10.000 Arbeitsplätze bei Quelle gefährdet

Von Markus Salzmann
1. Juli 2009

Nachdem die Bundesregierung den Handelskonzern Arcandor mit der Verweigerung von Staatsbürgschaften in die Insolvenz geschickt hat, soll nun auch die Versandhandelstochter Quelle "geordnet abgewickelt" werden.

Am Montag genehmigte die Bundesregierung zwar in letzter Minute einen so genannten Massekredit über 50 Millionen Euro, der zur Hälfte vom Bund und zur Hälfte von den Ländern Bayern und Sachsen finanziert wird. Aber damit ist Quelle "mitnichten gerettet", wie Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) im ZDF-Morgenmagazin betonte. Das Ende des traditionellen Versandhandelskonzerns ist lediglich auf die Zeit nach der Bundestagswahl verschoben worden.

"Quelle hat eine Chance bekommen, eine faire Chance, die bis 31. Dezember reicht", sagte Guttenberg. "Aber ein solcher Kredit kann auch dazu dienen, dass eine geordnete Insolvenz inklusive Abwicklung stattfinden kann."

Zuvor hatte die Bundesregierung jede Form von staatlichen Bürgschaften ausgeschlossen, Sie wären im Falle einer Insolvenz verloren, während der Massekredit vor den Ansprüchen aller anderen Gläubiger zurückbezahlt werden muss.

Die gegenwärtige Situation des Unternehmens ist prekär. Seit der Insolvenz des Mutterkonzerns Arcandor vor knapp drei Wochen muss Quelle ohne jegliche eigene flüssige Mittel auskommen, wie Arcandor-Sprecher Gerd Koslowski mitteilte. Quelle kann derzeit laut Süddeutscher Zeitung nicht einmal mehr Telefon, Strom oder die Kantine bezahlen. Man lebe von der Großzügigkeit der Lieferanten, die ihre Waren und Dienstleistungen in Vorleistung erbringen würden, so das Blatt.

Eine Insolvenz von Quelle würde nach Firmenangaben über 10.000 Arbeitsplätze betreffen. 8.000 Mitarbeiter beschäftigt Quelle direkt weltweit, dazu kommen noch eine Vielzahl von Beschäftigten bei Post und Lieferdiensten, die ebenfalls ihre Jobs verlieren würden, sollte der Konzern den Versand einstellen.

Die politische Diskussion um die "Rettung" von Quelle ist überaus heuchlerisch. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) hatte bereits vor Wochen erklärt, dass er sich für einen Massekredit einsetze. Medienwirksam verlangte er von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am Rande des Unionsparteitags, Quelle zur "Chefsache" zu machen. Bayerns Finanzminister Georg Fahrenschon (CSU) warf seinem Berliner Amtskollegen Peer Steinbrück (SPD) vor, auf dem Rücken der Quelle-Mitarbeiter parteitaktische Spielchen zu treiben und die Rettung zu "verzögern".

In den Berliner Finanz- und Wirtschaftsministerien ist man allerdings der Überzeugung, es sollten keine Mittel in den Konzern gesteckt werden. Im Finanzministerium hieß es, wenn die Bayern das Quelle-Konzept so überzeugend fänden, könnten sie ihren Teil des Kredits ja auszahlen. Und Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) vertritt ohnehin jenen Teil der Regierung, der ohne Rücksicht auf Verluste die Finanzkrise dazu nutzen will, den Markt zu bereinigen.

Zahlreiche Wirtschaftsvertreter hatten die Regierung aufgefordert, nicht einzugreifen. "Ich finde es unfair, wenn Quelle vom Staat unterstützt wird", sagte Neckermann-Chef Henning Koopmann der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Neckermann und Quelle waren bis 2007 Schwesterunternehmen im inzwischen insolventen Arcandor-Konzern. Dann übernahm der amerikanische Investor Sun Capital 51 Prozent. Die betriebswirtschaftliche Führung blieb bei Arcandor, das derzeit noch 49 Prozent hält.

Auch Seehofer und Fahrenschon wissen, dass ein kurzfristiger Kredit die Arbeitsplätze nicht sichert. Sie hoffen lediglich, sich und die CSU damit über die Bundestagswahl im September zu retten.

Der Bankrott des im fränkischen Fürth ansässigen Unternehmens würde die Arbeitslosigkeit in einer Region weiter drastisch erhöhen, die ohnehin schon die höchste Arbeitslosigkeit und Armut im Freistaat aufweist. In der Region um Nürnberg und Fürth sind in den vergangenen Jahren zahlreiche ehemals große Industrieunternehmen geschlossen und Tausende Beschäftigte in die Arbeitslosigkeit gedrängt worden.

