Weltgrößte Banken nutzen die Krise zur Steigerung ihrer Profite

Von Stefan Steinberg
1. August 2009

Zu Beginn dieser Woche gab die Deutsche Bank eine enorme Profitsteigerung bekannt. Die Bank verzeichnete im zweiten Quartal einen Nettoprofit von 1,1 Milliarden Euro. Das ist fast das Doppelte des Gewinns vom gleichen Zeitraum des vergangenen Jahres (€645 Mio.).

Vor zwei Wochen gab schon die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs Profite von $3,44 Mrd. (€2,44 Mrd.) für den Zeitraum von April bis Juni bekannt.

Kein Jahr nach Ausbruch einer Finanzkrise, die die Wirtschaft rund um den Globus bis ins Mark traf und geschätzte vierzig Prozent des Reichtums dieser Welt auslöschte, verzeichnen einige Großbanken und Investmenthäuser Rekordprofite. Für die Gehälter und Boni ihrer Topangestellten stellen sie immer höhere Summen, in einigen Fällen sogar Rekordsummen, bereit.

Im Jahr 2008 hatte die Deutsche Bank mit €3,9 Mrd. ($5,5 Mrd.) die größten Verluste ihrer Geschichte verzeichnet. Wie ist diese Wende zu erklären?

Vor kurzem brachte Der Spiegel einen Artikel unter dem Titel "Die Rückkehr der Gier", der ein wenig Klarheit verschaffte. Im Artikel wird ein ehemals führender Bankier mit den Worten zitiert: "Vor einigen Jahren haben die Investmentbanken sich am Geld ihrer Kunden bereichert. Als diese Ressource zu klein wurde, haben sie auf das Geld ihrer Aktionäre zurückgegriffen. Mittlerweile sind sie beim größten Pool angelangt, den die Welt bietet: dem Geld der Steuerzahler."

In dem Artikel wird der Chef des Deutschlandgeschäfts einer internationalen Investmentbank mit den Worten zitiert: "Die Steuerzahler finanzieren die Coupons für das Casino...besser geht's nicht."

Nach dem Kollaps von Lehmann Brothers im September 2008 intervenierte die amerikanische Regierung mit einem massiven Rettungspaket. Seit der Zeit hat die US-Regierung Programme im Umfang von bis zu 23,7 Billionen Dollar. auf den Weg gebracht, um das Finanzsystem zu stützen. Diese Summe entspricht dem 1,7-fachen Wert des amerikanischen Bruttoinlandsproduktes.

Weltweit kopierten andere Regierungen die Maßnahmen Washingtons.

Auf Geheiß der Banker, insbesondere von Josef Ackermann, dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, legte die Regierung Ende letzten Jahres ein 500 Mrd. Euro Rettungsprogramm für die Banken auf. Danach stellte sie der Finanzwirtschaft weitere Hunderte Milliarden im Rahmen der Gründung von "Bad Banks" zur Verfügung.

Es wird davon ausgegangen, dass Regierungen seit dem Ausbruch der Finanzkrise im September 2008 insgesamt achtzehn Billionen Dollar an öffentlichen Geldern für die Rekapitalisierung des Bankensystems aufgewendet haben. Das entspricht fast 30 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts. In fast allen großen Industriestaaten haben Großbanken und Finanzinstitute, die als "systemrelevant" eingeschätzt werden, von ihren jeweiligen Finanzministerien praktisch Blankoschecks ausgestellt bekommen.

Die Rettungsmaßnahmen der nationalen Regierungen sind ein gigantisches Sicherheitsnetz für die Banken, das es ihnen ermöglicht, sich erneut in hochspekulative Finanzgeschäfte zu stürzen. Das Schuldenniveau aufgrund der Bankenrettungspakete und Konjunkturprogramme ist in gewaltige Dimensionen gestiegen und wird über Generationen zurückgezahlt werden müssen.

Gleichzeitig eröffnet die hohe Verschuldung der Regierungen den Banken enorm lukrative Möglichkeiten. Der Handel mit staatlichen Krediten im Zusammenhang mit Finanzrettungspaketen entwickelt sich zu einem zentralen Geschäftsfeld der Großbanken.

Die durchschnittliche Staatsverschuldung in der Europäischen Union wird dieses Jahr wohl auf achtzig Prozent des BIP steigen und 2010 noch höher. In Großbritannien wird die Staatsverschuldung dieses Jahr wahrscheinlich auf 100 Prozent des BIP hochschnellen. Japans Staatsverschuldung bewegt sich für 2011 auf 200 Prozent des BIP zu. Der Wert für die USA wird für das gleiche Jahr vermutlich 100 Prozent erreichen.

Mit dem Anstieg der Verschuldung in vielen Staaten stufen die Rating Agenturen die Kreditwürdigkeit der betroffenen Länder herab, die den Banken dann höhere Zinsen für ihre Kredite bezahlen müssen. Für die Banken ist das eine klassische Win-Win-Situation.

Gleichzeitig zögern die Banken, Geschäftskredite zu vergeben, weil, wie sie euphemistisch formulieren, die Aussichten für normale Firmen und Industrieunternehmen "im gegenwärtigen Finanzklima zu riskant" sind. Angesichts der Weigerung der Banken, Kredite zu vergeben, müssen die Industrie- und Handelsunternehmen Anleihen mit viel höherer Verzinsung ausgeben. Der spekulative Handel mit diesen Anleihen beschert den Banken zusätzliche Gewinne.

Der Artikel im Spiegel kommentiert: "Es ist eine verrückte Welt: Die an den Kapitalmärkten ausgelöste Krise fördert und stärkt nun - ausgerechnet die Kapitalmärkte. Die Emission von Anleihen jedenfalls ist explodiert, allein in Kontinentaleuropa haben sich Firmen in den ersten sechs Monaten dieses Jahres 318 Milliarden Dollar geliehen, die Anleihen von Banken sind da gar nicht mitgerechnet. Das sind rund 50 Prozent mehr als der Schnitt der drei vorangehenden Jahre."

