Karstadt: Gewerkschaft Verdi vereinbart Lohnkürzung und Schließung von Kaufhäusern

Von Dietmar Henning
17. November 2009

Der Betriebsrat und der Insolvenzverwalter der Kaufhauskette Karstadt haben vereinbart, mehrere Kaufhäuser stillzulegen sowie insgesamt 150 Millionen Euro auf Kosten der Belegschaft einzusparen. Die Große Tarifkommission der Gewerkschaft Verdi hat diese Vereinbarung am 9. November abgesegnet.

Anfang 2010 sollen Häuser in Hamburg, München, Dortmund, Berlin, Braunschweig und Stuttgart dichtgemacht werden. Im Karstadt-Haus in der Münchner Fußgängerzone sind 157 Arbeitsplätze, in der Filiale in Dortmund 148 und im Elbe-Einkaufszentrum in Hamburg 105 betroffen. In den drei Fachmärkten in Berlin (Multimedia), Braunschweig (Schaulandt) und Stuttgart (WOM - World of Music), deren Schließung ansteht, arbeiten insgesamt 40 Beschäftigte.

Weitere elf der derzeit 126 Karstadt-Standorte in ganz Deutschland stehen noch auf der Kippe. Um welche es sich dabei handelt, halten Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg, Betriebsrat und Verdi geheim.

Zusätzlich zu den Standort-Schließungen verordnen Betriebsrat und Verdi den 26.000 Karstadt-Angestellten weitere Lohn- und Gehaltskürzungen in Höhe von 150 Millionen Euro in den nächsten drei Jahren. Der neuerliche "Sanierungsbeitrag" der Beschäftigten sieht vor, dass die Belegschaft drei Jahre auf Urlaubsgeld, auf drei Viertel des Weihnachtsgelds sowie auf tarifliche Vorsorgeleistungen verzichtet. Verdi-Sprecherin Cornelia Haß sprach von einem "dicken Brocken".

Die Vereinbarung gilt rückwirkend zum 1. September. An diesem Tag war das Insolvenzverfahren Karstadts eröffnet worden.

Das jetzige "Sanierungspaket" ist bereits das dritte innerhalb der letzten vier Jahre. Schon 2004 hatte Verdi nach eigenen Angaben "Tarifeinschnitte hinnehmen müssen". Auch damals wurden das tarifliche Urlaubsgeld für die nächsten drei Jahre gestrichen, die Tariferhöhungen für den gleichen Zeitraum nicht weitergegeben und das Weihnachtsgeld um 15 Prozent gekürzt. Insgesamt wurden 5.500 Stellen abgebaut und 70 Kaufhäuser geschlossen.

"Ab 1. Januar 2008 gelten alle tariflichen Leistungen wieder in vollem Umfang", hatte Verdi damals erklärt. Doch bereits im Herbst 2008 standen die Verdi-Funktionäre in Verhandlungen über die nächste Kürzungsrunde. Verdi sagte zu, dass die Karstadt-Beschäftigten jedes Jahr auf 115 Millionen Euro verzichten. Jetzt ist erneut ein so genannter "Sanierungsplan" verabschiedet worden. "Das schmerzt uns sehr", kommentierte der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Hellmut Patzelt, der jeden einzelnen dieser Kürzungspläne gemeinsam mit Verdi ausgearbeitet hat.

Die jetzigen Kürzungen sind der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, bei der die Beschäftigten des Karstadt-Mutterkonzerns Arcandor für die Bereicherung von Investoren, Banken und Immobilien-Konzernen bezahlen.

Die Arcandor-Insolvenz, angemeldet im Juni 2009, ist eines der größten Pleiteverfahren der deutschen Nachkriegsgeschichte. Unter dem Namen Arcandor hatte der Karstadt-Quelle-Konzern ab 2007 drei Sparten vereint. Unter der Sparte Warenhaus wurden die Kaufhäuser (u.a. Karstadt, Quelle, Wertheim) zusammengefasst, im Primondo-Konzern die Versandhäuser (Quelle und Neckermann) und in der dritten Sparte vor allem der Reiseveranstalter Thomas Cook.

Die zu Karstadt gehörenden Hertie-Filialen waren schon zuvor verkauft und die Anteile am Neckermann-Konzern 2007 abgegeben worden. Im Rahmen der Arcandor-Insolvenz sind im September auch die Anteile am profitablen Thomas-Cook-Konzern an der Londoner Börse meistbietend veräußert worden.

Schon bevor Karstadt-Quelle 2007 unter das Dach der Arcandor-Holding gefasst wurde, hatte die Belegschaft Opfer bringen müssen. Der damalige neue Vorstandsvorsitzende Christoph Achenbach, vormals Quelle-Neckermann-Chef, setzte 2004/2005 mit Hilfe von Verdi und dem Betriebsrat ein erstes Sanierungsprogramm durch.

Auf Drängen der Quelle-Erbin und Hauptaktionärin von Karstadt-Quelle, Madeleine Schickedanz, trat Achenbach im April 2005 zurück. Der bisherige Schickedanz-Vertraute und Karstadt-Quelle Aufsichtsratschef Thomas Middelhoff übernahm den Posten des Vorstandsvorsitzenden.

Middelhoff machte dort weiter, wo Achenbach aufgehört hatte. Er verkaufte die Modeketten Wehmeyer und Sinn Leffers sowie Hertie mit seinen 75 Filialen. Alle meldeten wenig später Insolvenz an. Erstere schlossen rund die Hälfte ihrer Kaufhäuser und führten das Geschäft nach der Insolvenz mit dementsprechend weniger Beschäftigten fort. Hertie existiert nicht mehr. Am 15. August dieses Jahres schlossen die letzten Filialen endgültig ihre Pforten.

