400. Jahrestag der astronomischen Entdeckungen Galileis

Von Hector Cordon
24. September 2009

Die Internationale Astronomische Union und die UNESCO haben 2009 zum Internationalen Jahr der Astronomie erklärt, um dem 400. Jahrestag der astronomischen Entdeckungen Galileo Galileis und Johannes Keplers zu gedenken. Das Werk des Letzteren, Astronomia Nova (Neue Astronomie), wurde im selben Jahr veröffentlicht, in dem Galilei mit Hilfe des Teleskops seine Entdeckungen machte.

Galileis Ruhm basiert vor allem darauf, dass er mittels des Teleskops der Jahrhunderte alten aristotelisch-ptolemäischen Auffassung von der Erde als dem Mittelpunkt des Universums den Todesstoß versetzte und dadurch mit der katholischen Kirche in Konflikt geriet. Zu seinen Errungenschaften von 1609 zählen bedeutende Verbesserungen des Teleskops, detaillierte Karten der Mondoberfläche und, in der Folgezeit, 1610, die Entdeckung der vier Monde des Jupiters (heute Galileische Monde genannt) und der merkwürdigen Form des Saturns (das Teleskop war noch nicht weit genug entwickelt, um die Ringe des Saturns zu entdecken), seine Beobachtung der Sonnenflecken sowie seine Entdeckung, dass die Venus ähnliche Phasen wie der Mond durchläuft.

Sowohl Galilei wie auch Kepler leisteten völlig eigenständige und bedeutende Beiträge zum Verständnis der physikalischen Gesetzmäßigkeiten des Universums, Kepler insbesondere mit seinen drei Gesetzen der Planetenbewegung. Astronomia Nova beinhaltet eine detaillierte Berechnung der Umlaufbahn des Mars sowie Keplers beiden ersten Gesetze der Planetenbewegung.

Im ersten Gesetz postuliert Kepler, dass die Umlaufbahn eines Trabanten eine Ellipse ist, in deren einem Brennpunkt die Sonne steht. Das zweite Gesetz, das einer einfachen mathematischen Regel folgt, zeigte, dass die Verbindungslinie eines Planeten mit der Sonne bei seiner Bewegung in gleichen Zeitintervallen stets gleiche Flächen überstreicht. Kepler konnte diese Ergebnisse nur erzielen dank der - für die damalige Zeit - unglaublich präzisen Messungen von Planetenumlaufbahnen durch den dänischen Astronomen Tycho Brahe, die Brahe wiederum den ihm verfügbaren präziseren Instrumenten verdankte. Das dritte Keplersche Gesetz, formuliert 1619, liefert eine präzise mathematische Beschreibung des Verhältnisses zwischen der Entfernung eines Planeten von der Sonne und seiner Umlaufzeit. In seinem Werk Principia Mathematica von 1687 stützte sich Newton auf diese Erkenntnis, um sein Gravitationsgesetz herzuleiten.

Jeder der beiden Männer hat nicht nur die Astronomie, sondern viele Bereiche der Wissenschaft revolutioniert. Galilei entwickelte in Verbindung mit dem Bau neuer und der Verbesserung anderer Instrumente, eine wissenschaftliche Auffassung der Bewegung sowie der Festigkeit von Körpern. Kepler erzielte große Fortschritte auf dem Gebiet der Optik und in geometrischen Fragestellungen. Keplers theoretische Arbeit auf dem Gebiet der Optik ermöglichte es ihm, das Funktionsprinzip des Teleskops zu erklären, und so Verbesserungen in der Konstruktionsweise herbeizuführen. Keplers Arbeit verlieh dem kopernikanischen Weltbild eine solide mathematische Grundlage. Beider Arbeit legte die Grundlagen für viele heutige Wissenschaftsfelder.

Der 400. Jahrestag von Galileis kluger Anwendung des Teleskops - das ursprünglich Fernglas genannt wurde -, um den Himmel zu beobachten und zu verstehen, hat in der Berichterstattung der Medien seinen Niederschlag gefunden, hauptsächlich als Lobhudelei und oberflächliche Darstellung. Dabei blieb fast alles auf der Strecke, was zu einem Verständnis der historischen und wissenschaftlichen Bedeutung von Galileis Erfolgen hätte beitragen können.

