Wer ist Klaus Franz?

Ein Blick auf Herkunft und Tätigkeit des Opel-Gesamtbetriebsratsvorsitzenden

Von Marianne Arens
30. Juli 2009

Wenn es nach dem Willen der IG Metall, der Opel-Betriebsräte und ihres Vorsitzenden Klaus Franz geht, dann wird der kanadisch-österreichische Autozulieferer Magna bei Opel, beziehungsweise GM Europe einsteigen, obwohl dessen Unternehmenskonzept einen drastischen Abbau von Arbeitsplätzen vorsieht. Erst wurde die Stellenstreichung mit 10.000 bis 12.000 angegeben. Vor wenigen Tagen wurde die Zahl auf bis zu 20.000 erhöht.

Auch in anderen Fragen hat der Betriebsrat bereits sehr weitgehende Zugeständnisse gemacht. So erklärte er sich bereit, Lohnverzicht, Streichung von Urlaubs- und Weihnachtsgeld, flexible Arbeitszeiten und andere Verschlechterungen gegenüber den Beschäftigten durchzusetzen.

Als Gegenleistung hat sich Magna bereit erklärt, die Betriebsräte und IGM-Funktionäre im Umfang von 10 bis 12 Prozent am Unternehmen direkt zu beteiligen. Die Betriebsratsspitze kann es kaum erwarten, von Co-Managern zu Kapitaleignern aufzusteigen. Obwohl noch keine Entscheidung für Magna getroffen wurde und die GM-Konzernleitung in Detroit sogar deutliche Kritik am Magna-Konzept angemeldet hat, gründeten die Betriebsräte bereits eine eigene Kapitalgesellschaft.

Auf einer Gesamtbetriebsratssitzung am 5. Juni ließ sich Klaus Franz zum Vorstandsvorsitzenden des neuen Unternehmens benennen. Spitzenfunktionäre der Betriebsräte der vier deutschen Standorte wurden als Aufsichtsräte nominiert. Die Beschäftigten, die das Geld beisteuern müssen, haben an dem neuen Unternehmen weder Anteile noch Stimmrecht. Die Bezeichnung "Mitarbeiterkapitalbeteiligungsgesellschaft" (MKBG) ändert daran gar nichts.

Klaus Franz ist ein typischer Vertreter einer gesellschaftlichen Schicht, die sich in den siebziger Jahren sehr radikal gebärdete und seit einiger Zeit eine scharfe Rechtsentwicklung vollzieht.

Bekanntester Repräsentant dieser Ex-Radikalen ist natürlich Joschka Fischer, der sich vom Frankfurter Straßenkämpfer zum Außenminister und Vizekanzler entwickelte. Franz kennt Fischer, seit er sich Anfang der siebziger Jahre der Gruppe "Revolutionärer Kampf" anschloss, in der jener Frankfurter Sponti den Ton angab.

Dieser Gruppe gehörten auch die späteren Spitzenfunktionäre der Grünen, Daniel Cohn-Bendit und Tom Königs, an. Sie versuchten damals, nach dem Vorbild des italienischen "Operaismus" Arbeiter zu "revolutionären" Aktionen zu provozieren.

Franz hatte als Sohn eines Drogerie-Inhabers in Stuttgart erst eine Drogisten-Ausbildung absolviert, ehe er die Gruppe kennen lernte und durch sie 1975 nach Rüsselsheim zur Adam Opel AG kam. "Dann kam die Vietnambewegung, da standen für uns nur noch die großen Fragen der Weltrevolution an", sagte Franz in einem langen Gespräch, das der Hessische Rundfunk mit ihm in diesem Frühjahr führte. ("Was wären Sie ohne Opel, Klaus Franz?" 29. März 2009)

Die Anfänge der gemeinsamen "revolutionären Betriebsarbeit" in den Werkshallen von Opel-Rüsselsheim schildert Franz im HR-Gespräch mit den Worten: "Wir sind mit einer Vision in den Betrieb gegangen, um - ich sag’s mal ein wenig lustig - dem Proletariat zu seinem Glück zu verhelfen". Doch die Arbeiter reagierten nicht auf die Aufrufe zum "antiautoritären Widerstand" gegen Vorgesetzte und Betriebshierarchie. Dazu kam, dass den Betriebsaktivisten des "Revolutionären Kampfs" um Joschka Fischer die Fabrikarbeit zu anstrengend wurde. Sie verließen die Opel-Fließbänder schnell wieder.

