Arbeitslosigkeit in Europa steigt stark

Von Stefan Steinberg
6. August 2009

Vergangene Woche hat Eurostat, das Statistikamt der Europäischen Union, Zahlen veröffentlicht, die zeigen, dass die Arbeitslosigkeit in Europa im Juni weiter gestiegen ist. Die Saison bereinigte Arbeitslosigkeit ist in den 27 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union (EU) auf 8,9 Prozent gestiegen. 246.000 Menschen sind zusätzlich arbeitslos geworden, und im Juni dieses Jahres lag die Arbeitslosigkeit um zwei Prozent höher als im Juni 2008. 21,5 Millionen Menschen waren vergangenen Monat ohne Arbeit.

In der Eurozone - die aus sechzehn EU-Mitgliedern besteht, die den Euro als Währung haben - betrug die Arbeitslosigkeit sogar 9,4 Prozent, eine Zunahme um 158.000. Im Juni 2008 betrug die Arbeitslosigkeit in der Eurozone noch 7,5 Prozent.

Die Jugendarbeitslosigkeit ist in der Eurozone doppelt so hoch wie die allgemeine Arbeitslosigkeit und beträgt 19,5 Prozent.

Die jüngsten Arbeitslosenzahlen für Japan zeigten im Juni ein Sechs-Jahres-Hoch von 5,4 Prozent, und in den USA stieg die Arbeitslosigkeit auf ein 26-Jahres-Hoch von 9,5 Prozent.

Die neuen Zahlen zeigen, dass die Industrie-, Handels- und Dienstleistungsunternehmen, d.h. die so genannte "Realwirtschaft", weiter Arbeitsplätze in alarmierendem Ausmaß abbauen. Dies steht im Kontrast zu den sehr hohen - in einigen Fällen sogar rekordverdächtigen - Profiten einiger Großbanken und Finanzinstitute.

Die offiziellen Zahlen von Eurostat müssen allerdings mit Vorsicht genossen werden. Sie erfassen nur Arbeiter, die als Arbeit suchend registriert sind, und nicht die riesige Grauzone von Arbeitern, die entweder schon aufgegeben haben, nach Arbeit zu suchen, oder nicht registriert sind, weil sie keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld haben. Auch erfasst Eurostat nicht die Millionen von Unterbeschäftigten, die Teilzeitbeschäftigten oder Niedriglöhner, die von ihrem Einkommen kaum leben können.

Europäische Politiker versuchen den jüngsten Anstieg der Arbeitslosigkeit in einem freundlichen Licht erscheinen zu lassen, weil er signalisiere, dass sich der Anstieg der Arbeitslosigkeit im Vergleich zu den vorhergehenden Monaten verlangsamt habe. Im Mai waren in der ganzen Union noch 600.000 Arbeiter neu arbeitslos geworden.

Allerdings haben einige der führenden EU-Länder, besonders Deutschland und die Niederlande, in erheblichem Umfang Kurzarbeit eingeführt. Infolgedessen geben die offiziellen Arbeitslosenzahlen das von der Wirtschaftskrise verursachte soziale Elend nicht in seinem vollen Ausmaß wider.

Da die für die Kurzarbeit zur Verfügung stehenden Mittel bald auslaufen, wird es in den kommenden Monaten zu einer neuen Welle von Entlassungen und Betriebsschließungen kommen.

Wenn Kurzarbeiter und nicht registrierte Arbeitslose bei den Arbeitslosenzahlen berücksichtigt werden, dann steigen diese dramatisch. In Deutschland stieg die Zahl der offiziellen Arbeitslosen im Juni um 52.000 auf 3.460.000. Wenn man die nicht mitgezählten Arbeitslosen und die Unterbeschäftigten mit einbezieht, dann steigt die Zahl auf knapp sechs Millionen.

Der Ökonom Martin van Vliet von der ING-Bank erklärt: "Weil die Wirtschaft immer noch in der Rezession steckt und die Erholung voraussichtlich sehr schleppend vorangehen wird, sieht es leider so aus, dass die Arbeitslosigkeit dieses und nächstes Jahr weiter steigen wird."

Mehrere neuere Untersuchungen anderer internationaler Wirtschaftsinstitute weisen darauf hin, dass die Krise in Europa tiefer werden und länger dauern könnte als in den USA. Den Zahlen des Internationalen Währungsfonds zufolge werden die Länder der Eurozone dieses Jahr um 4,8 Prozent schrumpfen. Die Voraussage des IWF für die USA sagt demgegenüber für 2009 nur ein Schrumpfen von 2,6 Prozent voraus.

Auch die Zunahme der Langzeitarbeitslosigkeit wird in den europäischen Ländern wahrscheinlich viel dramatischer ausfallen als in den USA. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) erwartet, dass die Langzeitarbeitslosigkeit in der EU bis Ende 2010 um 1,5 Prozent auf neun Prozent ansteigt. Dieser erwartete Anstieg ist sieben Mal so hoch wie in den USA oder Japan.

Gleichzeitig drohen der europäischen Industrie weitere Folgen der Bankenkrise. Die Verschuldung der europäischen Wirtschaft steht auf einem Rekordniveau und machte Ende 2008 schon 96 Prozent der Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus. Die Verschuldung der amerikanischen Wirtschaft stand Ende 2008 bei 50 Prozent des BIP.

Auch wenn einige Großbanken schon wieder hohe Profite einfahren, haben viele immer noch mit einer hohen Zahl toxischer Papiere in ihrem Portefolio zu kämpfen und zögern mit der Vergabe von Krediten an Firmen, denen die Insolvenz drohen könnte. Einer Expertise der Europäischen Zentralbank vom Juni zufolge, könnten die europäischen Banken bis Ende 2010 bis zu 196 Mrd. Euro verlieren, zusätzlich zu den 253 Mrd. Euro, die sie seit dem Beginn der Krise 2007 verloren haben.