Das Band, das Galileo und Kepler vereinte, neben ihrer geistigen Unabhängigkeit und ihren wissenschaftlichen Erfolgen, war, dass beide schon früh Anhänger der kopernikanischen Lehre wurden - der Auffassung, dass die Sonne, nicht die Erde, im Zentrum des Universums stand. Kepler schloss sich schon zu seiner Studienzeit dieser Ansicht an, Galileo etwa 1595 als Professor in Pisa. In Tübingen, wo Kepler sein Studium aufnahm, gehörte Michael Mästlin zu seinen Dozenten, ein talentierter Astronom und heimlicher Anhänger von Kopernikus. Mästlin gab Kepler den Anstoß, Kopernikus' Buch von 1543 zu lesen, Von den Undrehungen der Himmelskörper, und Kepler war überzeugt. In einem Brief von 1597 an Kepler bekannte Galilei, dass er schon lange das heliozentrische Modell unterstütze, weil "sein Standpunkt es mir ermöglichte, viele Naturprozesse zu erklären, die nach den üblichen Hypothesen sonst unerklärlich blieben." (zit. nach: Hemleben, Johannes: Galilei, Rowohlt, 1969, S. 36)

Mästlins Stillschweigen war notwendig, weil die katholische Kirche alle Verfechter von Kopernikus' heliozentrischer Kosmologie verfolgte. Der Heliozentrismus widersprach einer Kardinalaussage der kirchlichen Theologie - dem biblischen Bild des Universum, mit der Erde als Mittelpunkt. Im 13. Jahrhundert hatte Thomas von Aquin das geozentrische Modell von Ptolemäus und Aristoteles' unbeweglichem (unwandelbarem) Himmel in die katholische Theologie integriert. Mit anderen Worten, ein Aufbau des Universums analog dem einer starren feudalistischen Gesellschaft. Jede Infragestellung des Geozentrismus stellte daher gleichermaßen die kirchliche Autorität in Frage.

Trotz mangelnder empirischer Beweise spürten Galilei und Kepler intuitiv, dass das Modell von Kopernikus eine substantiellere Erklärung für die Vorgänge im Universum lieferte als das ptolemäische System. Die Entdeckung einer Supernova, 1572 durch Tycho und 1604 durch Kepler, sowie mehrerer Kometen, bewies, dass der Himmel keineswegs unbewegt war, was die Autorität der Kirche weiter unterhöhlte.

Beide Männer hielten unbeirrt am Glauben fest, obwohl sie den von der Kirche vertretenen Geozentrismus ablehnten. Kepler suchte Gottes Existenz anhand des sichtbaren Geschehens im Universum zu beweisen. Galilei näherte sich der Frage indirekter, indem er mittels der Mathematik die Gesetze der Natur, und damit das Wirken Gottes enthüllen wollte. Wenn beide nicht in der Lage waren, vom Aberglauben zu brechen, so lag das an der damals vorherrschenden Atmosphäre religiösen Obskurantismus'. Dessen ungeachtet ist es ihr geschichtlicher Beitrag, eine rationale Methode entwickelt zu haben, die die Kirche direkt herausforderte.

Dass Galilei und Kepler tief religiös waren - nichts Ungewöhnliches in einer Zeit, als alle Schulen von der Kirche betrieben wurden -, ist kein Argument für die von der Kirche angestrebte Versöhnung von Wissenschaft und Religion; es spricht auch nicht für die von dem verstorbenen Paläontologen Stephen J. Gould vertretene Ansicht, Religion und Wissenschaft seien zwei "getrennte Bereiche". Kepler und Galileo waren beide auch aktive Astrologen, was dieser Pseudowissenschaft keinesfalls Glaubwürdigkeit verleiht. Wissenschaft und Religion sind zweifellos zwei völlig entgegen gesetzte philosophische Standpunkte.

