Wiederbelebung der Spekulation legt den Grundstein für eine noch größere Wirtschaftskrise

Von Barry Grey
17. November 2009

Am Mittwoch gab das Federal Open Market Committee, das Entscheidungsgremium der amerikanischen Zentralbank, bekannt, dass es seinen Leitzins auf dem jetzigen Niveau von Null bis 0,25 Prozent halten werde. Während diese Entscheidung allgemein erwartet worden war, wurde viel darüber spekuliert, ob die Fed in ihrer Ankündigung Formulierungen benutzen würde, die auf eine baldige Anhebung des Leitzinses hindeuten.

Letztlich wiederholte die Fed ihr jüngstes Mantra, dass sie den Leitzins "für eine ausgedehnte Zeitspanne" niedrig halten werde. Eine Änderung der Formulierung in "für einige Zeit " wäre als ein Signal dafür gewertet worden, dass die Fed ein Ende ihrer Politik des Leitzinses nahe Null vorbereitet.

Das Signal der Fed, dass kein Ende ihrer Politik der extrem billigen Kredite abzusehen sei, löste an den Börsen ein Kursfeuerwerk aus. Seit der Ankündigung der Fed letzten Mittwoch ist der Dow-Jones-Index um 100 Punkte nach oben geschnellt. Und das trotz des verheerenden Berichts des Arbeitsministeriums vom Freitag, der eine offizielle Arbeitslosenquote von 10,2 Prozent bekannt gab. Am Montag legte der Dow-Jones-Index um 205 Punkte zu und schloss auf einem dreizehn-Monats-Hoch von 10.227.

Mit diesem jüngsten Anstieg der Aktienpreise setzt sich der Trend der letzten Wochen fort: Die Aktienpreise bewegen sich in enger und umgekehrter Beziehung zum Wert des Dollars auf den internationalen Devisenmärkten. Letzten Mittwoch fiel der Dollar in Relation zum Euro innerhalb der letzten zwei Monate am stärksten. Dieser Trend setzte sich am Montag mit einem Dollar fort, der gegenüber dem Euro wieder auf 1,50 $ fiel.

Ebenfalls in Übereinklang mit den jüngsten Trends zogen Öl, Gold und andere Rohstoffe stark an, während die Aktienpreise stiegen und der Dollar fiel. Der Zusammenhang zwischen explodierenden Preisen von Anlagegütern und einem fallenden Dollar ist ein Hinweis auf den außerordentlich spekulativen und instabilen Charakter dieser angeblich weltweiten Erholung von der Finanzkrise und der Rezession von 2008 und Anfang 2009.

Es ist ein Aufschwung von Unternehmens- und Bankprofiten und Finanzwerten. Er kommt den mächtigsten Finanzinteressen in den USA und auf der ganzen Welt zu Gute. Gleichzeitig steigen Arbeitslosigkeit und Armut und die Grundstoffindustrie steckt weiter in der tiefsten Wirtschaftskrise seit der großen Depression. Es ist ein "Aufschwung" der fast ausschließlich auf die Spekulation mit riskanten Vermögenswerten zurück geht, die durch die Politik einer fast kostenlosen Kreditvergabe an die großen Banken und einer enormen Ausweitung der Schulden durch die US Regierung angeheizt wird.

Wie es CNBC Kommentator Charles Gasparino am 6. November in seinem Beitrag für das Wall Street Journal ausdrückte: "Der Leitzins liegt bei fast Null Prozent; das Ergebnis davon ist, dass die Federal Reserve Risikobereitschaft und Handel mit festverzinslichen Wertpapieren subventioniert, was es Goldman Sachs erlaubt hat, Milliarden an Profiten zu generieren und den berüchtigten sechzehn Milliarden Dollar Bonus-Pool anzulegen (Analysten sagen, er könnte auf zwanzig Milliarden Dollar anwachsen). Das Finanzministerium hat den Banken Geld geliehen, für die Schulden der Wall Street gebürgt und jedes Unternehmen zu einer Geschäftsbank gemacht... Sie alle sind "zu groß zum Scheitern" und deshalb können sie handeln wie es ihnen beliebt - mit den Groschen der Steuerzahler."

