75 Jahre seit dem Truckerstreik von Minneapolis

1. Teil

Von Ron Jorgenson
29. Dezember 2009

Wir veröffentlichen an dieser Stelle den ersten von vier Teilen einer Artikelserie über ein wichtiges Kapitel der amerikanischen Arbeiterbewegung, den Streik der Lastwagenfahrer in Minneapolis im Jahre 1934 und die ihm vorausgegangenen Kämpfe.

1934: Polizei setzt Tränengas gegen einen Aufmarsch Arbeitsloser vor der Stadthalle in Minneapolis (Minnesota) ein. 1934: Polizei setzt Tränengas gegen einen Aufmarsch Arbeitsloser vor der Stadthalle in Minneapolis (Minnesota) ein.

Am Morgen des 7. Februar 1934 verbreiteten die Arbeiter, die in Minneapolis Wohnungen und Geschäfte mit Kohlen versorgten, in der ganzen Stadt vervielfältigte Streikaufrufe und Pläne zur Stilllegung der 67 die Stadt mit Wärme versorgenden Unternehmen.

Ende Januar herrschte im für seine harten Winter bekannten oberen Mittelwesten außergewöhnlich warmes Wetter und die Nachfrage nach Kohle war daher gering. Am ersten Februar jedoch fielen die Temperaturen plötzlich unter Null. Am Tag darauf berief die Gruppe der Arbeiter, die den Kampf für bessere Arbeitsbedingungen, höhere Löhne und die Anerkennung ihrer Gewerkschaft leitete, eine Versammlung ein. Die verarmten, unorganisierten und von der Großen Depression am schärfsten betroffenen Kohlefahrer stimmten für den Streik.

Die Vorbereitungen für diesen Augenblick hatten in aller Stille bereits drei Jahre zuvor begonnen. Und jetzt hatten etwa 600 Arbeiter, LKW-Fahrer, ihre Helfer und die Arbeiter aus den Kohlehöfen, binnen dreier Stunden 65 Unternehmen zum Stillstand gebracht. Während einzelne LKW-Fahrer mit Hilfe der Polizei versuchten, die Streikpostenkette zu durchbrechen, behinderten die Streikenden mit "cruising pickets", d.h. kreuz und quer fahrenden Autos, die LKWs um sie anzuhalten.

Ein Streikfahrzeug musste dabei an den streikbrechenden Lastwagen so dicht heranfahren, dass ein Streikender auf das Trittbrett des attackierten LKW springen und versuchen konnte, die Handbremse im Fahrerhaus zu ziehen. Ein anderer Streikposten musste den Kipphebel umlegen, wodurch die Kohleladung auf die Straße fiel.

Der Streik traf die herrschenden Kreise in Minneapolis völlig unerwartet. Einer ihrer Vertreter sagte gegenüber dem regionalen Ausschuss für Arbeitsbeziehungen (RLB), dass es in "unserer Stadt einen unerwarteten Notfall" gebe, der "Leben und Sicherheit der Bevölkerung bedroht."

Die Kohlelager leerten sich zusehends und die Polizei sah sich nicht in der Lage, die Streikenden zu bezwingen. Noch zwei Monate zuvor hatte die Bürgerallianz - die Organisation der Unternehmer in Minneapolis - den Versuch der vereinigten Textilarbeiter (ACW), einen Streik zu organisieren, ohne Probleme vereitelt und anschließend einen Streik in sieben Möbelfabriken zerschlagen. [1]

Die Bürgerallianz stimmte in der Hoffnung, so den Kohlestreik zu verhindern, einer Lohnerhöhung zu. Zu Beginn des Streiks schlug die RLB vor, den Streik mit der Zusage der Wiedereinstellung aller Streikenden und der Wahl einer Vertretung zu beenden.

Die Gewerkschaft akzeptierte den Vorschlag der RLB und stimmte nach drei Streiktagen zu, an die Arbeit zurückzukehren. Sie ließ alle ihre Forderungen fallen, außer der, dass der Ortsverband der Gewerkschaft der Teamsters Local 574 seine Mitglieder in den Verhandlungen mit den Unternehmern vertreten solle. Aus dieser Forderung ergab sich, dass die nicht in der Gewerkschaft organisierten Arbeiter für sich selbst verhandeln konnten.