Die Kirche ihrerseits erkannte instinktiv die Folgen dieser neuen Weltsicht und reagierte mit Drohungen, Gefängnis, Folter und Tod. Diese Reaktion war untrüglich geleitet von Jahrhunderte langer Erfahrung in der Verteidigung von Machtinteressen, Reichtum und des Status quo. Sie machte ihre Drohungen mit einem Furcht und Schrecken schürenden Feldzug wahr, um der Gefahr zu begegnen, diese neue Wissenschaft könne sich ihrer Kontrolle entziehen. "Innerhalb eines Jahrzehnts, während des Pontifikats von Clemens VIII, wurden die Schriften Nova philosophia von Patrizi, De rerum natura von Bernardino Telesios und das Gesamtwerk von Giordano Bruno und Tommaso Campanella auf den Index gesetzt, die Ermittlungen gegen Giambattista della Porta und Cesare Cremonini durchgeführt, Francesco Pucci zum Tode verurteilt, Campanella eingekerkert und Bruno auf dem Scheiterhaufen verbrannt." (1)

Kepler kam schließlich mit einer relativ milden Strafe davon: er wurde von der lutherischen Kirche exkommuniziert. Galileis dramatischer Auftritt mündete jedoch in einen großen Kampf im anhaltenden Konflikt zwischen Wissenschaft und religiösem Aberglauben.

Galileo Galilei

Albert Einstein nannte Galilei "den Vater der modernen Physik, ja, der modernen Wissenschaft überhaupt." Und Stephen Hawking meinte: "Galilei hat vielleicht mehr als jeder andere zur Geburt der modernen Wissenschaft beigetragen." (zit. nach: Hawking, Stephen: Die kürzeste Geschichte der Zeit")

Der wichtigste Beitrag Galileos zur Wissenschaft war, dass er, im Widerspruch zur vorherrschenden aristotelischen Philosophie, dem Experiment zur quantifizierenden Bestimmung von Bewegung zum Durchbruch verhalf. Bereits 1589 sprach er in seinem unveröffentlichten Manuskript Über die Bewegung von der Notwendigkeit, die Erfahrung zu berücksichtigen, um die Richtigkeit einer These zu beweisen. War er auch nicht der erste, der dies vorschlug - Kopernikus hatte sich ähnlich geäußert -, so war bei Galilei doch neu, dass er seine theoretische Arbeit mit praktischen Experimenten zu untermauern suchte.

Galileo wurde am 15. Februar 1564 im italienischen Pisa geboren. 1574 zog seine Familie in das städtische Umland von Florenz, Galileo kam später nach. Florenz, wo 1378 mit dem sogenannten Ciompi-Aufstand der Florentiner Wollkämmer eine der frühesten Arbeitererhebungen der Geschichte stattfand, war für die damalige Zeit eine bemerkenswert große Stadt, in der Handel und Produktion eine bedeutende Rolle spielten. Wirtschaftlich und politisch herrschte die mächtige Familie der Medici, deren Angehörige eine wichtige Rolle als Fürsprecher von Kunst und Wissenschaft spielten, und auch die Arbeit Galileis unterstützten.

Es war dies die Periode zwischen Renaissance und Aufklärung, als die katholische Kirche die protestantische Reformation mit ihrer Gegenreformation beantwortete. Die Verbitterung der neu entstehenden zentralisierten politischen Staaten und der aufsteigenden Mittelklasse gegenüber dem Macht- und Reichtumsmonopol des Vatikan fand ihren ideologischen Widerhall in der Kirche. Sie löste eine Reformbewegung, genauer, vielfältige Reformbewegungen aus, die im wesentlichen nationale Gestalt annahmen: Luther in Deutschland, Calvin in Frankreich, Zwingli in der Schweiz, sowie die aus der Spaltung hervorgegangene anglikanische Kirche in England. Die Reformation enteignete örtliches Kircheneigentum, was der Kirche große Verluste an Reichtum, Land, Schulen und Einfluss bescherte. Die katholische Enzyklopädie zitiert, ohne ironischen Unterton, die Unterstützung für diese Bewegung außerhalb der Kirche: "Die Geschichte der Reformation zeigt ganz unzweifelhaft, dass sie hauptsächlich von den bürgerlichen Kräften vorangetrieben wurde, und dass letzten Endes nicht religiöse, sondern dynastische, politische und gesellschaftliche Interessen den Ausschlag gaben." (2)

