Daimler verlagert Produktion

Von Ludwig Weller
11. Dezember 2009

Die Ankündigung des Daimler-Vorstands, man wolle in Zukunft die C-Klasse-Limousine nicht mehr in Sindelfingen sondern in Bremen, USA, Südafrika und China bauen lassen, hat bei den Beschäftigten wie ein Bombe eingeschlagen.

Protestierende Arbeiter in Sindelfingen Protestierende Arbeiter in Sindelfingen

Im Mercedes-Benz-Pkw-Werk Sindelfingen bei Stuttgart arbeiten 37.000 Menschen. Kaum machte die Meldung unter den Arbeitern die Runde, kam es Anfang Dezember zu massiven Arbeitsniederlegungen.

Der Daimler-Vorstand hatte beschlossen, die Produktion des meistverkauften Daimler-Pkw, der C-Klasse, ab 2014 nach Bremen und in die USA zu verlagern. Derzeit rollen in Sindelfingen täglich 660 Fahrzeuge der C-Klasse vom Band, rund ein Drittel der weltweiten Produktion. Ab 2014 sollen 60 Prozent in Bremen, knapp 20 Prozent in den USA und jeweils zehn Prozent in Südafrika und China hergestellt werden. Als Ausgleich soll in Sindelfingen der Roadster SL montiert werden, der bisher komplett in Bremen gebaut wird.

Um den großen Unmut in der Belegschaft aufzufangen, organisierten die Betriebsräte und die IG Metall tagelang Protestaktionen. Sie selbst sprachen davon, dass 3.000 Arbeitsplätze allein am Sindelfinger Standort gefährdet seien. Wie gewohnt warfen sich die IG-Metallbetriebsräte in die Pose der Empörten und Überraschten, sprachen von Skandal und Vaterlandsverrat. Doch hinter den Kulissen vereinbarten sie bereits Regelungen, wie sie die Maßnahmen gegen die Belegschaften durchsetzen und sogar noch als Arbeitsplatz sichernd verkaufen werden.

Gestern verkündete dann Uwe Meinhardt, der zweite Bevollmächtigte der IG Metall Stuttgart: "Dem Betriebsrat, der IG Metall und der Belegschaft ist es gelungen, die Arbeitsplätze bis 2020 zu sichern. Wir haben uns als Arbeitnehmervertreter erfolgreich durchgesetzt." Für die Beschäftigten am Standort seien betriebsbedingte Kündigungen bis 2020 ausgeschlossen.

Doch diese Vereinbarung "Sindelfingen 2020", die IG Metall und Unternehmensleitung ausgeheckt haben, ist nicht viel Wert. Angesichts der weltweiten Krise in der Autoindustrie und der desolaten Lage bei Daimler, steht ein weiterer Arbeitsplatzabbau auf der Tagesordnung.

Selbst wen es zutreffen sollte, dass 2.700 neue Arbeitsplätzen in Sindelfingen entstünden, durch zusätzliche Produkte und Aufgaben in Sindelfingen, hätte dies unweigerlich zur Folge, dass ähnlich viele Arbeitsplätze in der Zulieferungsindustrie verloren gingen. Oder was soll es heißen, wenn neben der vereinbarten Fertigung zusätzlicher Werkzeuge sowie der Eigenfertigung der Sitze aller in Sindelfingen gefertigten Fahrzeuge ausdrücklich festgehalten wurde: "Unternehmen und Betriebsrat generieren darüber hinaus weitere Insourcing-Projekte."

Die Produktionsverlagerung und die weitere Umstrukturierung bei Daimler kommen nicht überraschend, sie ergeben sich zwangsläufig aus der fundamentalen Krise auf dem Weltmarkt. Insbesondere der schwer angeschlagene amerikanische Kapitalismus hat die Handelsbeziehungen zu Europa stark verändert.

Der niedrige Dollarkurs, den die USA bewusst in Kauf nehmen, bereitet der deutschen Exportwirtschaft erhebliche Probleme. Nicht nur die Autoindustrie, auch Stahlhersteller wie ThyssenKrupp oder Maschinenbauer können ihre Produkte immer schlechter in den USA verkaufen. Um die hohen Kursverluste auszugleichen, müssten sie eigentlich für ihre Produkte höhere Preise nehmen. Da der hart umkämpfte Wettbewerb dies nicht zulässt und sie täglich mit Verlusten kämpfen, verlagern etliche größere deutsche Unternehmen ihre Produktionsstätten in den USA.

Zwar hatten Firmen wie Daimler und BMW bereits in den neunziger Jahre eigene Fabriken in den USA aufgebaut. Doch nur im begrenzten Maße wurden spezielle Modelle für den amerikanischen Markt produziert.

