte Michael seine Songs vortragen. Nachdem er sie nacheinander dargeboten hatte, und die Bühne für eine Pause verließ, gab es ein paar kurze Gelegenheiten, bei denen die anderen Jacksons spielten. Jermaine spielte ein paar Nummern aus seinem neuen Soloalbum ... Es war jedoch nur zum Pausenfüllen. Wir alle warteten nur auf Michael. Dann kam Michael wieder auf die Bühne und die Arena raste ....Welch ein Tänzer! Welche Energie! Er schlug sein Publikum wirklich in Bann."

Jackson konnte auch von relativ neuen Technologien und Formaten profitieren. Mit dem Start des Musiksenders MTV wurden in den frühen 1980er Jahren Musikvideos immer beliebter, außerdem kam das Kabelfernsehnetz auf. 1983 wurde zu zuvor noch nie erreichten Produktionskosten von einer halben Million Dollar das 14-minütige Video zum Song "Thriller" veröffentlicht. Danach wurde das Album "Thriller" mit beispiellosen Verkaufszahlen von 109 Millionen Exemplaren zur bisher meistverkauften Schallplatte aller Zeiten.

Ein derart universeller Erfolg bedeutet für die Welt des Showgeschäfts und der Medien Geld, aber auch Blut. Natürlich bringen Verkauf von CDs und DVDs, Live-Auftritte, Reportagen, Geschäfte mit Werbung und anderes riesige Gewinne für die Konzerne, die echte Talente wie Jackson und unzählige andere ausbeuten und sich an ihnen mästen. Jahrelange Anstrengungen, Fertigkeiten bei Gesang und Komposition, Gewissenhaftigkeit, Großzügigkeit, Menschlichkeit, alles was der Künstler in seine Musik einbringt, hat für die Industrie nur Wert insoweit es Geld bringt.

Auf der anderen Seite spielt in den USA Bekanntheit eine wichtige, und ungesunde Rolle. In einem Land, in dem in der Öffentlichkeit selbst über lebenswichtige Fragen (zwischen rechten Positionen und anderen, sogar noch rechteren Konzeptionen) nur in äußerst eingeschränkter Weise debattiert wird, und wo das politische Leben fast vollkommen vorgezeichnet ist, dient eine voyeuristische Faszination mit dem Leben von Berühmtheiten und Reichen dazu, die Hohlheit weniger spürbar zu machen und die Aufmerksamkeit der Bevölkerung von ihren tatsächlichen Bedürfnissen und Interessen abzulenken.

Damit vergehen verbreitete Frustration und Unzufriedenheit jedoch nicht. Die von den Medien gespeiste, allgemeine Haltung der Öffentlichkeit zu "Prominenten" schwankt oft zwischen den Polen kritikloser Bewunderung und Verdammung. Entsprechend ihrer eigenen Interessen manipulieren Boulevardzeitungen, Talkshows und "neue Unterhaltungsprogramme" diese Empfindungen. Es kann passieren, dass der unglücklichselige, in Ungnade gefallene Sportler, Popstar oder Filmschauspieler in wahrlich ungeheuerlicher Art und Weise dämonisiert wird.

Für jemanden wie Jackson, talentiert, aber psychisch schwer gestört, musste dieses brutale Gezerre - heute verehrt, morgen verspottet und verachtet - außerordentlich belastenden Stress bedeuten. Er war ein Mensch, dem, nach seinen eigenen Worten, Auftritte auf der Bühne und Bewunderung der anonymen Menschenmassen Lebenselixier waren.

Jetzt versuchen Medienzaren und die Unterhaltungsmaschinerie aus Jacksons Tod möglichst viel Gewinn herauszuschlagen - und halten derweil schon Ausschau nach ihrem nächsten Opfer.

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