Parallel dazu ermöglichte die Entwicklung der Druckmaschine - erfunden 33 Jahre vor Kopernikus' Geburt - eine erschwingliche und schnelle Verbreitung von neuen Ideen und Literatur (Shakespeare wurde im gleichen Jahr wie Galilei geboren; der erste moderne Roman, Cervantes’ Don Quichote, wurde 1605 veröffentlicht). Damit erwuchs dem Machtanspruch der Kirche eine neue Bedrohung. Von innen und außen musste sich die katholische Kirche mit den Konsequenzen des stürmischen Aufstiegs einer neuen gesellschaftlichen Kraft, der Bourgeoisie, befassen. Friedrich Engels, Gesinnungsgenosse von Karl Marx, sagte über diese Periode: "Die moderne Naturwissenschaft... beginnt mit jener gewaltigen Epoche, die den Feudalismus durch das Bürgertum brach -,... die großen Monarchien in Europa schuf, die geistige Diktatur des Papstes brach, das griechische Altertum wieder heraufbeschwor und mit ihm die höchste Kunstentwicklung der neuen Zeit, die Grenzen des alten Orbis durchbrach und die Erde erst eigentlich entdeckte." (3)

Diese Umstände bestimmten also die Reaktion der Kirche auf Galilei.

1581 nahm Galilei an der Universität von Pisa sein Universitätsstudium auf, eigentlich mit dem Ziel eines medizinischen Grades, wie es sich sein Vater wünschte. Doch er wechselte dann in sein bevorzugtes Interessensgebiet, die Mathematik, über. Sein erster Biograph, Vincenzo Viviani, schreibt, Galilei habe als Student in Pisa als erster den Isochronismus (zeitgleiche Schwingungsdauer) des Pendels formuliert. Für die aristotelische Physik, nach deren Theorie sich Objekte von selbst zum Zentrum der Erde hin bewegen, war diese Erscheinung unerklärlich. Galilei aber ging die Fragen von einem archimedischen, d.h. quantitativen Standpunkt an. Sein Bestreben, die Erscheinungen der Wirklichkeit in mathematischen Begriffen auszudrücken, führte ihn unausweichlich zur Ablehnung der aristotelischen Methode.

Zu Beginn des Jahres 1589 wurde Galilei zum Professor für Mathematik an der Universität von Pisa berufen. Drei Jahre darauf weigerte sich die Universität, seinen Vertrag zu verlängern, weil er die etablierten aristotelisch orientierten Professoren verärgert hatte. Sie bekamen vor allem die Verachtung zu spüren, die Galilei für die empfand, "die meinen, dass unser Verstand anderen als Sklave dienen sollte." (4) Er erhielt 1592 einen Ruf an die Universität von Padua in der Republik Venedig, um den Lehrstuhl für Mathematik zu leiten. Dort unterrichtete er die nächsten 18 Jahre Geometrie, Mechanik und Astronomie.

In Pisa hatte Galileo sich mit Fragen der Bewegung beschäftigt, ein Arbeitsfeld, in dem er nach eigenem Empfinden seine besten Beiträge leistete. Bei der Bestimmung der Kräfte, die Bewegung ermöglichen, schrieb Galilei in Über die Bewegung : "...es scheint, dass Aristoteles diese Ursache (göttliche Vorsehung) auch in seiner Physik, Buch 8, Kapitel 4 anführt, wenn er auf die Frage, weshalb schwere wie leichte Gegenstände sich an ihren Ort bewegen, die Ursache darin sieht, dass sie von Natur aus die Eigenschaft besitzen, irgendwohin bewegt zu werden, die leichten also nach oben, die schweren nach unten." Weil ihn diese Erklärung nicht zufrieden stellte, wandte Galilei seine neue Methode, das Experiment, an; er stellte Versuche mit Bronzekugeln an, die er eine schiefe Ebene herabrollen ließ. Entgegen der Auffassung von Aristoteles rollten die Kugeln mit gleicher Geschwindigkeit nach unten, unabhängig von ihrem Gewicht.

