Ein neues Kriegsverbrechen in Afghanistan

Zahllose Zivilisten bei amerikanischem Luftangriff verbrannt

Von Patrick Martin
10. September 2009

Bei einem Angriff amerikanischer Bomber fanden am frühen Freitagmorgen mehr als 100 Menschen den Tod. Viele Zivilisten verbrannten, als zwei entführte Tankwagen von Bomben getroffen wurden und explodierten.

Zahlreiche Schwerverletzte wurden mit Lastwagen und Handkarren in die örtlichen Krankenhäuser transportiert.

Die beiden von Talibankämpfern gekidnappten Tanker blieben beim Versuch, den Fluss Kundus zu überqueren, im Sand stecken. Die Aufständischen öffneten die Ventile der Tankwagen, bevor sie sie stehen ließen. Daraufhin eilten die Einwohner des nahen Dorfes Omar Kheil mit allen möglichen Behältern zum Abfüllen des Treibstoffs herbei.

Der britische Guardian zitierte Moeen Marastial, einen Parlamentarier aus Kundus: "Wie mir Einwohner berichteten, wurden 130 Menschen getötet, obwohl die Nato versprochen hat, die Bombardierungen und Tötungen von Zivilisten zu begrenzen. Das wird nicht ohne Folgen bleiben. Das war ein schlechter Tag für die internationalen Streitkräfte in Afghanistan."

Ein weiterer Abgeordneter aus der Region, Mohammed Amin Qaneh, sagte: "Wir sind bestürzt. Viele einfache Menschen wurden getötet. Weshalb mussten sie die Tankwagen bombardieren? Ist für die Nato Öl wertvoller als Blut? Wir fordern Gerechtigkeit, die Verantwortlichen müssen bestraft werden."

Abdul Moman Omar Kheil, der Mitglied des Provinzrates von Kundus ist und aus dem Dorf stammt, in dessen Nähe der Luftschlag durchgeführt wurde, berichtete der Presse über die Umstände des Massenmordes: Viele Dorfbewohner waren wegen einer bis in die Nacht andauernden Hochzeitsfeier und wegen der Ramadanfeierlichkeiten zu dieser Zeit noch wach. Im Fastenmonat Ramadan essen und trinken Muslime nur nachts.

Diese Darstellung wurde durch die Angaben eines Talibansprechers gegenüber Associated Press bestätigt, wonach Kämpfer die zwei Tanklastwagen auf ihrer Fahrt von Tadschikistan nach Kabul in ihre Gewalt gebracht hatten.

Während des Ansturms auf den wertvollen Treibstoff ordneten um 2:30 Ortszeit die deutschen Streitkräfte, die im Rahmen der Nato-Besatzung für die Provinz Kundus zuständig sind, den Angriff der zwei amerikanischen F-15 Kampfflugzeuge an, die je eine 500-Pfund-Bombe auf die Tankwagen abwarfen.

Die Bilder im Krankenhaus der 24 Kilometer entfernten Provinzhauptstadt Kundus glichen einem Inferno. "Verwundete mit schweren Verbrennungen waren in einem Krankenhaus in Kundus eng zusammengepfercht", so die französische Nachrichtenagentur AFP. "Ein AFP -Jounalist berichtete über acht Menschen in furchtbarer Verfassung - mit schwarz verbrannter, sich lösender Haut, unter der das rohe Fleisch hervortrat. Andere verharrten mit ins Fleisch eingebrannten Kleidern in lautloser Agonie."

Der Augenzeuge Mohammad Daud erzählte AFP, die Dorfbewohner seien zu einem der liegen gebliebenen Tankwagen gelaufen, um sich mit Erlaubnis der Taliban mit kostenlosem Treibstoff zu versorgen. "Alle im Umfeld der Treibstofftanks starben", sagte er. Sie wurden zerfetzt. Hände, Beine und andere Körperteile waren überall verstreut. Wer sich weiter entfernt von den Treibstofftanks befand, erlitt schwere Verbrennungen.

