Großbritannien: Der Cambridge-Report

Eine vernichtende Widerlegung der Lügen Labours über den Zustand des Bildungswesens

Von Tania Kent
19. November 2009

Als Labour 1997 an die Regierung kam, versprach Premierminister Tony Blair, "Bildung, Bildung und wieder Bildung" zu einem Grundpfeiler seiner Regierungspolitik zu machen.

Das Bildungsniveau in Großbritannien war erbärmlich armselig und diese Frage lag damals Millionen Menschen an Herzen. Bösartige Angriffe der konservativen Regierungen Margaret Thatchers und später John Mayors auf das staatliche Bildungssystem hatten zu chronischer Unterversorgung und Unterfinanzierung der Schulen geführt.

Mit einer ideologischen Attacke auf "neumodische", "progressive" und "linke" Lehrmethoden war eine gründliche Umstrukturierung des auf breite Allgemeinbildung angelegten Bildungssystems eingeleitet worden. Damit sollte der Ausbildungssektor für privates Kapital geöffnet, und die Aufsicht durch lokale Schulämter abgeschafft werden.

Zwölf Jahre nach Blairs Amtsantritt haben sind alle Illusionen, Labour würde diesem Rechtsschwenk etwas entgegensetzen, verschwunden. Das Schulsystem unter Labour zeitigt die schlechtesten Lernerfolge, und die britischen Kinder nehmen im Vergleich zu den führenden Industrienationen Spitzenplätze bei der Anzahl an Prüfungen, Schulstress und sozialer Benachteiligung ein. "Allgemeinbildung" gibt es nur noch auf dem Papier.

Eine kürzlich unter dem Titel "Cambridge Primary Review: Children, their World, their Education" (Cambridge Grundschulreport: Kinder, ihre Lebensbereiche, ihre Schulbildung) erschienener Bericht legt dar, wie es dazu kommen konnte. Herausgeber der vernichtenden Kritik an der destruktiven Auswirkung der Labour-Politik auf eine ganze Kindergeneration ist Robin Alexander, Professor an der Universität Cambridge.

Der letzten Monat veröffentlichte, völlig unabhängig erstellte Bericht ist eine wissenschaftlich und praktisch bedeutende Leistung. Die Vorarbeiten liefen über sechs Jahre und stützen sich auf 28 Studien, 1.052 schriftliche Vorlagen und Ergebnisse von 250 Arbeitsgruppen. Es handelt sich um den umfassendsten Bildungsbericht Englands der letzten 40 Jahre. Allein die Ergebnisse und die (insgesamt 78) Empfehlungen nehmen mehr als 500 Seiten ein.

Die Autoren erklären: "Die Grundschulen in England haben zwei Jahrzehnte ‚Reformen’ erlebt, die anspruchsvolle Bildungsstandards propagierten,...was mit der Wirklichkeit jedoch nichts zu tun hat."

Sie stellen die Behauptungen von Regierung und OFSTED (Amt für Bildungsstandards) in Frage, wonach Großbritannien die beste Lehrergeneration habe und Labours Bildungspolitik die Normen in den geistes- und naturwissenschaftlichen Fächern angehoben habe. Im Bericht wird der schlagende Gegenbeweis zu der irreführenden Behauptung geliefert, ständige Tests seien ein zur Verbesserung des Bildungsniveaus geeignetes Mittel.

Das Grundschulsystem wird in dem Report als "viktorianisch" charakterisiert: "billig und wirksam, deshalb haben wir es noch. Seine Dasein verdankt es nicht pädagogischen, sondern wirtschaftlichen Motiven."

Der Bericht räumt mit der tendenziösen Haltung auf, Mathematik und Englisch als die einzigen Bildungselemente zu begreifen, die der Beachtung überhaupt wert sind, und tritt für einen ganzheitlichen Lehrplan ein. "Es wird zuviel Betonung auf die drei R gelegt, womit den Grundschulen ein noch beschränkterer Lehrplan als in den viktorianischen Grundschulen aufgezwungen wird." Weiter wird dargelegt, dass "mehr Wert auf Auswendiglernen und Wiedergeben, als auf Verstehen, Hinterfragen, Wissenstransfer und echten Wissensdurst gelegt wird."

Die beiden Empfehlungen, die in den Medien die meiste Beachtung fanden und die bei den Behörden die stärksten Reaktionen auslösten, waren die Forderungen, Tests bei Sieben- und Elfjährigen einzustellen und das nationale "Ranking" auf Grundlage der Ergebnisse einzustampfen. Eine weitere Empfehlung war, das Einschulungsalter von derzeit fünf Jahren auf sechs anzuheben, damit die Kinder mehr Zeit für ihre freie Entwicklung haben.

