Vier weitere Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan getötet

Von Sven Heymanns
17. April 2010

Nur knapp zwei Wochen nach den tödlichen Gefechten bei Kundus am Karfreitag, bei denen drei Bundeswehrsoldaten ums Leben kamen, ist es erneut zu deutschen Todesopfern im Afghanistan-Krieg gekommen.

Bei einem Anschlag auf ein Bundeswehrfahrzeug in der Nähe der Stadt Baghlan starben am Donnerstagnachmittag drei deutsche Soldaten, fünf weitere wurden teils schwer verletzt. Bei den anschließenden Rettungsarbeiten kam es zu stundenlangen Kämpfen, bei denen ein weiterer Bundeswehrsoldat, ein Oberstabsarzt, erschossen wurde.

Der Sprengstoffanschlag galt offenbar gezielt dem deutschen Fahrzeug, heißt es in Presseberichten (Zeit-Online). Das Bundeswehrfahrzeug war als letzter Wagen einer gemeinsamen Kolonne von afghanischer Armee (ANA) und Internationaler Schutztruppe (Isaf) unterwegs. Alle Fahrzeuge passierten die Stelle, an der Taliban eine Sprengfalle versteckt hatten, aber erst als der Geländewagen der Bundeswehr von Typ Eagle IV auf die Sprengfalle aufgefahren war, wurde der Sprengsatz per Fernzünder zur Explosion gebracht. Die Wucht der Detonation riss das Fahrzeug auseinander. Drei Insassen waren auf der Stelle tot.

Nach der Explosion des Sprengsatzes griffen Aufständische die gesamte Patrouille an. Erst nach sechs Stunden endete das heftige Feuergefecht zwischen Isaf und afghanischer Armee auf der einen und den Taliban auf der anderen Seite. Die Aufständischen setzten bei dem Hinterhalt nicht nur Sturmgewehre, sondern auch Panzerfäuste, Mörser und Granatwerfer ein. Das berichten nach Angaben von Zeit-Online afghanische Sicherheitskräfte und ein Sprecher der Taliban, der die Verantwortung für den Angriff übernahm. Bei dem Gefecht seien außerdem drei afghanische Polizisten ums Leben gekommen, sagte der Polizeisprecher der Provinz Baghlan, Habib Rahman, der britischen BBC.

Verteidigungsminister zu Guttenberg (CSU) befand sich nach seinem Truppenbesuch vom Mittwoch bereits wieder auf dem Rückweg nach Deutschland, kehrte jedoch umgehend nach Afghanistan zurück. Sein Besuch bei den Soldaten nach dem Anschlag am Karfreitag war als "Mut-Mach-Tour" bezeichnet worden. Er hatte den militärischen Einsatzleitern mehr Unterstützung und schweres Kriegsgerät versprochen.

Nach dem neuerlichen Angriff mit den höchsten deutschen Verlusten seit sieben Jahren betonte Guttenberg, die bessere Ausrüstung der Armee müsse nun mit Hochdruck umgesetzt werden. All diejenigen, die angesichts der erneuten Verluste von Rückzug sprechen, müssten sich fragen, ob sie dies gegenüber den Soldaten, die jeden Tag ihr Leben riskieren, verantworten könnten, sagte der Minister.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die sich am Donnerstag noch in den USA aufhielt, betonte, dass es trotz der tragischen Ereignisse keine Alternative zum Militäreinsatz der Bundeswehr in Afghanistan gebe. Sie sei von der Richtigkeit des Vorgehens der deutschen Armee vollständig überzeugt und werde sich verstärkt für eine Unterstützung der Soldaten einsetzen, betonte die Kanzlerin. In einer Rede vor Studenten erklärte sie, es gehe auch darum, "Sicherheit für uns und alle westlichen Demokratien zu erreichen". Der Einsatz müsse daher fortgeführt werden.

Die SPD stellte sich an die Seite der Regierung und verteidigte das militärische Vorgehen in Afghanistan. In einer Sondersendung der ARD sagte der Wehrbeauftragte des Bundestages, Reinhold Robbe (SPD), eine Debatte um einen konkreten Abzugstermin würde die Taliban nur ermutigen, ihre Angriffe auf deutsche Truppen zu verschärfen. Obwohl er für die Zukunft neuerliche Anschläge befürchte, müsse der Einsatz fortgesetzt werden.

Die Bundesregierung reagiert auf die Angriffe mit einer massiven Aufrüstung der deutschen Truppen. "So schnell wie möglich" (Guttenberg), sollen zwei Panzerhaubitzen 2000 nach Kundus verlegt werden - ein Geschützsystem, das Ziele in 30 bis 40 Kilometer Entfernung treffen kann. Zudem soll die Truppe Panzerabwehrraketen vom Typ Tow sowie zusätzliche Marder-Schützenpanzer bekommen. Zudem orderte das Verteidigungsministerium in einer Eilbestellung 60 Panzerfahrzeuge vom Typ "Eagle IV".

Der Oberbefehlshaber der US- und Nato-Truppen in Afghanistan, Stanley McChrystal, will bei seinem Deutschland-Besuch in der kommenden Woche für eine gezieltere Kampfausbildung der Bundeswehrsoldaten in Afghanistan werben. McChrystal erwarte "einen wichtigen Beitrag" der Bundeswehr bei der für den Sommer anstehenden Großoffensive gegen die Taliban. Das berichtet die Leipziger Volkszeitung.

Gleichzeitig nimmt die Antikriegsstimmung in der Bevölkerung zu. In einer Eilumfrage, die vom Fernsehsender ARD beim Meinungsforschungsinstitut Forsa am Tag des jüngsten Anschlags in Auftrag gegeben wurde, sprachen sich 70 Prozent der Befragten für ein Kriegsende und einen sofortigen Rückzug der deutschen Truppen aus.

Die Behauptung der Bundesregierung, der Krieg diene dem wirtschaftlichen Wiederaufbau und der Schaffung demokratischer Verhältnisse in Afghanistan, ist in doppelter Hinsicht falsch.

Erstens hat sich die soziale Lage seit Kriegsbeginn deutlich verschlechtert. Das Anwachsen des bewaffneten Widerstands, steht in direktem Zusammenhang zu einem unbeschreiblichen Elend der Zivilbevölkerung - acht Millionen leiden an Hunger und Unterernährung, 75 Prozent haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, die Drogenproduktion erreichte im vergangenen Jahr mit 9.000 Tonnen Rohopium einen neuen Rekord. Dazu kommt, dass die angeblich demokratische Regierung in Kabul an Korruption, Rechtlosigkeit und Willkür kaum zu überbieten ist.

Zweitens setzt sich die Bundesregierung, die angeblich in Afghanistan demokratische Ziele verfolgt, immer offensichtlicher über den erklärten Willen der Mehrheit der Bevölkerung hierzulande hinweg.

Die zunehmende Brutalität des militärischen Vorgehens sind typische Begleiterscheinungen eines Kolonialkrieges, wie sie schon den Vietnamkrieg kennzeichneten, und werden weiter zunehmen.

Siehe auch:
Zahlreiche Tote bei Bundeswehreinsatz in Afghanistan
(9. April 2010)
Bundestag billigt neue Afghanistan-Strategie
( 27. Februar 2010)