Die Übernahmeschlacht zwischen VW und Porsche ist entschieden

Porsche-Chef Wiedekings Spekulationsgeschäfte brachten Porsche an den Abgrund

Von Ludwig Weller
31. Juli 2009

Der seit Monaten tobende Machtkampf zwischen VW und Porsche ist entschieden. Er endete mit einer Notaktion, mit der VW den Sportwagenhersteller mit Milliardenspritzen am Leben hält. Gleichzeitig wurde vereinbart, Porsche als zehnte Marke in den Volkswagen-Konzern zu integrieren und dadurch die marktbeherrschende Position von Europas größtem Autobauer zu stärken.

Die Haupteigentümer beider Autokonzerne gehören zur selben milliardenschweren Industriellendynastie, die schon unter der Naziherrschaft ihren Aufstieg begann, aber seit Jahren zerstritten ist. Der Machtkampf, der in der Vergangenheit die Form eines Familienstreits im Porsche/Piëch-Clan annahm, bei dem es um Aktienmehrheiten, Millionengewinne und persönliche Eitelkeiten ging, wurde in den vergangenen Monaten immer stärker von den Auswirkungen der internationalen Krise in der Autoindustrie beherrscht.

Erst kurz vor der Aufsichtsratssitzung am Donnerstag letzter Woche wurde bekannt, dass die Verschuldung von Porsche mit 14 Milliarden Euro weitaus höher ist, als bis dahin angenommen. Laut Spiegel- Informationen wäre Porsche ohne frisches Kapital in zwei Wochen zahlungsunfähig gewesen. "Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann wies Porsche-Miteigentümer Wolfgang Porsche in einem vertraulichen Gespräch darauf hin, wie schwierig die Lage sei", berichtet das Blatt in seiner jüngsten Ausgabe.

Um den drohenden Bankrott abzuwenden, wurde folgendes vereinbart: Mitte August wollen Porsche und VW einen so genannten "Grundlagenvertrag" unterschreiben. Darin ist festgelegt, dass VW 49,9 Prozent der Porsche AG kauft. Dann soll das Emirat Katar Miteigentümer bei VW werden. Und in einem dritten Schritt sollen die Familien Porsche und Piëch für eine Kapitalerhöhung bei der Porsche Automobil Holding sorgen, die dann 2011 mit VW vereinigt werden soll.

Ungeachtet der weiterhin bestehenden Konflikte zwischen den Vettern Ferdinand Piëch und Wolfgang Porsche, werden beide im Präsidium des VW-Aufsichtsrats sitzen. Für den entlassenen Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und seinen Finanzchef Holger Härter werden Oliver Porsche und Michel Piëch in den Aufsichtsrat einziehen. Neben dem Land Niedersachsen (knapp über 20 Prozent) und Katar (kapp unter 20 Prozent) wird der Porsche/Piëch-Clan über 30 Prozent der VW-Aktien besitzen und damit größter Aktionär sein.

Einer der größten Industriekonzerne, mit weltweit fast 370.000 Beschäftigten wird damit von einer Familiendynastie dominiert, deren Wurzeln direkt in die Zeit der Naziherrschaft zurückreichen und die ihre Unternehmenspolitik in Absprache mit Regierungsgremien und in enger Zusammenarbeit mit der IG Metall durchsetzt.

Obwohl die Übernahmepläne von Porsche gescheitert sind und zum Beinahe-Bankrott des Stuttgarter Sportwagenherstellers geführt haben, versucht der Porsche/Piëch-Clan sein Ziel nun auf umgekehrtem Wege zu erreichen.

2005 hatte Porsche-Chef Wiedeking mit der Übernahme des mächtigen Autokonzerns VW begonnen. Ende 2008 besaß Porsche bereits 42 Prozent der VW-Stammaktien. Das Geld hatten sich Wiedeking und sein Finanzmanager Härter durch hoch riskante Optionsgeschäfte an den Börsen erzockt. Die eigentliche Autoproduktion bei Porsche geriet dabei zur Nebensache. Das hemmungslose Streben nach schnellem Gewinn und persönlicher Bereicherung wurden zum Leitmotiv ihrer Geschäftspolitik.

