Frankreich: Arbeitskämpfe bei Continental und New Fabris beendet

Die Rolle von Organisationen wie Lutte Ouvrière

Von Marianne Arens
21. August 2009

Vor einigen Wochen hatten die Arbeiter von New Fabris im westfranzösischen Châtellerault (Département Vienne) weltweit für Aufsehen gesorgt: Sie drohten damit, ihren Betrieb in die Luft zu sprengen, wenn sie nicht 30.000 Euro Abfindung für jeden der 366 Beschäftigten erhalten würden. Wenige Tage zuvor hatten alle Werksangehörigen die Kündigung erhalten.

Franz. Contiarbeiter treffen in Hannover ein Französische Contiarbeiter treffen in Hannover ein

Ende Juli entschied die Belegschaft nun, ihren Arbeitskampf zu beenden und ein Angebot der französischen Regierung über 12.000 Euro Abfindung anzunehmen. Das ist nicht viel mehr, als ihnen vorher schon angeboten worden war.

Damit geht ein Arbeitskampf zu Ende, der deutlich machte, welche Energie und Kampfbereitschaft unter Arbeitern besteht. Gleichzeitig wurde aber auch sichtbar, wie die Gewerkschaften in enger Zusammenarbeit mit politischen Gruppen, wie zum Beispiel Lutte Ouvrière (LO), die Arbeitskämpfe isolieren, in eine Sackgasse führen und die Arbeiter in die Knie zwingen.

Zulieferer von Renault und Peugeot

Am 16. Juni hatte die Belegschaft erfahren, dass New Fabris, ein Zulieferbetrieb von Renault und PSA Peugeot-Citroën, geschlossen würde. Die zwei führenden Autokonzerne Frankreichs hatten ihre Bestellung um neunzig Prozent reduziert. Die Arbeiter weigerten sich, eine erste Offerte der Regierung und der zwei Autokonzerne anzunehmen und mit brutto 11.000 Euro pro Arbeiter nach Hause zu gehen.

Die Beschäftigten richteten ihre Forderung ausdrücklich an die zwei großen Konzerne und an die französische Regierung. Sie setzten ihnen ein Ultimatum bis zum 31. Juli, bis dahin wollten sie 30.000 Euro pro Person erhalten. Andernfalls würden sie, so die Drohung, das Werk in die Luft sprengen. Sie postierten Gasflaschen auf dem Dach, verkabelten sie und setzten als erstes eine Tonnen schwere Maschine in Brand, um der Drohung Nachdruck zu verleihen.

Die Arbeiter widersprachen dem Argument, es sei kein Geld für Abfindungen vorhanden. Der französische Staat ist zu 15 Prozent an Renault beteiligt, und im Februar dieses Jahres hatte die Regierung ein so genanntes "Rettungspaket" von je drei Milliarden Euro für Renault und Peugeot aufgelegt. Hinzu sollten 600 Millionen für die Subunternehmer der Autoindustrie kommen.

Dieses Rettungspaket war offiziell an die Bedingung geknüpft, die Arbeitsplätze zu erhalten. In Wirklichkeit sollte diese staatliche Hilfe die Kassen der Unternehmer füllen, die von der Wirtschaftskrise stark gebeutelt waren. Seit der Finanzkrise halten die Banken Kredite zurück, und der Neuwagenverkauf ist immer noch stark rückläufig. "Das Unternehmen muss sich für das Jahr 2009 mit einem Liquiditätsbedarf von beinahe vier Milliarden Euro konfrontieren", so der damalige Vorstandschef von PSA Peugeot-Citroën, Christian Streiff.

Die Beschäftigten wollten nicht hinnehmen, dass die Staatsgelder nur für die Aktionäre und oberen Etagen des Managements verwendet werden. Sie verlangten mit Nachdruck, dass diese Steuergelder auch den Arbeitern zugute kommen müssten.

Doch die Gewerkschaften isolierten den Arbeitskampf wochenlang, wie sie das mit allen Kämpfen gegen Entlassungen und Werkschließungen in den letzten Monaten getan haben. Sie drohten zuletzt, wenn die Arbeiter das neue Angebot nicht annähmen, müssten sie die Konsequenzen tragen und bekämen nur die gesetzliche Abfindung.