In dem Bericht heißt es: "Die Einschulung von Kindern in England findet früher als in den meisten anderen Ländern statt und vieles weist darauf hin, dass England sich anpassen sollte."

Der Bericht liefert eine wissenschaftliche Grundlage für die Auffassung, dass die Einführung eines starren, zielorientierten Lehrplans schädlich für die langfristige Entwicklung ist. Derzeit werden Kinder der Schule von den ersten Tagen an entfremdet, weil im Alter von fünf Jahren logischerweise Fehler gemacht, und folglich Selbstbewusstsein und Vertrauen unterhöhlt werden.

Von allen entwickelten Nationen müssen Kinder in England die meisten Tests über sich ergehen lassen. Außerdem finden diese Prüfungen unter engstem Blickwinkel statt. Sie dienen der Optimierung der Auslese und der Verfestigung eines auf Klassenzugehörigkeit basierenden Erziehungssystems. Unter diesen Bedingungen werden Rankings von Schulen in sozial sehr benachteiligten Gebieten zur Rekrutierung von Schülern genutzt. Ansonsten sind sie von Schulschließung oder massiver Mittelkürzung bedroht, da sich die Mittelvergabe nach der Anzahl der eingeschriebenen Schüler richtet.

Ein weiterer Schwerpunkt des Berichts sind die Angriffe Labours auf den Lehrerberuf selbst - durch endlose Forderungen nach "Rechenschaftspflicht" und durch Gleichschaltung bei allen Einzelheiten der Umsetzung des Lehrplans.

Verurteilt wird der "stalinistische Beigeschmack der ‚staatlichen Lerntheorie’, die mittels eines ‚Apparates von Überwachung und Rechenschaftspflicht’, wie Rankings und Testvorgaben", aufoktroyiert wird. Es wird festgestellt: "Die allgemeine, von Pessimismus und Ohnmacht geprägte Stimmung (die bei den Lehrern resultierte) spiegelt genau das wieder, was Menschen stets empfinden, wenn Handlungs- und Gedankenfreiheit in ihrem ureigensten Tätigkeitsfeld eingeschränkt wird."

"2009 unterliegen die Lehrmethoden in Grundschulen Regierungsvorgaben in einem Ausmaß, wie es sich vier Jahrzehnte zuvor niemand vorstellen konnte; in den meisten anderen Ländern gibt es dazu keine Parallelen."

Regierung und Behörden gaben von 1996 bis 2004 allein zur Lehrtätigkeit im geisteswissenschaftlichen Bereich 459 Erlasse heraus - acht Jahre lang mehr als einer pro Woche.

In dem Bericht werden außerdem die Initiativen zur Lehrerausbildung im "Schnellverfahren" kritisiert, weil dadurch eine fachliche Entwertung des Berufs stattfand. Ziel dieser Initiativen sei, Lehrer in der praktischen Durchführung der von der Regierung für das Lesen und Rechnen beschlossenen Unterrichtsaufgaben zu trainieren. Pädagogische und entwicklungspsychologische Lehrerausbildung wird weitgehend vernachlässigt.

Die Autoren befürworten verstärkten Fachlehrereinsatz in den letzten Grundschuljahren und betonen die Notwendigkeit, die Grundschullehrerausbildung von einem auf zwei Jahre auszudehnen, damit neue Lehrer das notwendige Fachwissen vermittelt bekommen.

Kritisch äußern sich die Autoren zur Einbeziehung unausgebildeten Personals, wie den so genannten "Lehrassistenten" und "Mentoren" die ohne notwendiges Fachwissen und Fertigkeiten zur Arbeit mit den ärmsten und am meisten benachteiligten Kindern eingesetzt werden. Der Bericht fordert, die Notwendigkeit zur Bereitstellung von Zusatzmitteln im Schulsystem zu überprüfen. Eine Frage, die seit der Schließung der Sonderschulen ab den späten 1980er Jahren und der Aufnahme von benachteiligten Kindern in die Regelschulen nie gestellt wurde.

Das vernichtendste Ergebnis ist, dass viele der Probleme des britischen Bildungssystems Folge des wachsenden Unterschiedes zwischen den reichsten und ärmsten Teilen der Gesellschaft sind. Labour hatte zwar gelobt, die Kinderarmut in zwanzig Jahren zu beenden, in Wirklichkeit hat sie sich aber verfestigt und nimmt zu.

"Mehr als in vielen anderen Ländern drosselt die soziale Benachteiligung in Großbritannien von Anfang an die frühkindliche Entwicklung und diese soziale und materielle Spaltung spiegelt sich mit bedrückender Eindeutigkeit in den Bildungsergebnissen wider", so der Bericht.

