Großbritannien unterstützt US-Aggression im Jemen

Von Ann Talbot
7. Januar 2010

Erneut ist die britische herrschende Klasse die erste, die sich voll hinter die jüngste militärische Provokation Washingtons stellt. Nach ihrer Beteiligung an den Aggressionskriegen gegen Afghanistan und den Irak und nach ihrer Unterstützung für Angriffe in Pakistan schließt sich Großbritannien auch den Drohungen gegen den Jemen an.

Washington ist entschlossen, den gescheiterten Anschlagsversuch auf den Northwest-Flug 253 nach Detroit am Weihnachtstag zum Vorwand für eine weitergehende Intervention in diesem verarmten Land zu nehmen. Weil dem nigerianischen Studenten Umar Farouk Abdulmutallab Verbindungen zu al-Qaida-Elementen im Jemen nachgesagt werden, hat Präsident Barack Obama erklärt, er werde "alle Elemente amerikanischer Macht" gegen das Land einsetzen. Spezifische militärische Ziele sollen bereits ausgewählt werden.

Premierminister Gordon Brown reagierte auf diese kriegerische Haltung der USA äußerst eilfertig. Er ordnete umgehend den Einsatz von Körperscannern auf britischen Flughäfen an, obwohl Europa der Meinung ist, dass diese Geräte die Menschenwürde verletzen.

Weiter kündigte Brown für Ende des Monats ein internationales Treffen in London an, auf dem das Thema Jemen zur Sprache kommen soll. Er erklärte, Großbritannien werde an einem gemeinsamen amerikanisch-britischen Antiterrorprogramm im Jemen teilnehmen. Das Treffen soll parallel zu einer geplanten Afghanistan-Konferenz stattfinden, auf der es darum gehen wird, die europäischen Länder stärker an der blutigen amerikanischen Besatzung zu beteiligen.

Obwohl der Anschlag auf ein Passagierflugzeug nach wie vor ernste Fragen aufwirft, will der Premierminister Washingtons Drohungen gegen den Jemen unterstützen. Eine wichtige, unbeantwortete Frage lautet zum Beispiel, wie Abdulmutallab an Bord des Flugzeugs gelangen konnte, obwohl er auf einer Beobachtungsliste stand und sein Vater ihn den nigerianischen und amerikanischen Behörden als potentiellen Terroristen gemeldet hatte.

Browns Reaktion bestätigt, dass er als Nachfolger Tony Blairs dessen Politik praktisch unverändert fortsetzt. Das Vereinigte Königreich handelt weiterhin als verlängerter Arm der CIA in Langley, Virginia, und des Weißen Hauses.

Es geht dabei um mehr als um die Positionierung Browns vor der bevorstehenden Unterhauswahl. Auch gibt Brown nicht einfach den Forderungen des mächtigeren Verbündeten nach. Browns hektische Ankündigungen haben vor allem klar gemacht, wie tief Großbritannien und die USA schon heute im Jemen verstrickt sind.

Zuerst behauptete der Premierminister, er habe nach einem persönlichen Telefongespräch mit Obama entschieden, an einem gemeinsamen Antiterrorprogramm mit Washington teilzunehmen. In einem Interview am Sonntag mit Andrew Marr von der BBC gab Brown zu, dass die Operation schon längst im Gange sei. "Die Wahrheit ist, dass das schon eine ganze Weile läuft", gab er zu.

Auf die Frage nach dem gemeinsamen Programm erklärte ein ungenannter Washingtoner Beamter der Associated Press, es gebe keine neue Initiative. Amerikanische und britische Truppen unterstützten die jemenitischen Sicherheitskräfte schon jetzt bei "Antiterroroperationen". US-Senator Joseph Lieberman, Vorsitzender des Heimatschutzausschusses des Senats, wurde im britischen Telegraph mit den Worten zitiert: "Wir sind dort jetzt schon mit Sondereinheiten, Green Berets und Geheimdiensten präsent. Das müssen wir auch."

Browns Eingeständnis bedeutet, dass es neben den amerikanischen auch britische Sondereinheiten im Jemen gibt.

Nur Tage vor dem gescheiterten Anschlag auf das Flugzeug war bekannt geworden, dass Obama persönlich den Befehl für amerikanische Luftschläge auf das Dorf al Maajala im Jemen gegeben hatte. Die Schläge vom 17. Dezember, bei denen etwa 120 Menschen starben, waren offensichtlich mit der von den USA unterstützen Diktatur des jemenitischen Präsidenten Ali Abdallah Saleh abgesprochen.