Seit 30 Jahren gehörte die Bürgerallianz zu den Teilen der amerikanischen herrschenden Klasse, die am entschlossensten gegen das Closed-Shop-System [alle Arbeiter eines Betriebes sind dabei Gewerkschaftsmitglieder] kämpfte. Sie hielt am Prinzip der Beschäftigung ohne Gewerkschaftszugehörigkeit [Open-Shop-System] fest und ging mit der Idee hausieren, jeder Arbeiter solle doch selbst mit seinem Unternehmer verhandeln.

Die Kohlehändler unterschrieben den Vorschlag der RLB und die Bürgerallianz instruierte ihre Mitgliedschaft, dass daraus keinesfalls folge, dass sie Verträge mit der Gewerkschaft unterzeichnen müsse. Man werde nicht vom bisherigen Open-Shop-System abgehen.

Als die RLB-Anstimmung am 14. Februar abgehalten wurde, stimmte kein Arbeiter für individuelle Verhandlungen mit den Kohlehändlern. Stattdessen fuhr Local 574 einen überwältigenden Sieg ein, da 700 Arbeiter dafür stimmten, von der Gewerkschaft vertreten zu werden.

Die Kohlehändler und die Bürgerallianz betrachteten die Entscheidung, den Vorschlag der RLB zu unterzeichnen, als befristet. Die Kohlelieferungen, ihrer Natur nach ein Saisongeschäft, würden im März oder Anfang April enden. Der neue Lohntarif würde die Unternehmen daher nur für kurze Zeit belasten. Die Bürgerallianz hätte viel Zeit, die Streikführer herauszufinden. Mit Wiederaufnahme der Lieferungen sollten diese "Bösewichte" auf Schwarze Listen gesetzt werden, die Löhne aufs frühere Niveau zurückgedrängt und das Open-Shop-System wieder in Kraft gesetzt werden.

Aber darauf warteten die Streikführer des Kohlestreiks nicht. Stattdessen beschleunigten sie die Organisationsbestrebungen im Transportgewerbe, was zu einem noch größeren Ausbruch des Klassenkampfes führte. Die gigantischen Mobilisierung und die unabhängige Initiative der Arbeiterklasse vom Sommer 1934 in Minneapolis waren beispiellos im Vergleich mit jedem davor liegenden Kampf des amerikanischen Proletariats.

Die objektive Ausgangslage dieser Ereignisse war die weltweite, als "Große Depression" bezeichnete Krise des Kapitalismus. 86 Prozent der produzierenden Unternehmen in Minnesota machten im Jahr 1932 Verluste. Zwischen 1929, dem Jahr des Börsenzusammenbruchs an der Wall Street, und 1933, dem Jahr, als Franklin D. Roosevelt die Banken für einen Tag schloss, stellten 25 Prozent der Unternehmen in Minneapolis ihre Geschäftstätigkeit ein und die Einzelhandelspreise der Waren fielen um 45 Prozent. Die Arbeitslosigkeit kletterte 1932 in Minnesota auf 23,4 Prozent und lag damit etwas unter dem nationalen Durchschnittswert. Die Löhne der Arbeiter von Minneapolis fielen um 27 Prozent und 45 Prozent der Arbeiter arbeiteten verkürzt unter 40 Stunden pro Woche. [2]

1934: Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise in Minneapolis/Minnesota. Arbeitslose ziehen zum Rathaus, um die Wiedereinstellung von entlassenen Mitarbeitern der öffentlichen Verwaltung zu fordern. 1934: Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise in Minneapolis/Minnesota. Arbeitslose ziehen zum Rathaus, um die Wiedereinstellung von entlassenen Mitarbeitern der öffentlichen Verwaltung zu fordern.

Die Arbeiter kamen zur damaligen Zeit nur über die Runden, indem sie die Güter des täglichen Lebens auf Abzahlung kauften. Ratenzahlungskredite wurden die zwanziger Jahre hindurch angeboten. Es wird geschätzt, dass die Höhe der privaten Verschuldung 1929 bei 69 Prozent des Bruttoinlandsproduktes lag. Als nun infolge der Großen Depression die Rückzahlung dieser Kredite durch die Arbeiter unmöglich wurde, implodierte das Schuldengebäude. [3]

Der 1933-1934 einsetzende schwache Aufschwung in Verbindung mit dem New Deal war ein Impuls für die Arbeiter, den Kampf zu beginnen.