Wie das Wall Street Journal am Montag berichtete, hat Morgan Stanley festgestellt, dass sich die in der globalen Wirtschaft umlaufende Geldmenge mit Abstand auf dem höchstem Niveau befinde, seit das Unternehmen vor 30 Jahren mit der Aufzeichnung der Daten begonnen hat. Diese ungeheure Woge aus heißem Geld findet keine profitable Anlagemöglichkeit in der Produktion, deshalb wird es in die Aktienmärkte und in die Spekulation mit Rohstoffen und Währungen gepumpt. Das Ergebnis ist eine weltweite Vermögensblase, die früher oder später platzen wird.

Hier sind einige Hinweise auf das Ausmaß dieser Blase:

"Seit seinem Tiefpunkt vom 9. März hat der Standard & Poor's 500 Aktien Index mehr als 50 Prozent gewonnen. Ein Aktienindex für 22 "Schwellenländer" (einschließlich Brasilien, China und Indien) hat sich gegenüber seinem letzten Tief verdoppelt. Öl, das heute bei ungefähr 80 $ pro Barrel liegt, ist gegenüber seinem jüngsten Tiefstand um 150 Prozent gestiegen. Gold ist einem Allzeit-Hoch nahe, bei etwas 1090 $ pro Unze." (Robert J. Samuelson am Montag in der Washington Post).

Ein zentraler Bestandteil dieser Politik ist die stillschweigende Begünstigung des anhaltenden Dollarfalls. Letztlich wird die Abwertung des Dollars von der sich objektiv verschlechternden Stellung des amerikanischen Kapitalismus in der Welt diktiert. Die Krise im Finanzsystem und die daraus folgende Rezession, die in Amerika ihren Anfang nahm, haben den Stellenwert des US- Bruttoinlandsprodukt im Verhältnis zum weltweiten Bruttoinlandsprodukt vermindert, was das Vertrauen in den Dollar weiter abnehmen ließ.

Das ist für die Weltwirtschaft ein hochgradig destabilisierend wirkender Faktor, der jeden Aufschwung als zerbrechlich und letztlich nicht tragfähig ausweist. In zunehmendem Maße wird die einzigartige Rolle, die der US Dollar als wichtigste Reserve- und Handelswährung weltweit spielte, in Frage gestellt. Dies wurde letzten Dienstag noch einmal hervorgehoben, als die indische Zentralbank den Kauf von 200 Tonnen Gold beim Internationalen Währungsfonds bekannt gab.

Im Zuge dieser Bekanntgabe sagte der indische Finanzminister, dass die amerikanischen und europäischen Volkswirtschaften "zusammengebrochen" seien. Nur wenige Monate vorher hatte China, das Dollar-Anleihen im Wert von ungefähr 1.4 Billionen hält, offenbart, dass es seine Goldreserven in den letzten sechs Jahren nahezu verdoppelt habe.

Der Aufbau von Goldreserven ist Teil einer wachsenden Abkehr der Gläubigernationen vom Dollar. BusinessWeek berichtete letzten Monat: "Anstatt nur Dollar als Devisenreserven zu kaufen, greifen sie auch zu anderen Währungen." Die Länder, die die Zusammensetzung ihrer Reservebestände offen legen, steckten nach einem Bericht von Barclays Capital im zweiten Quartal 63 Prozent ihrer neuen Reserven in Euros und Yen."

Die mittel- bis langfristigen Folgen der Zersetzung des weltweiten Stellenwerts des Dollars sind enorm. Ein starker und stabiler Dollar war der Grundpfeiler des internationalen kapitalistischen Geldsystems, das nach dem Ende des zweiten Weltkrieges auf der Konferenz von Bretton Woods eingeführt wurde. Der Dollar diente der Welt fast sieben Jahrzehnte lang als wichtigste Handels- und Reservewährung. Die einzigartige und privilegierte Stellung des Dollars - die für das US Kapital enorme Vorteile mit sich brachte - beruhte auf der unangefochtenen wirtschaftlichen Vormachtstellung der Vereinigten Staaten am Ende des Krieges. Diese wiederum basierte auf der weltweiten Überlegenheit der amerikanischen Industrie.

