Vor dreißig Jahren: Sowjetische Invasion in Afghanistan

Von Alex Lantier
31. Dezember 2009

Bei der pausenlosen Medienberichterstattung über Präsident Barack Obamas Entscheidung, mehr Truppen nach Afghanistan zu senden, gerät ein Meilenstein der Geschichte, nämlich der Jahrestag des sowjetischen Einmarschs in Afghanistan, ziemlich ins Hintertreffen. Vor dreißig Jahren, am 27. Dezember 1979, begann die Invasion der UdSSR in Afghanistan.

Eine Untersuchung der Hintergründe dieses Ereignisses widerlegt Obamas Behauptung, Zweck der amerikanischen Afghanistan-Politik sei der "Krieg gegen den Terror", und legt stattdessen die imperialistischen Ziele der amerikanischen Politik bloß.

Präsident Jimmy Carter ergriff damals die sowjetische Invasion als Gelegenheit, um ein Jahrzehnt der Verständigungspolitik zu verwerfen und die Spannungen mit der Sowjetunion zu verschärfen. Ziel der sowjetischen Invasion war die Unterdrückung der Mudschaheddin-Rebellen, die gegen das Regime der Demokratischen Volkspartei Afghanistans (PDPA) kämpften, das die Sowjetunion unterstützte. Der Konflikt, der durch Carters Entscheidung ausgelöst wurde, führte schließlich zur Zerstörung der afghanischen Gesellschaft.

Erst Jahre später wurde klar, dass die sowjetische Invasion selbst eine Reaktion auf die amerikanische Entscheidung war, in Afghanistan eine neue militärische Front gegen die UdSSR zu eröffnen. Schon vor der sowjetischen Invasion unterstützte Washington insgeheim die Mudschaheddin, um eine sowjetische Intervention zu provozieren und die UdSSR in eine blutige Falle zu locken. Das Fernziel dieser Außenpolitik war die Zerstörung der Sowjetunion und die Ausdehnung der amerikanischen Macht im strategisch zentral gelegenen und ölreichen Zentralasien.

In seinen Memoiren von 1996 mit dem Titel From the Shadows erinnerte sich der gegenwärtige amerikanische Verteidigungsminister, Robert Gates, an Beratungen in den USA im Winter und Frühjahr 1979. Über ein Treffen am 30. März 1979 schrieb er: "Der Vizeaußenminister für politische Angelegenheiten, David Newsom, erklärte, es sei die Politik der Vereinigten Staaten, den Pakistanis, Saudis und anderen unsere Entschlossenheit [zu demonstrieren], die Ausdehnung des Einflusses der Sowjetunion in der dritten Welt zu stoppen...Walt Slocombe fragte im Namen des Verteidigungsministeriums, ob es sich lohne, den Aufstand in Afghanistan am Kochen zu halten und ‚die Sowjets in einen vietnamesischen Sumpf zu locken’."

Am 3. Juli 1979 autorisierte Präsident Carter die CIA, die afghanischen Rebellen zu finanzieren und Propaganda für sie zu betreiben. Schon im Sommer des Jahres soll die CIA die ersten Lieferungen an die Mudschaheddin losgeschickt haben.

Die Stalinisten im Kreml, die sich von rein militärischen und nationalistischen Überlegungen leiten ließen, tappten direkt in die von Washington gestellte Falle. Die sowjetische Führung glaubte, der afghanische Präsident Hafizullah Amin von der Khalk-Fraktion der PDPA sei dabei, einen separaten Deal mit Washington auszuhandeln, um die amerikanische Hilfe für die Mudschaheddin zu stoppen. Die Regierung in Moskau fürchtete, dass ein US-freundliches Regime in Kabul den USA erlauben könnte, Pershing-Raketen in Afghanistan zu stationieren, die auf die Sowjetunion gerichtet würden.

Sie fürchtete außerdem, dass die USA die afghanischen Usbeken und Tadschiken für nationalistische und separatistische Propaganda gegen die zentralasiatischen sowjetischen Republiken nutzen würden. Der Nationale Sicherheitsberater der Carter-Regierung, Zbigniew Brzezinski, trat öffentlich für eine ethnische Zerschlagung der UdSSR ein. Brzezinski ist heute ein wichtiger Berater Obamas.

Als sowjetische Truppen in Afghanistan einfielen, ermordeten KGB-Kommandos Amin. Er wurde durch Babrak Karmal ersetzt, den Führer des konservativen Parcham-Flügels der PDPA. Das war das Signal an die herrschenden Klassen, dass die PDPA ihre teilweise Landreform und andere Reformschritte fallen lassen werde. Die Strategie des Kremls war, einen Handel mit den Stammeseliten in Afghanistan zu schließen und gleichzeitig den Widerstand gegen das PDPA-Regime durch massive Bombardierungen zu zerschlagen.

