Großbritanniens Elite und der Afghanistankrieg

Von Chris Marsden
1. August 2009

Großbritannien hat 9.000 Soldaten in Afghanistan stationiert. Seit Beginn der US-geführten Invasion sind 191 britische Soldaten und Soldatinnen in Afghanistan ums Leben gekommen - mehr als in sechs Jahren Krieg und Besatzung im Irak.

Dieser Krieg hat ca. zwölf Milliarden Pfund verschlungen. Das sind 190 Pfund für jeden britischen Bürger, ob Mann, Frau oder Kind. Das wäre genug, um 23 neue Krankenhäuser zu bauen, 60.000 zusätzliche Lehrer oder 77.000 Krankenschwestern einzustellen. Die neun Milliarden Pfund Ausgaben, die das Verteidigungsministerium angibt, schließen nicht die versteckten Kosten für die Versorgung der Verwundeten, Veteranen und der Familien der Getöteten ein.

Mindestens 218 Soldaten haben alleine seit 2006 "lebensverändernde Verletzungen" erlitten, und mehr als 50 mussten sich nach Verwundungen Amputationen unterziehen.

Aber am Schlimmsten ist, dass mehr als 30.000 afghanische Zivilisten in dem Konflikt getötet wurden. Für die Aufständischen sind keine Opferzahlen bekannt.

Die jüngsten Kämpfe in der Provinz Helmand treiben den Blutzoll noch einmal in die Höhe. Angesichts dieses Alptraums wächst die Opposition gegen den Afghanistankrieg in der Öffentlichkeit. Der Independent veröffentlichte am 28. Juli eine Umfrage von ComRes, die zeigte, dass die Mehrheit der Briten einen Abzug der Truppen aus Afghanistan befürwortet. Mehr als die Hälfte (52 Prozent) wollen einen sofortigen Rückzug. 64 Prozent sagen, die britischen Truppen sollten "so schnell wie möglich" abgezogen werden

58 Prozent sind der Meinung, der Krieg sei "nicht gewinnbar", und lehnen die Entsendung zusätzlicher Soldaten nach Afghanistan ab.

Schon vor einiger Zeit ergab eine Umfrage des kanadischen Angus Reid Research Centre, dass 53 Prozent der Briten eine Militärpräsenz in Afghanistan ablehnen. BBC und der Guardian kamen zum Schluss, dass 56 Prozent einen sofortigen Rückzug befürworten, und eine Umfrage von ITN-News setzte die Zahl sogar bei 59 Prozent an.

Dennoch findet sich in offiziellen politischen Kreisen oder in den Medien praktisch kein Widerhall dieser Opposition. Stattdessen bemühen sich alle gemeinsam, die Gegner mit Hinweis auf die britischen Kriegsopfer zum Schweigen zu bringen und öffentliche Unterstützung für den Konflikt zu mobilisieren.

Während die Labour-Regierung die britische Öffentlichkeit permanent mit der Behauptung nervt, der Krieg könne gewonnen werden, beklagen die Oppositionsparteien, die Soldaten müssten sterben, weil die britischen Truppen unterfinanziert, schlecht ausgerüstet und zu wenig zahlreich seien. Politische Reden und Kommentare in den Zeitungen laufen meist auf die Forderung hinaus, die Truppen aufzustocken und eine "realistische" Strategie für den Sieg zu entwickeln.

Am Tag vor der Veröffentlichung der Independent -Umfrage hielt Labour-Außenminister David Miliband eine Rede vor der Nato in Brüssel und forderte andere Mitgliedstaaten auf, mehr Soldaten zu schicken. Gleichzeitig kündigte der Verteidigungsminister eine Aufstockung um 125 Soldaten an, um die Ausfälle durch Tod und schwere Verletzungen zu kompensieren.

Premierminister Gordon Brown verstieg sich am gleichen Tag zur Behauptung, die "erste Phase" von Operation Panterklaue sei ein Erfolg gewesen. "Panterklaue" ist der Name der amerikanisch-britischen Offensive in Helmand. Man muss davon ausgehen, dass Phase zwei noch mehr Tote und Verletzte fordern wird. Im Vorfeld der afghanischen Wahlen, die für nächsten Monat anberaumt sind, wird von den britischen Truppen erwartet, "in den Gebieten, die sie eingenommen haben, in großer Zahl vor Ort anwesend zu sein", schreibt der Independent (Hervorhebung hinzugefügt).

Der konservative Oppositionsführer David Cameron drängt ständig darauf, mehr Soldaten und Ausrüstung zu schicken. Er hat versprochen, eine künftige Tory-Regierung werde den unmittelbaren Bedürfnisse der Frontsoldaten Vorrang vor den langfristig geplanten Verteidigungsausgaben geben. Das heißt auch, dass der Krieg seiner Ansicht nach lange über 2010 hinaus andauern wird.

Nick Clegg von den Liberal-Demokraten beschimpft die Regierung, weil sie sich "aus politischen Gründen" weigere, noch einmal 2000 Soldaten zu schicken, und der Truppe nicht die "politische Unterstützung" zukommen lasse, die sie verdient.

Die Scottish National Party (SNP) drängt auf eine "politische Lösung", die den Menschen, "und nicht zuletzt unseren Soldaten selbst, das Vertrauen gibt, dass die richtige Strategie verfolgt wird und auch erreichbar ist".