Reuters berichtete: "Die hoffnungslos verarmten afghanischen Dorfbewohner hörten, dass die Taliban volle Treibstofftanks am Fluss im Stich gelassen hatten und glaubten an einen Glückstag. Hunderte rannten los und wollten ihre Behälter mit dem wertvollen Inhalt füllen. Plötzlich donnerte ein amerikanischer F-15-Bomber heran und eröffnete das Feuer. Mohammad Deen hörte die Explosion. Als das Feuer am Freitagmorgen ausgebrannt war, lagen noch immer verkohlte Körper verstreut im Flussbett."

"Die Dorfbewohner konnten ihre Wut kaum noch zügeln. Es ist eine Tragödie und die Menschen sind empört, sehr empört. Die internationale Gemeinschaft kam hierher, um zu helfen, aber sie helfen überhaupt nicht mehr, sie werfen nur noch Bomben auf uns", sagte Deen. Von Afghanen am nächsten Morgen vor Ort aufgenommene Videos zeigten Klumpen verkohlter Körper, die neben Klumpen geschmolzenen Metalls im Flussbett lagen. Das Gestell eines der Tankwagen rauchte noch.

Anfangs behaupteten Nato-Vertreter, alle Getöteten seien Talibankämpfer. Eine deutsche Bundeswehrsprecherin sagte den Medien: "Wir sind uns ziemlich, aber nicht hundertprozentig sicher, dass es nur Aufständische waren." Sie fügte noch an: "Nachdem der örtliche ISAF-Kommandant zu der Einschätzung gelangt war, dass sich nur Aufständische in der Umgebung aufhielten, ordnete er einen Luftangriff zur Vernichtung der Tankwagen an. Dabei wurde eine große Zahl Aufständischer getötet beziehungsweise verletzt."

Die afghanische Marionettenregierung von Präsident Hamid Karzai wiederholte diese Behauptungen, wobei diese Fassung jedoch mehrmals modifiziert wurde, als die Opfer in das Krankenhaus von Kundus strömten und das Ausmaß der Katastrophe für die Zivilbevölkerung nicht mehr zu leugnen war.

Dieses Kriegsverbrechen der Nato straft die Behauptungen der Regierung Obama und des Pentagon Lügen, die Eskalation der Militärintervention in Afghanistan diene dem Schutz der Bevölkerung vor den Taliban, deren Regime 2001 von der Regierung Bush gestürzt worden war.

Am Tag vor dem Luftangriff in der Nähe von Kundus sagte Generalstabsvorsitzender Admiral Michael Mullen auf einer Pressekonferenz des Pentagon, er habe Präsident Obama einen Bericht des Kommandeurs der Einsatztruppen, General Stanley McChrystal, zur Lage in Afghanistan vorgelegt.

Mullen weigerte sich, Fragen über den Umfang der von McChrystal zusätzlich geforderten Truppen zu beantworten und sagte: "Wichtiger als die Anzahl der Soldaten, die er anfordert, oder auch nicht anfordert, ist die Frage wie er sie einsetzen wird. Es sollte für niemanden eine Neuigkeit sein, dass er die unter seinem Kommando befindlichen Streitkräfte zum Schutz des afghanischen Volkes einzusetzen gedenkt."

Nach den Gräueltaten bei Omar Kheil kann man mit Fug und Recht sagen, dass es für ein Volk kein schlimmeres Schicksal geben kann, als vom amerikanischen Imperialismus für einen derartigen "Schutz" ausgesucht zu werden.

Der Ort des Massenmordes ist militärisch und politisch von Bedeutung. Die Provinz Kundus im Norden Afghanistans wird überwiegend von der tadschikischen und usbekischen Minorität bewohnt und wies lange Zeit eine beachtliche Stabilität auf - jedenfalls verglichen mit den südlichen und östlichen von Paschtunen besiedelten Gegenden.