Alle Beteiligten waren damit zufrieden und profitierten davon: Wiedeking kassierte ein 80 Millionen Jahresgehalt, Härter etwas weniger. IGM-Betriebsratsvorsitzender Uwe Hück, bekannt für seine Vasallentreue zu Wiedeking, verteidigte die Übernahmepläne mit dem Argument: "lieber Porsche, als eine fremde Heuschrecke" und erhoffte sich selbst einen steilen Aufstieg. Auch die Eigentümer Wolfgang Porsche und Ferdinand Piëch sahen damals noch ihre Interessen gewahrt und arbeiteten zusammen.

Selbst mitten in der Finanz- und Wirtschaftskrise kannte der Porsche-Piëch-Clan kein Halten und setzte damit mutwillig Zehntausende Arbeitsplätze aufs Spiel. Das angestrebte Ziel bestand darin, 75 Prozent der der VW-Aktien zu kontrollieren, um damit den Anspruch auf einen so genannten Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag zu erlangen. Um zunächst weitere 8,2 Prozent VW-Aktien kaufen zu können, musste sich Porsche um zusätzliche sechs Milliarden verschulden.

Das war der Anfang vom Ende. Mehrere Banken verloren zunehmend das Vertrauen in Porsches Übernahmepläne. Sie sahen ihr Geld gefährdet, erschwerten dann Kreditverlängerungen und bestanden auf kurzfristigen Rückzahlungen. Sie verlangten jetzt Verpfändungen von VW-Aktien und sogar Sicherheiten aus dem Privatvermögen der Familien Piëch und Porsche.

Unter diesen Bedingungen verschärften sich die Auseinandersetzungen im Porsche-Piëch-Clan und schließlich setzte sich Ferdinand Piëch, Aufsichtsratschef von VW, durch. Er sah sich gezwungen, Porsche mit VW-Vermögen zu retten und in den VW-Konzern einzuverleiben. Wendelin Wiedeking wurde entlassen und mit einem golden Handschlag von 50 Millionen Euro samt seinem Finanzjongleur, Holger Härter, theatralisch verabschiedet.

Jüngsten Berichten zufolge, ist damit die finanzielle Misere bei Porsche bei weitem nicht überstanden und könnte gar den VW-Konzern als Ganzen, mit in den Strudel zu ziehen.

Die Porsche-Dynastie

Die Familiendynastie Porsche und Piëch verdankt Ruhm und Reichtum nicht einfach den spektakulären Erfindungen eines Ferdinand Porsche. Lange bevor der bekannte Sportwagen Porsche produziert wurde, konstruierte Ferdinand Porsche im Ersten Weltkrieg Flugzeugmotoren und Mörsergeschütze. Dann entwickelte er für die Rüstungsindustrie der Nazis das Geländefahrzeug "Kübelwagen". Bereits 1935 nutzte Hitler die "Fähigkeiten des glänzenden Konstrukteurs Porsche" und beauftragte ihn damit, einen "geeigneten Kleinwagen" zu entwerfen. Von dem Volkswagen Käfer wurden kriegsbedingt nur wenige Exemplare gebaut, aber in diesem Zuge wurde das gigantische Volkswagenwerk in Wolfsburg errichtet. Die 50 Millionen Mark Grundkapital dafür holten sich die Nazis aus dem beschlagnahmten Vermögen der 1933 zerschlagenen Gewerkschaften.

Die Tochter von Ferdinand Porsche heiratete 1928 den Wiener Rechtsanwalt Anton Piëch (Vater von Ferdinand Piëch), der während der Nazizeit von 1941 bis 1945 Werksleiter des Volkswagenwerks in Wolfsburg war.

Der jüngere "Erfolg" des Sportwagenherstellers Porsche, der auf Mitte der 1990er Jahre zurückgeht wird gemeinhin mit Porsche-Chef Wendelin Wiedeking verbunden. Als Wiedeking 1993 den Posten des Vorstandsvorsitzenden übernahm, befand sich der Sportwagenhersteller in einer schweren Krise. Wiedeking setzte in Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat einen rücksichtslosen Rationalisierungskurs durch, baute 3000 Arbeitsplätze ab, und führt die "just in time"-Fertigung ein.

