Der neue Film von Michael Moore: Kapitalismus: eine Liebesgeschichte

Von Joanne Laurier und David Walsh
13. November 2009

Der Film des erfahrenen Dokumentarfilmers Michael Moore Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte hat sich vorgenommen, den jüngsten Finanzzusammenbruch zu untersuchen. Sein Ziel, behauptet er, sei eine Kritik des existierenden Wirtschaftssystems.

Michael Moore Michael Moore in seinem Film: Kapitalismus: eine Liebesgeschichte

"Dieses Mal ist der Schuldige viel größer als General Motors und der Tatort ist viel ausgedehnter als Flint, Michigan", steht in den Aufzeichnungen zur Filmproduktion - eine Anspielung auf Moores ersten Dokumentarfilm Roger und ich [Roger & Me], der vor zwanzig Jahren gedreht wurde.

Der neue Film ist der fünfte große Dokumentarfilm von Moore. Drei davon, Bowling for Columbine, Fahrenheit 9/11 und Sicko gehören zu den Dokumentarfilmen mit den höchsten eingespielten Einnahmen. Moore hat sich aufgrund seiner Anteilnahme, die er für arbeitende Menschen und ihre Schwierigkeiten zeigt, eine Fangemeinde geschaffen. Es wird zweifellos eine große Resonanz auf Kapitalismus geben.

Dass ein Film, der Kritik am Profitsystem übt, in fast Tausend Kinos der Vereinigten Staaten startet, ist offensichtlich ein ungewöhnliches und bemerkenswertes Ereignis. Es gibt natürlich eine Verbindung zwischen diesem Ereignis und der wachsenden allgemeinen Radikalisierung angesichts der wirtschaftlichen Verwüstungen. Aber worin genau besteht diese Verbindung? Moore und seine glühendsten Anhänger sehen ihn als Speerspitze einer Art Oppositionsbewegung (deren genauer Charakter jedoch auffallend unklar gelassen wird). Stimmt das wirklich?

Der Regisseur wahrt eine gewisse Unabhängigkeit von den Massenmedien, in denen Lügen und Falschinformationen vorherrschen. Er hat schon mehrfach Rückgrat gezeigt. Laut den Pressemitteilungen zu dem Film Kapitalismus, beschäftigt er sich mit nichts Geringerem als "den katastrophalen Auswirkungen der Herrschaft der Wirtschaft über das alltägliche Leben der Amerikaner (und des Rests der Welt)." Mit anderen Worten. Moore stellt sich vor seine Zuschauer als politisches Individuum, das etwas zu sagen hat. Wir werden ihn und seinen Film in erster Linie in dieser Hinsicht beurteilen.

Eine Reihe von Elementen in diesem Film machen ihm alle Ehre. Als erstes, wie schon oben erwähnt, sein aufrichtiges Mitgefühl für die leidende Bevölkerung.

Der Dokumentarfilm widerspricht zum Beispiel den Behauptungen der Medienmogule und der Obama-Regierung, dass die Opfer der rücksichtslosen Kreditvergabe durch die Banken zum Teil selbst für die Wirtschaftskrise verantwortlich seien. Stattdessen zeigt Moore, wie die Löhne, Renten und die Gesundheitsversorgung der Arbeiterklasse im letzten Vierteljahrhundert dezimiert wurde und gleichzeitig eine gewaltige Verschiebung des Reichtums hin zur Finanzelite stattgefunden hat.

Kapitalismus beginnt mit einem scherzhaften Vergleich zwischen dem alten Rom und dem heutigen Amerika - enorme soziale Ungleichheit, Sklavenarbeit und ein Regime, das Folter einsetzt (ein Bild des ehemaligen Vizepräsidenten Dick Cheney erscheint auf der Leinwand). Die gesamte Art des Films kommt einem vertraut vor, vielleicht zu vertraut. Moore übernimmt das Erzählen, die Interviews wie auch die Provokationen. Durch den bisweilen geschickten Einsatz von Film- und Fernsehausschnitten macht er seinen Standpunkt und den seiner Sprecher deutlich.

Er konzentriert sich auf einige der Verbrechen des Systems. Ziemlich zu Anfang des Films wird eine Familie gezeigt, die ihre eigene Zwangsräumung durch eine Polizeitruppe, die mit einem Riesenaufgebot über sie herfällt, auf Video aufnimmt. Die nächste Szene spielt in Detroit. Ein Schreiner vernagelt mit Brettern das Haus einer wütenden und verzweifelten Familie - ihr Zuhause seit 41 Jahren. "Das ist Kapitalismus - ein System von Geben und Nehmen - hauptsächlich Nehmen", erklärt Moore dazu in einem Kommentar.

