BBC-Umfrage enthüllt weit verbreitete Unzufriedenheit mit dem Kapitalismus

Von Julie Hyland
18. November 2009

Eine weltweite Umfrage des World Service der BBC hat eine weit verbreitete Unzufriedenheit mit der kapitalistischen freien Marktwirtschaft enthüllt, die auch eine beträchtliche Ablehnung des Kapitalismus an sich beinhaltet.

Im Rahmen der Umfrage, die von GlobeScan/PIPA durchgeführt wurde, wurden in der Zeit vom 19. Juni bis zum 13. Oktober Interviews mit mehr als 29.000 Menschen aus 27 verschiedenen Ländern geführt und zwar in den Vereinigten Staaten, Kanada, Mexiko, Brasilien, Panama, Costa Rica, Chile, Australien, Japan, Indonesien, den Philippinen, Indien, Pakistan, China, Russland, der Ukraine, der Türkei, Polen, Tschechien, Deutschland, Frankreich, Italien, England, Spanien, dem Vereinigten Königreich, Nigeria, Ägypten und Kenia.

Die Umfrage ergab, dass mehr als zwanzig Prozent der Befragten gegen die kapitalistische freie Marktwirtschaft eingestellt waren. Etwa 89 Prozent glaubten, dass der Kapitalismus nicht funktioniere. In 22 dieser Länder brachte jeweils eine Mehrheit der Befragten ihre vehemente Unterstützung für staatliche Interventionen zum Ausdruck, um die Unternehmen und den Markt zu regulieren, um eine sozial gerechtere Verteilung des Wohlstands zu erreichen.

Fast ein Viertel der Befragten glaubte, dass der Kapitalismus durch ein "anderes System" ersetzt werden sollte.

Die BBC berichtete: "Falls es einen Punkt gibt, in dem sich aus dieser Umfrage ein globaler Konsens zu ergeben scheint, dann der: Fast überall gibt es Mehrheiten, die wünschen, dass die Regierung bei der Regulierung der Unternehmen aktiver wird."

Lediglich in zwei Ländern, den Vereinigten Staaten und Pakistan, glaubten mehr als zwanzig Prozent, dass das gegenwärtige Wirtschaftssystem funktioniere. Eine Mehrheit in 22 der 27 Länder unterstützte eine größere Umverteilung des Reichtums - das sind im Schnitt 67 Prozent. In siebzehn dieser Länder gab eine Mehrheit an, für eine stärkere Regulierung der großen Konzerne zu sein. In fünfzehn Ländern, insbesondere in Russland, der Ukraine, Brasilien, Indonesien und Frankreich, sprach sich die Mehrheit für eine Regierung aus, die aktiver bei der Verstaatlichung oder Regulierung wichtiger Wirtschaftzweige auftrete.

Dreiundzwanzig Prozent glaubten, der Kapitalismus habe "schwere Mängel". Eine ungefähr gleich große Anzahl der Befragten in Frankreich hatte das Gefühl, dass der Kapitalismus gescheitert sei (43 Prozent) und antworteten, dass seine Ungleichheiten durch stärkere Regulierung und Reformen behoben werden könnten (47 Prozent). Hinter Frankreich gab es in Mexiko (38 Prozent) und in Brasilien (35 Prozent) die meisten Stimmen, die eine Ablösung des Kapitalismus befürworteten. In den zwölf Ländern, die auf der BBC Seite hervorgehoben werden, befürworteten mehr als zehn Prozent diesen Standpunkt. Diejenigen, die das gegenwärtige Szenario verteidigten, waren in jeder Hinsicht in der Minderheit.

Die Untersuchung warf einige statistische Anomalien auf. Bei deutschen Interviewpartnern wurde weniger Unterstützung für die Ansicht verzeichnet, dass der Kapitalismus gescheitert sei, als zum Beispiel in den Vereinigten Staaten. Nichtsdestotrotz gab in beiden Fällen die Mehrheit - fast siebzig Prozent in den Vereinigten Staaten und mehr als achtzig Prozent in Deutschland - ihr Missfallen mit dem gegenwärtigen Status quo zu Protokoll.

