Massenmord in Fort Hood: Kollateralschaden der Kriege im Irak und in Afghanistan

Von David Walsh
10. November 2009

Der schwere Gewaltausbruch in Texas, der dreizehn Männer und Frauen das Leben kostete und 30 weitere Verletzte hinterließ, ist eine Folge der brutalen Kriege im Nahen Osten und in Zentralasien. Er ist eine Art "Kollateralschaden", für den das politische und militärische Establishment der USA letztlich die Verantwortung trägt.

Die amerikanischen Interventionen im Irak und in Afghanistan dauern inzwischen zusammengenommen schon vierzehneinhalb Jahre. Weder bei dem einen noch dem anderen Krieg ist ein Ende in Sicht - es zeichnet sich bereits ab, dass die Kriege sich mit noch blutigeren und zerstörerischeren Konsequenzen nach Pakistan ausdehnen. Die Invasionen haben jetzt schon zur Zerrüttung der irakischen und der afghanischen Gesellschaft, sowie zum Tod von bis zu einer Million Irakern und Tausenden getöteten oder verstümmelten Amerikanern geführt.

Bei den Kriegen geht es nicht um Demokratie, um den Sturz von Tyrannen oder um den Schutz der amerikanischen Bevölkerung vor dem Terrorismus. Die amerikanische herrschende Elite ist in diese Länder eingefallen, um sich die Kontrolle wichtiger Energiereserven zu sichern, ihre Position gegenüber ihren Rivalen in Europa und Asien zu stärken und sich die globale Vorherrschaft mithilfe ihrer militärischen Überlegenheit zu sichern.

Die Folgen dieser neokolonialen Kriege, darunter die moralischen Folgen des enormen Auseinanderklaffens der "offiziellen Geschichte" und der harten Realität, müssen ihren Niederschlag auch in Teilen des Militärs selbst finden. Einen unpopulären Krieg gegen eine feindselige Bevölkerung zu führen, ist eine demoralisierende und zwangsläufig brutalisierende Erfahrung.

Der mutmaßliche Täter in Fort Hood, Major Nidal M. Hasan ist ein Sohn eingewanderter palästinensischer Eltern, die beide schon verstorben sind. Er verbrachte den größten Teil seiner militärischen medizinischen Karriere am Walter Reed Medical Center in Washington, DC. Sechs Jahre lang, von 2003 bis zum Sommer letzten Jahres, arbeitete er als Verbindungsmann zwischen verwundeten Soldaten und dem psychiatrischen Personal des Krankenhauses.

In dieser Funktion hatte er es mit schwer verwundeten Soldaten zu tun. Seine Tante sagte zur Washington Post, dass Hasan bei den seltenen Gelegenheiten, "bei denen er etwas näher über seine Arbeit sprach, von Soldaten berichtete, die von dem, was sie gesehen hatten, schwer gezeichnet waren. Ein Patient hatte so schwere Verbrennungen erlitten, ‚dass sein Gesicht quasi geschmolzen war’, sagte sie. ‚Er berichtete uns, wie sehr in das mitnahm.’" Ein Vietnamveteran und Psychiater fragte in einer Kolumne in der Baltimore Sun nur halb scherzhaft: "Kann man sich eine posttraumatische Belastungsstörung wie einen Virus von Patienten einfangen?"

Hasan, ein gläubiger Muslim, entwickelte offensichtlich eine starke Opposition gegen die Kriege im Irak und in Afghanistan. Im Mai wurde er zum Major befördert und erfuhr kurz darauf, dass er nach Afghanistan gehen solle. Er engagierte einen Militäranwalt und versuchte seit September, nicht ins Ausland geschickt und aus der Armee entlassen zu werden. Hasans Tante sagte der Post, dass das Militär "ihn nicht gehen lassen wollte, auch dann nicht, als er anbot, die Kosten für seine medizinische Ausbildung zurückzuzahlen".

Sein Cousin meinte gegenüber den Medien, dass Hasan von der Aussicht auf einen Kriegseinsatz tief traumatisiert war. "Wir wussten seit fünf Jahren, dass das wohl sein schlimmster Albtraum war. Er erzählte uns von den schrecklichen Dingen, die er [von den Verwundeten] hörte... das hatte wahrscheinlich psychologische Auswirkungen auf ihn."

Viele Faktoren tragen dazu bei, dass es zu einem solchen Zusammenbruch wie bei Hasan kommt. Dazu gehört auch die allgemeine gesellschaftliche und politische Atmosphäre im Land. Ein Kollege sagte zu Reportern, dass Hasan über die Beteiligung der USA an den Kriegen zornig war und dass "er hoffte, Obama werde die Truppen zurückziehen, und die Lage werde sich beruhigen. Als sich die Dinge nicht so entwickelten, regte er sich noch stärker über die Konflikte dort auf." Die Unmöglichkeit, in dem existierenden politischen System Einfluss zu nehmen, und das daraus entstehende Gefühl der Entfremdung und Machtlosigkeit spielt bei scheinbar "sinnloser" Gewalt eine nicht zu überschätzende Rolle.