"In einem Land, das wie ein Unternehmen geführt wird", werden in diesem Film weitere Vorfälle aufgezeigt:

*Die Familie eines körperbehinderten Eisenbahnarbeiters in Peoria, Illinois, verliert ihr Haus, in dem sie zwanzig Jahre gewohnt hat. In einem weiteren Akt der Demütigung stellt die Bank die Familie an, um für 1000 Dollar die zwangsversteigerte Immobilie zu räumen und zu säubern.

*Im Dezember 2008 besetzen Arbeiter das Unternehmen Republic Windows and Doors in Chicago wegen Geldern, die ihnen die Firma schuldet. Die Firma hat ihre Tore geschlossen. Schließlich bekommen sie ca. 6.000 Dollar pro Person, aber die Firma schließt trotzdem.

* Die Piloten von regionalen und Zubringer-Fluggesellschaften verdienen so wenig, dass sie von ihren Arbeitgebern ermahnt werden müssen, keine Lebensmittelmarken in Uniform zu beantragen. Der Co-Pilot des Continental Connection-Flugs 3407, der im Februar 2009 abstürzte, verdiente im Jahr davor etwas mehr als 16.000 US-Dollar

*Banken und Unternehmen schließen so genannte "Tote-Mann"-Lebensversicherungen für ihre einfachen Angestellten ab, die an die Unternehmen ausgezahlt werden und nicht an die hinterbliebenen Familienmitglieder.

* Tausende von Jugendlichen wurden in Wilkes-Barre, Pennsylvania, auf Anordnung von zwei Richtern, die Millionen an Provisionen dafür erhielten, unrechtmäßig in einer privatisierten Jugendhaftanstalt eingesperrt.

Die Filmaufnahmen von diesen Geschehnissen und die bewegenden Kommentare der Betroffenen sind mit Abstand die stärksten Sequenzen von Kapitalismus. Moore behauptet zu Recht, dass ein Großteil der USA jetzt den erbärmlichen Zuständen in Flint, Michigan, gleicht, die er in dem Film Roger & Me dokumentiert hatte.

Ohne über Gebühr hart mit Moore zu sein, muss jedoch gesagt werden, dass seine Filme größtenteils deshalb herausragen, weil es keine Konkurrenz gibt. Denn die recht einfachen Wahrheiten, die er aufzeigt, werden systematisch und schändlicher Weise von den Nachrichtenmedien - und übrigens auch von Hollywood - vertuscht.

Aber was macht Moore aus diesen grundlegenden Tatsachen des amerikanischen (und globalen) Lebens? Hier offenbaren sich seine engen Grenzen als Denker und als Künstler. Verwirrtheit und Eklektizismus kennzeichnen nicht nur ihn, aber man muss auch der Wahrheit ins Auge schauen - dass es unmöglich ist, auf der Grundlage seiner Analyse einen Weg aus der gegenwärtigen Krise zu sehen.

Noch mehr Possen von Moore tragen nichts zum Verständnis der gegenwärtigen Situation bei; so sperrt er den Hauptsitz von AIG mit polizeilichen Absperrbändern ab, er fährt mit einem Lastwagen zur Citybank und verlangt die Rückgabe der öffentlichen Gelder, die unter dem TARP-Plan der Regierung ausgezahlt wurden, und noch einmal versucht er, sich Zutritt zur Zentrale von GM in Detroit zu verschaffen. Der Gag, einen Plünderer in Nadelstreifen per "Bürgerhaftbefehl" festzusetzen, hat sich abgenutzt.

Ein paar der Gags, seine und die von anderen, sind immer noch unterhaltsam. Die Aufforderung an Touristen in einem Pseudo-Musical, Cleveland zu besuchen, trifft die Sache: "Besuchen Sie unseren Fluss, der Feuer fängt... Er ist so verschmutzt, dass alle unsere Fische AIDS haben... Die Sonne kann man fast dreimal im Jahr zu sehen bekommen... Kaufen Sie ein Haus zum Preis eines Videorecorders... Unser wichtigstes Exportgut ist eine lähmende Wirtschaftskrise... Aber wenigstens sind wir nicht Detroit!"

Der Film ist unzusammenhängend und zusammengewürfelt. Moore hat große Probleme damit, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen. Es gibt keinen Mangel an sozialen Gräueltaten in Amerika. Der Regisseur stellt uns empört "Immobilien-Geier" und "Widerlinge" vor, die zwangsversteigerte Immobilien für ein Viertel des Preises an sich reißen. Was erwartet der Regisseur?

