Chinas fragwürdige Statistiken vertuschen die Wirtschaftskrise

Von John Chan
13. August 2009

An Chinas Wirtschaftsstatistiken, die positive Wachstumsraten zeigen, sind Zweifel aufgetaucht. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) soll nach den von 31 Provinz- und Gemeindeverwaltungen am 1. August zur Verfügung gestellten Daten in der ersten Hälfte dieses Jahres auf 15,38 Billionen Yuan gestiegen sein, deutlich mehr, als die 13,99 Billionen Yuan, die vom Nationalen Statistikbüro (NSB) angegeben wurden.

Die Provinzregierungen stehen unter Druck aus Peking, die Wachstumsrate des BIP für dieses Jahr bei über acht Prozent zu halten, obwohl die Wirtschaftslage sich infolge der globalen Wirtschaftskrise stetig verschlechtert. Daher sind einige Parteibosse einfach dazu übergegangen, falsche Statistiken zu liefern, um ihren Vorgesetzten bis hin zu Präsident Hu Jintao zu imponieren. Angesichts der wachsenden Bedeutung Chinas für die Weltwirtschaft werden diese Zahlen sowohl im Land als auch international einer strengeren Prüfung unterzogen.

Die Ungereimtheiten bei den BIP-Daten lassen Fragen über das Ausmaß der Manipulation auftauchen, die das chinesische Regime auf allen Ebenen betrieben hat, um die wahre Wirtschaftslage zu vertuschen. Die Financial Times warnte: "Während der Rest der Welt China als Signal für Expansion ansieht, erinnert einen diese Diskrepanz daran, dass Statistiken oft unzuverlässig sind und von Amtsträgern für persönliche und politische Zwecke regelmäßig manipuliert werden.

Derek Scissors, ein Wirtschaftswissenschaftler der rechten Heritage Foundation, begann vergangenen Monat eine Kontroverse, indem er das NSB kritisierte. "Trotz sehr knapper technischer Ausstattung und einer dynamischen, komplexen Wirtschaft benötigte das staatliche Statistikbüro wieder nur fünfzehn Tage, um sich einen Überblick über die Wirtschaftsprozesse von 1.3 Milliarden Menschen [für das erste Vierteljahr] zu verschaffen", schrieb er. "Bestenfalls werden frühere Aktivitäten gemessen. Schlimmstenfalls sind die Ergebnisse gefälscht worden, um der Kommunistischen Partei zu schmeicheln." Das NSB antwortete in einem langen Kommentar in der China Daily und wies Scissors Argument als "falsch" zurück, weil man 100.000 Statistiker beschäftige.

Wang Yang, der Vorsitzende der Kommunistischen Partei der Provinz Guandong kritisierte seine Amtskollegen in anderen Provinzen dafür, sich ein Wettrennen um hohe Wachstumsraten und gute Statistiken zu liefern. Er wies darauf hin, auf welche absurde Weise infrastrukturbezogene Zahlen das BIP ansteigen ließen. "Zum Beispiel bringt der Bau einer Brücke BIP; sie abzureißen bringt noch mehr BIP; dieselbe Brücke dann wiederaufzubauen bedeutet noch mehr BIP. Eine Brücke trug dreimal zum BIP bei, wobei große gesellschaftliche Mittel verschwendet wurden, aber nur einmal wirklich zum gesellschaftlichen Reichtum beigetragen wurde."

Aber der Anstieg des BIP der exportabhängigen Provinz Guandong um 7,1 Prozent im ersten Halbjahr ist genauso zweifelhaft wie der Landesdurchschnitt. Eines der wichtigsten Industriezentren Guandongs ist die Stadt Dongguan, deren BIP in der ersten Jahreshälfte lediglich um 0,6 Prozent gestiegen ist, weit unter dem offiziellen Ziel von zehn Prozent. In derselben Periode sank die Wirtschaftskraft der zehn Millionenstadt aufgrund eines 24 prozentigen Rückgangs der Exporte um zehn Prozent.

