"Das Kapitalistische Manifest" des Herausgebers der Newsweek International - ein verzweifelter Beruhigungsversuch

Von Nick Beams
11. Juli 2009

Der Herausgeber des Newsweek International, Fareed Zakaria, hat ein Essay unter dem Titel "Das kapitalistische Manifest: Gier ist gut (bis zu einem gewissen Punkt)" veröffentlicht. Es drückt Erleichterung darüber aus, dass die von der globalen Finanzkrise hervorgerufene Panik nachlässt und verbreitet Zuversicht in den Kapitalismus, der bei allen Mängeln doch "die produktivste, bisher erfundene Wirtschaftslokomotive ist".

Das Problem an der Behauptung, alles sei wieder in Ordnung in der besten aller denkbaren Welten, ist nur, dass die Krise sich gerade erst zu entfalten beginnt, statt sich ihrem Ende zu nähern.

Zakaria beginnt mit der tröstenden Tatsache, dass die Finanzkrisen der vergangenen zwanzig Jahre alle überstanden worden seien und zu neuem Wirtschaftswachstum geführt hätten. Der Börsencrash von 1987 trotzte den Prognosen einer neuen Großen Depression und "erwies sich stattdessen als Ausgangspunkt einer noch größeren und längeren Konjunktur". Asiens Finanzkrise 1997 führte nicht zu einer globalen Krise, sondern die Wirtschaften Asiens "erholten sich binnen zweier Jahre". Der Zusammenbruch des Hedgefonds Long Term Capital Management im Jahr 1998, vom damaligen Finanzminister Robert Rubin als "die schwerste Finanzkrise der letzten 50 Jahre" bezeichnet, führte nicht zum Aus für die Hedgefonds. Sie haben sich stattdessen seither "enorm ausgebreitet".

Wie wurden diese Krisen der Vergangenheit überwunden? Wie Zakaria darlegt, präsentierte der Vorsitzende der Fed, Alan Greenspan, stets dieselbe Lösung: Er stellte billigen Kredit bereit und senkte die Zinsen - was einige Spekulationsblasen erzeugte.

In der Subprimekrise von 2007 folgte auch der jetzige Fed-Chef Ben Bernanke diesem Muster. Die Zinssenkungen verfehlten dieses Mal jedoch ihre Wirkung und es gelang nicht, die Krise zu entschärfen. Die Fed öffnete im August 2007 die Geldhähne, doch die Lage verschärfte sich nur. Im März 2008 ging die Investmentbank Bear Stearns unter und im September folgte der Kollaps von Lehman Brothers. Ende 2008 waren trotz umfangreicher Liquiditätshilfen alle fünf Investmentbanken der Wall Street entweder zusammengebrochen, oder gezwungen, sich in gewöhnliche Geschäftsbanken umzuwandeln. Das Weltfinanzsystem stand am Rande des Abgrunds.

Das allein zeigt, dass anders als in Zakarias nettem Drehbuch, das die Krise nur als eine weitere unter den Krisen seit 1987 zeichnet, der Zusammenbruch im Jahre 2007 den qualitativen Wendepunkt in einem anhaltenden Prozess kennzeichnet.

Zakaria muss zugeben, dass der Niedergang des Weltfinanzsystems "in den vergangenen 30 Jahren schneller als in jeder anderen vergleichbaren Periode der Geschichte vonstatten" gegangen ist, aber er betont, dass das Problem nicht im Profitsystem selbst liegt. "Was wir erleben, ist keine Krise des Kapitalismus. Es ist eine Krise der Finanzwirtschaft, der Demokratie, der Globalisierung und letztendlich der Ethik".

Zunächst gilt es festzuhalten, dass es unsinnig ist, die aufgeführten Phänomene vom Kapitalismus zu lösen, als könnten die kapitalistischen Produktionsverhältnisse irgendwie von ihrem Umfeld abgehoben sein und als würden sie nicht selbst das sozio-politische Umfeld formen - einschließlich der vorherrschenden Ethik.

Sehen wir uns Zakarias Erklärung der Krise an. Er behauptet wie viele andere auch, der Fehler liege in der Funktionsweise des Finanzsystems.