Klaus Franz blieb. Während die anderen die politische Karriereleiter hoch kletterten und dabei die Grünen benutzten, trat Franz den langen Marsch durch die Institutionen der betrieblichen Gewerkschaftsarbeit an.

1981 wurde er Betriebsrat, war ab 1985 freigestellt und stieg im Jahr 2000 zum Konzernbetriebsratsvorsitzenden auf. 2003 wurde er stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats der Adam Opel AG. In dem erwähnten HR-Interview betonte er, wie sehr ihm der persönliche Aufstieg wichtig war: "Für mich als den Schwaben bedeutete das rote Hessen damals: Hier kannst du als Mensch von unten hochkommen und Karriere machen."

Franz trat zwar keiner Partei bei - weder der SPD, noch den Grünen - doch ließ er sich auf der Liste der Grünen für den Rüsselsheimer Magistrat aufstellen, wo er eine Amtsperiode (1989-94) als Stadtrat fungierte.

Wie viele Grüne hat auch er seinen Frieden mit der CDU und den rechtesten Wirtschaftsvertretern gemacht. Heute verkehrt er nicht nur berufsmäßig mit den Konzerndirektoren in Detroit, ob sie Carl-Peter Forster oder Fritz Henderson heißen, sondern verhandelt auch mit der CDU-Bundeskanzlerin Angela Merkel und steht mit Roland Koch, dem hessischen Ministerpräsidenten (CDU), auf gutem Fuß. Wie er sagt, stehen ihm heute viele Elemente des Ahlener CDU-Programm nahe, und der ehemalige CDU-Arbeitsminister Norbert Blüm ist sein Freund.

Anfang der neunziger Jahre schloss er nebenbei ein Studium ab, um, wie er später sagte, sich von einer unabhängigen Position aus um den Betriebsratsvorsitz bewerben zu können, der ja bis dahin immer eine stramme SPD-Bastion gewesen war. Für seine Diplomarbeit an der Fachhochschule in Frankfurt wählte er das Thema "Integration gesundheitlich eingeschränkter Menschen in schlanken Produktionssystemen".

Lean production

Es war die Zeit nach dem Ende der DDR und der stalinistischen Regime im Osten. Die ehemalige ostdeutsche Wartburg-Fabrik in Eisenach wurde dem Opelkonzern wieder eingegliedert und als moderner Musterbetrieb neu aufgebaut. Schon vorher waren aus japanischen Autowerken Begriffe wie "Qualitätskontrolle", "Gruppenarbeit", "Lean production" und "Just-in-time" nach Deutschland importiert worden.

Gewerkschafter und Betriebsräte verkauften die Produktionsmethoden als "Humanisierung" und "Demokratisierung" der Arbeitswelt. Klaus Franz heute dazu: "Verändert haben wir, dass man von jenem Prinzip, 645 Türen am Tag zu lackieren, wegkam. Die Menschen arbeiten heute in Gruppen und haben ganz andere Aufgaben und Verantwortung. Es war eine Form der Demokratisierung der Arbeit, und ich war einer der Väter davon." (HR-Interview)

In Wirklichkeit bewirkte das System der "Lean-production" keineswegs eine Humanisierung des Arbeitslebens. Vielmehr zielte es darauf ab, durch eine Dezentralisierung der Abläufe in kleine, autonome Gruppen (Teams) die Produktivität zu steigern und flexibler zu gestalten, außerdem die Qualität der Produkte zu erhöhen. Damit reagierten deutsche Autokonzerne auf den wachsenden Konkurrenzdruck am Weltmarkt.

Für die Arbeiter bedeutete es im Endeffekt gesteigerte Anforderungen, Arbeitsdruck und -Hetze, besonders als ein ständiger Personalabbau hinzukam.

Der Co-Manager

In den letzten zehn Jahren übernahm Klaus Franz immer stärker die Rolle des Central-Managers, der "das Überleben des Unternehmens sichern" musste: "Früher gab es, neudeutsch gesagt, ein Stück Profit-Sharing. Heute steht ‚Pain-Sharing’ auf dem Programm", sagte er einem Journalisten der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung.

Klaus Franz sorgte dafür, dass die Kürzungen und "notwendigen" Einschnitte reibungslos über die Bühne gingen, und dass sich Proteste dagegen niemals gefährlich ausbreiten konnten.

