Alice Schwarzer hetzt gegen Clara Zetkin

Von Justus Leicht
10. März 2010

In einer hysterischen Tirade in der Frankfurter Rundschau (FR) hat Deutschlands bekannteste Vertreterin des bürgerlichen Feminismus, Emma-Herausgeberin Alice Schwarzer, am internationalen Frauentag, dem 8. März, für dessen Abschaffung plädiert.

Über nahezu eine halbe Seite wütet Schwarzer in der SPD-nahen FR gegen den Tag, an dem seit mittlerweile vielen Jahren daran erinnert wird, dass die Gleichberechtigung von Mann und Frau jedenfalls in der gesellschaftlichen Wirklichkeit noch lange nicht durchgesetzt ist. In Deutschland etwa liegt das Einkommen von Frauen laut Statistischem Bundesamt immer noch fast ein Viertel niedriger als das von Männern, der Lohnabstand ist in den letzten Jahren sogar gewachsen. Eine staatliche Kinderbetreuung ist für viele Frauen in Deutschland kaum erschwinglich, alleinerziehende Mütter sind häufig unerträglichen Schikanen der Jobcenter ausgesetzt.

Da verwundert Schwarzers Forderung auf den ersten Blick, gilt sie doch zumindest der schon etwas älteren Generation als so etwas wie die Personifizierung des Kampfs für Frauenrechte. Tatsächlich ist sie eine Vertreterin des Feminismus. Dass Kampf für Frauenrechte und Feminismus durchaus nicht dasselbe sind, das hat Schwarzer selbst nun mehr als deutlich gemacht.

Was stört Alice Schwarzer am Frauentag? In ihrer Kolumne erklärt sie es ganz offen: Er sei "eine sozialistische Erfindung, die auf einen Streik von tapferen Textilarbeiterinnen zurück geht und 1910 auf der 2. Sozialistischen Frauenkonferenz in Kopenhagen in aller Form beschlossen wurde.,Genossinnen! Arbeitende Frauen und Mädchen!‘ schrieb Clara Zetkin 1911 in der Gleichheit, ‚der 19. März (der später zum 8. März wurde, Anm. d. FR) ist euer Tag. Er gilt eurem Recht!‘"

Schwarzer hätte noch hinzufügen können, dass die Datumsverlegung im Jahr 1921 erfolgte, als die Kommunisten die Rolle der Frauen ehren wollten, die 1917 an jenem Tag in der russischen Februarrevolution beim Sturz des Zarenregimes eine entscheidende Rolle gespielt hatten.

Von Clara Zetkin zieht Schwarzer wie alle rechten Antikommunisten eine direkte Linie zum Stalinismus. Ihr Hauptkritikpunkt an den stalinistischen Regimes ist bei allem Hohn über den "sozialistischen Muttertag" nicht die polizeistaatliche Unterdrückung der (männlichen wie weiblichen) Arbeiterklasse, auch nicht der stalinistische Familienkult und Chauvinismus, nein, sie kritisiert dass die "obersten Etagen bekanntermaßen auch frauenfrei" waren. Nicht so wie beispielsweise im Frauenparadies Großbritannien, wo Margaret Thatcher es bis zur Premierministerin der Königin bringen konnte und Angriffe auf Arbeitsplätze, Löhne und soziale Rechte notfalls mit Polizeigewalt durchsetzte.

Schwarzer erklärt uns, "die Frauenbewegung" sei "bekanntermaßen Anfang der 1970er Jahre im Westen nicht zuletzt aus Protest gegen die Linke" entstanden. Vorher gab es also keine Frauenbewegung. Es ist unklar, ob die feministische Borniertheit sich hier mit Ignoranz oder absichtlicher Geschichtsklitterung mischt. Gerade Clara Zetkin ist ein Beispiel dafür, wie lange vor Schwarzer & Co. eine Frauenbewegung aktiv war, die sich aber als Teil der linken, sozialistischen Arbeiterbewegung verstand.

Es war die SPD, die Ende des 19. Jahrhunderts, als sie sich noch auf den Marxismus berief, im Reichstag gegen die Einführung des BGB (Bürgerlichen Gesetzbuchs) stimmte, vor allem weil darin noch gemäß "christlich-abendländischer" Tradition die Unterordnung der Frau unter den Mann gesetzlich verankert war.

Die sozialistische Bewegung trat als erste Massenbewegung überhaupt für volle privat- und staatsrechtliche Gleichberechtigung und Gleichheit der Lebensverhältnisse auf allen Ebenen ein. Das Buch "Die Frau und der Sozialismus" von August Bebel, dem Vorsitzenden der SPD bis 1913, in dem er diese Forderungen umfassend begründete, wurde ein vielgelesener Bestseller unter Arbeitern mit zahlreichen Auflagen.

