Trotz politischer Desorientierung Anzeichen für Radikalisierung in Japan

Von John Chan
20. Februar 2010

Auf Grund schlechter Zukunftsaussichten und der immer tieferen Kluft zwischen Arm und Reich zeichnet sich auf dem Hintergrund der schlimmsten Weltwirtschaftskrise seit den 1930er Jahren eine zunehmende Radikalisierung der Jugend in Japan ab.

Eine erneute Belebung der Kommunistischen Partei Japans (KPJ) und wachsendes Interesse an der "proletarischen" Novelle Kanikosen (Krabbenfänger) weisen auf eine trotz aller Konfusion tief empfundene Ablehnung des Kapitalismus und der gegenwärtigen Zustände in der japanischen Gesellschaft hin.

Der britische Telegraph verwies letzten Monat auf eine auffällige Zunahme der Mitgliedschaft der KPJ von 375.000 im Jahr 2000 auf jetzt 415.000. Seit September 2007 wuchs die Partei monatlich um 1.000 neue Mitglieder, vor allem junge Menschen zwischen zwanzig und vierzig.

Obwohl die KPJ nur neun von 480 Sitzen im Repräsentantenhaus, und sieben von 242 Sitzen im Oberhaus innehat, ist sie auf lokaler Ebene mit 3.089 Vertretern in verschiedenen lokalen Vertretungsorganen größte Oppositionspartei. Sie hat die zweithöchsten Einnahmen - 2007 lag die Partei mit 57,7 Milliarden Yen an zweiter Stelle hinter der regierenden Liberaldemokratischen Partei (LDP), die 68,2 Milliarden Yen aufbrachte.

Die KPJ erklärt ihre wachsende Mitgliederzahl mit dem neu erwachten Interesse junger Menschen an dem erstmalig 1929 veröffentlichten Roman Kanikosen. Er handelt von der erbarmungslosen Ausbeutung der Arbeiter auf einem Krabbenfänger. Der Wendepunkt der Geschichte ist der Verlust von Besatzungsmitgliedern auf hoher See und ihre Rettung durch ein sowjetisches Schiff. Sie geraten dann an einen chinesischen Kommunisten, der sie lehrt, dass sie sich für ein proletarisches Japan einsetzen müssen. Anfänglich argwöhnisch gegenüber dem "Kommunismus", kehren die Arbeiter später auf ihr Schiff zurück, bauen eine Gewerkschaft auf und entwickeln den Widerstand gegen ihre Gebieter.

Der Roman behandelt die Klassenspannungen im kaiserlichen Japan, zu der Zeit als das Militärregime sämtliche Arbeiterstreiks und Proteste unterdrückte. Die Geschichte erzählt, wie der Streik auf dem Schiff brutal niedergeschlagen wird. In den 1930er und 1940er Jahren wurde das Buch im Zuge drakonischer Unterdrückung der sozialistischen Bewegung verboten. Der Romanautor Takiji Kobayaschi trat 1931 in die damals verbotene Kommunistische Partei ein und wurde zwei Jahre später im Alter von nur 29 Jahren von der japanischen Polizei zu Tode gequält.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Roman zwar veröffentlicht, die jährlichen Verkaufszahlen erreichte jedoch nie die 5.000-Marke. Dieses Jahr [2008] wurden jedoch bis zum jetzigen Zeitpunkt mehr als eine halbe Million verkauft. Als Comic aufgemacht, wurden 200.000 Exemplare abgesetzt. Wie der 31-jährige Schriftsteller Kyudo Takahaschi dem Telegraph sagte, sähen junge Menschen ihre sozialen Lebensumstände in dem Roman reflektiert. "Egal wie hart sie arbeiten, sie erreichen keinen Erfolg und können ihre Armut nicht überwinden. Junge Menschen, die heute gezwungen werden, für sehr niedrige Löhne zu arbeiten, fühlen sich wahrscheinlich in einer ähnlichen Lage wie die Besatzung der Kanikosen," meinte er.

Medienkommentatoren, Wissenschaftler und Amtsinhaber scheinen durch das wachsende Interesse an dem Roman mit seinem offensichtlichen Bezug auf die Not vieler junger Menschen zunehmend beunruhigt. In einem Kommentar im Asahi Schimbun vom Juli hieß es: "Zeitarbeiter, die sich keine Wohnung leisten können, schlafen nachts in Internet-Cafés. Die Zahl der Zeitarbeiter zwischen dreißig und vierzig, die Gelegenheitsarbeiten annehmen müssen, wird immer größer....Viele japanische Arbeiter finden, dass sich ihre Jobs nicht mehr lohnen, sind unzufrieden mit ihrem niedrigen Einkommen und der Unsicherheit ihrer Arbeitsplätze."