Die Politik der Washingtoner Regierung zum sowjetisch-afghanischen Krieg war von nicht zu überbietendem Zynismus geprägt. Sie entfesselte scheinheilige Proteste gegen die Invasion, die sie selbst provoziert hatte, bis hin zum Boykott der Olympischen Spiele in Moskau 1980. Öffentlich leugnete Washington eine Unterstützung der Rebellen, in Wirklichkeit lieferte es den Mudschaheddin Waffen im Wert mehrerer Milliarden Dollar.

Obwohl Washington seine Stellvertreter in Afghanistan als "Freiheitskämpfer" bezeichnete, waren die Mudschaheddin und ihre internationalen Hintermänner gesellschaftlich reaktionäre Kräfte. Mit Unterstützung rechter muslimischer Regime, wie Saudi-Arabiens und Pakistans, förderten die USA den Widerstand der islamisch-fundamentalistischen Warlords. Washington schaute weg, als sie andere Mudschaheddin-Fraktionen vernichteten und sich ihre Finanzen durch Opiumhandel in großem Stil beschafften.

Als sich die Mudschaheddin als unfähig erwiesen, Angriffe auf Kabul und auf strategische Straßen zu organisieren, bewaffnete die CIA internationale muslimische Rekruten und bildete sie für Terror- und Selbstmordanschläge aus. Der junge saudische Milliardär Osama bin Laden leitete das globale Rekrutierungsnetzwerk, das später zur Keimzelle von al-Qaida wurde.

Dieses Netzwerk organisierte Rekruten aus der Muslimbruderschaft, aus dem Umfeld des extremistischen Islams der Saudis und aus all jenen Kräften, die auch bisher schon von muslimischen Regierungen gegen die sozialistischen Traditionen der Arbeiter und Intellektuellen im Nahen und Mittleren Ostens, einschließlich Afghanistans, eingesetzt wurden.

Wachsende Verluste und Unzufriedenheit in der Bevölkerung zwangen Moskau1989, seine Truppen zurückzuziehen. Dann folgten 1991 der Zusammenbruch der Sowjetunion und 1992 der Zusammenbruch PDPA-Regimes. Führende Vertreter der PDPA wechselten ins Lager rivalisierender Warlords. Afghanistan versank im Bürgerkrieg.

Die Folgen der amerikanischen Politik in Afghanistan ließen ihre Urheber völlig kalt. Als Brzezinski 1998 gefragt wurde, ob er angesichts der afghanischen Tragödie Reue empfinde, antwortete er ungerührt: "Was ist vor der Weltgeschichte wichtiger, die Taliban oder der Zusammenbruch des sowjetischen Reiches? Einige aufgeregte Muslime oder die Befreiung Zentraleuropas und das Ende des Kalten Kriegs?"

Bis auf den heutigen Tag hat die Welt mit den Konsequenzen der Politik des US-Imperialismus in Zentralasien zu kämpfen. Der Bürgerkrieg weckte Großmachtrivalitäten um die Vorherrschaft in Afghanistan, das strategisch in der Mitte der eurasischen Landmasse liegt. Diese Rivalitäten veranlassten die USA, Pakistan und Saudi-Arabien ursprünglich Mitte der der 1990er Jahre, Afghanistan unter Führung der Taliban-Milizen zu vereinen. Der Höhepunkt wurde 2001 erreicht, als US-Truppen unter dem betrügerischen Vorwand des "Kriegs gegen den Terror" in Afghanistan einmarschierten und das Land besetzten. Sie richteten sich gegen die gleichen Kräfte, die die USA in den 1980er und 1990er Jahren aufgebaut und unterstützt hatten.

Gestützt auf ihre Position in Afghanistan versucht die Washingtoner Regierung, ihre Vorherrschaft über den unstabilen asiatischen Kontinent zu stärken. Dabei wird sie mit den lebensgefährlichen Folgen ihrer Politik seit 1979 konfrontiert: mit afghanischen Rauschgift-Warlords, mit internationalen Terrornetzwerken, mit den Problemen in den ehemaligen sowjetischen Republiken, die durch den Zusammenbruch der UdSSR schwer gezeichnet sind, und mit der allgemeinen Armut in der Region.

Die Katastrophen von heute fließen aus den Verbrechen der Vergangenheit. Wir müssen die Geschichte des ersten Vorstoßes des US-Imperialismus nach Zentralasien verstehen, wenn wir begreifen wollen, welche Folgen die heutige amerikanische Eskalation für die Region und für die ganze Welt haben wird.

Siehe auch:
Im Brennpunkt imperialistischer Intrigen: Der Bürgerkrieg in Afghanistan flammt wieder auf
(20. August 1999)

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