Es kam jetzt zu mehreren Gewaltakten in Kundus, was auf die zunehmende Fähigkeit der Taliban und weiterer Besatzungsgegner hinweist, im ganzen Land zuzuschlagen. Der Vorsitzende der afghanischen Jamiat-i-Islami-Partei und ehemalige afghanische Präsident Burhanuddin Rabbani entging am 13. August nur knapp einem Attentat, als sein Konvoi auf der Autobahn Kabul-Kundus im Distrikt Aliabad in einen Hinterhalt geriet. Rabbani machte Wahlkampf für den früheren Außenminister Abdullah Abdullah, Karzais wichtigsten Konkurrenten bei den Wahlen am 20. August. Drei Wochen zuvor entkam Karzais Vizepräsidentschaftskandidat Qasim Fahim einem ähnlichen Angriff im Distrikt Khanabad der Provinz Kundus.

Der Zeitungsgruppe McClatchy Newspapers zufolge hat sich der Aufstand der Taliban zu einer strategischen Bedrohung für die Besatzungstruppen der USA und der Nato entwickelt. McClatchy berichtete:

"Talibankämpfer haben zwei nördliche Provinzen teilweise eingenommen, aus denen sie 2001 vertrieben worden waren. Amerikanische und afghanische Beamte sagen, dies drohe die neue Versorgungslinie der Nato aus Zentralasien zu unterbrechen und den Krieg auszuweiten, der bis jetzt auf die südliche Hälfte Afghanistans begrenzt blieb. Nach Aussagen örtlicher Beamter führten Aufständische, die aus dem Distrikt Baghlan heraus, längs der Autobahn nach Tadschikistan operieren, während der Präsidentschaftswahlen am 20. August koordinierte Angriffe aus und töteten den Polizeichef des Distriktes, sowie einen Zivilisten. Sie selbst verloren dabei ein Dutzend Mann. Dies war das größte Blutvergießen, worüber an diesem Tag berichtet wurde.

Jedenfalls hat die Gewalt in den letzten Monaten zugenommen. Taliban und ausländische, von Al-Qaida gesteuerte, Kämpfer haben Guerillaangriffe, Bomben- und Raketenangriffe auf deutsche belgische und ungarische Streitkräfte in den Provinzen Baghlan und Kundus durchgeführt. Die Aufständischen kontrollieren jetzt drei paschtunisch dominierte Distrikte in Kundus und Baghlan-i-Jadid, die lange Zeit als sicher galten."

McClatchy zitierte einen namentlich nicht genannten "führenden amerikanischen Geheimdienstbeamten", der darlegte, dass die Aufständischen eine kürzlich eingerichtete Logistikroute ins Visier genommen hätten. Es handelt sich um eine Ergänzungsstrecke der Hauptroute vom pakistanischen Hafen Karachi bis hoch zum Khyber-Pass, die zunehmenden Angriffen der Taliban von beiden Seiten der afghanisch-pakistanischen Grenze ausgesetzt sei.

Die Straßen der neuen Route kommen aus Usbekistan und Tadschikistan, treffen sich und laufen durch die Berge des Hindukusch in den Süden nach Kabul und zum größten Flughafen und Versorgungszentrum der Amerikaner in Bagram "Man befürchtet Probleme mit unserem nördlichen Verteilungsnetz, wenn wir das Anwachsen (der Taliban) nicht verhindern," so der Geheimdienstbeamte zur Nachrichtenagentur.

Der britische Guardian merkte in seinem Bericht über das Massaker von Omar Kheil an: "Heute befassen sich die Berichte mit den Taliban, aber die eng mit Al-Qaida verbundenen usbekischen Gotteskrieger sickern in das Gebiet ein. Egal wer sie sind, sie sind ein Indiz für die nachlassende Sicherheit in ganz Afghanistan."

Seit Mai stellt dieses Kriegsverbrechen das schlimmste Massaker der amerikanisch geführten Nato-Streitkräfte an afghanischen Zivilisten dar. Wie eine Untersuchung der afghanischen Regierung zeigte, kosteten die damaligen Angriffe amerikanischer Kampfflugzeuge auf Dörfer in der westlichen Provinz Farah 140 Menschen das Leben

Siehe auch:
Obamas Krieg
(18. Juli 2009)
Stoppt den Krieg in Afghanistan und Pakistan
( 9. Mai 2009)
Massaker in Kundus enthüllt Charakter des Afghanistankriegs
( 8. September 2009)