Bernard Madoffs Mitverschwörer

Von Patrick Martin
3. Juli 2009

Der Finanzier Bernard Madoff wurde am Montag zu 150 Jahren Gefängnis verurteilt. Er hatte das größte Betrugsgeschäft der Geschichte organisiert. Bundesdistriktrichter Danny Chin gab zu, dass ein solches Urteil für einen 71-jährigen rein symbolischen Charakter habe, erklärte jedoch: "Die Botschaft ist, dass Madoffs Verbrechen außerordentlich schändlich waren."

Chin gab auch zu, dass Madoffs Geständnis und seine Bereitschaft, mit den Untersuchungsbehörden zusammenzuarbeiten, um sein System zu entwirren, normalerweise mildernde Umstände bewirkt hätten. Er betonte die politischen Gründe hinter der Verhängung der gesetzlichen Höchststrafe. Madoffs Betrug habe "das Vertrauen der Opfer in unsere Finanzinstitutionen und in die Fähigkeit der Regierung, das System zu regulieren, erschüttert", sagte er.

Mit anderen Worten, die Verurteilung Madoffs zu 150 Jahren hat den Zweck, den Betreiber jenes Schneeballsystems von seinen Kollegen an der Wall Street abzugrenzen, deren Finanzmanipulationen noch viel schädlicher waren. Während der Schaden, den Madoff mit seinem betrügerischen Investmentgeschäft angerichtet hat, sich auf fünfzig Milliarden Dollar belaufen soll, hat der Wall Street Crash von 2008 Dutzende Billionen Dollar an Papierwerten vernichtet und Millionen Menschen ihres Arbeitsplatzes, ihres Hauses und ihrer Altersersparnisse beraubt.

Die Justiz behandelte diesen Fall mit ungewöhnlichem Tempo. Daran zeigte sich der Wunsch aller Beteiligten - der Staatsanwälte, des Richters, der Regulierungsbehörden und von Madoff selbst -, die Angelegenheit mit den geringst möglichen Auswirkungen auf die Wall Street über die Bühne zu bekommen. Das Schneeballsystem wurde im Dezember aufgedeckt, Madoff bekannte sich im März in elf Anklagepunkten schuldig und die Zuweisung des Strafmaßes schließt den Fall nach gerade einmal sechs Monaten praktisch ab.

Die wichtigste Regulierungsbehörde für die Börsen, die Securities and Exchange Commission (SEC) begrub den Fall noch schneller. Sie stimmte im Februar zu, das Zivilverfahren gegen Madoff abzuschließen, ohne dass er die Vorwürfe gegen ihn überhaupt einräumen oder zurückweisen musste. Damit vermied sie ein Zivilverfahren, das die Fakten des gigantischen Betrugs an die Öffentlichkeit hätte bringen können.

Die Medien unternahmen alle Anstrengungen, Madoff zu dämonisieren. Diese Kampagne erreichte am Montagabend ihren Höhepunkt, als die Nachrichtensendungen aller drei großen Fernsehanstalten ihre Berichterstattung mit der Nachricht über seine Verurteilung eröffneten. Aber er ist in Wirklichkeit nur einer von Dutzenden von Raubrittern der Wall Street, die wegen Gier und finanzieller Raubzüge vor Gericht gehörten.

Madoff hätte sein Betrugssystem unmöglich zwanzig Jahre lang am Laufen halten können, wenn ihm nicht zahlreiche Finanzhäuser und hochgestellte Persönlichkeiten an der Wall Street und in Washington den Rücken frei gehalten hätten.

Die so genannte Ponzi-Pyramide war dreist und ist im Rückblick leicht zu durchschauen. Madoff investierte in Wirklichkeit von all den Milliarden Dollar, die ihm Tausende Einzelpersonen anvertrauten, keinen Cent auf den Finanzmärkten. Das Geld stammte von Milliardärs-Kollegen, Pensionsfonds, Rentnern mit bescheidenen Mitteln oder jüdischen Wohlfahrtsverbänden, die ihre Stiftungsgelder sicher anlegen wollten. Alle Finanzberichte waren gefälscht, und Madoff zahlte seinen Kunden die Dividenden aus dem Geld, das er von neuen Investoren einwarb. Erst als die globale Finanzkrise das Vertrauen in die Märkte untergrub, und viele Investoren ihre Mittel zurückziehen wollten, brach Madoffs System zusammen.