Auch persönliche mentale Instabilität ist zweifellos ein Element. Hasan war unverheiratet, hatte keine Freundin, war ein "Einzelgänger und Bücherwurm" und wandte sich zunehmend der Religion zu. Er sagte seinen Verwandten, dass "das Militär sein Leben sei". Bittere Enttäuschung und das Gefühl verraten worden zu sein, als er den wirklichen Charakter der Besetzungen des Irak und Afghanistans durchschaute, und das Entsetzen darüber, gezwungen zu werden, an diesen Kriegen teilzunehmen, können durchaus die Ursache gewesen sein, eine psychologisch instabile Person zum Absturz zu bringen.

Die Medien befinden sich schon wieder auf ihrer bevorzugten Fährte, wie jedes Mal, wenn es in Amerika zu einem Amoklauf kommt: Warum haben die Behörden die "Warnsignale" übersehen? Tatsächlich scheint es in diesem Fall zahlreiche Hinweise gegeben zu haben, darunter Hasans Web Site Postings, in denen er Selbstmordattentäter verteidigte, und seine panische Angst vor einem Einsatz in Afghanistan.

Auf der einen Seite ist die offensichtliche Gleichgültigkeit der Armee gegenüber Hasans geistigem Zustand ein Zeichen für die "Wertschätzung", die die militärische Führung der Arbeit seiner psychiatrischen Abteilung zollt. Die Abteilung wird von der schieren Anzahl psychisch geschädigter Irak- und Afghanistan-Veteranen, die ihr geschickt werden, in jedem Fall völlig überarbeitet und überfordert.

Wie sollte das Militär andererseits die Anzeichen eines möglichen individuellen Zusammenbruchs erkennen, wenn es so viele Anzeichen für einen massenhaften, kollektiven Zusammenbruch gibt?

So berichtete das Wall Street Journal am 3. November, zwei Tage vor der Schießerei in Fort Hood, dass im Oktober sechzehn Soldaten Selbstmord begangen hätten, "eine ungewöhnlich hohe Zahl für einen Monat. Sie gibt Anlass zu der Sorge über die geistige Gesundheit des Militärs des Landes nach mehr als acht Jahren ständiger Kriege."

Das Journal erklärt, dass sich allein 2009 bisher 134 aktive Soldaten selbst getötet hätten. "Der Rekord von 140 vom vergangenen Jahr wird also wahrscheinlich übertroffen werden. Die Selbstmorde in der Armee sind seit 2006 um 37 Prozent gestiegen und im vergangenen Jahr überstieg ihre Rate zum ersten Mal die der amerikanischen Gesamtbevölkerung. 2008 begingen mehr Soldaten Selbstmord, als jemals, seit das Pentagon vor drei Jahrzehnten begann, darüber eine Statistik zu führen.

Ende Oktober schoss sich ein Mitglied der Nationalgarde nach mehrfachen Einsatzperioden im Irak und in Afghanistan während eines fünfzehntägigen Heimaturlaubs in einem Kino in Indiana in den Kopf. Im Juli wurde eine 30-jähriger Soldat von einem anderen Soldaten auf einer Party in Fort Hood erschossen und im September erschoss ein Soldat einen Leutnant in der Kaserne, bevor er sich selbst erschoss (Seit 2001 hat Fort Hood, die größte militärische Einrichtung weltweit, 500 Mann in Kampfeinsätzen und 75 durch Selbstmorde verloren). Anfang des Jahres betrat ein Sergeant der Armee ein Behandlungszentrum gegen Kampfstress in Bagdad und erschoss fünf andere Soldaten.

Zehn Mitglieder einer einzigen militärischen Einheit in Fort Carson in Colorado wurden von 2006 bis Herbst 2008 des Mordes, des versuchten Mordes oder des Totschlags angeklagt.

Ein Artikel in der Septemberausgabe 2009 von Management Science merkt an, dass die Einsatzhäufigkeit im Irak höher ist, als bei jedem anderen Krieg seit dem Zweiten Weltkrieg. Erhobene Daten wiesen darauf hin, dass posttraumatische Belastungsstörungen bei bis zu 35 Prozent aller Veteranen des Irakkriegs vorliegen könnten

Die endlosen Kriege haben verheerende Auswirkungen auf die amerikanische Gesellschaft. Schießereien wie in Fort Hood sind das unvermeidliche Ergebnis dieses Schreckens und dieser Verwirrung.

Siehe auch:
Wofür sterben die Nato-Soldaten in Afghanistan
(30. Oktober 2009)