"Die Finanzwirtschaft geriet in den Schlamassel, oder, um genauer zu sein, die Finanzleute brachten sie da hinein. Als im Juni 2007 die Finanzkrise begann, hatten Coca-Cola, PepsiCo, IBM, Nike, Wal-Mart und Microsoft gesunde Bilanzen und vernünftige Geschäftsmodelle. Große amerikanische Unternehmen waren hoch profitabel und umsichtig mit ihren Ausgaben, hielten ihr Geld zurück, um Reserven für den Abschwung zu bilden".

Diese Trennung der Finanzwirtschaft (der schlechten Seite) vom Rest der kapitalistischen Wirtschaft (der guten Seite) hat eine lange Tradition. Bereits Marx ging darauf vor mehr als 150 Jahren in seiner vernichtenden Kritik am kleinbürgerlichen Anarchisten Proudhon ein. Wie Marx damals ausführte, könne die "schlechte" Seite allein deshalb nicht von der "guten" getrennt werden, da sich die "schlechte" Seite meistens als die treibende Kraft der historischen Entwicklung erweise. Genau das ist aktuell der Fall. Die Entwicklung des amerikanischen Kapitalismus - und der Weltwirtschaft - gründet auf den weitreichenden, mit dem Prozess der Finanzialisierung verbundenen Veränderungen seit den 1980er Jahren.

Einige Zahlen erhellen was geschehen ist. 1980 entfielen auf Finanzfirmen etwa fünf Prozent der Unternehmensprofite. 2006 waren es vierzig Prozent. Der Wert der Finanzanlagen entsprach 1980 etwa dem Wert des Weltbruttosozialproduktes. Ein Vierteljahrhundert später entsprachen sie dem 3,5-fachen des Weltbruttosozialproduktes. Im Zentrum dieses Prozesses steht die Verschuldung des Finanzsektors der USA. Sie stieg von 63,8 Prozent des Bruttosozialproduktes 1997 auf 113,8 Prozent im Jahre 2007 - ein Ergebnis dessen, dass die Finanzunternehmen ihre Geschäfte zunehmend kreditfinanziert vornahmen.

Dieses Aufblühen der Finanzialisierung war nicht einfach eine strategische Entscheidung, sondern die Reaktion auf eine Krise des kapitalistischen Akkumulationsprozesses, die sich seit den späten Sechzigern und in den Siebzigern entwickelte. Damit verbunden war die Zerstörung weiter Teile des produzierenden Kapitals, ein gezieltes Vorgehen gegen die soziale Stellung der Arbeiterklasse, zunehmende Standortverlagerungen und Ausgründungen, um Zugang zu billigeren Arbeitskräften zu bekommen und der Rückgriff auf Finanzmanipulationen wie feindlicher Übernahmen und Fusionen als Quelle des Profites.

Die neue Akkumulationsweise

Die Wandlung der amerikanischen Wirtschaft in den 1980ern verband sich mit dem Aufkommen einer neuen Akkumulationsweise, in der durch Finanztransaktionen Profit aus der Aneignung bereits geschaffenen Reichtums gezogen wurde. Wurde zuvor in der US- Geschichte Reichtum durch Investitionen, Handel und Industrie akkumuliert, so waren jetzt steigende Kurse die Triebkraft der Akkumulation von Reichtum. Das hat die Struktur der gesamten US- Wirtschaft und auch die Aneignung von Profit durch jene Teile des Kapitals bestimmt, die nicht direkt zum Finanzsystem gehören.

In den 1950ern und 1960ern stellten Firmen mit Fließbandfertigung zwar nicht den größten Teil der amerikanischen Wirtschaft, aber die mit diesen Produktionsmethoden erzielten enormen Produktivitätszuwächse boten die Grundlage für das Wachsen aller Wirtschaftsbereiche. Die Gesellschaft war, wie es Sozialwissenschaftler ausdrücken, durch das "fordistische Regime" geprägt. Nach den berühmt gewordenen Worten des ehemaligen Vorstands von GM, Charles Wilson, hieß das: "Was gut für das Land ist, ist auch gut für General Motors und umgekehrt".

In den zurückliegenden 25 Jahren hat nun das Finanzkapital die grundlegende Funktion übernommen, die einst die Fließbandfertigung innehatte.

Die Aneignung von Profit ist ein gesamtgesellschaftlicher Prozess. Egal wie solide oder gut geführt jedes einzelne kapitalistische Unternehmen ist, hängt das Gedeihen des einzelnen Unternehmens vom Wachsen der Wirtschaft insgesamt ab. Und in den USA war das Finanzkapital die Triebkraft dieses Wachstum.

