Amerikanischer Luftangriff fordert Todesopfer unter afghanischen Zivilisten

Von Bill Van Auken
27. Februar 2010

Bei einem amerikanischen Luftangriff in Afghanistan starben am vergangenen Sonntag in der Zentralprovinz Uruzgan Dutzende Zivilisten. Gleichzeitig fordert die in die zweite Woche gehende Bodenoffensive in der südlichen Stadt Mardscha in der Provinz Helmand immer mehr Todesopfer und droht in eine humanitäre Katastrophe zu münden.

Das Massaker fand in der Nähe der Provinzgrenze zwischen Uruzgan und Daykundi statt. Wie das Wall Street Journal berichtete, ließen Sondereinsatztruppen drei Kleinbusse aus der Luft angreifen. Angeblich, weil sie der Meinung waren, in ihnen befänden sich bewaffnete Aufständische.

Nach ersten Berichten sollen 33 Personen getötet, und mindestens 12 weitere verletzt worden sein. Später wurde die Zahl der Getöteten von afghanischen Beamten auf 27 korrigiert. Unter den Toten befanden sich auch vier Frauen und ein Kind. Anscheinend handelte es sich um den schlimmsten Angriff auf die afghanische Zivilbevölkerung seit dem 4. September, als ein deutscher Kommandeur einen Luftangriff auf einen von Dorfbewohnern umringten Tanklastwagen anordnete, der 142 Todesopfer kostete.

Der afghanische Ministerrat übte Kritik an dem Luftschlag: "Es gibt keine Rechtfertigung für das wiederholten Töten von Zivilisten durch Nato-Streitkräfte", so der sehr gedämpfte Ton des Rates.

Familienangehörige der Opfer des Gemetzels reagierten ganz anders. Sie forderten den Abzug der ausländischen Truppen aus ihrem Land. "Sie kamen hierher, um für Sicherheit zu sorgen, töten jedoch unsere Kinder, töten unsere Brüder und töten das Volk", sagte Hadschi Ghullam Rasoul, dessen Cousins bei dem Angriff starben. "Uns reicht’s."

Der amerikanische Kommandeur in Afghanistan, General Stanley McChrystal betonte, dass Todesopfer unter Zivilisten die amerikanischen Anstrengungen zur Befriedung des Landes unterliefen, da sie den Widerstand im Volk anheizten. Wie berichtet wird, habe er die Einsatzregeln für Afghanistan geändert, um derartige Verluste einzudämmen. Trotzdem gibt es sie weiterhin.

Viele dieser Morde sind das Werk von Sondereinsatzkräften, die früher unter dem Kommando McChrystals standen. Diese Einheiten werden derzeit bei einem Liquidierungsprogramm eingesetzt, mit dem Führungspersonal der Taliban und andere, gegen die Besatzung kämpfende Kräfte ausgelöscht werden sollen. Vergangenen Dezember wurde ein solches Sonderkommando beschuldigt, in der Provinz Kunar acht Schüler in einer Art Exekution getötet zu haben. Einige davon waren erst elf Jahre alt.

Der amerikanische Verteidigungsminister Robert Gates hob hervor, dass derartige Gräueltaten als Teil des Krieges hingenommen werden müssten, was nur als Verteidigung des Massenmords vom Sonntag verstanden werden kann.

"Wir müssen daran denken, dass wir uns im Krieg befinden", sagte Gates in der Pressekonferenz des Pentagon. "General McChrystal unternimmt alles menschenmögliche, um Verluste unter der Zivilbevölkerung zu vermeiden."

Dann weiter: "Ich verteidige das überhaupt nicht. Ich sage nur, dass Derartiges in vielerlei Hinsicht zu einem Krieg gehört. Das macht Krieg so abscheulich."

Ähnlich klang es bei Generalstabschef Admiral Mike Mullen, der mit Gates zusammen auftrat: "Krieg ist blutig und ungerecht", sagte Mullen. "Er ist schmutzig, widerlich und verursacht unglaublich hohe Kosten, was aber nicht heißt, dass er der Opfer nicht wert wäre."

Dann griff Gates auf die neuerdings wieder viel strapazierte Rechtfertigung zurück, die Widerstandskämpfer gegen die amerikanische Besatzung benutzten "Zivilisten als Deckung". Zur Rechtfertigung der Ermordung unbewaffneter Männer, Frauen und Kinder wurden derartige Behauptungen noch in jedem Kolonialkrieg erhoben, wenn ausländische Truppen gegen die einheimische Bevölkerung kämpften.