Elfyn Llwyd, der verteidigungspolitische Sprecher der Partei Plaid Cymru, verlangt eine unbestimmte "Ausstiegsstrategie", fügt aber hinzu, dass wir bis dahin "die volle Unterstützung für das Militär" brauchen.

Der Grund für das ganze Gerede über eine "politische Strategie" ist die Überlegung, wie der britische und amerikanische Imperialismus die Kontrolle über Afghanistan am besten festigen können. Das läuft darauf hinaus, aufständische Elemente in das Regime von Hamid Karzai zu integrieren, um die Basis des Marionettenregimes zu verbreitern. Eine breitere Schicht von Warlords, Stammesführern und gekauften Taliban-Elementen soll dazu beitragen, das afghanische Volk zu kontrollieren.

Diese Linie ist schon von der Regierung beschlossen, von Miliband in Brüssel formuliert und von Richard Holbrooke, dem US-Gesandten für die Region, umgehend gebilligt worden

Nichts könnte das politische Monopol der herrschenden Klasse besser illustrieren, als diese blanke Weigerung, die Kriegspolitik in Afghanistan aufzugeben.

Selbst in der Zeit, als 2003 die Invasion des Irak vorbereitet wurde, hatten sich noch ca. einhundert Abgeordnete der Labour Party formal gegen den Krieg gewandt und wurden dabei von den Liberaldemokraten, der SNP und Plaid Cymru unterstützt.

Zu den damaligen Massenprotesten gegen den Krieg erklärte Premierminister Tony Blair, der seine Befehle aus Washington erhielt: "Ich strebe Unpopularität nicht unbedingt wie eine Ehrenmedaille an. Aber manchmal ist sie der Preis dafür, wenn man Führung gibt."

Er betonte, dass Großbritannien nur als unverbrüchlicher Verbündeter des US-Imperialismus eine gewisse Bedeutung auf internationaler Ebene behalten könne.

An Blairs Credo, das Wesen von Führung sei die Bereitschaft, den Willen der Mehrheit zu missachten, zeigt sich die Verachtung, die die globale Finanzoligarchie und ihre politischen Mietlinge demokratischen Normen entgegenbringen. Er hat damit auf seine Art zugegeben, dass es nicht möglich ist, für räuberische Kriege im Ausland ein demokratisches Mandat zu erhalten. Dasselbe trifft auf eine Wirtschafts- und Sozialpolitik zu, die auf Kosten der großen Mehrheit die Elite bereichert.

Seine Botschaft wurde verstanden. Als der Irakkrieg begonnen hatte, folgte die gesamte parlamentarische Bande nach einigen symbolischen Protesten der vorgegebenen Linie. Seitdem sind sie nie von diesem Kurs abgewichen.

Heute ist nur von einer Handvoll von Labour-Abgeordneten bekannt, dass sie gegen den Militäreinsatz in Afghanistan sind. Aber sie machen sich praktisch unsichtbar. Voller militärischer Einsatz wird in den herrschenden Kreisen als unabdingbar für ein festes politisches Bündnis mit den USA und der Obama-Regierung gesehen. Dieses wird als notwendiges Gegengewicht gegen die wichtigsten europäischen Rivalen Großbritanniens, Deutschland und Frankreich, gesehen.

Die Antikriegsstimmung im Land findet auch außerparlamentarisch kaum Ausdruck. Die von der Socialist Workers Party und der stalinistischen Kommunistischen Partei Großbritanniens geführte Stop the War Coalition konnte einst fast zwei Millionen Demonstranten gegen den Irakkrieg mobilisieren. Aber ihre Führung hat diese Bewegung praktisch auf Null heruntergewirtschaftet, weil sie Wert auf den Eindruck legt, liberale Teile des Establishments, wie die Labour Linken, und die europäischen Mächte würden bewaffnete Konflikte verhindern

Heute ist die offizielle Antikriegsbewegung nur noch ein Schatten ihrer selbst, und sie tut alles, um den Eindruck zu verstärken, dass man sowieso nichts gegen die Kriegstreiber in Westminster tun könne.

Die arbeitende Bevölkerung muss den sofortigen Rückzug aller britischen, amerikanischen und verbündeten Truppen aus Afghanistan und dem Irak fordern. Die Drohungen gegen den Iran, Pakistan, Syrien und andere Staaten und Völker müssen sofort aufhören.

Aber die Arbeiter müssen auch verstehen, dass die imperialistischen Staaten den Afghanistan-Konflikt und den Irakkrieg führen, um die strategischen Märkte und Rohstoffe der Welt zu beherrschen, besonders die Ölvorkommen des Nahen Ostens und des kaspischen Beckens. Es sind koloniale Unterwerfungskriege.

Der Kampf gegen Krieg kann nur erfolgreich sein, wenn die Arbeiterklasse gegen die Bourgeoisie und das gesamte Profitsystem mobilisiert wird. Dafür sind eine internationale revolutionäre Strategie und ein entsprechendes Programm notwendig.

Siehe auch:
Großbritanniens Propaganda-Offensive für den Krieg in Afghanistan
(31. Juli 2009)
Gordon Brown besucht Washington
(6. März 2009)

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