Er ließ neue, modern gestylte Luxusmodelle entwickeln. Diese verkauften sich - vor allem in den USA - außerordentlich gut, weil zu dieser Zeit eine Schicht von Neureichen entstand, die ihr Geld vorrangig mit Finanzspekulationsgeschäften machte. Viele wussten nicht wohin mit ihren Millionen und kauften sich Luxusgegenstände, wie Porsche, aus ihrer Portokasse. Gleichzeitig wurden Millionen von Menschen zu Billiglohnarbeit und Armut verdammt.

Porsche-Chef Wendelin Wiedeking galt fortan als deutscher Vorzeigemanager. Seine Skrupellosigkeit und sein Anspruch auf ein zweistelliges Millionengehalt, galten in Wirtschafts- und Politikkreisen als neuer Maßstab und höchster Ausdruck einer viel gepriesenen freien Marktwirtschaft. Wiedeking, der von sich sagt, er habe bereits im Alter von 15 Jahren für sich entschieden spätestens mit 30 Jahren Millionär zu sein, ließ sich vertraglich einen 0,9-prozentigen Gewinnanteil zusichern. Dadurch stieg er zum bestbezahlten deutschen Manager auf. Schon 1994 wurde er zum "Manager des Jahres" gekürt und 2008 gar zu "Europas Manager des Jahres" gewählt.

Als Wiedeking vor vier Jahren mit dem Einstieg von Porsche bei VW begann, spekulierte er darauf, die EU werde das so genannte VW-Gesetz kippen, doch dazu kam es bisher nicht. Dieses 1960 erlassene VW-Gesetz besagt, das der öffentlichen Hand trotz Minderheitenposition (Niedersachsen hat einen 20-prozentigen Anteil bei VW) einen entscheidenden Einfluss sichern soll. Es besagt, dass kein Anteilseigner mehr als 20 Prozent an Stimmrechten ausüben darf. Damit sollten feindliche Übernahmen oder Sperrminoritäten verhindert werden. Das Vetorecht Niedersachsens verhinderte daher eine schnelle 75 Prozentbeteiligung, die Porsche einen direkten Zugang auf VW-Gewinne und Kapital ermöglicht hätte.

Die Rolle der IG-Metall und Betriebsräte

Sowohl die Betriebsräte von Porsche in Stuttgart, als auch die VW-Betriebsräte in Wolfsburg stellten sich bei der Übernahmeschlacht jeweils bedingungslos hinter "ihren" Konzern.

Auf der einen Seite gibt es eine Allianz zwischen der niedersächsischen Regierung, dem VW-Betriebsrat und dem VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch gegen Porsche. Auch große Teile der Bundesregierung stellten sich hinter VW. Erinnert sei nur an die Wolfsburger Jubelveranstaltung für Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im vergangenen September, zu der die IG Metall und der Betriebsratsvorsitzende Bernd Osterloh (IG Metall- und SPD-Mitglied) eingeladen hatte. Der CDU-Kanzlerin und dem Ministerpräsidenten von Niedersachsen Wulff (CDU) wurde eine Plattform geschaffen, auf der sie verkündeten "VW ist Deutschland".

Sie schlugen nationalistische Töne an und versuchten den Eindruck zu erwecken die Bundesregierung, der VW-Konzern und die VW-Arbeiter verfolgten dieselben Interessen. Osterloh wetterte gegen die Angreifer "aus dem Süden und aus Brüssel" und lobte dabei die Bundesregierung, die auf ihrer Seite stünde. In Wirklichkeit treten Merkel, Wulff und Piëch nur deshalb als Verfechter von Volkswagen und des VW-Gesetzes auf, weil sie die nationalen (regionalen) Wirtschafts-, sprich Profitinteressen für gefährdet halten.

Diese Form von Wirtschaftsnationalismus dient nur dazu die Belegschaften eines (Bundes)Landes oder Standorts gegen die der anderen auszuspielen. Arbeiter sollen so gespalten und den Interessen "ihres" Managements untergeordnet werden.