Die Antworten darauf, ob die Auflösung der Sowjetunion "eine gute Sache" gewesen sei, bargen weniger Überraschungen. Dabei war in den Vereinigten Staaten, Kanada, West- und Zentraleuropa sowie Australien eine Mehrheit dieser Ansicht (73 bis 81 Prozent). In anderen Ländern, wo die UdSSR als eine Alternative zum Kapitalismus angesehen worden war oder die Auswirkungen ihrer Auflösung in Bezug auf den Lebensstandard und den Verlust politischer und wirtschaftlicher Unterstützung direkter zu spüren waren, verlief der Trend entgegengesetzt. Ungefähr 61 Prozent der Russen und 54 Prozent der Ukrainer empfanden die Auswirkungen als negativ, ebenso die Mehrheit in Pakistan und Ägypten. Wie die BBC berichtet: "Fast siebzig Prozent der Ägypter sagen, dass das Ende der Sowjetunion eine schlechte Sache gewesen sei und in Indien, Kenia und Indonesien gehen die Ansichten darüber weit auseinander."

Ingesamt kam heraus, dass eine knappe Mehrheit (54 Prozent) aus fünfzehn Ländern angab, das Auseinanderbrechen der Sowjetunion sei positiv, während 24 Prozent angaben, sie wüssten es nicht.

Die Umfrage wurde zeitgleich mit den Feierlichkeiten zum zwanzigsten Jahrestag des Falls der Berliner Mauer durchgeführt, der zur Abschaffung der verstaatlichten Eigentumsverhältnisse in Osteuropa und der Sowjetunion führte - sie fand unter der Führung der stalinistische Bürokratie unter Michael Gorbatschow und Boris Jelzin statt, die nun zur neuen Kapitalistenklasse geworden ist.

Die BBC erklärte dazu in ihrem Kommentar, dass es 1989 so ausgesehen habe, als sei der marktwirtschaftliche Kapitalismus als Sieger aus dem Kalten Krieg hervorgegangen. Heute aber, stellte Doug Miller, der Vorsitzende von GlobeScan, fest: "Es sieht so aus, als ob der Fall der Berliner Mauer im Jahr 1989 nicht der überwältigende Sieg für die freie Marktwirtschaft war, für den er damals gehalten wurde - insbesondere nicht nach den Ereignissen der letzten zwölf Monate."

Dies hängt mit der Wirtschaftkrise zusammen, die ganze Volkswirtschaften ruiniert und den Lebensstandard auf der ganzen Welt zerstört.

Genau die Umstände waren es, unter denen sich die Großmächte am 9. November in Berlin zu einem "Festival des Friedens" versammelten, um den Fall der Berliner Mauer zu feiern. Aber die Bemühungen, unter der Bevölkerung die Begeisterung für den Sturz der stalinistischen Regimes wieder zu beleben, wurden von der Tatsache überschattet, dass sich der vermeintliche kapitalistische Sieger weltweit selbst in einer tiefen Krise befindet.

Im Zentrum dieses weltweiten kapitalistischen Zusammenbruchs stehen die Vereinigten Staaten. Nachdem sie sich selbst nach dem Umsturz in der UdSSR und Osteuropa zum glorreichen Sieger ausgerufen hatten, sind die Vereinigten Staaten heute selber wirtschaftlich am Ende.

In Wirklichkeit war die Auflösung der Sowjetunion und ihrer Satellitenstaaten, so wie Leo Trotzki gewarnt hatte, die tragische und unvermeidliche Folge der reaktionären Rolle der stalinistischen Bürokratie mit ihrer Politik vom Aufbau des "Sozialismus in einem Land".

Die World Socialist Web Site erklärte am 9. November: "Der Widerspruch zwischen Weltwirtschaft und Nationalstaat - zwischen dem globalen Charakter der Produktion, der Millionen Arbeiter rund um die Welt in einem gesellschaftlichen Produktionsprozess vereint, und der Aufspaltung der Welt in rivalisierende Nationalstaaten - hat den stalinistischen Regimes vor zwanzig Jahren das Genick gebrochen." Er ist aber auch die Ursache für die wachsenden Konflikte zwischen den imperialistischen Mächten, der eskalierenden Kriege im Irak und in Afghanistan, der pausenlosen Angriffe auf die sozialen Errungenschaften der Arbeiterklasse und die Arroganz und Geldgier der Finanzelite.