Unter diesem Druck akzeptierten die Arbeiter von New Fabris schließlich ein nur wenig erhöhtes Angebot. Die 12.000 Euro netto pro Arbeiter, die sie jetzt erhalten sollen, kommen zur gesetzlichen Abfindung hinzu, die sich nach der Dauer des Arbeitsverhältnisses richtet.

Auf der Betriebsversammlung vom 31. Juli stimmten 204 Arbeiter in geheimer Abstimmung für die Akzeptanz der Offerte, 24 stimmten dagegen und sieben enthielten sich. Guy Eyermann, der CGT-Gewerkschaftsvertreter, beteiligte sich nicht an der Abstimmung und beschwerte sich bei der Presse über den Mangel an gewerkschaftlicher Solidarität. "Ich fühle mich von meiner Gewerkschaft verlassen, die CGT ist tot. ... Die nationalen Gewerkschaftsführer haben sich hier nicht sehen lassen. Der Geruch verbrannter Maschinen ist ihnen wohl unerträglich."

Die Gewerkschaft CGT, die der stalinistischen KPF nahe steht, ist im Werk New Fabris die größte Gewerkschaft. Ihre stellvertretende nationale Sekretärin, Maryse Dumas, hat sich auf die Seite der Regierung gestellt und die Entschlossenheit der Arbeiter, ihre Fabrik in die Luft zu sprengen, verurteilt. Sie sagte, dies seien "Methoden, die ich den Arbeitern nicht raten würde, weil sie in die Sackgasse führen".

Die "Sackgasse" von der die CGT-Vorsitzende spricht, ist das Ergebnis der rechten Politik der CGT, die eng mit der Regierung zusammenarbeitet, jede Initiative für einen gemeinsamen Kampf aller Arbeiter in Frankreich, Europa und weltweit, bereits im Keim erstickt und einen Ausverkauf nach dem anderen durchsetzt. In Wirklichkeit ist es diese gewerkschaftliche Zwangsjacke, die Arbeiter daran hindert, sich erfolgreich zur Wehr zu setzen und die vielfältigen Kämpfe zu einer breiten politischen Bewegung gegen die Regierung zu vereinen.

Am 30. Juli, dem Tag vor dem letzten Regierungsangebot, nahmen noch 3.500 Teilnehmer an einer Solidaritätsdemonstration mit den Entlassenen in Châtellerault teil. Die Entschlossenheit der Arbeiter hatte in großem Umkreis positive Reaktionen ausgelöst. Einer IFOP-Umfrage zufolge brachten fünfzig Prozent der Befragten Verständnis dafür auf, dass die Arbeiter die Fabrik in die Luft sprengen wollten, und 16 Prozent fanden dies sogar gut.

An der Solidaritätskundgebung vom 30. Juli nahmen auch Delegationen anderer, von Schließung bedrohter Werke teil, z.B. aus dem Reifenwerk Continental in Clairoix. Sehr viele Industrie- und Auto-Zulieferbetriebe sind zurzeit von Entlassungen bedroht, darunter Caterpillar, Goodyear, Valeo, Molex, Arcelor Mittal, Motorola, Tyco, Johnson Controls, Treves, Continental Rambouillet, Mahle, und viele weitere mehr.

Der Fall Continental-Clairoix und die Rolle von Lutte Ouvrière

Der Kampf der Fabris-Arbeiter in Châtellerault beleuchtet die reaktionäre Rolle, die Lutte Ouvrière in der gegenwärtigen Situation spielt. Diese Organisation hat Mitte Juni den Arbeitern von Continental-Clairoix empfohlen, eine Abfindungssumme von 50.000 Euro anzunehmen und ihren Arbeitskampf zu beenden.

Sie hat damit dem Kampf der Arbeiter genau in dem Moment die Spitze gebrochen, als er internationale und politische Formen annahm und von den Arbeitern in Deutschland und Frankreich große Unterstützung erhielt. Sie hat eine gemeinsame internationale Bewegung der Arbeiter gegen die Angriffe der Unternehmer, Regierungen und Europäischen Union auf der Grundlage einer sozialistischen Perspektive gezielt abgeblockt. Das hat wesentlich dazu beigetragen, den Widerstand der Arbeiter auf einzelne Proteste wie in Châtellerault zu reduzieren und zu isolieren.

Lutte Ouvrière ist eng mit der mittleren und unteren Schicht der Gewerkschaftsbürokratie verbunden und vollzieht mit dieser Bürokratie eine scharfe politische Rechtswende. Ein Blick auf die Ereignisse bei Continental-Clairoix macht das sehr deutlich.