Aber der politisch fortgeschrittene Charakter des Streiks von 1934 war nicht nur das Ergebnis dieser wirtschaftlichen Prozesse. In den Jahren 1933 und 1934 gab es eine merkliche Zunahme der Streiks, die aber meist mit Niederlagen endeten.

Dass in Minneapolis 1934 ein derart hohes Niveau des Klassenkampfes erreicht wurde, lag in der vorangegangenen Herausbildung einer revolutionären marxistischen Führung begründet. Und diese Frage war nicht ein rein amerikanische, sondern mit internationalen Prozessen verbunden, in deren Zentrum der prinzipielle Kampf Leo Trotzkis und der Linken Opposition gegen den Verrat der Russischen Revolution von 1917 durch den Stalinismus stand.

Viele Akademiker und "linke" kleinbürgerliche Kommentatoren bemühen sich, dies zu leugnen und schreiben den Erfolg des Streiks von 1934 in Minneapolis den syndikalistischen Traditionen in den USA zu. Sie betrachten die Streikführer einfach als gute Gewerkschafter, Organisatoren und Propagandisten gewerkschaftlicher Militanz.

Auch ein Biograph Franklin D. Roosevelts behauptet, ihre Rolle im Streik habe kaum etwas mit Marxismus zu tun gehabt. Die Führung sei stattdessen "radikal (trotzkistisch), durchsetzungsstark, furchtlos, durch und durch aufrichtig und bemerkenswert fähig" gewesen. Sie sei vor allem um "konkrete Vorteile für die von ihr repräsentierten Arbeiter" bemüht gewesen und "viel weniger um ideologische Reinheit". [4]

Warum hielt es dann aber Roosevelt am Vorabend des Zweiten Weltkrieges für unumgänglich eben diese Arbeiterführer vor Gericht zu stellen und ins Gefängnis zu stecken? Darüber schweigt der Biograph.

Die Führer von Local 574 Die Führer von Local 574 von links nach rechts: Grant Dunne, Bill Brown, Miles Dunne, und Vincent Dunne nach ihrer Entlassung aus dem Militärgewahrsam 1934. Ganz rechts Albert Goldman, der Anwalt der Communist League of America.

Es stimmt, dass die Führer der Kohlearbeiter im Zentrum des Kampfes - Carl Skoglund und die drei Dunne-Brüder (Vincent, Miles und Grant) - im oberen Mittelwesten über große gewerkschaftliche Erfahrungen verfügten. Hatten sie sich doch schon an Organisationen wie den Industrial Workers of the World (IWW) beteiligt. Aber das allein erklärt nicht die Ereignisse von 1934.

Sie hatten als Mitglieder der amerikanischen trotzkistischen Bewegung, der Communist League of America, ein hohes politisches Klassenbewusstsein und somit unerschütterlisches Vertrauen in die Stärke und das revolutionäre Potential der amerikanischen Arbeiterklasse.

Neben den Organisationsproblemen und den täglichen Aufgaben des Streiks von 1934 - die an sich schon enorm waren - bestand das eigentlich Neue für die Arbeiter darin, dass sie mit der Bürgerallianz und dem kapitalistischen Staat in all seinen Formen konfrontiert waren. Regierungsbeamte, Polizei, Nationalgarde, Abgeordnete, Schlichter und die Presse standen ihnen gegenüber. Neu war auch, dass sie mit dem Streikbruch durch die Gewerkschaftsführer der Teamsters und mit den Provokationen der stalinistischen Kommunistischen Partei zurechtkommen mussten.

Und schließlich gab es das Problem, die Unabhängigkeit der Arbeiter gegenüber der Bauern- und Arbeiterpartei Minnesotas (FLP) und dem ihr angehörigen Gouverneur des Bundesstaates, Floyd B. Olson, zu wahren. Viele "Linke" stellen die FLP als eine Kraft dar, die den Sieg im Trucker-Streik ermöglichte. Die Wirklichkeit sah ganz anders aus. Wieder und wieder warnten die trotzkistischen Führer, die Arbeiter von Minneapolis könnten sich nicht auf Olson verlassen, sondern nur auf ihre eigene Stärke, ihre Macht als Klasse.

