USA: Größte Einkommensspreizung seit 1917

Von Bill Van Auken
20. August 2009

Die soziale Kluft, die die amerikanische Finanzoligarchie von der großen Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung trennt, ist größer denn je seit 1917. Das sagen die jüngsten Zahlen des Finanzamts.

Die Einkommenskluft zwischen den obersten zehn und den untersten neunzig Prozent "hat ein Niveau erreicht, das höher ist als jemals seit 1917. Es übersteigt selbst das des Jahres 1928, dem Höhepunkt der Aktienblase in den "rauschenden Zwanzigern". Das zeigt eine Analyse der Daten, die der Ökonom Emmanuel Saez von der Universität von Kalifornien Anfang des Monats veröffentlicht hat.

Der Bericht von Saez trägt den Titel "Macht sie noch reicher: Die Entwicklung der obersten Einkommen in den Vereinigten Staaten". Er zeigt, dass die wahre Zunahme in der Konzentration des Reichtums an der allerobersten Spitze der sozialen Pyramide stattgefunden hat: Bei dem obersten einen Prozent, mit einem jährlichen Einkommen von 400.000 Dollar und mehr.

Die von den Finanzbehörden veröffentlichten Zahlen stammen aus dem Jahr 2007. Sie zeigen auf, dass sich für den größten Teil der obersten zehn Prozent (Familien mit einem Einkommen von 110.000 Dollar und mehr) bei der Zunahme des Einkommens und ihrem Anteil am Gesamteinkommen wenig geändert hat. Aber das oberste eine Prozent hat seinen Anteil am Nationaleinkommen von 22,8 in 2006 auf 23,5 Prozent erhöht.

Von 2002 bis 2006 entfielen auf diese soziale Schicht, d.h. auf ein Prozent der amerikanischen Haushalte, 65 Prozent der gesamten Zunahme des Einkommens landesweit. Dieser Trend setzte sich während mehr als der Hälfte des vergangenen Jahrzehnts fort.

Von 2002 bis 2007 nahm das jährliche Einkommen des obersten einen Prozents jedes Jahr um zehn Prozent zu. Im gleichen Zeitraum stieg das Einkommen der übrigen 99 Prozent nur um 1,3 Prozent im Jahr und lag damit deutlich unterhalb der Inflationsrate. Das Ergebnis war, dass das oberste eine Prozent Zweidrittel des Einkommenszuwachses in dieser Sechs-Jahres-Periode an sich riss.

Wenn man diese Einkommensschichtung genauer untersucht, ergibt sich eine noch schockierendere Konzentration des Reichtums in den USA. Der Einkommensanteil des obersten Hundertstel (0,01) Prozent der Bevölkerung stieg von 5,45 Prozent 2006 auf 6,04 Prozent 2007 (1979 waren es erst 0,9 Prozent gewesen). Diese Zahl von 2007 entspricht ungefähr dem addierten Einkommen der unteren zwanzig Prozent, das sind 30 Millionen Familien.

Saez kommentiert: "2007 war ein unglaublich gutes Jahr für die Superreichen.

Es war aber auch das Jahr, das dem größten Finanzzusammenbruch seit der großen Depression der 1930er Jahre vorherging. Das war kein reiner Zufall. Die Anhäufung von obszönem Reichtum durch diese winzige Minderheit ist ein bedeutender Faktor, der dazu beigetragen hat, das ganze Land in den Bankrott zu treiben und die ganze Welt in Wirtschaftskrise und Elend zu stürzen.

Professor Saez weist auf die dramatischen Veränderungen in der ökonomischen Landschaft seit 2007 hin und erklärt, dass das Realeinkommen insgesamt gefallen ist. Er weist darauf hin, dass der Einkommensanteil des obersten einen Prozents in früheren Rezessionen eher geringer wurde, weil Unternehmensgewinne, Kapitalverzinsung und die Erlöse aus Aktienoptionen dazu tendieren stärker zu fallen, als das durchschnittliche Einkommen.

"Die historischen Erfahrungen der USA zeigen, dass der Rückgang der Einkommenskonzentration infolge von Rezessionen nur vorübergehend ist, es sei denn, dass deutliche politische Maßnahmen wie Regulierung der Finanzmärkte oder stärkere Steuerprogression eingeführt werden und verhindern, dass sich die Einkommenskonzentration wiederherstellt", schreibt Saez.