Betriebsratsvorsitzender Uwe Hück, er ist Vize- Aufsichtsratschef bei Porsche, trat dagegen zusammen mit Wiedeking vehement für die Abschaffung des VW-Gesetzes ein. Hück, ein hohes Tier in der IG Metall und SPD-Mitglied, weiß wiederum den baden-württembergischen Ministerpräsidenten, Günther Oettinger (CDU) hinter sich. Bei der Verteidigung des Porsche-Standorts und seinen verbalen Angriffen auf VW, geht es Hück, genauso wenig wie Osterloh, um die Interessen der Arbeiter, sondern um die Pfründe der Betriebsratsfürsten. Durch die VW-Mitbestimmung fungieren die Betriebsräte bei Volkswagen, aber auch bei Porsche, nicht nur als Co-Manager, sie beziehen auch entsprechende Managergehälter. Hück fährt einen Dienst-Cayenne und ein Porsche-Sondermodell mit 355 PS. Hück wäre bei einer erfolgreichen Übernahme von VW zweifellos zum mächtigsten Betriebsratsvorsitzenden Deutschlands geworden.

Der Wolfsburger Konzern ließ nach der Übernahmeentscheidung verlauten, er strebe als Europas größter Autobauer jetzt an die Weltspitze und wolle den Markführer Toyota überholen. Die Marke Porsche soll bis 2011 schrittweise als zehnte Marke als selbstständige Einheit in den neuen Autoriesen integriert werden.

Die erste Reaktion der IG Metall auf die Porsche-Übernahme durch VW, bestand darin, eine 10-prozentige Mitarbeiterbeteiligung einzufordern. Der Vorsitzender der IG Metall, Berthold Huber, begrüßte das Zusammengehen beider Autokonzerne und sagte: "Wir sind bereit, uns konstruktiv an dem bevorstehenden Prozess zu beteiligen". Und ähnlich wie bei Opel, beabsichtigt die IG Metall, direkte Kapitalbeteiligungen für IG-Metall-Funktionäre und Betriebsräte durchzusetzen. Huber dazu wörtlich: "Neben der erweiterten Mitbestimmung streben wir eine Beteiligung der Mitarbeiter am Kapital an", die Belegschaft solle einen "nennenswerten Anteil" am neuen Konzern übernehmen.

Die Belegschaften von VW und Porsche sollten beim Begriff "Mitarbeiterkapitalbeteiligung" die Alarmglocken läuten hören. Bei Opel machen sich IG Metall und Betriebsräte für einen Einstieg von Magna stark, weil sie mit diesem Investor eine Mitarbeiterkapitalbeteiligung von circa einer Milliarde Euro vereinbart haben. Verbunden ist das mit dem Abbau von über 10.000 Arbeitsplätzen. Bis ins kleinste Detail wurde bereits - hinter dem Rücken der Belegschaften - festgelegt, wie das Geld durch Streichung des Urlaubs- und Weihnachtsgelds usw. eingebracht und dann ausschließlich von IG-Metall-Funktionären "verwaltet" wird.

Der Zusammenschluss von VW und Porsche leitet eine neue Welle von Unternehmenskonzentrationen in der Autoindustrie ein und wird mit scharfen Angriffen auf die Beschäftigten verbunden sein. Es gibt bereits Anzeichen, dass VW seinen Einfluss auf die Regierung nutzt, um Opel - spätestens nach der Bundestagswahl - in die Insolvenz zu treiben. Damit wäre dann ein lästiger Konkurrent aus dem Weg geräumt und VW könnte die Marktanteile übernehmen.

Die Betriebsräte in Wolfsburg sprechen bereits jetzt davon, dass nach dem Auslaufen der Abwrackprämie alles getan werden müsse, um die zu erwartenden Absatzeinbußen so gering wie möglich zu halten.

Siehe auch:
Opel Europe: Bundesregierung erwägt Insolvenz
(29. Juli 2009)
Opel, GM-Europe und die systematische Spaltung der Arbeiter
(23. Juli 2009)

Kämpft gegen Googles Zensur!

Google blockiert die World Socialist Web Site in Suchergebnissen.

Kämpft dagegen an:

Teilt diesen Artikel mit Freunden und Kollegen