70. Jahrestag des Hitler-Stalin-Pakts

Von Alex Lantier
25. August 2009

Vor siebzig Jahren, am 23. August 1939, traf Nazi-Außenminister Joachim von Ribbentrop mit dem sowjetischen Außenminister Molotow überraschend in Moskau zusammen, um einen kurzfristig ausgehandelten Nichtangriffspakt zwischen Hitler-Deutschland und der UdSSR zu unterzeichnen.

Dieses Abkommen ermöglichte es Deutschland, sich unter für die Nazis günstigen Bedingungen auf den Krieg in Europa vorzubereiten. Ribbentrop reiste nach Moskau, weil die Nazis unbedingt ein Abkommen mit der UdSSR wollten, das es ihnen erlaubte, Polen anzugreifen, ohne einen Zweifrontenkrieg gegen die UdSSR auf der einen und die beiden imperialistischen Großmächte Großbritannien und Frankreich auf der anderen Seite in Westeuropa zu riskieren. Neben dem Neutralitätsabkommen beinhaltete der Vertrag auch eine geheime Teilung Polens und der baltischen Staaten zwischen Nazideutschland und der UdSSR. Westpolen und Litauen wurden Deutschland, Ostpolen, Lettland, Estland und Finnland der UdSSR zugeschlagen.

Am 1. September 1939 fielen die Nazis in Polen ein und am 3. September folgte die offizielle Kriegserklärung. Das war der Beginn des Zweiten Weltkriegs in Europa. Er sollte schließlich 50 bis 70 Millionen Menschenleben kosten. Sowjetische Truppen rückten am 17. September 1939 in Ostpolen ein.

Die sowjetische Neutralität ermöglichte es den Nazis nach dem schnellen Sieg über die polnische Armee, ihre Truppen 1940 auf Westeuropa zu konzentrieren. Mit Stalins stillem Einverständnis eroberte Hitler Dänemark, Norwegen, die Niederlande, Belgien und Frankreich. Als die letztlich unvermeidliche Naziinvasion der UdSSR im Juni 1941 begann, war die Sowjetunion auf dem europäischen Kontinent völlig isoliert. Stalin ignorierte die deutlichen Hinweise auf eine bevorstehende Invasion der Nazis und befolgte den Vertrag buchstabengetreu. Der Kreml schickte die letzten Ladungen mit strategischen Rohstoffen noch Stunden, bevor die Invasion am Morgen des 22. Juni 1941 begann, auf den Weg nach Deutschland.

Der bedeutsamste Aspekt des Vertrags war die völlige Verachtung und Gleichgültigkeit des Kreml gegenüber seinen Auswirkungen auf das Bewusstsein der internationalen Arbeiterklasse. Während der Verhandlungen brachte Stalin einen Toast auf Hitler aus. "Ich weiß, wie sehr das deutsche Volk seinen Führer liebt", tönte er. Die kommunistischen Parteien Frankreichs und Großbritanniens folgten der Linie des Kreml und nahmen gegenüber dem faschistischen Regime, der Verkörperung arbeiterfeindlicher Reaktion, eine neutrale Haltung ein.

Sowohl die Nazis, aber auch die sowjetischen Truppen begingen in den besetzten Gebieten zahlreiche Verbrechen. Die Nazis verhafteten und liquidierten in der Operation Tannenberg Zehntausende polnische Intellektuelle, Künstler und Politiker. Die sowjetischen Truppen erschossen im März 1940 in den Wäldern von Katyn Tausende polnische Offiziere.

Zu Hitlers Überraschung forderte Stalin in den Verhandlungen über den Vertrag von den Nazis nicht die Freilassung des deutschen KP-Führers Ernst Thälmann, der schon kurz nach der Machtergreifung der Nazis im Januar 1933 ins KZ verschleppt worden war. Thälmann wurde kurz vor dem Zusammenbruch des Dritten Reichs von den Nazis ermordet.