Mit dem enormen Anstieg der Profite der Banken geht eine Explosion der Gehälter der Bankangestellten einher. Die Consulting Firma Johnson Associates schätzt, dass die Gehälter in der ganzen Bankwirtschaft dieses Jahr um zwanzig bis dreißig Prozent steigen werden.

Die Entgelte der Beschäftigten von Goldman Sachs bewegen sich dieses Jahr auf einen Durchschnitt von 770.000 Dollar zu, die höchste jährliche Entlohnung in der Geschichte der Bank.

Citigroup hat von der US-Regierung 45 Mrd. Dollar Barhilfen bekommen hatte, und zwar zusätzlich zu den staatlichen Garantien über 300 Mrd. Dollar für ihre faulen Wertpapiere. Sie befindet sich jetzt zu 43 Prozent im Besitz des Staates. Trotzdem plant sie, die Gehälter dieses Jahr um fünfzig Prozent zu erhöhen, um dadurch die niedrigeren Boni auzugleichen. Andere Banken, darunter UBS und Morgan Stanley gewähren ihren Angestellten ebenfalls stolze Lohnerhöhungen von dreißig bis sechzig Prozent.

In Deutschland hat Michael Kemmer, der Chef der BayernLB, die Dutzende Milliarden Staatshilfe erhalten hat, um sie vor dem Bankrott zu retten, seine Absicht verteidigt, den Angestellten seiner Bank hohe "Motivations"-Boni zu zahlen.

Diese atemberaubenden Entlohnungspläne richten sich überproportional an leitende Angestellte und Händler, die mit Gehältern und Boni im Bereich von Millionen und dutzenden Millionen Dollar rechnen können.

Die größten Banken wie Goldman Sachs, JPMorgan Chase und Deutsche Bank ergreifen die beispiellosen Möglichkeiten, Geld zu machen, beim Schopf, gehen in die Offensive und verfolgen die bewusste Strategie, ihre Konkurrenten zu eliminieren.

Am Mittwoch würdigte Deutsche Bank-Chef Ackermann in der Financial Times die Maßnahmen der Regierungen in aller Welt im Sinne der Banken und forderte sie auf, ihre Bemühungen zu verstärken, die Interessen der weltweit größten finanziellen Player sicher zu stellen.

Ackermann wischt den Vorwurf beiseite, dass die Banken Verantwortung für die gegenwärtige Krise trügen und erklärt Versuche, kleinere Banken zu schaffen, für kontraproduktiv. Stattdessen fordert er neue Maßnahmen zum Schutz der Interessen "komplexer globaler Finanzinstitute", wie z.B. solcher Großbanken wie der Deutschen Bank.

Ein führender Investmentbanker der Deutschen Bank, Anshu Jain, sagte dem britischen Magazin Euromoney im Mai, in Zukunft würden "wir fünf oder sechs riesige globale Spieler im Investmentbanking sehen".

Diese Riesen unter den Investmentbanken werden dem Spiegel zufolge ein neues Finanz-"Oligopol" bilden, das beispiellosen Zugang zu Staatsfinanzen und dem Geld der Steuerzahler haben werde. Die Banken diktieren mehr denn je die Politik des Staates, ganz unabhängig von der konkreten Zusammensetzung der Regierung. Es sind die Banken und ihre Lobbyisten, die in Washington, Berlin und London die Melodie vorgeben.

Die Vorstandsvorsitzenden von Goldman Sachs, JPMorgan Chase und der Deutschen Bank betrachten die aktuelle Krise, für die sie selbst mitverantwortlich sind, als Chance, die es rücksichtslos auszunutzen gilt. Für die Arbeiterklasse bedeutet das eine enorm gesteigerte Ausbeutung und die Zerstörung all dessen, was heute von den sozialen Errungenschaften eines ganzen Jahrhunderts noch übrig ist.

In den Hauptstädten in aller Welt bereiten die Regierungen sich auf eine soziale Konterrevolution vor. Darin besteht auch das Wesen der Gesundheits-"Reform" von Barack Obama und der Intervention des Weißen Hauses in die Umstrukturierung der Autoindustrie. Sie entspricht den Profitinteressen der Wall Street.

Die deutsche Regierung, die in wenigen Monaten eine Bundestagswahl zu bestehen hat, ist gezwungenermaßen etwas vorsichtiger. Dennoch ist heute schon klar, dass die Große Koalition aus CDU und SPD sehr wohl zuzulassen bereit ist, dass selbst große Industriekonzerne wie Opel in die Insolvenz gehen. Schon werden Pläne geschmiedet, wie an der Sozialhilfe und Rente massive Kürzungen vorgenommen werden können. Sofort nach den Wahlen wird dies in Angriff genommen.

Das globale Finanzkasino könnte Wirtschaft und Gesellschaft in eine noch größere Katastrophe stürzen. Wenn die Kontrolle über die Weltwirtschaft in den Händen von Ackermann und Konsorten verbleibt, dann steht die Menschheit vor einem Desaster. Dringlicher als je zuvor stellt sich die Notwendigkeit, dass die internationale Arbeiterklasse die großen Finanzhäuser enteignet und im Rahmen einer sozialistischen Planwirtschaft ihrer demokratischen Kontrolle unterstellt.

Siehe auch:
G-8-Gipfel von Finanzkrise beherrscht
(10. Juli 2009)
Der Wirtschaftszusammenbruch von 2008 und seine revolutionäre Bedeutung
(27. Februar 2009)

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