Darüber hinaus bestimmte Galileo diese Beschleunigungsrate: die zurückgelegte Strecke ist direkt proportional zum Quadrat der verstrichenen Zeit. "Gleich, welche Entfernung die Objekte in einer Zeiteinheit zurücklegten - gemessen mittels des Pulsschlages, einer gesungenen Note, den Wassertropfen von Galileos Wasseruhr -, nach zwei Zeiteinheiten hatten sie die vierfache Entfernung zurückgelegt. Nach drei Zeiteinheiten hatten sie das Neunfache der Ausgangsstrecke zurückgelegt, nach vier Zeiteinheiten das Sechzehnfache, und immer weiter so, bei ständiger Beschleunigung, wobei die zurückgelegte Strecke immer dem Quadrat der verstrichenen Zeit entspricht." (5)

Das war der Beginn der modernen Wissenschaft; die Mathematik wurde nun auf die Bewegung angewandt. Noch aber gab es keine verlässliche Maßeinheit bzw. genaue Uhr. Galilei musste daher seine eigenen Maßeinheiten entwickeln - die Zeit maß er anhand seines Pulsschlages oder mittels einer selbst entwickelten Wasseruhr, Entfernungen mittels Handspanne oder Armlänge.

Galilei dachte auch darüber nach, was geschähe, wenn die Kugel die schiefe Ebene verlassen würde. An dieser Stelle ist die Wirkung der Schwerkraft konstant - die Kugel würde sich, gegen den Reibungswiderstand, weiter geradaus und konstant gleichförmig bewegen, und damit einen Beweis für das Trägheitsprinzip liefern: "Ein Gegenstand auf ebener Fläche wird sich in gleicher Richtung mit gleicher Geschwindigkeit weiterbewegen, bis er abgelenkt wird." Diese Erkenntnis gehörte zu Galileos wichtigen Entdeckungen, und in Verbindung mit dem von ihm formulierten Gesetz des freien Falls konnte er zeigen, dass die Flugbahn eines Geschosses immer parabelförmig verläuft. Newton stützte sich auf das Trägheitsprinzip, als er sein erstes Bewegungsgesetz formulierte.

1609 erfuhr die Welt von der damals neuen Erfindung eines, manchen Quellen zufolge, holländischen Optikers namens Hans Lipperhey. Er hatte zwei Linsen in einer Röhre befestigt und konnte damit entfernte Objekte vergrößert erkennen. Galileo verstand das physikalische Prinzip und konstruierte sein eigenes Fernrohr. Zunächst benutzte er gekaufte Linsen, später schliff er sie selbst zurecht. Er steigerte den Vergrößerungsfaktor rasch von 3 auf 30. So konnte er den Mond mit nie da gewesener Genauigkeit beobachten.

Er stellte fest, dass der Mond nicht Aristoteles' vollkommener Himmelskörper war, sondern "Protuberanzen und Unebenheiten" aufwies, ähnlich der Erde. Die Planeten hatten Scheiben und waren nicht sternenähnliche Lichtpunkte; die Milchstraße bestand aus einer unübersehbaren Menge von Sternen; und "vier Planeten bewegten sich in unterschiedlichen Entfernungen und mit unterschiedlichen Umlaufzeiten mit großer Geschwindigkeit auf einer Bahn um Jupiter." (6) Die Entdeckung der Phasen der Venus, der Jupitermonde und der Sonnenflecken stützte das heliozentrische Modell und verschaffte Galilei ein Gefühl der Bestätigung.