Ein Bericht vom Dienstag weist auf einen deflationären Druck in Europa hin. Er zeigt, dass die Produzentenpreise in der Eurozone gegenüber dem Vorjahr um 6,6 Prozent gefallen sind. Das ist ein viel größerer Rückgang als noch im Mai (5,9 Prozent) und der stärkste seit Beginn der Statistik im Jahre 1981. Die Herstellerpreise in Europa sind jetzt in jedem Monat in diesem Jahr gefallen.

Vor diesem Hintergrund haben mehrere wichtige europäische Industrien klar gemacht, dass sie weitere Reduzierungen planen.

Europas größte Fluggesellschaft, die Air France-KLM-Gruppe, gab für das zweite Quartal einen Nettoverlust von 431 Millionen Euro bekannt. Die Verluste waren viel höher als erwartet. Die Fluggesellschaft will auf sinkende Erlöse und zurückgehende Nachfrage mit einer umfangreichen Reorganisation ihres Geschäfts reagieren, was unvermeidlich hohe Arbeitsplatzverluste bedeuten wird. Die Probleme von Air France sind typisch für alle Fluggesellschaften in Europa. Es gibt weniger Geschäftsreisende, und selbst die Nachfrage nach Ferienflügen geht zurück.

Der Aktienkurs des größten belgischen Pharmaherstellers Omega Pharma NV fiel nach einem starken Rückgang der Verkäufe im zweiten Quartal im Juli in den Keller. Die Firma revidierte ihre Vorhersage eines "leichten" Wachstums für das ganze Jahr und plant ebenfalls Umstrukturierungen.

Am 22. Juli verkündete Siemens, Europas größter Elektrokonzern, die Absicht, weitere 1.400 Arbeitsplätze abzubauen. Die Firma beschäftigt 409.000 Arbeiter und Angestellte. Vor einem Jahr wurde schon die Streichung von 17.000 Arbeitsplätzen bekannt gegeben. Gegenwärtig befinden sich 19.000 Beschäftigte in Kurzarbeit.

ArcelorMittal, der weltgrößte Stahlhersteller, hat ebenfalls Pläne für umfangreiche Kürzungsmaßnahmen bekannt gegeben. In seinem spanischen Werk will er die Arbeitszeit um 40 Prozent kürzen und einen Teil der Belegschaft bis Ende des Jahres freistellen. Der größte spanische Mühlenhersteller Nicolas Correa SA, erklärte Ende Juli, er werde in seinem Werk in Nordspanien Arbeiter entlassen. Für September seien weitere Freisetzungen geplant.

Kein europäisches Land bleibt von den Folgen des wirtschaftlichen Niedergangs verschont, aber einige Länder sind besonders hart getroffen. Den Zahlen von Eurostat zufolge ist die Arbeitslosigkeit in einigen europäischen Ländern doppelt so hoch wie im EU-Durchschnitt.

In Spanien stieg die Arbeitslosigkeit im Juni auf 18,1 Prozent. In Osteuropa weisen Lettland 17,2 Prozent und Estland 17 Prozent Arbeitslosigkeit auf.

In Spanien sind Hunderttausende Arbeitsplätze in der Bauindustrie zerstört worden, die dieses Jahr praktisch zusammengebrochen ist. Die Jugendarbeitslosigkeit von 36,5 Prozent ist die höchste in Europa. Eine Untersuchung der Europäischen Union vom Mai stellte fest, dass die Arbeitslosigkeit in Spanien in der nächsten Zeit bis auf über 20 Prozent ansteigen wird.

Die Zahlen für Litauen, Lettland und Estland sind sogar noch dramatischer. Vergangene Woche gab Litauen bekannt, dass seine Wirtschaft im zweiten Quartal 2009 um 22,4 Prozent geschrumpft sei. Ähnliche Zahlen werden für Lettland und Estland erwartet. Lettland hat schon um zwei Notkredite des Internationalen Währungsfonds nachgesucht, und Litauen denkt darüber nach, einen solchen Kredit zu beantragen.

Kredite des IWF und der EU sind immer an strikte ökonomische Vorgaben und Haushaltskürzungen gebunden. Die lettische Regierung hat die Löhne und Gehälter im öffentlichen Dienst dieses Jahr schon um ein Drittel gekürzt und die Rentenbeiträge drastisch reduziert.

Das Arbeitslosengeld wird in Lettland nur neun Monate gezahlt. Das bedeutet, dass Zehntausende, die ihren Arbeitsplatz Anfang des Jahres verloren haben, schon bald kein Einkommen mehr haben werden. Die Kosten für Heizung sind in die Höhe geschossen, und viele Letten stehen vor einem harten Winter ohne Heizung. Als Teil des letzten Kredits verlangt der IWF, dass Lettland seine Staatsausgaben dieses Jahr noch einmal um zehn Prozent kürzt.

Gideon Rachman schrieb in der Financial Times über die Lage in Osteuropa, die Krise in der Region könne "die zarten Erholungstendenzen im übrigen Europa" bedrohen. Er fügte hinzu, dass die lettische Regierung sich auf einen "Winter der Unzufriedenheit" einrichten sollte. In einer solchen Lage, warnte Rachman, sei es wohl etwas abenteuerlich, der Polizei die Löhne um dreißig Prozent zu kürzen.

Siehe auch:
Europäische Mächte verwerfen amerikanisch-britische Vorschläge für Konjunkturprogramme
(31 März 2009)

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