Nochmals Funny Games von Michael Haneke

Von Hiram Lee
18. Dezember 2009

Am 13. Dezember erhielt der österreichische Regisseur Michael Haneke für sein Drama "Das Weiße Band" den Europäischen Filmpreis für den besten Film, das beste Drehbuch und die beste Regie. Aus diesem Anlass veröffentlichen wir eine Besprechung seines Remakes "Funny Games" von 2007.

Der österreichische Regisseur Michael Haneke (Caché, Die Klavierspielerin) drehte 1997 die ursprüngliche Fassung von Funny Games als Reaktion auf das, was er als den beklagenswerten und unverantwortlichen Umgang mit Gewalt im amerikanischen Kino und dessen Auswirkungen auf die Kinobesucher bezeichnet. Aber die englischsprachigen Zuschauer, die für Haneke, wie er betont, immer das Zielpublikum waren, blieben von dem nicht sehr bekannten deutschsprachigen Film weitgehend unberührt.

Haneke ergriff 2007 die ihm gebotene Chance, ein Remake des Films in englischer Sprache zu drehen. Er verlangte nur, dass die talentierte Schauspielerin Naomi Watts die Hauptrolle übernimmt. Der Regisseur, der vielleicht weniger den Wunsch hatte, dem amerikanischen Publikum einen neuen Film vorzustellen, als ihm den alten Film zu zeigen, von dem er sich wünschte, dass es ihn gesehen hätte, drehte die neue Version von Funny Games als eine getreue Kopie des Originals

Die Story beider Filme ist dieselbe und leicht zusammen zu fassen. Zwei gutgekleidete, freundliche junge Männer betreten unter dem Vorwand, einige Eier borgen zu wollen, das Haus eines bürgerlichen Paares. Kaum im Haus, halten sie die Familie gefangen und beginnen sie zu foltern. Eine Wette wird geschlossen: Die jungen Männer wetten mit der dreiköpfigen Familie, dass sie binnen zwölf Stunden tot sein werden; die Familie, gezwungen an dem Spiel teilzunehmen, wettet dagegen.

Auf diesem schwankenden Boden steht Hanekes Meditation über Gewalt. Aber Funny Games ist nicht Gewalt im Sinne blutiger Details - obgleich auch diese nicht fehlen. Die Gewalt ist überwiegend nicht unmittelbar sichtbar. Man hört die markerschütternden Schreie der Opfer, sieht die Gesichter der Leidenden. Im Soundtrack hört man einen Gewehrschuss. Es ist eine insgesamt tief verstörende Darstellung, aber man muss auch sagen, keine sonderlich aufschlussreiche.

In einem Gespräch über die Gewalt in Funny Games mit Entertainment Weekly sagte Haneke: "In Actionfilmen, wird Gewalt gewöhnlich so dargestellt, dass sie dem Publikum nicht zu nahe tritt. Du fühlst Dich als Zuschauer wohl. Es ist immer ein wenig wie Achterbahnfahren, ein Kick. In meinen Filmen versuche ich Gewalt auf eine Art darzustellen, dass sie für das Publikum wieder wirklich wird."

Ganz diesem Muster folgend erklärte Haneke dem Filmkritiker Emanuel Levy: "Ich versuche Wege zu finden, um Gewalt so zu zeigen, wie sie wirklich ist. Sie ist nichts, was man leicht verdaut. Ich möchte die Wirklichkeit der Gewalt zeigen, den Schmerz, die Verletzung eines anderen Menschen."

Diese Strategie Hanekes ist nicht einzigartig. Auch in Eastern Promises des kanadischen Regisseurs David Cronenberg ist sie das Hauptthema. Wenn es auch möglicherweise Gründe geben mag, die Gräuel der Gewalt direkt, unkaschiert darzustellen, ist es doch eine sehr eingeengte Herangehensweise, daraus die Hauptbeschäftigung zu machen, zumal, wenn das eigentliche Thema des Films schon die Gewalt ist.

Haneke ignoriert in beiden Verfilmungen von Funny Games die sozialen Verhältnisse, aus denen solche im Film gezeigten Gewaltverbrechen erwachsen, und vernachlässigt die Umstände, unter denen in Filmen in unverantwortlicher Weise Gewalt benutzt wird und sich in manchen Teilen des Publikums ein Interesse an solcher Unterhaltung entwickelt. Damit abstrahiert er vom wichtigsten Element des Problems.