Der langfristige Niedergang des amerikanischen Kapitalismus, der sich am stärksten im Niedergang seiner industriellen Basis ausdrückte, mündete in ein enormes, globales Ungleichgewicht zwischen Schuldnerländern - vor allem den USA - und Gläubigernationen, wie China, Japan und Deutschland. Dieses Ungleichgewicht hat zu dem Zusammenbruch der Weltwirtschaft vor einem Jahr geführt. Es ist die Verwandlung der USA aus einem industriellen Machtzentrum der Welt in ein Zentrum globaler Finanzspekulation und des Parasitentums, die letztlich dem Verfall der internationalen Position des Dollars zugrunde liegt.

Dies unterstreicht die Verantwortungslosigkeit der amerikanischen Geldpolitik. Die Vereinigten Staaten liebäugeln mit dem Desaster eines steilen Sturzes des Dollars, der schon seit seinem letzten Hoch im März gegenüber den Währungen der größten Handelspartner Washingtons um 15 Prozent gefallen ist. Eine ausgewachsene Dollarkrise würde sowohl in der amerikanischen als auch in der Weltwirtschaft verheerenden Schaden anrichten.

Sie würde die Vereinigten Staaten zwingen, den Leitzins abrupt und drastisch anzuheben, was die US Wirtschaft in eine Depression und die großen Finanzinstitute in den Bankrott stürzen würde. Sie würde den US-Markt für exportorientierte Länder wie China, Japan und Deutschland verschließen und konkurrierende Abwertungen und Handelskriegsmaßnahmen auslösen.

Nichtsdestotrotz und nur um sich einen kurzfristigen Handelsvorteil gegenüber ihren kapitalistischen Rivalen zu verschaffen, haben die Vereinigten Staaten das elektronische Äquivalent zum Drucken von Billionen von Dollar und Fluten der Finanzmärkte mit billigen Krediten realisiert. Sie versorgen so die großen US Banken mit der Liquidität, die sie in die Lage versetzt, Spitzengewinne zusammenzuraffen und ihre Führungskräfte und Broker mit Rekordprämien zu belohnen. Das alles geschieht im vollen Bewusstsein davon, dass damit der Dollar weiter fallen wird und die US Exporte billiger und ausländische Importe teurer werden.

Der kurzfristige Effekt ist eine Verschärfung der globalen Währungs- und Handels-Spannungen. Am vergangenen Freitag haben die USA Zölle auf den Import chinesischer Stahlrohre erhoben. Zwei Monate zuvor hatte Washington die Einfuhr chinesischer Reifen mit Zöllen belegt. China antwortete am Freitag, indem es "missbräuchlichen Protektionismus" anprangerte und androhte, gegen amerikanische Autos und andere Exporte auf den chinesischen Markt zurückzuschlagen.

Die Tatsache, dass dieser Schritt der Vereinigten Staaten vom Freitag nur eine Woche vor der Asienreise von Präsident Barack Obama stattfand, unterstreicht seinen provokativen Charakter.

Inzwischen schlägt der Ökonom Nouriel Roubini von der New Yorker Universität wegen eines anderen Dollarszenarios Alarm, das ebenfalls verheerende wirtschaftliche Konsequenzen nach sich ziehen würde. Roubini, der berühmt wurde, weil er 2006 das bevorstehende Platzen der Immobilienblase und die finanzielle Kernschmelze voraussagte, warnt vor einer kurzfristigen Dollar Rallye, die zum Platzen der globalen Spekulationsblase führen würde.

In einem Artikel in der Financial Times vom 1. November schrieb Roubini unter der Überschrift "Mutter aller Carry Trades vor unvermeidlicher Pleite": "Seit März hat es eine massive Kurs-Ralley zahlreicher risikobehafteter Kapitalanlagen gegeben - Aktien, Öl, Energie und Rohstoffpreise... und sogar eine noch größere Rallye in den Kapitalanlageklassen von Schwellenländern (ihren Aktien, Anleihen und Währungen)."