Da Galilei die Implikationen seiner Beobachtungen für das kopernikanische Modell verstand, stellte er seine Aufzeichnungen, die Zeichnungen des Mondes und des Jupiters mit seinen Monden sowie seine Karten der vielen neuen Sterne, die man jetzt im Sternencluster des Pleiades und des Orion sehen konnte, zusammen, und schrieb sein gefeiertes Werk Der Sternenbote. Seine Veröffentlichung 1610 erregte großes öffentliches Interesse - vergleichbar der Apollo-Mondlandung 360 Jahre später - und fand Verbreitung bis nach China. Die Popularität des Werkes war zu einem guten Teil dem Umstand zu verdanken, dass Galilei es nicht in lateinischer Sprache, die von Gelehrten und Wissenschaftlern bevorzugt wurde, sondern in italienischer Sprache verfasst hatte, so dass es breitere Kreise lesen konnten.

Die Reaktion der Kirche kam zögernd, aber sie kam, und gipfelte darin, dass Galilei 1616 vor dem Inquisitionsgericht erscheinen musste. Robert Kardinal Bellarmin, der Inquisitor, der auch "Hammer der Irrgläubigen" genannt wurde, und der Giordano Bruno 1600 auf dem Scheiterhaufen hatte verbrennen lassen, verurteilte nun das kopernikanische Modell als "philosophisch absurd und formal häretisch." Bellarmin, der Galileis Arbeit seit 1611 verfolgt hatte, erließ das berüchtigte Edikt von 1616, verkündet von Papst Paul V., das Galilei verbot, den Kopernikanismus "in jedweder Form zu verteidigen, weder mit dem gesprochenen noch dem geschriebenen Wort", und ihn anwies, ihn "vollständig" aufzugeben.

Galilei war älter als fünfzig und gesundheitlich angeschlagen. Er beendete sein öffentliches Eintreten für die kopernikanische Weltsicht, setzte aber seine astronomischen Beobachtungen fort. Vergeblich versuchte er eine Methode zu entwickeln, um mittels der Jupitermonde die Längengrade auf dem Meer zu bestimmen. 1618 spürte er drei Kometen auf. 1623 schrieb er Il Saggiatore als Polemik gegen den jesuitischen Mathematiker Orazio Grassi, worin er - irrtümlich - behauptete, Kometen seien optische Phänomene und keine realen Objekte.

Jedoch gilt dieses Buch als sein wissenschaftliches Manifest, da es ausführlicher vom Wesen der Wissenschaft überhaupt handelt, das Galileo in seinem berühmten Satz so beschrieb: " Die Philosophie ist in diesem großen Buch niedergeschrieben, das vor unseren Augen immer offen liegt; ich meine das Universum. Aber wir können es erst lesen, wenn wir die Sprache gelernt haben und mit den Zeichen vertraut sind, in denen es geschrieben ist. Es ist in der Sprache der Mathematik geschrieben, und seine Buchstaben sind Dreiecke, Kreise und andere geometrische Figuren. Ohne diese Mittel ist es dem Menschen unmöglich, auch nur ein einziges Wort zu verstehen; ohne sie irrt er vergeblich durch ein dunkles Labyrinth." (7)

Galilei legt hier in knapper Form die materialistische Herangehensweise dar, die für ein Verständnis der Natur unverzichtbar ist. Wofür er stritt, sehr bewusst im Gegensatz zum aristotelischen Ansatz, war eine Denkmethode, die die Gesetze der Materie im menschlichen Denken korrekt widerspiegelt.

Als 1623 sein Freund und Unterstützer Maffeo Barberini, dem er Il Saggiatore gewidmet hatte, als Urban VIII zum Papst gewählt wurde, glaubte Galilei, Urban könne das durch das Edikt von 1616 gegen ihn verhängte Verbot aufheben. Der neue Papst lehnte dies zwar ab, ermutigte jedoch Galileis neues Projekt, ein Buch, das das ptolemäische und kopernikanische System verglich. Er riet Galilei aber, den Heliozentrismus nur als mathematische Hypothese zu behandeln. Die Veröffentlichung des Dialog über die beiden hauptsächlichen Weltsysteme, das ptolemäische und das kopernikanische im Jahre 1632 wurde zum Auslöser für eine zweite Konfrontation Galileis mit der kirchlichen Hierarchie.