Dem regierungseigenen Report "Soziale Mobilität" von 2009 wird implizit widersprochen und festgestellt: "Ungleichheit ist nicht einfach Ergebnis von Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit, sexueller Orientierung oder Behinderung. Daneben, aber auch mit diesen spezifischen Ungleichheiten verknüpft, gibt es eine generelle Ungleichheit auf Grund von Klassenzugehörigkeit. Das Fortbestehen von Klassenspaltung in der Bildung wird bei der Problematik des Leistungsversagens vieler Jungen aus der weißen Arbeiterklasse deutlich." Im Weiteren wird diese Gruppe als die am stärksten an den Rand des Bildungswesens gedrängte soziale Gruppe bezeichnet.

Die Ergebnisse stimmen mit einem UNICEF-Bericht von 2007 über die Lage von Kindern und jungen Erwachsenen überein. In diesem Bericht rangiert Großbritannien am Schluss der Liste der wirtschaftlich führenden Länder. Der UNICEF-Bericht kam zu dem Ergebnis, dass britische Kinder im weltweiten Vergleich mit anderen reichen Länden unter größeren Entbehrungen leiden, schlechtere familiäre Beziehungen erdulden müssen und größeren Risiken durch Alkohol, Drogen und ungeschützten Geschlechtsverkehr ausgesetzt sind.

In der Kategorie Bildungserfolg rangierte Großbritannien auf Platz 17 der 21 am meisten entwickelten Nationen.

Auf arrogante Weise versuchte die Regierung sich über die Erkenntnisse des Cambridge-Reports hinwegzusetzen, ohne auch nur eines seiner Ergebnisse zu beachten oder eine einzige seiner Empfehlungen in Betracht zu ziehen. Vernon Coaker, Schulminister Labours, nannte den Bericht "veraltet".

Die geringschätzige Reaktion auf den Cambridge-Report unterstreicht Labours Verwandlung in eine Partei der Wirtschaftsbosse und der Finanzoligarchie.

Der letzte bedeutende Bericht über die staatliche Bildung war der 1967 erstellte Plowden-Report. Ab den frühen 1950er Jahren gab es wegen der Prüfungen, die im Alter von elf Jahren durchgeführt wurden, wachsende Kritik am System der stark selektiven Sekundärstufe (secondary modern/grammar school).

Kurz vor der Veröffentlichung des Plowden-Reports hatte die Labour-Regierung Änderungen angeregt und die lokalen Schulämter angewiesen, völlig auf ein Gesamtschulsystem umzusteigen, das die Bildungserfolge aller Kinder durch einen gemeinsamen Lehrplan für Klassen mit Leistungsunterschieden anheben sollte. Dies fand zu einer Zeit statt, als fortschrittliche und am Kind ausgerichtete Theorien, die auf Erweiterung des intellektuellen, emotionalen und kulturellen Horizonts der Kinder abzielten, auf breite Unterstützung stießen. Erstmalig wurde Kindern der Arbeiterklasse Unterricht in Fremdsprachen, Musik, Tanz und Sport angeboten. Zusätzliche Finanzmittel für öffentliche Bildung, entschärfte Auslese und umfassendere Lehrpläne hatten zum Ergebnis, dass das Analphabetentum in nur einem Jahrzehnt um eine Million verringert wurde.

Das Gesamtschulprojekt wurde jedoch nie vollständig umgesetzt. Labours Reformen blieben bei andauerndem Widerstand der herrschenden Klasse immer nur unverbindliches und unterfinanziertes Flickwerk. Ging die Labour-Regierung der 1960er Jahre bei ihrer Initiative für Gesamtschulen nur halbherzig vor, so hämmert heute die Regierung Brown die Nägel in den Sarg jeglicher allgemeiner und umfassender, ausreichend finanzierter, am Kind orientierter (im Gegensatz zur an den Interessen der Wirtschaftselite orientierter) schulischer Ausbildung.

Der Cambridge-Report ist zu begrüßen, weil er die katastrophalen Folgen dieser politischen Angriffe offen darlegt und einen fortschrittlichen Unterricht verteidigt. Zu Recht wird er von vielen Lehrenden unterstützt; sie widersetzen sich den Angriffen der Konservativen und Labours schon seit Langem, werden von der Gewerkschaftsbürokratie jedoch an der Entfaltung eines entschlossenen Abwehrkampfs gehindert.

Für die Entfaltung eines umfassenden Kampfes für universelle, auch neuere Technologien einschließende Bildung, vermittelt durch gut ausgebildete Fachleute, ist eine breite Diskussion des Cambridge-Reports und seiner Schlussfolgerungen von großer Bedeutung. Der Erfolg dieses Kampfes hängt von der radikalen Umgestaltung der Wirtschaft ab, damit die Interessen und Erfordernisse der Gesellschaft, einschließlich kultureller Bedürfnisse gewährleistet werden können. Sie müssen Richtschnur sein, und nicht Gewinnerwartungen und Verteidigung klassenbedingter Unterschiede.