Die Bürgerallianz

Das nahe der Einmündung des Minnesota in den Mississippi gelegene Minneapolis begann im 19. Jahrhundert von der Holzindustrie des Staates zu profitieren. Sägemühlen wurden mit der Wasserkraft der St.-Anthony-Fälle betrieben und später waren es gigantische Getreidespeicher, mit denen die Vermögen gemacht wurden, die mit Namen wie Pillsbury verknüpft sind. Als die Bahnstrecken des Eisenbahnbarons James J. Hill von Minneapolis und St. Paul bis zum Pazifik führten, wuchs die Stadt weiter, weil der gesamte Handel des Nordwestens der USA durch die Großmärkte, Fabriken und Mühlen der Stadt gebündelt wurde.

Die Mühlenbesitzer der Stadt behaupteten durch die Kontrolle über Hunderte Getreidespeicher in der Region eine Monopolstellung. Auf den lokalen Getreidemärkten schröpften sie mit Preisdiktaten und umfangreichen Betrügereien die Farmer Minnesotas und Dakotas. Verträge zur Versorgung der Zentren der industriellen Revolution in England und Europa machten die Stadt zum Zentrum der Getreidemühlenindustrie der Welt.

Das Wachsen des Kapitals führte aber auch zum Wachsen der Arbeiterschaft. Von 1901 bis 1902 verdoppelte sich die Zahl der von der American Federation of Labor (AFL) organisierten Streiks. 1903 wurden die Getreidemühlen der Stadt einen Monat lang bestreikt. Die AFL Minnesotas verlangte den Achtstundentag, die Nationalisierung der Energieversorger, Eisenbahnen und Bergwerke und "das gemeinsame Eigentum der Menschen an allen Mitteln der Produktion und Verteilung..." [5]

David Parry, Präsident der National Association of Manufacturers (NAM), einem amerikanischen Unternehmerverband, hielt 1903 eine Ansprache vor der versammelten Elite von Minneapolis. Er sagte, das Closed-Shop-System sei "eine Theorie der Machtausübung, zu der jene, die die amerikanische Freiheit und die amerikanische Zivilisation verstehen und zu schätzen wissen, niemals freiwillig ihre Zustimmung geben werden... Ich glaube, wir sollten gegen die Wurzel des Problems vorzugehen, d.h. die weit verbreiteten sozialistischen Stimmungen in bestimmten Klassen des Volkes." [6]

Da waren die Kapitalisten in Minneapolis bereits aktiv geworden. Im selben Jahr hatten sie eine Dachorganisation gegründet, die Bürgerallianz, deren ausdrücklicher Zweck es war, das Closed-Shop-System zu verhindern. Die Bürgerallianz war das Zentrum, um das in den nächsten 30 Jahren zur Durchführung der verschiedensten Aufgaben zahllose untergeordnete Organisationen gruppiert wurden.

Die Bürgerallianz setzte Detektivbüros ein, um die Arbeiter zu beobachten und auszuspionieren. Ein zentralisiertes Büro für Arbeit erfasste in umfangreichen Dateien die Arbeitsplatzwechsel der Arbeiter und war dadurch in der Lage, eine effektive Schwarze Liste zu erstellen. Es gab Fälle, dass Arbeiter nur einen Job bekamen, wenn sie zustimmten, als Informant zu arbeiten. Wenn Kämpfe ausbrachen, standen der Bürgerallianz private Schlägertrupps, die Polizei, gerichtliche Verfügungen und die Gefängnisse zur Verfügung. Umfangreiche Mittel wurden bereitgestellt, um von Streiks betroffenen Unternehmen zu ermöglichen, diese durchzustehen.

Die Bürgerallianz nutzte ihre wirtschaftliche Macht auch, um jedes Unternehmen zu vernichten, das einen Tarifvertrag unterzeichnete. Zeitungen, die die leiseste liberale Tendenz gegenüber der Arbeiterbewegung erkennen ließen, sahen sich fortan durch ihre Abonnenten boykottiert.