Vielsagend veröffentlichten die New York Times und das Wall Street Journal am Montag Artikel desselben Inhalts, wobei die Überschrift der Times "Afghanen unter Beschuss" und die des Journal "Zivilisten im Fadenkreuz" lauteten.

Der Tod bringende Luftangriff in Uruzgan überschattete die ständig wiederholten Behauptungen des Pentagon, die "Operation Moschtarak", die umfassendste Offensive seit der amerikanischen Invasion des Landes vor acht Jahren, käme erfolgreich voran.

Afghanische Beamte berichteten, dass bei der Operation neunzehn Zivilisten getötet wurden, zwölf davon bei einem Raketenangriff auf ein Haus, in dem alle Bewohner außer einem zwölfjährigen Mädchen ums Leben kamen. Die Anwohner selbst gaben jedoch eine viel höhere Zahl Getöteter an.

Aziz Ahmad Tassal und Mohammad Elyas Dayee, Berichterstatter von International War and Peace Reporting, interviewten nach dem Raketenangriff Anfang dieses Monats die Verwandten einiger Getöteter.

Einer von ihnen, Harun, war im Krankenhaus der Provinzhauptstadt, wohin er seine beiden verwundeten Brüder gebracht hatte. Die Frau eines Bruders war von einem Panzer beschossen und getötet worden.

"Mein verwundeter Bruder Fasel Omar hat vor sechs Monaten geheiratet. Als er verwundet wurde, trat seine Frau aus dem Haus und rannte zu ihrem Mann, (sie) schossen jedoch aus dem Panzer und (töteten) sie", sagte er.

Dann fuhr er fort: "Das war ein furchtbarer Augenblick für mich, weil ich nicht aus dem Haus konnte. Ich konnte meine verwundeten Brüder nicht ins Krankenhaus bringen und konnte den Leichnam meiner Schwägerin nicht bergen."

Des Weiteren wurde Gula Tschan interviewt, der die Körper seiner beiden jüngeren Schwestern in ein Krankenaus in Laschkar Gah gebracht hatte. Auch ihr Haus war von den amerikanisch geführten Truppen unter Beschuss genommen worden. "Meine zwei kleinen Schwestern wurden von den Raketen der Ausländer zu Tode gebracht", sagte er, "und ich werde mich mit den Ungläubigen nicht aussöhnen, bis der Tod meiner Schwestern gebüßt ist."

Ahmads Vater wurde von den Besatzungstruppen erschossen, als er sein Haus verließ, um Lebensmittel zu besorgen. "Der Leichnam meines Vaters blieb zwei Tage in unserem Haus, weil uns die Fremden nicht zum Begräbnis auf den Friedhof hinaus ließen", sagte er. Wir hatten Angst, getötet zu werden. Die Ungläubigen sind brutal und meinen es nicht gut mit uns."

Inzwischen berichtete das Wall Street Journal, dass die Wut über die Truppen in der Bevölkerung Mardschas wächst, da diese dort Türen eintreten, den örtlichen Markt verwüsten und ihr Vieh töten.

Befürchtungen, die Operation könne in eine humanitäre Katastrophe münden, nehmen zu. Nach Aussagen amerikanischer Befehlshaber kann die Operation noch einen Monat dauern. Viele der in der Gegend verbliebene Bewohner wurden von den Gefechten in ihren Unterkünften eingeschlossen, Nahrungsmittel und Wasser gehen aus und sie haben keine medizinische Versorgung.

Abertausende Geflüchteter sind jetzt ohne Unterkunft und bekommen von den Besatzungstruppen und der Regierung Hamid Karzais kaum Unterstützung.

Reportagen aus Mardscha berichten über das Inferno fortwährender Feuergefechte, da die amerikanischen und anderen ausländischen Truppen immer noch auf Widerstand stoßen. Ständig Angriffsbefehle abwartend, umfliegen Kampfhubschrauber, unbemannte Drohnen und Kampfflugzeuge das Gebiet.

Mindestens dreizehn Soldaten aus Amerika und anderen Ländern wurden getötet. Militärsprecher geben die Zahl der im Kampf getöteten "Aufständischen" mit 120 an, was jedoch nur eine Schätzung zu sein scheint, die möglicherweise auch Zivilisten mit einschließt.

Das US-Militär und die Medien haben diese Operation - die erste Offensive seit der von Präsident Obama angeordneten Truppenaufstockung - der Öffentlichkeit zwar als eine Art Wendepunkt im Krieg zu verkaufen versucht; es ist allerdings offensichtlich, dass sie das ganz und gar nicht ist.