Er argumentiert, dass das Herz dieser Rallye die "Schwäche des US-Dollars [ist], die durch die Mutter aller Carry Trades zustande kommt". Letztere Bezeichnung bezieht sich dabei auf eine spekulative Praxis, bei der Spekulanten Geld in Währungen mit niedrigen Zinsen leihen und anschließend in Kapitalanlagen investieren, die in teureren Währungen notiert werden.

Der US-Dollar hat den Yen als wichtigste Währung beim Handel mit Carry Trades verdrängt. Spekulanten leihen sich Dollars im Rahmen von Abschlüssen, die mit hohen Kursrisiken behaftet sind, wetten darauf, dass der Dollar weiter fällt und benutzen die erzielten Profite zur Investition in riskante Kapitalanlagen rund um den Globus. Im Ergebnis davon leihen sich Spekulanten Dollars nicht zum Zins von Null, wie er von der Fed festgesetzt ist, sondern zu stark negativen Zinssätzen - aufs Jahr gerechnet zu minus 10 oder 20 Prozent.

Ein Ergebnis davon ist, erklärte Roubini, dass Carry Trade Investoren seit März Kapitalrenditen im Bereich von 50 bis 70 Prozent realisiert haben.

Weil die "leichtsinnige" US Politik andere Länder dazu zwingt, ihren Leitzins künstlich auf tiefem Niveau zu halten, wird die "Carry Trade Blase schlimmer werden ... die perfekt mit allen Vermögenswerten rund um den Globus verbundene Spekulationsblase wird von Tag zu Tag größer."

Irgendwann wird die Blase platzen, weil wirtschaftliche Faktoren oder ein Ereignis von außen - wie ein militärischer Schlag gegen den Iran - den Dollar "umkehren und plötzlich aufwerten werden". Roubini schließt mit: "Aber je länger und größer die Carry Trades und je umfangreicher die Spekulationsblase, desto massiver wird der sich daraus ergebende Crash der Spekulationsblase. Die Fed und andere politische Entscheidungsträger scheinen sich des Monsters, das sie schaffen, nicht bewusst zu sein. Je länger sie blind bleiben, umso tiefer werden die Märkte einbrechen".

Roubini steht mit seiner Warnung nicht alleine da. Letzte Woche haben sowohl der Internationale Währungsfond als auch die Weltbank vor wachsenden Spekulationsblasen in den asiatischen Volkswirtschaften gewarnt, die durch heißes Geld entstehen.

Das massive Anwachsen der Schulden begründet den spekulativen Aufschwung. Die einzige Strategie, wenn man sie so nennen will, der amerikanischen und internationalen Bourgeoisie gegen diese Gefahr, besteht darin, die vollen Kosten der Krise auf die Arbeiterklasse abzuwälzen. Letzten Monat hat die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) erklärt, dass die Ausgaben für Gesundheit, Bildung und andere Sozialprogramme stark zurückgefahren werden müssten, weil alle Länder sich in der Finanzkrise und Rezession mit hohen Schulden auseinandersetzen müssen.

Die OECD wurde letzte Woche vom Internationalen Währungsfond unterstützt, der in einer Erklärung ein Jahrzehnt lang drastische Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen für alle Industrienationen forderte. Der IWF drängte ausdrücklich auf eine scharfe Drosselung beim Wachstum der Ausgaben für die Gesundheitsversorgung und die Renten.

Was die Regierung unter Obama angeht, so hat sie sich zu derselben Politik bekannt und versprochen, als Auftakt für fiskalische Enthaltsamkeit die Kosten im Gesundheitswesen für Regierung und Unternehmen zu reduzieren. Ihr Ziel ist es, den Konsum der Arbeiterklasse zu senken, indem sie die Massenarbeitslosigkeit benutzt, um Niedriglöhne durchzusetzen, die Arbeitsproduktivität in die Höhe zu treiben und die Vereinigten Staaten in ein Billiglohnparadies für den Export auf die Weltmärkte zu verwandeln.

Siehe auch:
Der Sturz des Dollars wirft ein Schlaglicht auf die Bruchstellen im "Genesungsprozess" der Weltwirtschaft
(20. Oktober 2009)
Dollarabwertung und Arbeiterklasse
( 16. Oktober 2009 )