Berufsschulen wurden nicht einfach eingerichtet um die Fähigkeiten der Jugend zu erweitern, sondern zur Bildung eines Reservoirs jederzeit zur Verfügung stehender Streikbrecher. Die Berufsschüler wurden antigewerkschaftlich indoktriniert und zum Respekt gegenüber dem Management erzogen. Im Schulungsmaterial einer solchen Berufsschule konnten die Schüler lesen: "Dein Unternehmer ist Dein Vorgesetzter und ihm steht Dein Respekt mehr zu, als Dir seiner." [7]

Die Streiks von 1916

1914 war die Zahl der Unternehmen mit Gewerkschaftsvertretung in Minneapolis gegenüber 1905 nur um vier gestiegen. Von 1914 bis 1916 bereicherten sich die Unternehmer von Minneapolis am Ersten Weltkrieg, während sie in derselben Zeit nur mit drei Streiks konfrontiert wurden.

Aber im Jahr 1916 kam es zu einer Veränderung. Im Norden des Landes führte die Organisation Industrial Workers of the World (IWW) Streiks von etwa 15.000 Bergarbeitern. Zugleich erhoben sich Tausende Holzfäller. In der mit der IWW verbundenen Landarbeiterorganisation waren etwa 20.000 Landarbeiter organisiert, auf die etwa fünfzig Prozent der einzubringenden Ernte entfielen.

In Minneapolis erkannte die Gewerkschaft der Maschinenbauer die Vergeblichkeit ihres isolierten Kampfes gegen die Bürgerallianz und versuchte daher die Arbeiter der größten Unternehmen, Landwirtschaftsausrüster und Munitionsfabriken, zu organisieren. Sie dehnte den Streik aus, indem sie zeitweilig mit der Tradition der gewerkschaftlichen Organisation nach Berufsgruppen brach und Arbeiter aller anderen Gewerke organisierte.

Unmittelbar auf den Streik der Maschinenbauer folgte das Bemühen der Teamsters, 1200 Transportarbeiter in 150 Unternehmen zu organisieren. Die Bürgerallianz antwortete mit einer Aussperrung, während gleichzeitig Privatdetektive Arbeiter verprügelten und mit Schusswaffen bedrohten. Die Teamsters konterten mit einer Massendemonstration und dem Generalstreik aller Transportarbeiter. Der Bürgermeister setzte auf Geheiß der Bürgerallianz die Polizei ein, um die Aktionen der Arbeiter zu bekämpfen und Festnahmen vorzunehmen.

Der Einsatz der Polizei schockierte breite Schichten der Bevölkerung und diese Stimmung brachte Thomas Van Lear, dem Bürgermeisterkandidaten der Sozialisten und Führer der Gewerkschaft der Maschinenbauer, den Wahlsieg. Aber alle Streiks wurden letztlich niedergeschlagen. Die Bürgerallianz wich Problemen mit dem "sozialistischen" Polizeichef Van Lear aus, indem sie sich auf die Polizeibeamten von Hennepin County stützte. Das reformistische Programm der Sozialistischen Partei wurde von der Mehrheit der Bürgerallianz im Stadtrat blockiert.

Das Jahr 1917

Zwei Ereignisse des Jahres 1917 berührten Minnesota und das ganze Land grundlegend: Die Russische Revolution und der Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg. Die Machtergreifung der russischen Arbeiter unter der Führung Lenins und Trotzkis polarisierte die Sozialistische Partei in einen reformistischen und einen revolutionären Flügel, der letztendlich die Kommunistische Partei gründete.

In Minneapolis wurde Van Lear aus der Sozialistischen Partei ausgeschlossen und trat 1918 vergeblich als Kandidat einer neuen, von reformistischen Führern gegründeten Partei, der Non-Partisan - League, an. Diese neue Partei erklärte sich als "hundertprozentig amerikanisch" und unterstützte die Politik Präsident Woodrow Wilsons.

Die Bürgerallianz nutzte das politische Klima der Kriegszeit, um ihre Angriffe auf die Arbeiterschaft und andere Gegner zu verstärken, indem sie die Minnesota Commission of Public Safety [Komitee für öffentliche Sicherheit] bildete. Ihre Ausrichtung wird aus einer ihrer öffentlichen Publikationen erkennbar, in der es heißt: "Unter der Anspannung des Krieges muss die Regierungsform mehr oder weniger autokratisch werden."

