Vor siebzig Jahren hat der Zweite Weltkrieg begonnen

Von Nick Beams
5. September 2009

Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs vor siebzig Jahren war der Beginn einer Kette von Ereignissen, die bis zu siebzig Millionen Todesopfer forderte. In den sechs folgenden Jahre erreichte die Barbarei unvorstellbare Ausmaße - die Schrecken der russischen Front, die Feuerstürme von Tokio und Dresden, der Massenmord an sechs Millionen europäischen Juden und schließlich die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki sind nur einige der Ereignisse, die einem unmittelbar einfallen.

Man sagt oft, die Wahrheit sei das erste Kriegsopfer. Sieben Jahrzehnte später machen die Organe der öffentlichen Meinung immer noch Überstunden, um die Gründe für den Krieg und die Lehren, die daraus gezogen werden müssten, zu verschleiern.

Im Gegensatz zu den vorherrschenden Mythen handelte es sich nicht um einen Krieg der Demokratie gegen den Faschismus oder, wie vom Ersten Weltkrieg gesagt wurde, einen "Krieg der alle Kriege ein für alle mal beenden" sollte. Es war ein imperialistischer Krieg, den die großen imperialistischen Mächte - "Demokraten" ebenso wie Faschisten - im Interesse der Profite um die Aufteilung der Welt und ihrer Reichtümer führten.

Nach dem Ersten Weltkrieg hatte Lenin gewarnt, dass weitere Kriege folgen würden, wenn es der Arbeiterklasse nicht gelänge die kapitalistische Ordnung durch eine sozialistische Revolution zu stürzen. Er machte klar, dass jeder "Frieden" zwischen den imperialistischen Mächten nur ein Zwischenspiel bis zum Ausbruch des nächsten Konflikts sein könne. Diese Warnung bestätigte sich.

Der unmittelbare Kriegsgrund war der Überfall der Nazis auf Polen am 1. September 1939. Im Jahr davor hatte die britische Regierung unter Premierminister Neville Chamberlain auf der berüchtigten Münchener Konferenz den Forderungen der Deutschen hinsichtlich der Tschechoslowakei nachgegeben. Er hatte gehofft, dass sich die deutsche Expansion auf Mitteleuropa beschränken ließe und erklärte nach seiner Rückkehr aus München, dass er den "Frieden für unsere Zeit" gesichert habe. Nur elf Monate später musste er den Krieg erklären.

Der Einmarsch nach Polen hatte klargemacht, dass Deutschland nicht nur versuchte, seine Position in Europa auszubauen, sondern dass es eine Weltmacht werden wollte. Das war ein Ziel, das Großbritannien - als die größte Kolonialmacht der Welt, die den indischen Subkontinent und weite Teile Afrikas beherrschte und seine Rohstoffe und finanziellen Ressourcen aus der ganzen Welt bezog - nicht tolerieren konnte.

Ein Jahr vor Ausbruch des Krieges war die Vierte Internationale gegründet worden. Sie hatte sich zur Aufgabe gemacht, die Krise der Führung der Arbeiterklasse zu lösen und die sozialistische Revolution vorzubereiten. Ohne sie, so erklärte die neue Internationale, drohe "der gesamten menschlichen Kultur eine Katastrophe".

Die verräterische Führung der Arbeiterklasse - die Sozialdemokratie und die stalinistischen Kommunistischen Parteien - waren unmittelbar für den Ausbruch des Krieges verantwortlich. Wenn die spanische Revolution, die 1936 begonnen hatte, erfolgreich gewesen wäre, so hätte sie zu einem Wiederaufleben revolutionärer Kämpfe in ganz Europa geführt, die selbst die scheinbar so allmächtige Naziherrschaft in Deutschland bedroht hätten.

Ebenso hätte sich das Gleichgewicht der Kräfte dramatisch verändert, wenn der Generalstreik in Frankreich 1936 bis zum Kampf um die politische Macht weitergeführt worden wäre, Aber beide revolutionäre Bewegungen wurden durch die stalinistischen und die sozialdemokratischen Führer abgewürgt.

Die Folge war, wie Trotzki erklärte, dass die Bourgeoisie glaubte, mit solchen Arbeiterführern zu ihren Diensten alles machen zu können, sogar einen neuen Völkermord zu begehen.

Als die deutschen Armeen nach Frankreich einmarschiert waren, erklärte die Vierte Internationale in einem Manifest vom Mai 1940 die soziale Bedeutung Hitlers und seiner faschistischen Bewegung.