Aber die gegenwärtige Krise ist nicht einfach eine Rezession unter vielen. Vielmehr signalisiert sie den endgültigen Zusammenbruch der kapitalistischen Nachkriegsordnung, die auf der wirtschaftlichen Überlegenheit der USA aufbaute. Die herrschenden Eliten aller großen kapitalistischen Länder, nicht nur der USA, versuchen die Krise durch eine drastische Senkung der Einkommen und der sozialen Bedingungen der Arbeiterklasse zu lösen, was mit Angriffen auf demokratische Grundrechte und verstärkter militärischer Aggression einhergeht.

Als Teil dieses globalen Prozesses musste die amerikanische Arbeiterklasse schon heftige Schläge hinnehmen. Es gibt inzwischen dreißig Millionen Arbeitslose oder Unterbeschäftigte und Lohnsenkungen sind an der Tagesordnung.

Am anderen Ende des sozialen Spektrums geht die Akkumulation von Reichtum munter weiter. Sieben der zehn bestverdienenden Vorstandschefs der amerikanischen Wirtschaft verdienten letztes Jahr 100 Millionen Dollar oder mehr. Das fand die unabhängige Forschungsgruppe Corporate Library heraus. Dagegen konnten im Jahr zuvor nur drei von ihnen so viel einstreichen.

An der Spitze der Liste (auf der die Chefs von sieben großen Ölfirmen stehen) steht Stephen Schwarzman von der Blackstone Group LP, einer privaten Kapitalbeteiligungsgesellschaft, der 702,4 Millionen Dollar abgriff, das sind fast zwei Millionen am Tag.

Die Wall Street hat schon Dutzende Milliarden Dollar für Jahresboni zur Seite gelegt. 2009 verspricht das lukrativste Jahr überhaupt für Banker und Finanzhändler zu werden.

Die Obama-Regierung hat nicht die geringste Absicht Finanzmarktregulierungen oder Steuererhöhungen zu erlassen, die die soziale Polarisierung und Konzentration des Reichtums, wie von Saez angedeutet, verringern könnten. Im Gegenteil war ihre ganze Politik darauf ausgerichtet, die Banken und die Finanzelite zu retten und von den Arbeitern zu verlangen, drastische Lohnsenkungen, die Vernichtung von Arbeitsplätzen, die Beschneidung der Gesundheitsversorgung und anderer wichtiger Sozialprogramme hinzunehmen

In einer Kontroverse über die Zahlungen an der Wall Street in der letzten Woche verteidigte der Sprecher des Weißen Hauses, Robert Gibbs, die Ausplünderung der Wirtschaft durch die Banker. Gegenüber der Presse sagte er: "Ich glaube nicht, dass Amerikaner Leuten hohe Gehälter neiden, solange sie den guten Willen der Öffentlichkeit nicht überstrapazieren."

Die einzige Alternative zur Zerstörung des Lebensstandards zugunsten des Reichtums der Finanzoligarchie ist der Sozialismus. Er erfordert einen Bruch mit der Demokratischen Partei und den Aufbau einer unabhängigen politischen Massenbewegung der Arbeiterklasse. Sie muss dafür kämpfen, die Vorherrschaft der Finanzparasiten der Wall Street über die Gesellschaft zu beenden

Die Banken und Finanzierungsgesellschaften müssen der privaten Verfügung entrissen und der öffentlichen Kontrolle der arbeitenden Bevölkerung unterstellt werden. Die großen Vermögen, die von den Vorstandsmitgliedern und Finanzspekulanten angehäuft wurden, müssen zurückgefordert und für Arbeitsplätze, Bildung, Gesundheitsversorgung, Wohnungen und andere lebensnotwendige Bedürfnisse der Gesellschaft ausgegeben werden.

The return of income polarization to the level of 1917 has profound significance. That was the year of the October Revolution in Russia, marking the first time that working people took political power and initiated the task of placing society on socialist foundations on a worldwide basis. The social gap that now dominates US society, and indeed the entire planet, cannot continue without producing an explosive resurgence of class struggle and a new period of social revolution.

Die Rückkehr zur Polarisierung des Einkommensniveaus, wie es 1917 existierte, hat grundsätzliche Bedeutung. Denn dies war das Jahr der Oktoberrevolution in Russland, bei der zum ersten Mal die arbeitende Bevölkerung die politische Macht übernommen und damit begonnen hatte, die Gesellschaft weltweit auf einer sozialistischen Grundlage zu organisieren. Die soziale Kluft, die derzeit in der Gesellschaft der USA herrscht und nicht nur dort, sondern auf der ganzen Welt, kann nicht weiter bestehen bleiben, ohne ein Wiederaufleben gewaltiger Klassenkämpfe und eine soziale Revolution hervorzubringen.

Siehe auch:
Milliarden Boni für Banker mit Steuergeldern bezahlt
(4. August 2009)

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