Im Jahr 2003 wurde er Vizevorsitzender des Aufsichtsrats. Als im gleichen Jahr die IG Metall einen Streik für Arbeitszeitverkürzung in den neuen Bundesländern organisierte, weigerte er sich, den Streik zu unterstützen. Als die Opel-Belegschaft im November 2004 mit einer einwöchigen Betriebsbesetzung auf die Drohung mit Stilllegung reagierte, verhinderte Franz die Solidarisierung des Stammwerks Rüsselsheim.

2005 schloss Franz eine europaweite Vereinbarung ab, mit der 9.000 Stellen und eine komplette Schicht abgebaut wurden. In Rüsselsheim arbeiten heute in der Produktion noch 4.000 Opel-Arbeiter, wo früher 18.500 waren. Immer stärker werden Arbeitsabläufe ausgelagert und auf Leiharbeiter übertragen, die nur halb soviel wie die Opelaner verdienen und keinerlei Sicherheit kennen. Sogar die Auszubildenden werden nach dem Lehrabschluss an Arbeitsvermittler verwiesen.

Die Mär vom "kleinen Glück"

In der Zeitung Freitag sprach sich Franz im vergangenen Jahr ausdrücklich gegen eine sozialistische Perspektive und gegen die World Socialist Web Site aus. Die Zeitung schrieb:

"Solcherart Pragmatismus hält mancher für ‚eine Kapitulation vor den Forderungen des Konzerns’. Wer als Betriebsrat so agiere, stabilisiere das kapitalistische System, anstatt ‚für eine Reorganisation der Gesellschaft auf sozialistischer Grundlage einzutreten’ (World Socialist Web Site). Klaus Franz damit konfrontiert: ‚Da höre ich mich selbst. Genau so habe ich auch geredet, als ich 1975 bei Opel anfing.’ Die Menschen seien jedoch anders, als er früher geglaubt habe. Sie wollten ein Auskommen, das kleine persönliche Glück und nicht die große Weltrevolution." (Freitag, 08. Februar 2008)

Diese Äußerung kann man nur als zynisch bezeichnen. Was ist denn aus dem "kleinen persönlichen Glück" geworden? Die Opel-Arbeiter sehen sich heute gezwungen, auf sämtliche Errungenschaften - Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld, Tariferhöhungen, ja sogar Arbeitspausen - zu verzichten, während alle Arbeitsplatzgarantien, "Zukunftsverträge" und sonstige Versprechen sich als Makulatur erweisen.

Mit den Phrasen vom "kleinen Glück" ist für die Arbeiter der Weg ins Unglück gepflastert, während Klaus Franz und Konsorten ihren eigenen sozialen Aufstieg betreiben, indem sie den Abbau von Arbeitsplätzen und Löhnen organisieren. Sie unterscheiden sich nicht im Geringsten von ihren korrupten Kollegen in der Autoarbeitergewerkschaft UAW in Amerika.

Das Beispiel der UAW

Die UAW hat sichergestellt, dass General Motors durch den Insolvenzprozess noch einmal vierzehn Werke schließen und 27.000 Stellen abbauen konnte, ohne dass die Arbeiter rebellierten. Die UAW hat dafür gesorgt, dass die Löhne der Arbeiter eingefroren wurden, und hat sich verpflichtet, bis 2015 auf Streiks zu verzichten. Sie hat die Verwaltung des Krankenkassentrustes VEBA übernommen, der 17,5 Prozent der Aktien am neuen GM-Konzern beträgt, und hofft, mithilfe dieser Konzernanteile einen guten Schnitt zu machen.

Diesem Beispiel eifern Klaus Franz und die übrigen Betriebsräte heute nach, indem sie ihre "eigene" Kapitalgesellschaft schaffen. Es ist kein Zufall, wenn sie das Geld der Arbeiter auf diese Weise, ohne jegliche Abstimmung und demokratische Legitimation, zu ihrem eigenen Vorteil einsetzen.

Um sich dagegen zur Wehr zu setzen, brauchen Arbeiter eine neue Strategie: Sie müssen mit der IG Metall und dem Betriebsrat brechen und unabhängige Betriebskomitees aufbauen. Gegen den koordinierten Angriff der Unternehmer, Finanzhaie und Regierungen, der Betriebsräte und Gewerkschaftsfunktionäre müssen sie sich mit den Opel- und GM-Arbeitern in Detroit und ganz Amerika, in Belgien, Spanien, Polen, Russland und auf der ganzen Welt zusammenschließen. Das ist der einzige Weg, die Arbeitsplätze und den Lebensstandard zu verteidigen.

Siehe auch:
Opel, GM-Europe und die systematische Spaltung der Arbeiter
(23. Juli 2009)

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