Alle Versuche, die "schlechte" von der "guten" Seite zu trennen, halten keiner näheren Betrachtung stand. Zakaria verweist auf verschiedene Unternehmen als Beispiele für die "gute" Seite des amerikanischen Kapitalismus. Eines dieser Unternehmen ist Microsoft. Aber eine der Hauptquellen des Profites von Microsoft ist der Verkauf von Computersystemen für den Finanzsektor. Nike und Wal-Mart profitierten unter den Bedingungen der globalisierten Produktion von der Ausbeutung billiger Arbeitskraft in China und anderen Ländern. Diese mit komplexen Finanzbeziehungen verbundenen Geschäfte wären aber ohne die Verbreitung der Finanzderivate unmöglich gewesen. Es wäre Nike und Wal-Mart auch unmöglich gewesen, ohne die Zunahme der Konsumentenverschuldung - die häufig auf Hypothekenfinanzierungen beruht - in den USA profitabel zu bleiben. Diese Verschuldung stützte im letzten Vierteljahrhundert bei stagnierenden oder sinkenden Einkommen die Konsumausgaben in den USA.

Die entscheidende Bedeutung der Weltfinanzkrise liegt darin, dass sie den Zusammenbruch der in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren vorherrschenden Akkumulationsweise anzeigt.

Finanzanlagen erlangen ihren Wert letztendlich aus dem mit ihnen verknüpften Anspruch auf produzierten Reichtum. Aktien sind dafür ein einfaches Beispiel. Die Aktie verkörpert einen Anspruch auf einen Teil des Ertrages des jeweiligen Unternehmens. Und diese Aktie kann ge- und verkauft werden und ihr Kurs kann über - und unter - den Wert des zugrundeliegenden Vermögenswertes steigen bzw. fallen.

Die Tatsache, dass die Finanzanlagen sich im Verhältnis zur globalen Produktion im vergangenen Vierteljahrhundert fast vervierfachten, bedeutet, dass die mit ihnen verbundenen Ansprüche auf wirklichen Reichtum nicht mehr befriedigt werden können. Dieses Ungleichgewicht widerspiegelt sich im Begriff der "giftigen Papiere" der Banken und Finanzhäuser. Ihre Ansprüche auf Einkommen und Reichtum sind im Grunde wertlos.

Anders gesagt handelt es sich nicht um eine Liquiditätskrise, d.h. einen Mangel an ausreichenden Mitteln zur Sicherstellung des Funktionierens eines im Grunde gesunden Systems, sondern um eine Überschuldungskrise. Ihr Ausmaß lässt sich durch die Tatsache verdeutlichen, dass Finanzanlagen in Höhe des Weltbruttosozialproduktes zweier Jahre ausgelöscht werden müssten, wollte man die Parität zwischen Finanzanlagen und dem Weltbruttosozialprodukt von 1980 wieder herstellen.

Diese Zahlen verdeutlichen die Bedeutung der Rettungs- und Konjunkturprogramme der Regierungen der Welt. Sie haben nichts mit dem Erhalt von Arbeitsplätzen und der Bewahrung des Lebensstandards der Arbeiterklasse zu tun. Stattdessen geht es darum, möglichst viele "giftige Wertpapiere" und Schulden von den Finanzunternehmen und Banken auf den Staat zu übertragen.

Diese staatlichen Rettungsaktionen haben den Aktienmärkten in den zurückliegenden drei Monaten Auftrieb gegeben, was Zakaria einen Stoßseufzer der Erleichterung entlockte. Ein Artikel im Wall Street Journal bemerkte kürzlich, der Hauptgrund für die mehr als dreißigprozentige Erholung der Börsen sei "verblüffend einfach". Die Finanzmärkte seien durch das historisch größte Konjunkturprogramm mit öffentlichen Mitteln überflutet worden.

Die US- Regierung hat bereits 12,7 Billionen Dollar zur Stützung des Finanzsystems bereitgestellt, ein Betrag, der fast dem amerikanischen Bruttoinlandsprodukt (BIP) entspricht. Seit der Verschärfung der Finanzkrise im September 2008 haben die Regierungen der Welt 18 Billionen Dollar - das sind etwa 30 Prozent des Weltbruttosozialproduktes - zur Rekapitalisierung von Banken bereitgestellt, wodurch ihre Finanzlage ausgereizt ist.