Erst im vergangenen Monat haben Hilfsorganisationen der UN gemeldet, dass bis zum Ende diesen Jahres mehr als eine Milliarde Menschen hungern werden. Um weitere 100 Millionen Menschen ist als direkte Folge der weltweiten wirtschaftlichen Rezession der Anteil der Unterernährten angewachsen, der nun ein Sechstel der Weltbevölkerung ausmacht. Hauptsächlich sind die ärmsten Regionen der Welt wie Asien, Afrika, die Karibik und der Nahe Osten betroffen.

Ebenfalls im Oktober berichtete die Weltbank von dem verheerenden Rückgang des Lebensstandards, der in der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropa stattgefunden hat. Während sie für dieses Jahr einen Rückgang der Wirtschaft um 5,6 Prozent in den " Schwellenländer Europas und Zentralasien" prognostizierte, berichtete die Weltbank außerdem von einer Arbeitslosigkeit von 11,4 Prozent in dieser Region. Ein Drittel der Bevölkerung in der Region lebt in Armut.

In Westeuropa ist die Situation nicht besser. Die Europäische Union hat davor gewarnt, dass die Staatsverschuldung ihrer Mitgliedsstaaten aufgrund der weltweiten Krise auf 100 Prozent des Bruttoinlandprodukts anwachsen könnte. Während sie auf "finanzpolitische Disziplin" drängte, stellte sie fest, dass fünf Ländern sogar die Zahlungsunfähigkeit drohe. Dazu gehört auch Großbritannien, die sechstgrößte Volkswirtschaft der Welt und drittgrößte innerhalb Europas. Erst letzte Woche gab die britische Regierung das weltweit größte Rettungspaket für eine einzelne Bank, die Royal Bank of Scotland, bekannt. Das brachte die öffentlichen Mittel, die als Hilfe für die Banken und Konjunkturpakete aufgewendet wurden, auf etwa eine Billion Pfund (1,15 Billionen Euro).

In den Vereinigten Staaten selbst hat die Wahl Barack Obamas nicht zu einer Abschwächung der rechtslastigen und unternehmensfreundlichen Politik seines Vorgängers Bush geführt. Etwa 700 Milliarden Dollar haben die Banken erhalten, und weitere 23,7 Billionen Dollar wurden in Form von Krediten, Subventionen und anderen Garantien den Finanzparasiten der Wall Street zur Verfügung gestellt. Die Kosten dieser Subventionen für die Superreichen werden aus der amerikanischen Arbeiterklasse gepresst. Das war der Grund für die erzwungene Insolvenz und die Lohnkürzungen in der Autoindustrie. Auch die Angriffskriege im Irak, in Afghanistan und zunehmend auch in Pakistan werden auf diese Weise finanziert.

Die BBC-Umfrage unterstreicht, dass sich die Bedingungen des täglichen Lebens, mit denen Arbeiter auf der ganzen Welt konfrontiert sind, auf das gesellschaftliche Bewusstsein auswirken. Wie auch immer die oberflächlichen Verlautbarungen der Herrschenden aussehen, der Kapitalismus diskreditiert sich selbst durch seine eigenen Handlungen.

Gleichzeitig können sich die linksgerichteten Stimmungen, die die BBC-Umfrage aufgedeckt hat, in den offiziellen politischen Kanälen nicht ausdrücken. Bezeichnenderweise wurde die Umfrage in den Massenmedien kaum beachtet.

Man sollte zur Kenntnis nehmen, dass das Umfrageergebnis den Anfang einer Entwicklung zeigt, die auf noch größere politische Empörung und Unruhe hindeutet. In der nächsten Zeit werden sich breite Bevölkerungsschichten einer Alternative zum Kapitalismus zuwenden, d.h. der sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft, so dass sie die gesellschaftlichen Bedürfnisse befriedigt und nicht private Profitinteressen