Etwa 11.000 Soldaten sind mit Luftunterstützung ins abgelegene und landwirtschaftlich geprägte Mardscha mit kaum 15.000 Bewohnern eingefallen. Obwohl man davon ausgegangen war, dass die Streitkräfte unter amerikanischer Führung in der Lage sein würden, die Oberhand über die paar Hundert Talibankämpfer zu gewinnen, haben sie das Gebiet noch lange nicht unter Kontrolle. Sie müssen sich immer noch mit häufigen Angriffen auseinandersetzen.

Mit der Offensive sollte vor allem die Stärke der Amerikaner demonstriert werden. Strategisch ist sie kaum von Bedeutung. Die Übermacht, die sie zur Schau stellen sollte, beruht jedoch im günstigsten Fall auf Illusionen.

Die Behauptung, amerikanische Truppen könnten sich in dem Maße zurückziehen, wie Kampfhandlungen auf die afghanische nationale Armee übertragen würden, ist durch das Verhalten der afghanischen Truppen selbst widerlegt worden. Die amerikanischen Marines waren gezwungen, bei jeder einzelnen Aktion die Initiative zu ergreifen, während die afghanischen Streitkräfte kaum oder gar nicht eigenständig zu handeln in der Lage waren.

Überdies sind die meisten dieser Soldaten Tadschiken, eine ethnische Gruppe, aus der sich die Nordallianz rekrutierte, gegen die die Taliban, die ihre Basis unter den örtlichen Paschtunen haben, einen langen Bürgerkrieg führten. Ähnlich wie die amerikanischen Truppen werden sie von Vielen als feindliche Besatzer angesehen.

Es wird auch vermutet, die amerikanisch geleitete Operation solle eine gegenüber dem amerikanischen Marionettenregime Karzais loyale und gegenüber den ausländischen Besatzern unterwürfige neue Distriktverwaltung installieren. Ausersehen für diesen Posten wurde ein gewisser Hadschi Zahir, ein afghanischer Auswanderer, der erst kürzlich nach fünfzehnjährigem Aufenthalt in Deutschland in das Land zurückgekehrt ist. Wie berichtet wird, hat er kaum Bindungen an die Region.

Zahir wurde am Montag "an Board eines Marine Helikopters mit einem Kontingent von Offizieren der Marines" zum ersten Mal nach Mardscha eingeflogen, berichtete die Washington Post, die noch anmerkte: "Er war etwa zwei Stunden auf dem Boden. Er traute sich in der Zeit nicht weiter als 100 Meter vom Landeplatz weg."

Auch der frühere Polizeichef des Distrikts, Abdul Rahman Dschan hat Aussichten auf den Führungsposten. Wie die Post berichtet, war die von ihm geführte Polizei "so korrupt und erbarmungslos - ihr Kennzeichen waren standrechtliche Exekutionen -, dass viele Bewohner die Taliban als humanere Alternative begrüßten."

Die Post berichtete, dass Dschan, der von den britischen Behörden 2005 entlassen wurde, die Unterstützung Karzais genießt, trotz - oder möglicherweise wegen - seiner engen Verbindungen zu Drogenhändlern.

McChrystal bezeichnete die Operation in Mardscha als "Zukunftsmodell". Er deutete an, dass Kandahar, mit einer Million Einwohnern Afghanistans zweitgrößte Stadt, das wichtigere Ziel sein könnte. Ein Kampf um die Kontrolle dort könnte sich noch als weitaus verlustreicher, sowohl unter Zivilisten als auch unter US-Soldaten, erweisen.

In einem Interview in "Meet the Press" warnte General David Petraeus, der Chef des amerikanischen Zentralkommandos, vor den Verlusten in den nächsten Monaten, die hart sein, und sich als "schwer" aushaltbar erweisen könnten.

Petraeus betonte, die Offensive in Mardscha sei nur "die einleitende Operation einer zwölf bis achtzehn Monate dauernden Unternehmung."

Die Äußerung des Generals straft Obamas Behauptung Lügen, seiner Eskalation, für die weitere 30.000 amerikanische Soldaten entsandt wurden, würde ab Juli 2011 die Deeskalation mit dem Rückzug der US-Truppen folgen. Seine Regierung riskiert einen langwierigen, ausufernden und blutigen Krieg. Und dieser hat kein absehbares Ende.

Siehe auch:
Offensive in Helmand: Militärische Schlinge zieht sich um afghanische Stadt zu
(16. Februar 2010)