Der Hitler-Stalin-Pakt war oberflächlich betrachtet eine erstaunliche Kehrtwende in der Außenpolitik sowohl Deutschlands wie der Sowjetunion. Das Nazi-Regime hatte sich immer als die Bastion gegen die UdSSR und die Bedrohung durch den Kommunismus hingestellt. Und das stalinistische Regime nahm für sich in Anspruch, der unversöhnliche Feind des Nazi-Imperialismus zu sein. Deswegen wurde das Abkommen von Großbritannien und Frankreich mit Schock und ungläubigem Staunen aufgenommen. In ihrer Verurteilung des Abkommens schwang aber eine ordentliche Portion Heuchelei mit, weil die beiden wichtigsten europäischen Mächte selbst versucht hatten, sich mit Hitler auf Kosten der Sowjetunion zu einigen.

Bis August 1939 hofften mächtige Fraktionen der französischen und der britischen herrschenden Klasse, Hitler werde die Wehrmacht nicht gegen den Westen, sondern gegen die Sowjetunion loslassen. Diese Hoffnung lag dem Münchener Abkommen von 1938 zugrunde: Gegen das wertlose Versprechen der Nazis für "Frieden in unserer Zeit" (Chamberlain) stimmten Großbritannien und Frankreich der Zerschlagung der Tschechoslowakei durch die Nazis zu.

Für einen Beobachter war die Kehrtwende der sowjetischen Politik allerdings keine Überraschung: für Leo Trotzki, den Gründer der Vierten Internationale, der im Exil in Mexiko lebte.

Mit seiner bekannten Weitsichtigkeit sagte Trotzki voraus, dass Stalin versuchen könnte, die Kriegsgefahr durch ein Bündnis mit Hitler abzuwehren. Dabei spielte eine Rolle, dass er mit akuten internen Krisen und, als Folge seiner Politik, mit mehreren feindlichen Ländern in Europa konfrontiert war. Im Juni 1939 schrieb Trotzki " Auf dem Parteitag im März dieses Jahres erklärte Stalin erstmals laut, dass die Sowjetunion gegenüber den kapitalistischen Ländern noch weit zurück sei. Dies musste er nicht nur eingestehen, um das niedrige Lebensniveau der Volksmassen zu erklären, sondern auch um seine Rückzüge auf außenpolitischem Gebiet zu rechtfertigen. Stalin ist bereit, für den Frieden teuer, um nicht zu sagen jeden Preis zu bezahlen. Nicht, weil er den Krieg ‘hasst’, sondern weil er seine Folgen fürchtet wie den Tod.

Unter diesem Blickwinkel ist es nicht schwierig, im Vergleich die Vorteile einzuschätzen, die für den Kreml die Alternative eines Abkommens mit Deutschland oder eines Bündnisses mit den ‘Demokratien’ konstituieren. Die Freundschaft mit Hitler würde sofort die Kriegsgefahr von Westen beseitigen und zugleich eine starke Abschwächung der vom fernen Osten ausgehenden Gefahr. Das Bündnis mit den Demokratien eröffnet nur die Möglichkeit, im Falle eines Kriegs Hilfe zu bekommen. Wenn Krieg nicht vermeidbar ist, ist es selbstverständlich besser, Verbündete zu haben als isoliert zu sein. Aber die Hauptaufgabe Stalinscher Politik besteht nicht darin, günstigere Bedingungen für den Kriegsfall zu schaffen, sondern darin, den Krieg zu vermeiden. Das ist der verborgene Sinn der wiederholten Äußerungen Stalins, Molotows und Woroschilows, dass die UdSSR ‘keine Verbündeten braucht’. (Das Rätsel UdSSR, in: Leo Trotzki: Schriften 1. Sowjetgesellschaft und stalinistische Diktatur, Bd. 1.2 Hamburg 1988, S. 1212f)

Trotzki stützte sein Urteil über die Außenpolitik des Kreml auf seine gesamte Einschätzung der konterrevolutionären Politik der sowjetischen Bürokratie der vergangenen zehn Jahre.