Im zweiten Jahresviertel ist Chinas BIP offiziellen Berichten zufolge um 7,9 Prozent verglichen mit dem gleichen Zeitraum des Vorjahres angestiegen, was auch eine Steigerung gegenüber dem ersten Quartal bedeutet, die bei 6,1 Prozent lag,. Die Industrieproduktion stieg trotz eines Rückgangs der Schlüsselindikatoren Export (um 21,8 Prozent) und Stromerzeugung (um 2,24 Prozent) im ersten Halbjahr um sieben Prozent.

Beim Versuch, die Auffälligkeiten bei der Stromproduktion zu erklären, behauptete das NSB, dass der sinkende Stromverbrauch durch die Schwäche der stromintensiven Industrien zu erklären sei - Stahl, Aluminium und Chemie - während ein Industriewachstum in weniger stromintensiven Industrien stattgefunden habe.

Diese Argumentation ist nicht sehr überzeugend. Im Mai hinterfragte die Internationale Energie Agentur Chinas BIP-Wachstum des ersten Vierteljahres von 6,1 Prozent. Sie erklärte, dass die Ölnachfrage um 3,5 Prozent gesunken sei.

Chinas "Erholung" wird von einem riesigen Konjunkturprogramm getrieben, allem voran einer Flut von Bankkrediten, die in der ersten Jahreshälfte ein Rekordhoch von 7,1 Milliarden Yuan (1,1 Milliarden US-Dollar) erreichten. Ein beachtlicher Anteil dieser Summe ist nicht produktiv investiert worden, sondern in Spekulationen im Aktien- und Immobilienmarkt geflossen. Die Börse von Schanghai ist dieses Jahr schon um 90 Prozent gestiegen, während das Volumen der Immobilienverkäufe von Januar bis Juni verglichen mit demselben Zeitraum des Vorjahres um 31,7 Prozent angestiegen ist.

Besonders Textil-, Medizin- und Haushaltsgeräteunternehmen steigern die Spekulation am Immobilienmarkt, um niedrige und sinkende Profitabilität in der Produktion auszugleichen. Ausgehend von der Tatsache, dass Chinas Immobilieninvestoren für mehr als 50 Prozent ihrer Investitionen auf Bankkredite angewiesen sind - weit mehr als im internationalen Durchschnitt -, fürchten Wirtschaftsexperten und Politiker eine mögliche Bankenkrise. Nach Angaben der chinesischen Zentralbank gingen von den neuen Bankkrediten der ersten Hälfte des Jahres 2009 538,1 Milliarden Yuan (78,7 Milliarden US-Dollar) in den Immobilienmarkt. Eine ähnliche Summe floss in den Aktienmarkt.

Im Finanzjournal Caijing vom 5.August schrieb Andy Xie, ein prominenter chinesischer Wirtschaftsexperte, dass der chinesische Aktien- und Immobilienmarkt um 50-100 Prozent überbewertet sei und "einem riesiges Schneeballsystem" ähnele. Er verglich Chinas Kapitalblase mit der von Hongkong 1997 auf dem Höhepunkt der Asienkrise.

Noch schärfer wird das Nationale Statistikbüro für seine Daten zu Arbeitslosigkeit und Löhnen kritisiert. Die staatliche Zeitung Global Times berichtete, dass die Öffentlichkeit mit "Gelächter und Sarkasmus" reagierte, als das NSB Zahlen veröffentlichte, dass der städtische Durchschnittslohn in China in der ersten Jahreshälfte um dreizehn Prozent auf 2,142 US-Dollar angestiegen sei. Die Zeitung zitierte eine Onlineuntersuchung, die zeigte, dass 88 Prozent der Befragten die Statistik anzweifelten. Das Empfinden von durchschnittlichen Arbeitern war ganz anders: Löhne werden gekürzt und der Lebensstandard fällt. Ein Editorial des China Daily zitierte eine andere Umfrage, wobei herauskam, dass 91 Prozent der Befragten staatlichen Zahlen mit Skepsis begegnen - 2007 waren es noch 79 Prozent.