In Großbritannien wird die Staatsverschuldung in Kürze 100 Prozent des Bruttoinlandsproduktes betragen. Für Japan und die USA wird erwartet, dass die Staatsverschuldung 2011 die Marke von 200 bzw. 100 Prozent des Bruttoinlandsproduktes erreicht. Wirtschaftsfachleute des IWF gehen davon aus, dass 2014 das Verhältnis zwischen öffentlicher Verschuldung und BIP in den Volkswirtschaften der G-20-Staaten, die etwa 85 Prozent der Weltwirtschaft ausmachen, um 36 Prozentpunkte im Vergleich zum Jahresende 2007 gestiegen sein wird.

Ein neues politisches Regime

Die Staatsverschuldung kann jedoch nicht ins Unendliche wachsen. Die zur Finanzierung der Banken aufgenommenen Staatsschulden werden durch Kürzungen der Staatsausgaben, Sozialleistungen und durch die zunehmende Verarmung der Arbeiterklasse bezahlt. Das Ausmaß des Angriffes auf soziale Leistungen und den Lebensstandard wird direkt proportional zur Höhe der Beträge sein, um die es geht. Eine Schätzung in Großbritannien geht davon aus, dass die Konsumtion im Vergleich zu 2006-2007 um mindestens 20 Prozent sinken muss, um wenigstens den ersten Schritt zu einem ausgeglichenen Staatshaushalt zu machen.

Zakaria verweist auf das "horrende" Anwachsen der Staatsverschuldung in Amerika, besonders bei Mitberücksichtigung der Sozialausgaben und Rentenzahlungen, und stellt fest, dass "niemand ernsthaft versucht" habe die Lücke zu schließen, "was nur durch (1) steigende Steuern oder (2) Kürzung der Ausgaben" erreicht werden könne. Die "Krankheit der modernen Demokratie" sei es, dass sie "keine kurzfristigen Härten zugunsten langfristigen Vorteils" durchsetzen könne.

Die politische Bedeutung dessen liegt auf der Hand: Es ist in der derzeitigen politischen Ordnung nicht möglich die massiven Ausgabenkürzungen und steigenden Staatseinnahmen zur Beseitigung der Staatsverschuldung durchzusetzen. Zur Reorganisation der Wirtschaft in den USA und in den anderen großen kapitalistischen Industriestaaten bedarf es deshalb weitaus repressiverer Verhältnisse.

Zakaria gibt sich alle Mühe, um seine Behauptung zu untermauern, die Ursache der Krise liege nicht im Kapitalismus selbst. Er beharrt darauf, dass das wirkliche Problem nicht in seinem Versagen, sondern in seinem übermäßigen Erfolg liege. Die Welt habe ein "außergewöhnliches Maß politischer Stabilität" erreicht; es gebe keine größere militärische Rivalität zwischen den Großmächten; politische Gewalt sei im Rückgehen begriffen.

Solche Behauptungen können angesichts der im Irak, in Afghanistan und Pakistan geführten Kriege nur als absurd bezeichnet werden. Was die militärische Rivalität zwischen den Großmächten betrifft, so muss man nur auf die in den politischen Kreisen der USA zunehmenden Sorgen über den Aufstieg Chinas verweisen.

Zakaria jedoch hält solche Fakten aus seiner Geschichte heraus, die er uns verkaufen will. Die politische Stabilität, so behauptet er, habe ihre Ursache in verringerter Inflation, Wirtschaftswachstum und der Errichtung eines Weltwirtschaftssystems. Es sind diese "guten Zeiten", die die Menschen selbstzufrieden und, je mehr die Kosten für Kapital sanken, auch leichtfertiger machten. "Die Weltwirtschaft wurde so etwas wie ein Rennwagen - schneller und komplexer als jedes Fahrzeug zuvor. Es stellte sich dann heraus, dass niemand zuvor einen solchen Wagen gefahren hatte und auch niemand dazu in der Lage war. So kam es zum Unfall".

Wie geht’s weiter? "Das wirkliche Problem", fährt Zakaria fort, "ist, dass wir immer noch diesen Wagen fahren. Die Weltwirtschaft bleibt hochkomplex, vernetzt und unausgewogen. China türmt weiter seine Überschüsse auf und muss damit irgendwo hin. Washington und Peking müssen hart arbeiten, damit allmählich Stabilität in ihre gegenseitige Abhängigkeit kommt und das System nicht in einen weiteren Crash gerät."