Mit der zunehmenden Furcht vor einem sowjetisch-deutschen Krieg nach Hitlers Machtergreifung 1933, suchte der Kreml in Westeuropa Bündnisse mit bürgerlichen und sozialdemokratischen Parteien gegen den Faschismus. Die Grundlage dieser politischen Beziehungen war die Unterordnung der Arbeiterklasse unter den Kapitalismus. Stalin versuchte, sich das Wohlwollen der europäischen Bourgeoisie durch die politische und physische Unterdrückung linker und revolutionärer Bewegungen zu erwerben. Trotzki definierte die auf dieser Grundlage gebildeten "Volksfrontbündnisse" scharf als "Bündnis des bürgerlichen Liberalismus mit der GPU", der Geheimpolizei der stalinistischen Bürokratie.

Im Mai-Juni 1936 wurde in Frankreich ein Generalstreik von den Gewerkschaften und der stalinistischen Kommunistischen Partei Frankreichs (KPF) ausverkauft. KPF-Führer Maurice Thorez, der politisch mit der Volksfrontregierung aus Sozialistischer Partei und der bürgerlichen Radikalen Partei zusammenarbeitete, tat damals den berühmt gewordenen Spruch "Man muss auch wissen, wie man einen Streik beendet". Die Volksfrontregierung brach 1938 zusammen und machte der konservativen Daladier-Regierung Platz.

In Spanien fesselte die Volksfront die Arbeiterklasse in der spanischen Revolution und dem Bürgerkrieg von 1936-39 gegen die Faschisten unter General Franco an die Bourgeoisie. Der Kreml verlangte von den bewaffneten Arbeitern, ihre Waffen an die bürgerliche Regierung von Manuel Azana abzuliefern und dieser auch die Kontrolle über die Kriegsführung zu überlassen.

Die Trotzkisten wiesen darauf hin, dass die Azana-Regierung die spanische Revolution viel mehr fürchtete, als dass sie Franco fürchtete. Sie lehnte die Forderung ab, das Land zu enteignen, um die Bauernarmeen Francos für die Revolution zu gewinnen. Frankreich und Großbritannien, die nominell mit der Sowjetunion verbündet waren, verhängten eine Blockade gegen die Unterstützung für die spanische Republik, weil sie fürchteten, die Revolution könne sich über Spanien hinaus ausbreiten. Die Folge war der Sieg der spanischen Faschisten.

Trotzki kommentierte: "Der Grundzug von Stalins internationaler Politik in den letzten Jahren ist folgender: Er treibt mit der Arbeiterbewegung Handel wie mit Petroleum, Mangan und anderen Waren. Diese Feststellung ist nicht die Spur übertrieben. Stalin betrachtet die Sektionen der Komintern in den verschiedenen Ländern und den Befreiungskampf der unterdrückten Völker als Wechselgeld im Handel mit den imperialistischen Mächten." (Hitler und Stalin, ebd. S. 1159)

Trotzki schrieb: "In den letzten drei Jahren bezeichnete Stalin alle Kampfgenossen Lenins als Agenten Hitlers. Er rottete die Blüte des Kommandobestandes aus, erschoss, deportierte und verbannte etwa 30.000 Offiziere - alle unter der gleichen Beschuldigung, nämlich Agenten Hitlers oder seiner Verbündeten zu sein. Nachdem er die Partei zertrümmert und die Armee enthauptet hat, verkündet Stalin nun selbst offen seine Kandidatur als Hauptagent Hitlers." (Stalins Kapitulation, ebd. S. 1167)

Der letzte Verrat in dieser Reihe war der Hitler-Stalin-Pakt. Er war der verzweifelte und letztlich erfolglose Versuch Stalins, einen Krieg zu verhindern, für den seine Politik wesentlich verantwortlich war. Als Deutschland weniger als zwei Jahre später die UdSSR überfiel, war die Sowjetunion sehr unvorbereitet. Fast dreißig Millionen sowjetische Soldaten und Zivilisten starben in dem Kampf, den faschistischen Angriff zurückzuschlagen.

Schließlich wurden die unglaublichen Opfer der sowjetischen Bevölkerung mit der Auflösung der UdSSR 1991 doch noch verraten. Sie vollendete die konterrevolutionäre Politik des Stalinismus.

Siehe auch:
Ungarn: Der Streit um das Erbe des Aufstands von 1956
(27. Oktober 2006)
Das Wesen der stalinistischen Säuberungen: Ein Brief an das Wall Street Journal
( 1. Juni 2005)

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