Ein Mitglied der Bürgerallianz, das zu den Gründervätern des Komitees gehörte, erklärte, "Landesverrat wird in dieser Stadt kein Thema sein und die Straßenagitatoren, die die Regierung und die Armee anklagen, die Revolution befürworten, vor der Einberufung warnen, werden irgendwo in der Prärie durch die Zäune eines Internierungslagers sehen." [8]

Die Bürgerrechte wurden ausgesetzt. Das Komitee für öffentliche Sicherheit warf zur Einschüchterung jene ins Gefängnis oder aus ihrem Amt, die gegen den Krieg auftraten. Demonstrationen wurden verboten. Die Büros und Zeitungen von Gewerkschaften und Bauernvereinigungen wurden überfallen oder geschlossen. Hunderte Agenten führten Zehntausende nächtliche Razzien und Verhaftungen durch und leiteten Ermittlungsverfahren ein.

1917: Civilian Auxiliary, paramilitärische Miliz, geführt von 1917: Civilian Auxiliary, paramilitärische Miliz, geführt von "men of means"

Der Staat gründete die Minnesota Home Guard (Bürgerwehr), elf von gut situierten Männern geführte und unter Kontrolle des Gouverneurs stehende Bataillone, um sie gegen Arbeiter und Demonstrationen einzusetzen. Die Bürgerallianz nutzte die Gelegenheit, um die Minneapolis Civilian Auxiliary, eine paramilitärische Miliz, zu organisieren. Als es in Minneapolis und St. Paul zu einem Straßenbahnerstreik kam, wurden Home Guard und Civilian Auxiliary zur Niederschlagung der Streikenden eingesetzt.

Die Nachkriegsperiode und die Entstehung der Bauern- und Arbeiterpartei

In der Nachkriegsperiode strebte die Bürgerallianz nachdrücklicher danach, verbündete Gruppen in anderen Städten zu gründen und sich über den ganzen Staat Minnesota auszubreiten. Dies begünstigte ihre Bemühungen, die gesetzgebenden Organe des Staates zur Verabschiedung von Gesetzen zu drängen.

Während der Streikwelle nach dem Krieg war die Bürgerallianz nicht nur entschlossen, in der Frage des Closed-Shop-Systems nicht nachzugeben, sondern sogar offensiv auf die Abschaffung von Arbeitsschutzgesetzen hinzuwirken und die Errungenschaften der AFL zurückzunehmen, darunter auch im Baugewerbe. Bald waren zwei Drittel aller Baustellen in St. Paul nicht mehr gewerkschaftlich organisiert. Die Bürgerallianz schränkte Streikposten mit richterlichem Beschluss nicht nur ein, sondern verbot sie ganz.

Wenn sie auf die Zeit des Kriegsterrors und andere Erfahrungen zurückschauten wurde vielen Arbeitern und Bauern Minnesotas klar, dass das Komitee für öffentliche Sicherheit ein Kind beider Parteien, der Demokraten und Republikaner, war.

Oppositionspolitiker initiierten eine neue Bewegung in Minnesota, den Unabhängigen Bund (NPL, Nonpartisan League). Der NPL hatte seinen Ursprung in Nord-Dakota, wo die Agitation der Sozialistischen Partei unter den Bauern ein Echo fand, die sich von den Eisenbahngesellschaften, Getreidemühlen, Banken und beim Getreidehandel betrogen fühlten.

Die Partei verlieh diesen Bauern einen unabhängigen Status als "Nichtmitglieder". In einem Staat, wo drei Viertel der Bevölkerung auf dem Lande lebten, wuchs diese Fraktion rapide und trat in Konkurrenz zur "orthodoxen" Fraktion.

Aus Furcht vor ihrer zunehmenden Zahl trennte sich die Sozialistische Partei von diesen beitragszahlenden Unabhängigen. Aber die Organisation arbeitete als NPL weiter. Sie verfolgte ein reformistisches Programm, das die Einrichtung staatlicher Speicher und die Schaffung eines landwirtschaftlichen Kreditsystems zur Unterstützung der Farmer beinhaltete. Ihre Taktik bestand darin, Kandidaten in die Vorwahlen der Republikaner zu schicken. Das Ergebnis war 1916 ein erdrutschartiger Wahlsieg im Repräsentantenhaus des Bundesstaates. 1918 übernahm die NPL auch den Senat.