Im November 2007 verschenkte Arcandor ohne Gegenleistung 51 Prozent des Online-Versandhauses Neckermann.de an den amerikanischen Finanzinvestor Sun Capital Partners.

Middelhoffs größter Coup war aber zweifellos der Verkauf der gesamten Karstadt-Quelle- Immobilien im Jahre 2007 für 4,5 Milliarden Euro. Der größte Teil ging an das Immobilien-Konsortium Highstreet mit Verbindungen zur Deutschen Bank, zum Pirelli-Konzern sowie zur Bank Goldman Sachs.

Die Kaufhäuser wurden dann von Karstadt-Quelle zu erhöhten Mieten - insgesamt 280 Millionen Euro - wieder zurück gemietet. Viele Experten sehen in den überhöhten Mieten, aus denen Schickedanz und Middelhoff persönlichen Nutzen ziehen, einen der Hauptgründe der Arcandor- und Karstadt-Pleite.

Vor allem ein Vermieter, der Oppenheim-Esch-Fonds des Sal.-Oppenheim-Fondsmanagers Josef Esch, kassiert ungewöhnlich hohe Mieten. Für fünf Karstadt-Quelle-Häuser in München, Leipzig, Potsdam, Wiesbaden und Karlsruhe erhält er eine gigantische Jahresmiete von 42,6 Millionen Euro. Am Esch-Fonds waren auch Middelhoff und Schickedanz persönlich beteiligt. Auf entsprechende Vorwürfe antwortete Middelhoff mit dem Hinweis, dass die Mietverträge noch unter Vorstandsvorsitzenden Wolfgang Urban vereinbart worden seien, dem Vorgänger von Achenbach.

Wenn sich Highstreet nun im Zuge der Karstadt-Insolvenz überlegt, auf 80 Millionen Euro Miete zu verzichten, ist das ein Hohn. Das Konsortium bietet damit lediglich an, "nur noch" marktübliche Mieten zu verlangen. Außerdem ist auch Highstreet daran interessiert, dass Karstadt überlebt, da die Großimmobilien in den Innenstädten nicht so einfach zu vermieten sind.

Middelhoff verließ Arcandor Ende Februar dieses Jahres. Er erhielt eine Abfindung in Höhe von 2,3 Millionen Euro. Dabei war sogar der Aktienkurs, dem Manager angeblich verpflichtet sind, auf einem historischen Tiefpunkt angekommen.

Im Februar 2009 gründete Thomas Middelhoff dann mit dem Unternehmensberater Roland Berger und mit6 Florian Lahnstein, dem Sohn des ehemaligen Finanz- und Wirtschaftsministers Manfred Lahnstein (SPD), in London die Investmentgesellschaft Berger Lahnstein Middelhoff & Partners. Chairman ist Middelhoff selbst. Im Aufsichtsrat sitzen der ehemalige SPD-Wirtschafts- und Finanzminister Wolfgang Clement, Manfred Lahnstein selbst und Mark Wössner, Manager mit Sitz in zahlreichen Aufsichtsräten (Daimler, Loewe), Beraterkreisen (Deutsche Bank) und Präsidien (Bundesverband der Deutschen Industrie, BDI).

Wössner war auch Middelhoffs Vorgänger auf dem Posten des Vorstandsvorsitzenden der Bertelsmann AG, einem der weltgrößten Medienkonzerne, der mit der Bertelsmann-Stiftung über einen der größten Think-Tanks neoliberaler Kräfte in Deutschland verfügt.

Kurz nach Middelhoffs Abgang meldete Arcandor im vergangenen Juni dann Insolvenz an. 851 Gläubiger fordern 15 Milliarden Euro. Von der Insolvenz des Mutterkonzerns Arcandor waren auch mehr als ein Dutzend Konzerntöchter betroffen - neben Karstadt unter anderem die Versandhandelstochter Primondo mit seiner Sparte Quelle.

Staatliche Rettungsbürgschaften, wie von Arcandor gefordert, hatte die damalige Bundesregierung aus CDU/CSU und SPD zuvor einhellig abgelehnt. Während sie den Banken beinahe unbeschränkten Zugriff auf Steuergelder ermöglichte, trieb sie Arcandor mit seinen insgesamt über 50.000 Beschäftigten in den Bankrott.

Teile des Versandhauses Quelle hat inzwischen der Mitkonkurrent Otto aufgekauft, die Quelle-Kaufhäuser sind geschlossen. Nach jahrzehntelanger Arbeit stehen 7.000 Quelle-Beschäftigte auf der Straße.

Der Handelsriese Metro, der die Kaufhof-Kette betreibt, hat wiederholt Interesse an einer Übernahme von Karstadt bekundet. Metro ist allerdings nur an 60 Karstadt-Filialen interessiert. Insolvenzverwalter Görg versucht nun gemeinsam mit Betriebsrat und Verdi die Beschäftigten so zu schröpfen, dass der Karstadt-Konzern als Ganzer wieder für einen Investor interessant wird.

Siehe auch:
Bundesregierung treibt Arcandor in den Bankrott
(10. Juni 2009)
Die Pleite von Karstadt war gewollt
( 13. Juni 2009)
Aus für Quelle kostet 7.000 Arbeitsplätze
( 21. Oktober 2009)
Kahlschlag bei Karstadt-Quelle
( 14. Oktober 2004)