Die 1.120 Arbeiter von Continental-Clairoix haben Mitte Juni ihren Kampf gegen die Fabrikschließung für eine Entschädigung von je 50.000 Euro und weitere Zugeständnisse eingestellt. Für dieses Streikende hat sich Lutte Ouvrière maßgeblich eingesetzt. Der Streikführer von Continental-Clairoix, Xavier Mathieu, ist LO-Sympathisant; sein Berater, Roland Szpirco, ist ein regionaler LO-Führer.

Lutte Ouvrière, die Wochenzeitung dieser Organisation, feierte den Abschluss als großen Sieg und entscheidenden Durchbruch. Sie schrieb: "... der Kampf erzwingt neue und wohl entscheidende Rückzüge [der Regierung und der Unternehmer]".

In Wirklichkeit ist das Gegenteil der Fall: Im Ergebnis werden durch diesen Abschluss in der Picardie, einer von Arbeitslosigkeit geprägten Region, erneut über tausend Arbeitsplätze vernichtet. Das Ende des Widerstands bei Continental hat den Kampf der Arbeiter von New Fabris und anderer Belegschaften, die ebenfalls gegen Werksschließungen kämpfen, isoliert und geschwächt.

Anfangs hatte es den Anschein gehabt, als würde die Streikleitung von Continental-Clairoix einen prinzipiellen Weg einschlagen. Sie reagierte auf die Kampfbereitschaft der Belegschaft mit einer grenzüberschreitenden Demonstration und organisierte am 24. April ein Zusammentreffen mit den deutschen Kollegen in Hannover, wo ebenfalls ein Conti-Werk geschlossen wird. (Siehe: "Französische und deutsche Conti-Beschäftigte protestieren gemeinsam gegen Werkschließungen", WSWS vom 24. April 2009)

Die deutschen Conti-Arbeiter reagierten mit spontaner Begeisterung auf diese internationale Demonstration. Sie empfingen ihre französischen Kollegen mit selbst gemalten Schildern wie: "Bienvenue à Hanovre!" und "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" Es wurde sofort klar, was ein internationaler und prinzipieller Arbeitskampf erreichen könnte. Er hätte die Kontrolle der Gewerkschaftsbürokratie durchbrechen können.

Aber gerade deshalb entschlossen sich die Streikführer, die langjährige Gewerkschafts-Mitglieder sind, den Kampf an dieser Stelle abzubrechen. Sie ließen sich kaufen, denn mit der Akzeptanz der Abfindung, wie "hoch" sie auch immer sein mag, hat sich letztlich der Continental-Vorstand durchgesetzt.

Für den Continental-Konzern war dieser Abschluss ein paar Millionen Euro wert. Der Weltkonzern setzt weltweit Lohnsenkungen, Entlassungen und Werksschließungen durch und hat in den letzten Monaten von seinen 200 Standorten in 36 Ländern schon elf geschlossen. In Deutschland setzt Continental mit Hilfe der Gewerkschaften (IG Metall und IG Chemie), der SPD und der Linkspartei zurzeit eine Lohnsenkung von 17 Prozent durch.

Lutte Ouvrière argumentiert: "Ein vereinigter Kampf der Arbeiter wäre notwendig. Aber so lange wir uns nicht auf diesem Weg befinden, sind Arbeiter ... die in ihren Werken kämpfen, tausendmal im Recht, wenn sie ihre Haut so teuer wie möglich verkaufen." Das Zitat ist entlarvend, denn in Wirklichkeit sind die Arbeiter durchaus bereit, den Kampf gemeinsam zu führen, und haben dies gerade in letzter Zeit immer wieder unter Beweis gestellt - nicht zuletzt an der gemeinsamen deutsch-französischen Demonstration vom 24. April in Hannover.

Den vereinigten Kampf der Arbeiter - dessen Notwendigkeit Lutte Ouvrière beschwört - hat sie bei Continental-Clairoix selbst verhindert.

Siehe auch:
Französische und deutsche Conti-Beschäftigte protestieren gemeinsam gegen Werkschließungen
(24. April 2009)
17 Prozent Lohneinbußen bei Schaeffler - Klaus Ernst und Linkspartei unterstützen drastische Lohnkürzung
( 14. August 2009)
Frankreich: Von Massenentlassungen bedrohte Arbeiter drohen ihre Fabriken in die Luft zu sprengen

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