Die NPL dehnte sich nach Minnesota aus, wo sie bei vielen Farmern Anklang fand. Aber Minnesota war sozial vielschichtiger als Dakota. Zwar war ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung Bauern, aber die NPL konnte hier nicht erfolgreich sein, wenn sie die städtische Arbeiterklasse in Minneapolis, St. Paul und Duluth, die Arbeiter in den Eisenbergwerken und andere Arbeiter im ganzen Land ignorierte - wie beispielsweise die der Holzindustrie. Daher bildete die AFL eine eigene unabhängige Organisation und arbeitete mit der NPL zusammen.

Die Republikaner waren aber nicht bereit, der Übernahme ihrer Partei durch die NPL wie in Nord-Dakota zuzusehen. Letzten Endes waren NPL und AFL gezwungen, mit eigenen Kandidaten und dem Slogan "Bauern und Arbeiter" in die Wahlen von 1920 zu gehen, und sie schnitten dabei recht gut ab. 1922 und 1923 eroberten sie die beiden Sitze des Bundesstaates im US-Senat. Aber die Bürgerallianz und die Republikaner dominierten weiterhin die Politik im Bundesstaat. Die Demokraten waren in der Wahl von 1922 auf 10 Prozent Stimmenanteil gefallen und durch die Bauern- und Arbeiterpartei (FLP) verdrängt worden.

Die FLP war, obwohl sie tatsächlich eine treue Anhängerschaft unter Arbeitern und Bauern hinter sich hatte, im Wesen eine reformistische Partei, die von Vertretern der Mittelklasse durchsetzt war, die auch die Funktionäre und den Vorstand stellten. So beispielsweise der ehemalige Bezirksstaatsanwalt Hennepins, Floyd B. Olson, der zunächst versucht hatte, als Demokrat in die Politik zu kommen und ab 1930 erster FLP-Gouverneur war. Elmer Benson, der zweite FLP-Gouverneur Minnesotas, war Banker.

Um 1923 herum kamen Gewerkschaftsführer wie das Mitglied der Sozialistischen Partei, William Mahoney, auf den Gedanken, die Beteiligung einiger Mitglieder der Kommunistischen Partei könne ihr Gewicht in der Bauern- und Arbeiterpartei erhöhen. Andere, wie der Herausgeber des Labor Review der AFL in Minneapolis, Robley Cramer, vertraten folgende Haltung hinsichtlich der Kommunistischen Partei: "Sie sind gute Arbeiter, nicht sehr zahlreich und eine ziemlich dynamische Kraft... sie können Euch sehr helfen, wenn ihr sie bei Euch habt und sie können eine Menge Ärger machen, wenn ihr sie draußen haltet." [9]

Die Kommunistische Partei verfolgte hinsichtlich der Bauern- und Arbeiterpartei eine verheerende opportunistische Politik. Sie verstand nicht die Notwendigkeit der führenden Rolle der Arbeiterklasse, für die die Bolschewiki 1917 in der Oktoberrevolution kämpften, als sie die Bauernschaft hinter der Arbeiterklasse mobilisierten, und für die Bildung einer Arbeiterregierung mobilisierten.

Einigen in der Kommunistischen Partei (KP) wurde die Frage 1928 klar. Das Bündnis der AFL und Teilen der Sozialistischer Partei mit Mitgliedern der KP war nur kurzlebig, da die Reformisten unter schärfere und gezieltere Angriffe des konservativen Flügels der FLP gerieten, die letztlich zum Bruch und zum Ausschluss der KP-Mitglieder führten.

Wird fortgesetzt

Anmerkungen

1. William Millikan, A Union Against Unions: The Minneapolis Citizens Alliance and Its Fight Against Organized Labor, 1903-1947 (Minnesota Historical Society Press, 2001), S. 268.

2. Millikan, S. 249-50.

3. Everett Luoma, The Farmer Takes a Holiday: The Story of the National Farmers’ Holiday Association and the Farmers’ Strike of 1932-1933 (Exposition Press, 1967) S. 25.

4. Kenneth Davis, FDR: The New Deal Years 1933-1937 (Random House, 1986), S. 326-27.

5. Millikan, S. 5-6.

6. Millikan, S. 30

7. Millikan, S. 69

8. Millikan, S. 103

9. Millard Gieske, Minnesota Farmer-Laborism: The Third-Party Alternative (University of Minnesota Press, 1979), S. 83-84.

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