Bei dem "Krieg von morgen" will Brown ebenso wenig wie Blair außen vor bleiben. Es mag erstaunlich klingen, dass Großbritannien, das tiefer in Schulden verstrickt ist als jedes andere entwickelte Land, und dessen Militär schon jetzt überbeansprucht ist, sich in einen weiteren Krieg stürzt. Aber seine herrschende Elite hat keine andere Wahl, als den USA zu folgen. Gerade seine verzweifelte Wirtschafts- und Finanzlage treibt Großbritannien zu neuen militärischen Abenteuern.

Großbritannien bringt einige hoch relevante Erfahrungen mit in den Jemen. Unter der Labour-Regierung von Harold Wilson führte es auf einem Teil des Territoriums, das später der Jemen wurde, einen seiner letzten Kolonialkriege. Und es war ein brutaler Krieg.

BBC-Korrespondent Brian Barron, der über den " Notfall Aden " berichtete, erinnerte sich: "An einem nebligen Morgen im Crater District [dem arabischen Bezirk der Hafenstadt Aden] traf ich Oberst Colin Mitchell, der wegen seines bedenkenlosen Vorgehens in den Medien als Mad Mitch bekannt war. Er leitete eine Gruppe Soldaten, die Leichen von sechs Arabern auf dem Bürgersteig aufschichteten, als wäre es eine Metzgerlieferung. Sie waren erschossen worden, als sie versuchten, eine Patrouille aus dem Hinterhalt zu beschießen. ’Das war wie Entenschießen’, sagte der Oberst. ’Hier eine Salve, da eine Salve. Die Sache war in Sekunden vorbei’."

Diese gleichgültige Haltung gegenüber kolonialer Brutalität war für die britische Besetzung typisch. Was Obama und Brown heute als "gescheiterten Staat" bezeichnen, ist weitgehend das Produkt dieser kolonialen Geschichte.

Die Beteiligung Großbritanniens ist auch von der geostrategischen Bedeutung des Jemen diktiert. Aden ist ein wertvoller Tiefseehafen und liegt direkt an der wichtigsten Schifffahrtsstraße der Welt, die den Fernen Osten mit Europa und Amerika verbindet. Die Stadt kontrolliert den Zugang zum Roten Meer und zum Suezkanal. Deswegen war sie für die Briten so wichtig, und deswegen wollten die USA mithilfe ihres Stellvertreters in der Region, Saudi-Arabiens, unbedingt die Kontrolle über den Jemen halten, als sich Großbritannien 1967 schließlich zurückziehen musste.

Von 1962 bis 1970 half Saudi-Arabien königstreuen Kräften gegen die Republik Jemen, als diese im nordjemenitischen Bürgerkrieg von Ägypten und der Sowjetunion unterstützt wurde. Nach dem Rückzug Großbritanniens verbündete sich der Südjemen mit der Sowjetunion. Erst 1990 kam es zur Vereinigung des Jemen.

Als sich der Jemen Anfang 1991 weigerte, den ersten Golfkrieg zu unterstützen, wies Saudi-Arabien eine Million jemenitischer Arbeiter aus dem Land, was die Armut und die Instabilität im Jemen noch verstärkte. Das Erbe des Kolonialismus und die Konflikte des Kalten Krieges haben den Jemen zum ärmsten arabischen Staat gemacht, obwohl er über einen der besten Häfen der Welt verfügt. Der größte Teil der Bevölkerung von 25 Millionen muss von weniger als zwei Dollar am Tag leben.

Das wirkliche Ziel der USA und Großbritanniens ist nicht al-Qaida, sondern die jeminitische Zivilbevölkerung. Der Einsatz der Luftwaffe gegen Zivilisten ist die moderne Version der britischen Taktik, die Dörfer von rebellierenden Stämmen zu bombardieren. Dieser Staatsterror hat eine neue Zerstörungskraft erreicht, aber der Zweck ist auffällig ähnlich. Das Ziel der USA besteht darin, ihre Kolonialmacht auf diese strategische Region auszuweiten. Großbritannien als ehemalige Kolonialmacht ist entschlossen, sich seinen Teil an der Beute zu sichern.

Die Eröffnung einer neuen Front im so genannten "Krieg gegen den Terror" wird unkalkulierbare Folgen haben. Brown erklärte ausdrücklich, dass Großbritannien dem Jemen beim Aufbau einer Küstenwache helfen werde. Im Oktober hatte die jemenitische Küstenwache ein iranisches Schiff aufgebracht, das angeblich Waffen für die Houthi-Rebellen im Norden des Landes transportierte. Angesichts der Bedeutung des Golfs von Aden für die Weltschifffahrt hat eine solche Seepolitik explosive globale Bedeutung. Die Aussicht auf ein Vorgehen des Jemen gegen Handelsschiffe mit britischer und amerikanischer Unterstützung kann zu unabsehbaren internationalen Konflikten führen.

Siehe auch:
Britische Dokumente belegen Details der Vorbereitungen auf Irakkrieg
(28. November 2009)

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