Mit Japan verband man einst ein spezifisches System lebenslanger Anstellung, mit sicheren Arbeitsplätzen für den größten Teil der Beschäftigten. In den letzten zwei Jahrzehnten sind jedoch Gelegenheits- und Zeitjobs wie Pilze aus dem Boden geschossen. Die Zahl der Arbeiter ohne feste Anstellung überschritt im März 2007 die 17,3-Millionen-Grenze. Eine Zunahme um mehr als 50 Prozent in einem Jahrzehnt.

Der ehemalige Premierminister Junichiro Koizumi brachte 2002 und 2004 Gesetze zur Ausweitung von Zeit- und Gelegenheitsarbeit durch. Die zunehmende soziale Polarisierung und damit verbundene soziale Missstände entfachten eine öffentliche Debatte über die "Gewinner" und "Verlierer" des Marktliberalismus und einige populäre Bestseller über die Nöte der "Unterschicht" wurden publiziert. Diese Debatte war für Japan ohne Präzedenzfall. In der Vergangenheit hatte es kaum Diskussionen über soziale Fragen gegeben.

Ein Artikel in der Japan Times vom Juli stellte fest, dass junge Menschen, die Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche haben, von der KPJ angezogen würden. Im Februar forderte KPJ-Chef Kazuo Schii dann Premierminister Yasuo Fukuda zur Hilfe für Gelegenheitsarbeiter auf, die von den Unternehmern "wie nutzlose Gebrauchsartikel ausrangiert werden." Als seine Rede ins Internet gestellt wurde, erzielte sie 150.000 Zugriffe. Das Führungspersonal der KPJ trat seitdem häufiger in Fernseh- und Radioprogrammen auf, wo es Fragen behandelte, wie "Können dem Kapitalismus Grenzen gesetzt werden?"

Eine unangebrachte Hoffnung

Das neuerliche Interesse an Kanikosen weist darauf hin, dass die Radikalisierung weiter zunimmt. Die Entscheidung einer Schicht junger Menschen, ihre Hoffnungen auf die KPJ zu setzen, entbehrt jedoch jeder Grundlage. Die Partei wurde zwar 1922 auf dem Fundament des sozialistischen Internationalismus gegründet. Dieses Vermächtnis wurde jedoch unter dem Einfluss der stalinistischen Bürokratie in der Sowjetunion zerstört.

Obwohl die KPJ sich dem Militärregime und dem japanischen Imperialismus in den 1920er und 1930er Jahren entgegenstellte, basierte ihr Programm auf der reaktionären stalinistischen Perspektive des "Sozialismus in einem Land" und deren logischer Konsequenz - der Zwei-Stufen-Theorie. In der so genannten ersten Stufe beschränkte sich die KPJ auf Forderungen mit demokratischem und nationalem Charakter und ordnete damit die Arbeiterklasse den "progressiven" Teilen der Kapitalistenklasse unter. Die zweite Stufe - der Sozialismus - wurde in die ferne Zukunft verschoben.

Die ganze Tragweite dieser Auffassungen trat am Ende des zweiten Weltkrieges zu Tage. Die arbeitende Bevölkerung, die sich im Nachkriegsjapan mit extrem schwierigen Lebensbedingungen konfrontiert sah, begegnete den herrschenden Eliten Japans mit tiefer Abscheu. Gewerkschaften und politische Parteien der Arbeiterklasse, zuvor kleine und illegale Organisationen, wuchsen innerhalb von Monaten zu Massenorganisationen an. die radikalsten Elemente wurden auf Grund ihrer Gegnerschaft zum japanischen Militarismus von der KPJ angezogen.

Mit Massenbewegungen in Japan und darüber hinaus auch international konfrontiert, verließen sich die USA und ihre Verbündeten bei der Unterdrückung der Bestrebungen der Arbeiterklasse, den Kapitalismus abzuschaffen, voll und ganz auf die stalinistischen Parteien. Der entscheidende Wendepunkt kam 1947, als der Kommandeur der amerikanischen Besatzungstruppen, General Douglas McArthur, einen geplanten Generalstreik verbot, der die Regierung zu destabilisieren drohte. Anstatt sich auf eine Konfrontation mit dem amerikanischen General einzulassen, fügte sich die KPJ und behauptete entsprechend der Zwei-Stufen-Theorie, die amerikanische Besatzung stände für die Umsetzung der ersten, demokratischen Stufe der Revolution in Japan.