NSB Direktor Ma Jiantong berief letzte Woche eine Konferenz ein, auf der er seine Mitarbeiter dazu aufrief, die Glaubwürdigkeit staatlicher Statistiken wiederherzustellen. Er wies auf die breite Verfügbarkeit der Onlinedaten hin und darauf, dass die Bevölkerung sich jetzt bewusster über ihre demokratischen Rechte sei. "Wie reagieren wir auf die Herausforderungen des Internets und der Globalisierung, das wird ein Test für uns alle", erklärte Ma.

Die Fälschung von Statistiken über die Arbeitssituation von Hochschulabgängern, die im Internet bekannt wurde, mündete im letzten Monat in einen nationalen Skandal. Um hohe Einstellungsquoten ihrer Abgänger zu beweisen, zwangen einige Universitäten Studenten dazu, "Beweise" ihrer Einstellung zu erbringen, bevor sie den Campus verließen. Einige Studenten unterschrieben Verträge mit Firmen, die nicht existierten, wurden aber trotzdem als eingestellt gezählt.

Das Ministerium für Arbeit und soziale Sicherheit behauptete, der Skandal betreffe nur eine geringe Anzahl Studenten und Hochschulen und 68 Prozent der Universitätsabgänger hätten bereits einen Job gefunden. Dagegen wies die staatliche Zeitung Beijing Youth Daily im Juli darauf hin, dass, selbst wenn die offiziellen Statistiken korrekt seien, die Anzahl der arbeitslosen Hochschulabsolventen dieses und des vorigen Jahres insgesamt bei beinahe drei Millionen läge. "Weil das Ministerium für Arbeit und soziale Sicherheit keine genauen Zahlen und Fakten genannt hat, um [seinen Standpunkt] zu beweisen, ist es schwer, Zweifel im öffentlichen Bewusstsein auszuschalten."

Daten über die Arbeitslosigkeit ländlicher Wanderarbeiter sind auch infrage gestellt worden. Das Wall Street Journal berichtete am 5. August, dass der stellvertretende Generaldirektor des Arbeitsministeriums Wang Yadong kürzlich erklärt habe, dass weniger als drei Prozent der ländlichen Wanderarbeiter nach ihrer Rückkehr in die Stadt keinen Job gefunden hätten. "Er weigerte sich, exakte Zahlen zu nennen und erklärte nicht, woher die Einschätzung kam. Mr. Wangs Bericht ist der erste offizielle Bericht seit Februar über die Arbeitssituation von Migranten", wie das Journal bemerkte.

Im Januar hatten schätzungsweise 18-23 Millionen Wanderarbeiter ihre Jobs infolge der globalen Finanzkrise verloren. Wang behauptete, der verbesserte Arbeitsmarkt sei ein Ergebnis des enormen staatlichen Konjunkturpakets, gab aber zu, dass "Chinas Beschäftigungssituation immer noch sehr ernst ist", weil viele Geschäftszweige immer noch große Probleme hätten. "Neue Arbeitsplätze für Migranten sind dieses Jahr möglicherweise nicht so gut wie die, die sie vorher hatten. Einige Wissenschaftler berichten, dass Wanderarbeiter oft niedrigere Löhne akzeptieren mussten, um in den letzten Monaten neue Arbeit zu finden", schrieb das Wall Street Journal.

Die Zweifel, die an Chinas Statistiken angemeldet werden, sind letztlich ein Ausdruck der Instabilität des ausbeuterischen Systems billiger Arbeitskräfte. Weder mit Schönfärberei noch mit der Manipulation von Statistiken können die Folgen der globalen Wirtschaftskrise verschleiert werden.

Siehe auch:
China kann die globale Krise nicht auffangen
(25. März 2009)

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