Mehrfach zeigten Investoren Madoff bei der SEC an, weil ihnen die unerschütterliche zehnprozentige Verzinsung seiner Investitionen, völlig unberührt von der sonstigen Verfassung der Märkte, verdächtig vorkam. Ein besonders hartnäckiger Kritiker schrieb 1999 einen Brief an die SEC, in dem er erklärte: "Madoff Securities ist die weltgrößte Ponzi-Pyramide." Aber die Behörde führte keine ernst zu nehmende Untersuchung durch.

In seinen öffentlichen Erklärungen vor Gericht legte Madoff offen, dass er die Summen, die in seine Investmentfirma flossen, nicht investierte, sondern einfach auf einem Konto bei der Chase Manhattan Bank parkte. Es ist unvorstellbar, dass Top-Managern der Bank, die jetzt zu JP Morgan Chase gehört, die Milliarden, die auf diesem Konto eintrafen und wieder abflossen, nicht bemerkt haben.

Mindestens ein halbes Dutzend große Hedge Fonds und private Investoren hatten enge Beziehungen zu Madoff und scheinen über seinen bevorstehenden Zusammenbruch vorab informiert gewesen zu sein. Der Insolvenzverwalter klagt jetzt gegen sie, weil sie in den Monaten vor Dezember 2008 mehr als zehn Milliarden Dollar aus Madoffs Firma abgezogen hatten.

Madoff war dreißig Jahre lang eine Säule der Wall Street. Er war drei Jahre lang Vorsitzender der Nasdaq und im Vorstand der Nationalen Vereinigung der Wertpapierhändler. Zu seinen Kunden zählten so hochrangige Personen wie Senator Frank Lautenberg, J. Ezra Merkin, Vorsitzender der GM Bank GMAC, und Mortimer Zuckerman, der Besitzer der New York Daily News. Er spendete dem Wahlkampfausschuss der Demokraten für den Senat und einzelnen Senatoren wie Lautenberg aus New Jersey und Charles Schumer aus New York sechsstellige Summen.

Nun wird versucht, diese Stützen des Establishments als Madoffs Opfer hinzustellen, aber man wird ihnen wohl eher gerecht, wenn man sie als Mitverschwörer bezeichnet. Die World Socialist Web Site schrieb schon zum Zeitpunkt seiner Verhaftung: "Madoffs Betrug ist nur ein Ausdruck der gigantischen Ausplünderung der Gesellschaft, die das Wesen des heutigen Kapitalismus ausmacht."

Madoff ging vielleicht dreister vor als die meisten, aber was er tat, unterschied sich nicht grundlegend von dem, was die Wall Street insgesamt der arbeitenden Bevölkerung in den Vereinigten Staaten und international antut. Die enorme Umverteilung des Reichtums in den letzten dreißig Jahren von unten nach oben hat ihren Höhepunkt in der völligen Unterordnung der amerikanischen Gesellschaft unter die Klasse der Madoffs gefunden - d.h. der Finanzparasiten, deren Spekulation und manische Jagd nach persönlichem Profit die arbeitende Bevölkerung in eine Katastrophe gestürzt hat.

Eine Binsenweisheit aus Washington trifft genauso auf die Wall Street zu: Nicht das Illegale ist der Skandal, sondern das Legale. Madoffs Schneeballsystem verstieß sogar gegen die lächerlich laschen Regulierungsbestimmungen des amerikanischen Kapitalismus. Es gibt zahllose andere Investment-Konstrukte, die nicht offiziell illegal sind, die aber im gesellschaftlichen Sinn nicht weniger kriminell sind, weil sie die Arbeitsplätze, den Lebensstandard und die Renten der arbeitenden Bevölkerung in Gefahr bringen, um das Vermögen der Superreichen zu vergrößern.

Darauf reagiert die politische Elite Amerikas, an deren Spitze Präsident Obama steht, mit Rettungsprogrammen für die Schwindler, deren Manipulationen die Krise beschleunigt haben. Ein Madoff wandert ins Gefängnis, aber für die Klasse der Madoffs werden Rettungsprogramme aufgelegt, die ihnen praktisch unbegrenzte Mittel des Finanzministeriums und der Notenbank zur Verfügung stellen. Diese Mittel werden der amerikanischen Bevölkerung geraubt.

Siehe auch:
Der Madoff-Skandal
(17. Dezember 2008)

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