Es gibt zuviel Moralisieren, Gefühlsduselei und selbst Manipulation. Moore hat eine unangenehme Neigung, die Kamera auf den gequälten Gesichtern seiner sozialen Opfer verweilen zu lassen.

Zu seinen schwerwiegendsten Schwächen gehört jedoch, dass er immer noch die Demokratische Partei und Obama unterstützt, und dass er nicht in der Lage ist, irgendeine ernsthafte Alternative zum kapitalistischen System aufzuzeigen.

Sein Film wird von einem inneren Widerspruch beherrscht: dem Widerspruch zwischen den brutalen sozialen Fakten, die er darlegt, und der Armseligkeit seiner politischen Lösung. Kapitalismus: eine Liebesgeschichte befürwortet absurder Weise die "Abschaffung" des Profitsystems, während der Film gleichzeitig eine der Parteien dieses Systems und ihren Parteiführer rühmt, die den Vorsitz in diesem System führen.

Während er offensichtlich korrupte Demokraten heftig angreift (Christopher Dodd, Richard Holbrooke), verschafft er anderen Sprechern der Demokraten eine Plattform, besonders denjenigen, die sich als "Populisten" in Pose werfen. Zum Beispiel wird im Film lang und breit über die Abgeordnete Marcy Kaptur aus Ohio berichtet. Kaptur, wie auch ein gewisser Dennis Kucinich, ist in der Lage, Unmengen demagogischer Reden über die Wall Street und Goldman Sachs von sich zu geben, aber sie ist stramm für das Militär, für Protektionismus, eine grimmige Antikommunistin und eine Abtreibungsgegnerin.

Was Obama angeht, so fühlt sich Moore genötigt, flüchtig zu erwähnen, dass Goldman Sachs einer der größten privaten Spender für seine Präsidentschaftskampagne war. Robert Rubin, Lawrence Summers und Timothy Geithner, der Beraterstab von Obamas "Goldman-Regierung" werden unter Beschuss genommen - aber der Präsident selbst wird nicht einmal erwähnt. Kapitalismus bezieht sich auf Ereignisse aus dem Frühjahr 2009, zu einer Zeit, als der rechtslastige Charakter der Obama-Regierung schon offensichtlich geworden war, sowohl im Inland wie im Ausland, und Moore schweigt völlig darüber.

Er gehört zu denen, die ständig Franklin D. Roosevelt als den ultimativen Reformer beschwören. Roosevelt, ein gewitzter Vertreter der amerikanischen Bourgeoisie hat in einer anderen Epoche gelebt. Was von dem sozialen Reformvermächtnis der Demokratischen Partei übrig geblieben ist, speziell auf dem Gebiet der Gesundheitsversorgung, wird heute von dem Präsidenten angegriffen, den Moore für einen - potentiellen - Roosevelt des 21. Jahrhunderts hält!

Der Regisseur stellt sich als eine Art "christlicher Sozialist" dar. Er bietet diversen Bischöfen und Priestern in heruntergekommenen Gegenden wie Detroit und Chicago, wo die Kirche mit dem Elend und den Illusionen der Ärmsten der Armen ihr Spiel treibt, ein Forum, um über soziales Elend zu dozieren. Der Bischof von Chicago wird dabei gefilmt, wie er den Arbeitern von Republic Windows and Doors während ihrer Fabrikbesetzung eine Predigt hält und die Kommunion erteilt.

Sein Argument, das zigmal wiederholt wird, ist, dass der Kapitalismus "böse" und falsch ist. Der Kapitalismus ist ein sozi-ökonomisches System, das unter bestimmten objektiven Bedingungen entstanden ist und zu seiner Zeit durch und durch revolutionär und fortschrittlich war. Der parasitäre Charakter des heutigen Kapitalismus ergibt sich aus seinem historischen Niedergang und nicht in erster Linie aus der moralischen Verdorbenheit seiner führenden Persönlichkeiten.

Auf dem Höhepunkt des Films fordert Moore, den Kapitalismus zu ersetzen... durch "Demokratie". Was bedeutet das? Es bedeutet vor allen Dingen, dass er nicht den politischen Mut hat, den Sozialismus zu erwähnen.

Insoweit Moore an die ahistorischen, eklektischen Ansichten glaubt, die er in Kapitalismus: eine Liebesgeschichte, verficht, betrügt er sich selbst. Insoweit er versucht, diese Ansichten einem breiten Publikum zu verkaufen, betrügt er die anderen.

Siehe auch:
Inglorious Basterds: Quentin Tarantino zieht in den Krieg
(4. September 2009)
Michael Moores Sicko : Dürftiges Konzept
( 18. Juli 2007)