"Die demokratischen Regierungen, die seinerzeit Hitler für seinen Kreuzzug gegen den Bolschewismus priesen, erkennen heute in ihm eine Art Satan, der unerwartet aus den Tiefen der Hölle hervorbrach und gegen geheiligte Abkommen, Grenzen, Regeln und Vorschriften verstößt. Ohne Hitler wäre die kapitalistische Welt ein blühender Garten. Welch erbärmliche Lüge! Dieser deutsche Epileptiker mit einer Rechenmaschine in seinem Schädel und unbegrenzter Macht in seinen Händen fiel nicht vom Himmel und kam nicht aus der Hölle; er ist nichts als die Verkörperung der Zerstörungskräfte des Imperialismus. So wie Dschingis-Khan und Tamerlan den schwächeren Hirtenvölkern als verheerende Geißeln Gottes erschienen, während sie in Wirklichkeit nichts weiter als den Hunger alter Hirtenstämme nach mehr Weideland und Raub von besiedelten Landstrichen ausdrückten, so gibt Hitler, wenn er die alten Kolonialmächte in ihren Grundfesten erschüttert, dem imperialistischen Machtwillen nur einen vollendeteren Ausdruck."

Der Krieg begann als europäischer Konflikt, breitete sich aber rasch auf den ganzen Erdball aus. Im 19. Jahrhundert hatten die kapitalistischen Mächte miteinander auf der Grundlage eines sich ausdehnenden Weltmarkts konkurriert. Aber mit der großen Depression und dem Schrumpfen der Märkte spaltete sich die Weltwirtschaft in rivalisierende Blöcke auf.

Japan, das vor dem Zusammenbruch seiner Exportmärkte stand, versuchte seine Krise zu überwinden, indem es China eroberte und ein Imperium des Ostens aufbauen wollte. Aber dies konnten die Vereinigten Staaten nicht dulden, die sich ebenfalls in der Pazifikregion ausdehnen wollten. Das führte unausweichlich zum Krieg. Der japanische Angriff auf Pearl Harbor im Dezember 1941 war lediglich der Auslöser für einen Krieg, der bereits ein Jahrzehnt lang vorbereitet wurde.

Was den deutschen Imperialismus angeht, so waren die Ressourcen in Mittel- und Südosteuropa unzureichend, wenn er seine Kapazitäten so weit entwickeln wollte, um die größte kapitalistische Macht, die USA, herausfordern zu können. Der Einmarsch in die Sowjetunion im Juni 1941 zielte darauf ab, die wirtschaftliche Basis für ein deutsches Reich zu legen, das seine Position als Weltmacht behaupten konnte.

Die Vereinigten Staaten hingegen waren auf der Grundlage der gewaltigen Ressourcen des amerikanischen Kontinents zur Weltmacht aufgestiegen. Sie konnten sich aber auf dieser Grundlage nicht länger halten - das eben war die Lehre, die aus der Großen Depression gezogen wurde, die die amerikanische Wirtschaft so hart getroffen hatte. Die Märkte mussten für amerikanische Exporte, amerikanische Investitionen und amerikanische Technologien geöffnet werden, um die amerikanischen Profite zu sichern. Diese Perspektive war nicht vereinbar mit den Versuchen Deutschlands und Japans, sich eigene Imperien zu verschaffen. Dazu kam noch das bereits existierende Imperium von Washingtons Verbündetem Großbritannien. Diese alle hatten dem amerikanischen Programm der "offenen Türen" zu weichen.

Auf der Grundlage ihrer wirtschaftlichen Kapazitäten und der großen Überlegenheit über ihre erschöpften Rivalen waren die Vereinigten Staaten in der Lage, das kapitalistische Weltsystem am Ende des Zweiten Weltkriegs zu stabilisieren. Der darauffolgende Nachkriegsboom und der Kalte Krieg mit der Sowjetunion schufen die Rahmenbedingungen zur Beilegung der imperialistischen Rivalitäten, die zweimal innerhalb von nur drei Jahrzehnten in einen Weltkrieg gemündet hatten.

Heute existieren die Grundlagen für dieses Gleichgewicht nicht mehr. Das Ausbrechen der tiefsten Wirtschafts- und Finanzkrise seit der großen Depression schafft wieder die Bedingungen, unter denen sich die Konkurrenz auf dem Weltmarkt in heftigste Konflikte verwandelt, bei denen jeder gegen jeden kämpft.

Die tiefe Krise des US-Kapitalismus und sein immer stärkeres Zurückgreifen auf militärische Mittel, um seinen Verlust an wirtschaftlicher Macht zu kompensieren, führt zusammen mit dem Aufstreben neuer Mächte und dem Wiederaufleben der Bestrebungen der alten dazu, dass sich erneut imperialistische Konflikte zusammenbrauen, die noch fürchterlicher sein können als die letzten.

Daraus müssen Lehren gezogen werden. Nur durch den Sturz des kapitalistischen Profitsystems und die Errichtung einer geplanten sozialistischen Wirtschaft im Weltmaßstab - die vernünftig und demokratisch organisiert wird, um die Bedürfnisse der Menschheit zu befriedigen - kann die Gefahr eines imperialistischen Krieges für immer gebannt werden. Dies ist die Perspektive der Weltpartei der sozialistischen Revolution, des Internationalen Komitees der Vierten Internationale.

Siehe auch:
Hitlers "erklärbare Reaktion" auf die Widersprüche des globalen Kapitalismus - Ökonomie der Zerstörung von Adam Tooze
(6. März 2008)
Sechzig Jahre seit den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki
( 19. August 2005)