Nachdem die kapitalistische Herrschaft in Japan wieder stabilisiert war, verboten die USA 1949 die KPJ im Zuge ihrer Gegenoffensive im Kalten Krieg gegen den "Kommunismus" und leiteten eine Säuberungsaktion gegen Sozialisten im Staatsapparat und auf anderen Posten ein. In den 1950ern wurde die KPJ nach der Unterzeichnung des amerikanisch-japanischen Sicherheitsvertrags 1952 und dem Ende der Besatzung wieder zugelassen. Sie schwenkte jedoch zunehmend in rechte politische Bahnen ein.

Wie viele europäische stalinistische Parteien lockerte die KPJ ihre internationalen Bindungen zu Gunsten einer engeren Integration in den vorherrschenden nationalen Politikbetrieb. Jahrzehntelang fungierte sie in der parlamentarischen Arena als loyale Oppositionspartei und spielte die zweite Geige hinter der Sozialistischen Partei, die dann in den 1990er Jahren in sich zusammenbrach. In Teilen der Gewerkschaftsbürokratie konnte sich die KPJ eine Basis bewahren. Dies trifft besonders für die Gewerkschaften des Öffentlichen Dienstes zu.

Die KPJ heute als sozialistische Partei zu bezeichnen, wäre in der Wortwahl völlig daneben gegriffen. Ihr 2004 auf einem Parteikongress angenommenes Programm verpestet die Luft mit Nationalismus und Wirtschaftsprotektionismus. Die Partei tritt für die Interessen kleiner und mittlerer Unternehmen und der Landwirte gegenüber den Interessen der Großbetriebe und des globalen Kapitals ein. Ihre Antikriegshaltung entspringt dem liberalen und pazifistischen Milieu. Ihre anti-amerikanischen Standpunkte sind mit den Forderungen der japanischen herrschenden Klasse nach einer unabhängigeren Außenpolitik vereinbar.

Während das Programm der KPJ "die historische und kolossale Plage der sowjetischen Hegemonie" anprangert, rühmt es die Bestrebungen der Länder, die "vom Kapitalismus loskamen" als "neues Streben nach Sozialismus, das auch das Experiment beinhaltet‚ den Sozialismus durch Marktwirtschaft zu erreichen’... Dieses Projekt läuft in großen Gebieten mit einer Bevölkerung von mehr als 1,3 Milliarden Menschen und stellt eine historisch bedeutsame Strömung im 21. Jahrhundert dar." Obwohl nicht ausdrücklich benannt, kann damit nur China gemeint sein, wo die enorme Ausweitung kapitalistischer, und nicht sozialistischer Verhältnisse, zu einer riesigen und weiter anwachsenden Spaltung zwischen Reich und Arm geführt hat.

Es ist schon irgendwie paradox, dass die KPJ, die nicht weniger kompromittiert und verräterisch ist, als die anderen kollabierten und kollabierenden stalinistischen Parteien auf der ganzen Welt, vorübergehend neue Lebenskraft zu gewinnen scheint. Teils kann das durch die Tatsache erklärt werden, dass die KPJ gewisse Förderung durch die tonangebenden Medien erfährt - in dem vollen Bewusstsein, dass sie eventuell als politisches Faustpfand noch nützlich sein könnte. Selbst das Time- Magazin brachte letztes Jahr einen Artikel, in welchem die KPJ voller Wohlwollen im Unterschied zur LDP als die "modernste politische Partei in Japan" bezeichnet wurde.

Ein wichtigerer Grund für das Anwachsen der Mitgliedschaft der KPJ ist jedoch die nachvollziehbare Verwirrung junger Menschen, die durch die Isolation und insulare Abgeschiedenheit Japans noch verstärkt wurde. Diese Konfusion kann nur durch die Aneignung der Lehren aus den strategischen Erfahrungen der internationalen Arbeiterklasse im ganzen 20. Jahrhundert beseitigt werden. Besondere Bedeutung kommt dabei dem Kampf der trotzkistischen Bewegung gegen den Stalinismus und alle Spielarten des nationalen Opportunismus zu.

Siehe auch:
Japanische Wähler jagen LDP aus dem Amt
(1. September 2009)