Doch nicht nur der anhaltend schwache Dollar-Kurs und die hohen Kosten für Einfuhrzölle und Logistik bestärken den Drang nach vermehrter Produktionsverlagerung in die USA. Deutsche Konzerne, wie Daimler, haben in den USA auch die mittlerweile niedrigen Lohnkosten entdeckt. Diese Billiglöhne haben sie vor allem der amerikanischen Autoarbeitergewerkschaft UAW zu verdanken, die unglaubliche Lohnkürzungen durchgesetzt hat. Auch die im Vergleich zu Deutschland viel längeren Arbeitszeiten spielen eine Rolle.

Der Mercedes-Produktionsvorstand Rainer Schmückle macht keinen Hehl daraus und führt diese Faktoren als Begründung für die Produktionsverlagerung detailliert auf. Er rechnete vor, dass sich durch die Verlagerung nach Tuscaloosa im US-Staats Alabama pro Fahrzeug etwa 2.000 Euro einsparen ließen. Wesentlicher Faktoren seien hier die Arbeitszeit und die Löhne. In Sindelfingen leiste jeder Mitarbeiter 1.350 Nettoarbeitsstunden im Jahr, während der US-Arbeiter auf 1.800 Stunden käme. Überdies erhalte der amerikanische Mitarbeiter umgerechnet etwa 24 Euro weniger Lohn - pro Stunde.

Des Weiteren betonte Schmückle, die C-Klasse sei bereits das meistverkaufte Modell von Mercedes-Benz auf dem US-Markt. Das Unternehmen reagiere daher auf die sich weiter öffnende Schere zwischen Produktion und Absatz und darauf, dass 80 Prozent der Mercedes-Fahrzeuge in Westeuropa gebaut, aber weniger als 60 Prozent auch dort verkauft würden.

Ähnlich sieht es Ekkehard Schulz, der Chef des Stahlkochers ThyssenKrupp. Er hält die Produktionsstätten im Ruhrgebiet auf Dauer für nicht mehr wettbewerbsfähig. Sein Unternehmen könne den attraktiven US-Markt mit Exporten aus Deutschland immer schwieriger bedienen.

In einem kürzlich erschienenen Artikel auf Spiegel-online heißt es dazu: "Knapp sieben Milliarden Euro investiert ThyssenKrupp deshalb in zwei neue Stahlwerke, die in den nächsten Monaten ihren Betrieb aufnehmen sollen. Eines davon liegt in Brasilien, das andere im Süden der USA. Dort sollen Spezialstähle für die Automobilindustrie verarbeitet werden - unter anderem für die Fabriken von Mercedes-Benz und BMW in den USA."

Seit Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise ging der Umsatz bei Daimler drastisch zurück. In der PKW-Premiumklasse steht Mercedes mit einem Absatzeinbruch von 17 Prozent an der Spitze in Deutschland. Danach folgen Porsche mit zehn Prozent Minus, BMW mit neun Prozent und Audi mit vier Prozent.

"Daimler ist von den deutschen Autobauern - außer Opel - am schlechtesten unterwegs." Zu diesem Schuss kommt Ferdinand Dudenhöffer, Professor für Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen. Nachdem BMW den Rivalen aus Stuttgart beim Absatz schon 2005 überholt habe, drohe 2010 ein weiterer Abstieg: "Dann wird Audi weltweit mehr Fahrzeuge verkaufen als die Marke Mercedes. Der frühere Führer des Premiumsegments steigt auf Platz drei ab."

Seit Jahren verordnet der Konzern mit tatkräftiger Unterstützung der IG-Metall-Betriebsräte den Beschäftigten eine Rosskur nach der anderen. Derzeit beschäftigt Daimler weltweit noch rund 257.000 Menschen, davon arbeiten rund 164.000 in Deutschland. Von ihnen befinden sich nach wie vor 27.000 in Kurzarbeit. Für weitere 89.000 Beschäftigte in Deutschland gelten verkürzte Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich.

Allein im laufenden Jahr hat Daimler weltweit 9.600 Arbeitsplätze abgebaut (5.200 davon in Deutschland) und auf Kosten der Belegschaft vier Milliarden Euro eingespart - alles im Einverständnis mit Betriebsrat und IG Metall. Im kommenden Jahr soll die Summe der Einsparungen über vier Milliarden Euro liegen. Eine Beschäftigungsgarantie für 16.000 Arbeiter wird Mitte 2010 auslaufen, und eine weitere für alle Beschäftigten Ende 2011.

Vor diesem Hindergrund ist die Vereinbarung "Sindelfingen 2020", die von der IG Metall und ihren Betriebsräten als Erfolg bezeichnet wird, zu betrachten. Sie dient dazu, die Belegschaft ruhig zu halten und so die nächste Runde von Lohnkürzungen und Entlassungen vorzubereiten. "Ohne Wachstum", kommentiert die Wirtschaftswoche die Lage bei Daimler, "ist eine Radikalkur nötig - spätestens 2011."

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