Opel: Betriebsratsvorsitzender preist neue GM-Spitze

Von Dietmar Henning
10. Dezember 2009

"Wir als Arbeitnehmer werden keinen Beitrag leisten, wenn wir unter dem GM-Dach bleiben", sagte der europäische Opel-Gesamtbetriebsratsvorsitzende Klaus Franz Ende Oktober, vor nicht einmal sechs Wochen. Das war kurz bevor General Motors (GM), inzwischen von dem neuen Konzernchef Edward Whitacre geleitet, den Verkauf von Opel an den Autozulieferer Magna und die russische Sberbank stoppte.

Die WSWS kommentierte das mit den Worten: "Das ist gelogen. Die Betriebsräte werden allem zustimmen." Nun hat Klaus Franz allen Forderungen GMs zugestimmt - dem Abbau von europaweit 9.000 Arbeitsplätzen sowie Lohnkürzungen von jährlich 265 Millionen Euro.

Die Betriebsräte und die Gewerkschaft IG Metall waren die treibende Kraft hinter dem Vorhaben, den europäischen Teil von GM an das Magna-Konsortium zu verkaufen. Sie erhofften sich eine größere Mitbestimmung beim Kahlschlag unter den europäischen Belegschaften und eine dementsprechende Belohung. Diese sollte in Form einer zehnprozentigen so genannten "Mitarbeiter-Kapitalbeteiligung" am europäischen Opel-Konzern bestehen. Die Gesellschaft, die diese Beteiligung verwaltet hätte, wäre eine riesige Bereicherungsmaschine für die Betriebsräte und die IGM geworden.

Nach einem ersten Treffen mit dem neu eingesetzten GM-Europa-Chef Nick Reilly vor zwei Wochen hatte Franz noch gewettert, das GM-Management sei ihm gegenüber seiner Informationspflicht "in keinster Weise nachgekommen". Es seien lediglich ein paar Charts "mit belanglosen Informationen drauf" gezeigt worden, beschwerte sich Franz und drohte, man werde sich in zukünftigen Gesprächen mit GM "anwaltlich vertreten lassen".

Die ersten Informationen waren wohl weniger "belanglos", als dass sie dem Betriebsratsvorsitzenden nicht gefielen. Der deutsche Betriebsrat und die Gewerkschaft IG Metall hatten nämlich gemeinsam mit der Bundesregierung mit großzügigen deutschen Staatshilfen von Magna das Zugeständnis erkauft, dass der geplante Arbeitsplatzabbau - Magna plante 2.000 Stellen mehr abzubauen als jetzt GM - vor allem an den anderen europäischen Standorten stattfindet.

Nun drehten GM und Reilly den Spieß einfach um. Von den 9.000 abzubauenden Arbeitsplätzen wollten sie 50 bis 60 Prozent in Deutschland streichen: 2.710 in Rüsselsheim, davon 548 Ingenieursjobs im Entwicklungszentrum, 1.799 in Bochum, 300 in Eisenach und 300 in Kaiserslautern. GM will außerdem - genauso wie Magna dies plante - das Werk im belgischen Antwerpen mit knapp 2.300 Arbeitern schließen.

Franz hatte damals erklärt: "Natürlich werden wir das nicht akzeptieren." Zudem kritisierte er, GM fordere zwar mit 265 Millionen Euro im Jahr denselben Beitrag der Belegschaft wie Magna, sei aber nicht bereit, dieselben Zugeständnisse zu machen wie der österreichisch-kanadische Zulieferer. Zu Franz’ zentralen Forderungen - etwa nach der Autonomie von Opel von der Konzernmutter sowie die nach Umwandlung von Opel in eine AG - habe GM "keinerlei konkrete Zusagen gemacht".

In der letzten Woche kündigte Reilly dann auf einer Betriebsversammlung vor 9.000 Beschäftigten in Rüsselsheim an, GM verzichte auf den Abbau der 548 Stellen in der Entwicklung im Stammwerk Rüsselsheim. Ansonsten nahm er vom angekündigten Arbeitsplatzabbau nichts zurück. Nach der Versammlung teilte er mit, Opel werde auch international Autos verkaufen dürfen. Auch eine Umwandlung in eine AG und eine "Mitarbeiterbeteiligung" seien zu überlegen.

Franz reagierte sofort. Er bot im Gegenzug Zugeständnisse an. "Wir werden trotzdem unsere Arbeitnehmerbeiträge leisten", versicherte er erstmals nach dem Scheitern des Magna-Deals. Er werde dort anfangen, wo er mit Magna aufgehört habe.