Das heißt mit anderen Worten, dass alle die Krise erzeugenden Umstände noch existieren und keinesfalls ihrer Lösung näher sind, obwohl die Krise angeblich vorüber ist.

Lenin bemerkte einst, die Macht des Marxismus liege darin, dass er wahr sei. Gelegentlich sind daher durch die innere Logik der Tatsachen selbst bewusste Gegner des Marxismus gezwungen, auf Prozesse hinzuweisen, die im Zentrum der marxistischen Analyse stehen. Das ist hier der Fall.

Zakaria erklärt, mit etwas Abstand betrachtet sei "diese fundamentale Krise eine Krise der Globalisierung selbst. Wir haben die Volkswirtschaften der Nationen globalisiert. Handel, Verkehr und Tourismus verbinden die Menschen. Die Technologie schuf weltumspannende Unternehmen, Versorgungsnetzwerke und Kundenbeziehungen. Aber unsere Politik blieb entschieden national. Dieses Spannungsverhältnis bildet die Grundlage der vielen Crashs dieser Periode - das Missverhältnis zwischen miteinander verflochtenen Wirtschaften, die globale Probleme aufwerfen, und dem Nichtvorhandensein eines dazugehörigen politischen Prozesses zur Herbeiführung internationaler Lösungen".

Seit langem betont der Marxismus, dass einer der zentralen Widersprüche des Weltkapitalismus im globalen Charakter der Produktivkräfte auf der einen Seite und dem Nationalstaatensystem und seinem rechtlichen und politischen Überbau auf der anderen Seite bestehe. Es ist dieser Widerspruch, der den Sozialismus auf Grundlage einer einheitlichen, international geplanten Wirtschaft zur historischen Notwendigkeit macht. Ebenso wie die feudale politische Ordnung überwunden werden musste, um den Produktivkräften im Rahmen des Kapitalismus die Entwicklung zu ermöglichen, hat heute die Globalisierung der Produktion das kapitalistische Nationalstaatensystem zu einer historisch überlebten, reaktionären Form werden lassen - genau wie vor zwei Jahrhunderten die feudalen Kleinstaaten und Königreiche.

Dieser Widerspruch brach zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts in Form des Ersten Weltkrieges auf. Er ist nun erneut und auf einem höheren Niveau hervorgetreten und kann nur gelöst werden, indem die Arbeiterklasse im internationalen Rahmen die Macht ergreift - andernfalls wird die Menschheit mit Kriegen und Wirtschaftskrisen konfrontiert, die zerstörerischer wären als die der ersten fünf Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts.

Zakaria fordert eine bessere internationale Abstimmung. Aber die innere Logik des Kapitalismus treibt das Geschehen in die entgegen gesetzte Richtung. Die kapitalistische Produktion findet im globalen Rahmen statt. Ihr Zweck ist es nicht, menschliche Bedürfnisse zu befriedigen, sondern Profite zu akkumulieren. Wenn die Akkumulation vorangeht, stehen die verschiedenen Kapitalisten wie eine Bruderschaft zusammen, die ihre gemeinsame Beute unter ihre Mitglieder aufteilt. Wenn das System jedoch zusammenbricht und es nicht mehr um das Teilen von Profiten, sondern das Abwälzen von Verlusten geht, bricht unter ihnen ein gewaltsamer Kampf aus. Ein solcher Zusammenbruch bedeutet heute nicht einfach nur, dass es wie im Kapitalismus des 19. Jahrhunderts zu verschärftem Wettbewerb um Märkte kommt, sondern die Krisen rufen durch das gigantische Ausmaß der Industrie und des Finanzkapitals unvermeidlich den Nationalstaat auf den Plan.

Genau das geschah im vergangenen Jahr. Nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers im September, als das Finanzsystem vom Kollaps bedroht war, reagierte jede Regierung der Welt mit dem Schutz ihres "eigenen" Bankensystems und nicht mit besserer "internationaler Abstimmung", was unmittelbar zu Konflikten führte. In den Monaten darauf haben sich die Differenzen weiter vertieft. Deutschland und Frankreich stehen den amerikanischen Hilfsprogrammen ablehnend gegenüber, weil sie fürchten - und das nicht unbegründet - sie ermöglichten es den US- Banken ihre internationale Dominanz aufrecht zu erhalten. Die US-Regierung stellt sich gegen alle Forderungen nach stärkerer Regulierung, weil diese den Interessen der Finanzwelt in den USA entgegenstehen. Die britische Regierung sträubt sich gegen strengere Regulierungen, weil sie fürchtet, diese würden Londons Position als "Abenteuerspielplatz des Weltfinanzsystems" gefährden, wie es in einem Kommentar von John Plender in der Financial Times heißt. Das ruft wiederum den Widerstand der deutschen Regierung hervor, die Hoffnungen hegt, der Finanzplatz Frankfurt könne aus der Krise Vorteil schlagen.