Die letzte Landtagswahl - und etwas weniger deutlich auch die Europawahl Anfang des Jahres - waren für die ehemals dominierende CSU ein Debakel. Für die anstehende Bundestagswahl werden der Unionspartei weitere Verluste vorhergesagt. Vor diesem Hintergrund versucht sich mancher in der Führungsriege als Retter von Arbeitsplätzen darzustellen - bis die Wahl gelaufen ist.

Laut Süddeutscher Zeitung wird die Haltung Berlins auch von einem ranghohen Mitglied der bayerischen Staatsregierung geteilt. Quelle habe sich überlebt, daher sei auch "die Liquidation des Unternehmens ein denkbares Szenario", heißt es. Auch Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) sagte, ein Kredit bedeute keine Rettung. "Der Massekredit ist eine Übergangslösung. Es muss bei Quelle erheblich mehr geschehen", sagte er der Süddeutschen Zeitung.

Wie schon im Fall Arcandor spielen Gewerkschaften und Betriebsrat eine üble Rolle. Der Betriebsratsvorsitzende Ernst Sindel hatte in den letzten Wochen und Monaten aufs Engste mit dem Management von Quelle zusammengearbeitet. Gemeinsam mit dem Vorstand hatte er einen Brandbrief an Steinbrück und Guttenberg verfasse und um staatliche Gelder geworben. Die Genehmigung des Kredits kommentierte er dann mit den Worten: "Vor uns liegt eine Menge Arbeit. Aber wir haben jetzt die Chance zu beweisen, dass unsere Konzepte tragen."

Sindel gehört seit 40 Jahren zum Unternehmen. Während seiner Betriebsratstätigkeit hat er unzählige "Restrukturierungsprogramme" unterstützt. Das letzte sah einen "sozialverträglichen" Stellenabbau über Aufhebungsverträge und ähnliches vor. Dabei wurde den Beschäftigten immer weder versprochen, das Unternehmen werde dadurch wettbewerbsfähig und die verbliebenen Arbeitsplätze würden gesichert.

Noch Anfang des Monats hatte die stellvertretende Vorsitzende von Verdi, Margret Mönig-Raane, die auch im Aufsichtsrat von Arcandor sitzt, erklärt, die aufgelegten Restrukturierungsprogramme trügen Früchte und müssten fortgesetzt werden. Nun ist klar, dass dies, selbst wenn Quelle überleben sollte, mit einem enormen Arbeitsplatzabbau und Lohnsenkungen verbunden wäre.

Quelle hat Ende 2006 mehrere Callcenter geschlossen, um sie in Berlin, Magdeburg und Cottbus wieder zu eröffnen - mit deutlich schlechteren Konditionen für die Mitarbeiter. Ein Großteil der neuen Beschäftigten kam über die Bundesagentur für Arbeit. So konnte Quelle Subventionen über so genannte Bildungsgutscheine beziehen. Die Beschäftigten verdienen in der Regel zwischen 800 und 900 Euro pro Monat für eine Vollzeitstelle. Diese Praktiken wurden von Verdi und dem Betriebsrat abgenickt.

Während viele Beschäftigte berechtigte Wut auf die Unternehmensleitung haben, unterbindet der Betriebsrat jeden Protest. Auf keinen Fall soll die Belegschaft gegen die Abwicklung ihrer Arbeitsplätze kämpfen und die Verantwortlichen, das Management und die Aktionäre zur Verantwortung ziehen.

Während die Belegschaft in den letzten Jahren immer mehr Kürzungen hinnehmen musste, machten die Anteilseigner mit dem Versandhandel glänzende Geschäfte. 2007 schätzte das Wirtschaftsmagazin Forbes das Gesamtvermögen der größten Anteilseignerin von Quelle, Madeleine Schickedanz, auf 5,5 Milliarden Dollar (3,9 Milliarden Euro).

Ihr Vater, der Fürther Kaufmann Gustav Schickedanz, hatte 1927 Quelle gegründet. Unter dem Nazi-Regime konnte er das Versandhaus aufgrund seiner Mitgliedschaft in der NSDAP stark vergrößern und weitere Firmen hinzukaufen. Die Vereinigten Papierwerke, Brauereien und andere Firmen erwarb Schickedanz wahrscheinlich weit unter dem tatsächlichen Wert von den ehemaligen jüdischen Besitzern im Zuge der Arisierung. Nach dem Krieg wurde Schickedanz inhaftiert und sein Vermögen beschlagnahmt. Doch 1949 wurde er freigesprochen. Quelle expandierte weiter und wurde zu einem Symbol des deutschen "Wirtschaftswunders".

Kämpft gegen Googles Zensur!

Google blockiert die World Socialist Web Site in Suchergebnissen.

Kämpft dagegen an:

Teilt diesen Artikel mit Freunden und Kollegen