Nach einem Treffen mit dem neuen GM-Vorstandsvorsitzenden Edward Whitacre am Montag in Detroit kannte Franz dann keine Grenzen mehr. Er feierte den neuen GM-Boss geradezu euphorisch. Er "pries" ihn, so die Nachrichtenagentur Reuters, als jemanden, der "querdenke" und offen für unkonventionelle Ideen sei. "Whitacre ist ein vollständig anderer Managertyp, als diejenigen, die man bislang bei GM sah", sagte Franz. "Es ist erfrischend mit jemandem zu sprechen, der seine Erfahrungen außerhalb des Konzerns gemacht hat." Das Gespräch mit Whitacre sei "ermutigend" gewesen. Man habe vereinbart, in Kontakt zu bleiben.

Der 68-jährige Whitacre war von der US-Regierung als knallharter Sanierer an die Spitze des GM-Verwaltungsrats bestellt worden. Er war vorher mehr als 40 Jahre lang in der Telekommunikationsindustrie tätig gewesen und hatte die relativ kleine Southwestern Bell durch Fusionen und Umorganisationen zum Branchenriesen AT&T ausgebaut. 2006 verdiente er dort 61 Millionen Dollar. Als er 2007 ausschied, kassierte er weitere 158 Millionen Dollar.

Franz unterstützt auch den von Whitacre veranlassten personellen Umbau in der internationalen Führung von GM. Der neue Verwaltungsratsvorsitzende hatte am 1. Dezember kurzerhand den GM-Vorstandsvorsitzenden Fritz Henderson entlassen und selbst dessen Job übernommen. Henderson, den Franz bislang als Garanten für die Berücksichtigung europäischer Opel-Interessen betrachtet hatte, war ein Befürworter des Verkaufs von Opel an Magna. Von Mitte 2004 bis Ende 2005 hatte er als Chef von GM-Europe amtiert.

Whitacre bestellte den bisherigen Chefingenieur Mark Preuss zum Verantwortlichen des Nordamerikageschäfts und den bisherigen Executive Director für Produktentwicklung und Konstruktion, Karl-Friedrich Stracke, zum neuen Chefingenieur. Für die europäische Opel- und Vauxhall Unternehmens- und Produktplanung ist in Zukunft der Deutsche Frank Weber zuständig. Weber und Stracke waren viele Jahre im Rüsselsheimer Entwicklungszentrum tätig. GM-Vertriebschefin Susan Docherty übernimmt zusätzlich das Marketing, für das zuletzt der 77-jährige Bob Lutz zuständig war, der in Zukunft Whitacre berät.

Whitacre hat außerdem veranlasst, dass Nick Reilly auch nach der geplanten Sanierung den Posten des Vorstandsvorsitzenden von bei Opel Europe behält. Ursprünglich war Reilly als Übergangslösung gehandelt worden, bis ein neuer GM-Europa-Chef gefunden ist. "Was als mittelfristiges Engagement begann, wird nun zu seiner zentralen Aufgabe", erklärte der Konzern am vergangenen Freitag.

Klaus Franz, der Reilly bei seinem ersten gemeinsamen Auftritt vor zwei Wochen kaum angesehen und ihm nur widerwillig die Hand geschüttelt hatte, ist inzwischen voll des Lobes über den britischen Manager. Wenn es um die Zukunft von Opel gehe, hänge viel an der Person von Reilly, sagte Franz. "Er verkörpert für mich New GM."

Die Kehrtwende von Klaus Franz bei der Beurteilung der GM-Spitze ist nur oberflächlich betrachtet eine 180-Grad-Wende. Die neuen Töne von Franz gegenüber Whitacre, Reilly und Co. sind in Wirklichkeit nur folgerichtig. Die gesamte Politik des Betriebsrats und der IG Metall ist darauf ausgerichtet, die Gunst der jeweiligen Konzernspitze zu gewinnen und den Abbau von Arbeitsplätzen und Löhnen "mitzugestalten". Dabei spielen sie die Belegschaften der einzelnen Standorte gegeneinander aus.

Arbeitsplätze und Löhne können nur durch einen gemeinsamen Kampf aller GM-Arbeiter - in Deutschland, Europa und den USA - verteidigt werden. Das lehnen die Betriebsräte und Gewerkschaften in allen Ländern vehement ab. Kaum hat ihnen GM eine Zusammenarbeit in Aussicht gestellt, stehen sie Gewehr bei Fuß und sind bereit, neue Angriffe gegen die Opel-und GM-Belegschaften durchzusetzen.

Siehe auch:
GM spielt europäische Regierungen und Betriebsräte gegeneinander aus
(28. November 2009)
Zukunft Opels wieder offen
( 31. Oktober 2009)

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