Die verschiedenen Maßnahmen zur Unterstützung der Industrie verschärften ebenfalls die Rivalität zwischen den Nationen. Die Rettungsaktion der deutschen Regierung für Opel gefährdet z.B. das Opelwerk in Belgien und wirft sogar die Frage auf, ob Regeln der Europäischen Gemeinschaft verletzt worden sind.

Was die Abstimmung zwischen China und den USA zur Lösung internationaler Währungsungleichgewichte betrifft, so hat die Zentralbank Chinas in den vergangenen drei Monaten bereits zweimal Vorschläge zur Umgestaltung des internationalen Finanzsystems durch die Ablösung des Dollars als Weltreservewährung gemacht. Käme es dazu, wäre ein rapider Verfall der globalen Stellung des amerikanischen Kapitalismus die Folge, der enormen Vorteil aus der derzeitigen Rolle des Dollars als Weltwährung zieht.

Misslingt die internationale Zusammenarbeit, warnt Zakaria, wird es "zu mehr Krisen und möglicherweise zu einem Rückzug aus der Globalisierung in die Geborgenheit der geschützten nationalen Wirtschaften - und damit zu langsamerem Wachstum - kommen". Die Herausbildung einer solchen Situation in den 1930er Jahren führte direkt zum Zweiten Weltkrieg. Heute hätte eine solche Entwicklung weit zerstörerische Konsequenzen.

Zakaria schließt damit, dass womöglich eine "Moralkrise" den "Kern unserer Probleme" ausmache. Was in den vergangenen zehn Jahren vor sich ging, sei zumeist "legal" gewesen, aber "nur sehr wenige Leute handelten verantwortungsvoll". Allerdings hätten sich die Dinge nicht deshalb so entwickelt, weil "die Geschäftsleute plötzlich unmoralischer geworden sind. Es ist einfach Teil der Öffnung und der verschärften Konkurrenz in der Geschäftewelt."

Zakaria führt diesen Punkt nicht weiter aus, denn würde er es tun, so erwiese sich allzu deutlich, dass diese "Moralkrise" selbst nur Ausdruck der kapitalistischen Wirtschaftskrise ist.

Der ganze mit dem Aufstieg des Finanzkapitals verbundene Prozess hat die Grenze zwischen Legalität und Illegalität, ganz zu schweigen von Moral und Unmoral, immer unschärfer werden lassen.

In einer Welt der Multimillionen und Multimilliarden Dollar Transaktionen mit komplexen Derivaten, wo der Wert einer Finanzanlage durch die Veränderung der einen oder anderen Variablen in dem ihm zugrundeliegenden mathematischen Modell manipuliert werden kann; wo der Profit eines Derivates für den Verkäufer um so größer wird, je undurchsichtiger und komplexer dieses Finanzinstrument ist; wo mit Finanzspekulationen riesige Vermögen gemacht werden können und wo ein Unternehmen, welches nicht die neuesten dubiosen Methoden der Gewinnsteigerung nutzt, Gefahr läuft, von Hedgefonds geschluckt zu werden, was gilt da Moral?

Das Entstehen einer das gesamte politische System beherrschenden und kontrollierenden Finanzoligarchie bedeutet außerdem, dass selbst wenn es eine Möglichkeit zur vernunftgemäßen Reform der gegenwärtigen Ordnung gäbe, diese nicht durchsetzbar wäre.

Die Produktivkräfte der Weltwirtschaft - der komplexe und starke Rennwagen von dem Zakaria in seiner Analogie spricht - haben durch die intellektuelle und physische Arbeit der Arbeiterklasse ein riesiges Ausmaß erreicht. Aber sie dürfen nicht länger in den Händen einer herrschenden Elite verbleiben, die das historische, politische und moralische Recht verloren hat, am Ruder zu stehen. Die sozialistische Revolution, der Übergang der politischen Macht in die Hände der Arbeiterklasse, ist eine historische Notwendigkeit geworden.

Siehe auch:
Weltwirtschaft im freien Fall
(23. Mai 2009)

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