DIW-Studie zeigt hohen Anstieg der Armut in Deutschland

Von Elisabeth Zimmermann
23. Februar 2010

Armut und Armutsrisiko sind in Deutschland in den letzten Jahren stark gestiegen. Das zeigt eine am 17. Februar 2010 veröffentlichte Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Nach den vom DIW zugrunde gelegten Kriterien lebten im Jahr 2008 gut 14 Prozent der Gesamtbevölkerung, das ist jeder siebte Einwohner, in Armut oder war von Armut bedroht.

1999 hatte die Quote der armen Menschen noch bei 10,3 Prozent gelegen. Damit ist die Armut in zehn Jahren um rund ein Drittel gestiegen, wobei das Jahr 2009 noch gar nicht berücksichtigt ist. Aufgrund der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise verloren im vergangenen Jahr zahlreiche Menschen ihre Arbeitsplätze oder waren durch monatelange Kurzarbeit von starken Einkommenseinbußen betroffen.

Die DIW-Studie legt die Vorgabe der Europäischen Kommission zugrunde, wonach als arm gilt, wer weniger als 60 Prozent des so genannten Medianeinkommens (mittleren Einkommens) im jeweiligen Land zur Verfügung hat. Es erhebt dazu jährliche Daten im Rahmen des Sozioökonomischen Panels (SOEP), einer repräsentativen Wiederholungsbefragung privater Haushalte.

Kinder und Jugendliche sind besonders stark von Armut betroffen. Jeder vierte junge Erwachsene im Alter von 19 bis 25 Jahren lebt unterhalb der Armutsschwelle. Diese Gruppe weist - mit mehr als sechs Prozentpunkten - auch den absolut stärksten Zuwachs des Armutsrisikos in den vergangenen zehn Jahren auf.

Die DIW-Studie gibt dafür im Wesentlichen drei Gründe an: Längere Dauer der Ausbildung und Zunahme des Anteils der Hochschulabsolventen, was den Einstieg ins Berufsleben verzögert; schlecht bezahlte Praktika oder andere unsichere Arbeitsverhältnisse (zeitlich befristet, niedrig bezahlt) für viele Berufsanfänger; und der Trend, früher das Elternhaus zu verlassen und damit für eine eigene Haushaltsführung verantwortlich zu sein.

Zu dem letzten Punkt vermerkt die Studie, aufgrund des Trends zur früheren Abspaltung vom elterlichen Haushalt fänden sich innerhalb der Gruppe der jungen Erwachsenen "zunehmend Ein-Personen- und Alleinerziehenden-Haushalte. Deren Bevölkerungsanteil hat gegenüber 1998 um gut sieben Prozentpunkte zugenommen. Die Armutsquote unter allein lebenden jungen Erwachsenen lag 2008 bei über 65 Prozent."

Überdurchschnittlich von Armut bedroht sind auch Alleinerziehende mit Kindern (40 Prozent) sowie Familien mit mehr als zwei Kindern. Für Familien mit drei Kindern liegt das Armutsrisiko bei 22 Prozent, mit vier und mehr Kindern bei 36 Prozent. Haushalte von Alleinerziehenden mit Kindern unter drei Jahren waren sogar zu 50 Prozent von Armut betroffen.

In einem der Studie beigefügten Interview nennt der Mitverfasser Joachim R. Frick die hohe Arbeitslosigkeit als Hauptgrund für den starken Anstieg der Armut und ergänzt: "Gleichwohl sehen wir in den letzten Jahren auch für Personen mit Erwerbstätigkeit ein zunehmendes Armutsrisiko. Das hat wohl auch mit der Ausbildung des Niedriglohnsektors und der Zunahme prekärer Beschäftigungsverhältnisse zu tun."

Auch die im Vergleich zu Westdeutschland (13 Prozent) höhere Armutsquote in Ostdeutschland (19 Prozent) ist vor allem auf die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit zurückzuführen. Ebenso seien die Chancen, alternative Einkommensquellen (zum Beispiel Kapitalerträge) zur Deckung des Lebensbedarfs heranzuziehen, im Osten viel geringer, heißt es in der DIW-Studie.

Migranten aus Nicht-EU-Ländern sind ebenfalls von einem deutlich höheren Armutsrisiko betroffen. Der Abstand hat in letzter Zeit weiter zugenommen.

Die Verfasser der DIW-Studie äußern zwar keine offene Kritik an den Hartz-Gesetzen, sie weisen aber darauf hin, dass sich mit der Ausweitung des Niedriglohnsektors - einer gewollten Folge von Hartz IV - auch die Chancen, mit einer Arbeitsaufnahme der Armut zu entfliehen, weiter verringert haben. Dazu heißt es in der Studie: "Haushalte mit geringer Arbeitsintensität (mit weniger als der Hälfte der potentiellen Erwerbszeit) haben sich im Hinblick auf das Armutsrisiko im Lauf der Zeit immer mehr den Haushalten ohne jegliche Erwerbstätigkeit angenähert."

Die von der rot-grünen Regierung unter Gerhard Schröder (SPD) eingeführten Hartz-Gesetze haben mit ihren vielen Restriktionen und Sanktionsmaßnahmen gegen Arbeitslose zu einem explosionsartigen Anwachsen des Niedriglohnsektors geführt und tragen die Hauptverantwortung für den hohen Anstieg der Armut. Bereits letztes Jahr waren etwa 6,5 Millionen Menschen im Niedriglohnsektor beschäftigt, mit steigender Tendenz. Die Große Koalition unter Angela Merkel (CDU) hat diesen Kurs fortgeführt und mit der Erhöhung des Rentenalters von 65 auf 67 Jahre dafür gesorgt, dass sich in den nächsten Jahren auch die Altersarmut wieder erhöhen wird.

Während den Banken Hunderte Milliarden Euro zur Verfügung gestellt wurden, um sie vor der durch sie selbst verantworteten Krise und dem drohenden Zusammenbruch des internationalen Finanzsystems zu retten, hat die Verankerung der so genannten Schuldenbremse im Grundgesetz die Voraussetzungen dafür geschaffen, die große Mehrheit der Bevölkerung für die riesigen staatlichen Schulden bezahlen zu lassen.

Mit der von Vizekanzler Guido Westerwelle angefachten Hetzkampagne gegen Arbeitslose und Hartz-IV-Empfänger werden noch viel weiter gehende Angriffe auf die Arbeiterklasse vorbereitet. Die in Planung befindlichen Kürzungen bei allen sozialen Leistungen und der Arbeitslosenunterstützung und der absehbare Anstieg der Arbeitslosigkeit werden zu einem weiteren rasanten Anstieg der Armut führen.

Siehe auch:
Westerwelle bereitet neue Angriffe auf Arbeitslose vor
(17. Feburar 2010)
Fünf Jahre Hartz IV: Der Niedriglohnsektor breitet sich aus
( 30. Dezember 2009)