Das Frauenwahlrecht setzten in Deutschland keine Feministinnen durch, sondern Arbeiter beiderlei Geschlechts in der Novemberrevolution von 1918. Hier bewahrheitete sich wie schon bei der Sozialgesetzgebung im 19. Jahrhundert unter Bismarck die Aussage von Rosa Luxemburg, dass Reformen, demokratische wie soziale, ein Nebenprodukt einer revolutionären Bewegung oder der Angst vor ihr sind.

Den größten Sprung in der Frauenemanzipation in der Menschheitsgeschichte machte zweifellos Russland nach der Oktoberrevolution. Wo vorher noch das "Züchtigungsrecht" des Ehemannes staatlich anerkannt war, galt nun die privatrechtliche wie arbeitsrechtliche und politische Gleichberechtigung, das freie Recht auf Abtreibung und Ehescheidung, angestrebt wurde unter Alexandra Kollontai, der ersten Ministerin der Welt, die Vergesellschaftung der Hausarbeit und Kindererziehung.

Arbeiterführerinnen wie Zetkin, Luxemburg oder Kollontai war die nationale Borniertheit einer Alice Schwarzer fremd, die voller Verachtung von einer Linken schreibt, "die zwar noch die letzten bolivianischen Bauern befreien wollte, die eigenen Frauen und Freundinnen aber weiter Kaffee kochen, Flugblätter tippen und Kinder versorgen ließ". Was sind schon Armut und diktatorische Unterdrückung von irgendwelchen bolivianischen Kaffeebauern, wenn es darum geht, wer in Westdeutschland den Kaffee kochen soll!

Die Kirche, die jahrhundertelang die Unterordnung der Frau unter den Mann wie der Armen unter die Reichen und der Untertanen unter den Staat propagiert hatte, verlor im revolutionären Russland alle Privilegien und wurde strikt von Staat und Schule getrennt. Die Rehabilitierung des Kults um Familie, Staat und Nation durch die Stalinisten war kein Ausdruck des Sozialismus, sondern ging im Gegenteil mit der Unterdrückung, Verfolgung und Ermordung hunderttausender Sozialisten einher.

In Westdeutschland war es nach dem Zweiten Weltkrieg die Arbeiterbewegung, die hinter allen Fortschritten der Gleichberechtigung stand. Dies begann bei dem zunächst umstrittenen Satz im Grundgesetz "Männer und Frauen sind gleichberechtigt", über den Kampf gegen die von den christlichen Kirchen propagierte Hausfrauenehe (bis in die 1950er Jahre durfte der Ehemann sogar Arbeitsverhältnisse seiner Frau kündigen und hatte ein Alleinentscheidungsrecht in allen Fragen von Ehe und Erziehung, später stand ihm der "Stichentscheid" zu) bis hin zur Liberalisierung des Sexualstrafrechts.

Unter anderem die Abschaffung der Strafbarkeit von Homosexualität und Ehebruch stand erstmals 1968 auf der Tagesordnung und wurde 1973 umgesetzt. Seitdem standen Delikte wie Vergewaltigung und dergleichen im Strafgesetzbuch nicht mehr unter der Überschrift "Verbrechen gegen die Sittlichkeit" sondern gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Auch die Strafmilderung für sogenannten "Ehrenmord" an der "untreuen" Ehefrau hörte seitdem auf. Dieser gesellschaftliche Aufbruch stand im Zeichen einer weltweiten, gewaltigen Bewegung der arbeitenden Bevölkerung, vor allem der Generalstreikbewegung in Frankreich und dem Kampf der vietnamesischen Bevölkerung gegen die amerikanischen Invasoren.

In Osteuropa und der Sowjetunion ermöglichten die Enteignung des Kapitals und staatliche Planung für Millionen Arbeiterinnen trotz der Herrschaft der stalinistischen Bürokratie gesellschaftliche Fortschritte. Bei allen autoritären und undemokratischen Strukturen konnten Frauen aus der Einbeziehung in das Arbeitsleben doch ein gewisses Selbstbewusstsein schöpfen, Kinderkrippen nahmen einen Teil der Belastung mit Kindern ab. Schwarzer kann darin nur eine dreifache Belastung aus "Betrieb, Einkaufsschlange, Kinder" sehen. Der soziale Kahlschlag nach der Wiedereinführung des Kapitalismus in Osteuropa, der für viele Frauen Arbeitslosigkeit, Armut, und nicht selten häusliche Gewalt und Prostitution bedeutete, ist für die antikommunistische Feministin wohl Befreiung.

Alice Schwarzer hat in wünschenswerter Klarheit deutlich gemacht, dass Feminismus und Kampf für Gleichberechtigung zwei verschiedene Dinge sind. Wer für ersteres ist, sollte ihre "Emma" lesen, wer für letzteres ist, die "Gleichheit" - zu Clara Zetkins Zeiten wie heute.

Siehe auch:
gleichheit - Zeitschrift für sozialistische Politik und Kultur