Die Inquisition beschuldigte Galilei der Ketzerei, weil er durch seine Verteidigung des Heliozentrismus dem Edikt von 1616 zuwider gehandelt habe. Im Anblick der Folterinstrumente und der Aufforderung zu widerrufen, gestand Galilei, das Edikt übertreten zu haben. Der Dialog wurde verboten und auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt. Die Inquisition verbot alle zuvor von Galilei veröffentlichten Bücher und, ohne dass er es wusste, alle künftig von ihm verfassten. Seine Gefängnisstrafe wurde in Hausarrest umgewandelt, unter dem Galilei bis zu seinem Tod 1642 lebte..

Unter Hausarrest schrieb er sein wichtigstes und letztes Buch, Unterredung und mathematische Demonstration über zwei neue Wissenszweige, die Mechanik und die Fallgesetze betreffend, Darin fasst Galilei seine 30jährigen Studien über Bewegung und die Festigkeit von Körpern zusammen. "Die Aufgabe, die er sich in Z wei neue Wissenszweige (8) stellte, bestand darin, Begriffe zu entwickeln, Methoden der Berechnung und des Messens..., um die Bewegung von Objekten in streng mathematischer Form zu beschreiben." (8) 0

In einem Brief an seinen langjährigen Freund Elia Diodati bezeichnet Galilei die W issenszweige als "allem überlegen, was ich bisher veröffentlicht habe." Das Buch konnte aufgrund Galileis Verurteilung durch die Inquisition wegen Ketzerei nicht veröffentlicht werden, doch das Manuskript wurde schließlich aus Italien in die Niederlande geschmuggelt, wo es in gedruckter Form erschien.

Galilei verkörperte die seltene Kombination aus genauester Beobachtungsgabe, technischem Genie, mathematischer Brillianz und unersättlichem Wissensdurst. Sein Aufstieg zu einem Giganten der Wissenschaft war Ergebnis des Zusammentreffens dieser Eigenschaften mit der Dynamik des Aufstiegs einer neuen Gesellschaftsordnung, welche eine großenteils unbekannte Welt sich unterwerfen wollte. Engels charakterisierte diese Zeit so: "Es war die größte progressive Umwälzung, die die Menschheit bis dahin erlebt hatte, eine Zeit, die Riesen brauchte und Riesen zeugte, Riesen an Denkkraft, Leidenschaft und Charakter, an Vielseitigkeit und Gelehrsamkeit. Die Männer, die die moderne Herrschaft der Bourgeoisie begründeten, waren alles, nur nicht bürgerlich beschränkt. Im Gegenteil, der abenteuernde Charakter der Zeit hat sie mehr oder weniger angehaucht. Fast kein bedeutender Mann lebte damals, der nicht weite Reisen gemacht, der nicht vier bis fünf Sprachen sprach, der nicht in mehreren Fächern glänzte." (9)

1. Paolo Rossi: Die Geburt der modernen Wissenschaft in Europa, München:Beck 1997, S. 129

2 Catholic Encyclopedia

3. Engels: Dialektik der Natur, MEW Bd. 20, S. 464)

4. Galileo: The Assayer, Drake, 1957, S. 238

5. Dava Sobel: "Galileo, His Place in Science," Public Broadcasting Service

6. Galileo: Sternenbote, Einleitung, zit. nach Rossi, S. 135

7. Galileo: The Assayer, Drake, 1957, S. 237

8. Gerald James Holton, Stephen G. Brush: Physics, the Human Adventure, Rutgers University Press, S. 82

9. Engels: Dialektik der Natur, MEW Bd. 20, S. 312)

Siehe auch:
Zu Ehren des zweihundertsten Geburtstags von Abraham Lincoln und Charles Darwin
(21. Februar 2009)
Hundert Jahre seit Albert Einsteins Annus mirabilis
( 10. August 2005)