In einer Schlüsselszene des Films wird sogar angedeutet, solche Gewalt sei einfach unverständlich oder unerklärbar. Als die jungen Peiniger (Michael Pitt und Brady Corbet) gefragt werden, warum sie diese Gräueltaten verüben, spult einer der beiden ein paar unterschiedliche Geschichtchen ab. Sie drehen sich um die kaputte Familie oder um das Leiden als Scheidungskinder, sexuellen Missbrauch oder Armut und dann wieder sind sie einfach nur "Weißer Abschaum". Die Geschichte wird nochmals gewandelt, als es heißt, sie seien privilegierte Reiche, angewidert von der Leere ihres Daseins. Sie erinnern ihre Gefangenen zuletzt daran, dass sie keine dieser Geschichten glauben müssten. Wollte Haneke andeuten, dass solche Erklärungen an sich unzulänglich sind und zu vieles unberücksichtigt lassen, wäre wohl was dran gewesen. Aber so wie die Szene gemacht ist, hat man einfach den Eindruck, diese Gewalt sei unerklärlich und gänzlich sinnlos.

Statt ein Werk zu schaffen, welches die Frage der Gewalt im Unterhaltungsgeschäft oder im Alltagsleben vertieft hätte, holte er einfach alles Hässliche an die Oberfläche und brachte es auf die Leinwand, als wollte er dem Publikum sagen: "Schande über Euch und Eure Geschmacklosigkeit gegenüber Filmen". Haneke hofft, seine Zuschauer würden sich selbst erkennen, ruckartig in die Selbsterkenntnis ihrer Mittäterschaft bei der Gewalt auf der Leinwand getrieben und dadurch ihr Verhalten ändern.

Um das zu erreichen werden einige Godard-Techniken genutzt. Einer der Peiniger spricht direkt in die Kamera und fragt die Zuschauer spöttisch, als Naomi Watts in ihrer Rolle erklärt, sie habe nun endgültig genug: "Auf wen wetten Sie? Ihnen reicht es noch nicht, oder? Sie wollen ein gutes Ende." In solchen Momenten fordert er nicht sein Publikum heraus, sondern klagt es an.

Diese Art von Radikalismus der Mittelschicht durchzieht Hanekes gesamtes Werk und führt zu etlichen verdrehten Schlüssen, auch in seinen interessanteren Filmen wie Caché oder Code: unbekannt, aber eben vor allem in Funny Games.

In etlichen seiner Filme ist die Haltung erkennbar, dass Leute aus der Mittelschicht aufgrund ihrer angeblichen Selbstgefälligkeit und Akzeptanz der gegebenen Verhältnisse und Werte, es irgendwie "verdienen" bestraft zu werden. Eine solche Haltung ist dumm, mit ziemlich reaktionären Konsequenzen verbunden und weicht den komplizierten Fragen aus, die sich mit dem Problem der Herausbildung eines höheren Niveaus von politischem und sozialem Bewusstsein in diesen Schichten stellen.

Ziemlich deutlich wird in Funny Games erkennbar, dass Haneke das bürgerliche Paar mehr oder weniger für sein Schicksal selbst verantwortlich sieht. Das Paar, Ann (Naomi Watts) und George (Tim Roth), erkennt entweder nicht das Verdächtige am Verhalten der jungen Männer oder sie handeln bei der eigenen Verteidigung zu langsam, nachdem sie die Gefahr erkannt haben. Ann, zu Beginn des Films verärgert über das unhöfliche Verhalten der beiden, aber noch nicht davon überzeugt in Gefahr zu sein, besteht nicht konsequent darauf, dass sie gehen und so bleiben sie. Es scheint ihr wichtiger zu sein nicht für unfreundlich gehalten zu werden, als am Leben zu bleiben.

Als sich dem Paar eine Chance zur Rettung bietet, ist es völlig ineffektiv und schlecht vorbereitet. "Ruf jemanden an"..."wen?"..."die Polizei". Ein Plan, aus dem Fenster zu entkommen, endet als lächerliche Posse, in der Ann schließlich am Küchentisch steht und versucht mit einem Fön ihr Telefon zu trocknen.

Warum werden diese Personen, die ja keineswegs schrecklich unangenehm wirken, als lächerlich, ja dumm dargestellt? Wenn der Eindruck erweckt werden sollte, dass das Publikum sich an ihrem Leidern ergötzt oder davon unberührt ist, weil es schon von zahllosen Gewaltfilmen abgestumpft ist, dann hat Haneke zu einem Taschenspielertrick gegriffen, um sein Argument der "Selbstschuld" zu stützen.

Die neue Fassung von Funny Games ist ebenso dürftig, wie die Fassung aus 1997. Mehr als eine Dekade ist seit dem ersten Erscheinen des Films vergangen, aber der neue Film ist wieder der alte. Welche der beiden Versionen sich Zuschauer auch ansehen, um ein Verständnis für die Gewalt in der Unterhaltungsindustrie zu entwickeln, sie werden im Dunkeln stehen gelassen.

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