Nach dem Erdbeben in China:

Mit der steigenden Zahl der Opfer wächst die Empörung

Von John Chan
20. April 2010

Die chinesische Provinz Qinghai wurde vergangenen Mittwoch von einem Erdbeben erschüttert. Seither macht sich die Pekinger Regierung offenbar Sorgen über mögliche Unruhen in der Bevölkerung. Präsident Hu Jintao brach seinen Besuch an einem wichtigen Wirtschaftsgipfel in Brasilien ab, um nach China zurückzukehren. Premier Wen Jiabao sagte letzte Woche mehrere Treffen in drei südostasiatischen Ländern ab, um den vom Erdbeben betroffenen Tibetischen Autonomen Bezirk Yushu zu besuchen und den Überlebenden sein Beileid auszusprechen.

Die offiziellen Opferzahlen stiegen auf über tausend Tote an. Derweil besuchte Wen handverlesene Betroffene, vor allem ältere Menschen und Waisen. Seine Öffentlichkeitsarbeit erinnert stark an seine Reisen im Mai 2008 ins Erdbebengebiet von Sichuan. "Eure Katastrophe ist meine Katastrophe, euer Leid ist mein Leid", sagte Wen den Überlebenden. Nichts davon kann über die hoffnungslose Armut dieser Region hinweg täuschen. Es fehlt an der elementarsten Infrastruktur, und die Rettungsarbeiten kommen nicht voran.

Offiziell sind schon 100.000 Menschen obdachlos, und Tausende harrten bei Eiseskälte ohne jeden Schutz aus, während Wen seine Krokodilstränen vergießt. Fernsehbilder zeigen, wie Überlebende Polizisten bedrängen, um Hilfe zu erhalten. Vor dem kommunalen Regierungssitz standen sich einige hundert hungrige Menschen und eine Kette von Bereitschaftspolizisten gegenüber. Letztere wollten die Menge beruhigen, dass es genügend Zelte und Essen für alle gebe. Als der allgemeine Zorn den Siedepunkt erreichte, gab die Polizei auf und ließ die Leute passieren.

Die in Tokio ansässige Zeitung Asahi Shimbun berichtete von einer internen Notiz der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit der Kommunistischen Partei, wonach chinesischen Medien die Berichterstattung über Verzögerungen bei den Rettungsarbeiten untersagt sei. Die Nachricht wurde den Chefs der großen Medienanstalten mündlich weitergegeben. Sie wurden auch instruiert, die Bemühungen der Parteiführung für die Opfer hervorzuheben. Außerdem wurden die Medien aufgefordert, nicht über tote Schüler in eingestürzten Schulhäusern zu berichten.

Gleichzeitig verstärken die Behörden die Präsenz der Sicherheitskräfte. Ein Sprecher des Ministeriums für Öffentliche Sicherheit erwähnte vereinzelte Plünderungen. Diese werden als Vorwand benutzt, um die Bereitschaftspolizei aufzubieten, während die Verkehrspolizei durch die Strassen patrouilliert, um Proteste zu verhindern. Zhou Yongkang, der Politbüro-Beauftragte für die öffentliche Ordnung, erteilte der Polizei den Auftrag, "die soziale Ordnung des Notstandsgebietes zu erhalten und die soziale Stabilität zu garantieren".

Die mangelhafte Infrastruktur behindert die Rettungsarbeiten. Die Zerstörung ist so umfassend, weil praktisch alle Lehm- und Holzhäuser, wie auch die billig gebauten Schulhäuser, zusammengebrochen sind. Örtlichen Krankenhäusern fehlen Ärzte, Ausrüstung und wichtige Medikamente. Einige hundert Verletzte wurden in Krankenhäuser der großen Städte Chengdu und Xining verlegt. Viele Menschen wurden jedoch gar nicht erst behandelt.

Am Donnerstag interviewte die offizielle Nachrichtenagentur Xinhua Karma Herab einen staatlichen Arzt, der gerade eine Amputation durchgeführt hatte. "Wir können nur die Wunden versorgen und verbinden. Das ist alles, was wir tun können. Das Zelt dient als Behandlungsraum. Einigen Patienten können wir nur durch eine Amputation das Leben retten."

Viele Überlebende beklagen das Fehlen von Lebensmitteln, Trinkwasser und Zelten. Fast fünftausend Menschen mussten die Nacht auf Donnerstag auf einer Pferderennbahn im Freien verbringen, bei starkem Wind und Temperaturen um den Gefrierpunkt. Weitere tausend Personen sammelten sich außerhalb der Rennbahn. Ein Ortsansässiger, der mit seiner Frau und seinen vier Kindern auf einem Rasenstück vor dem Polizeihauptquartier übernachtete, sagte der China Daily am Freitag: "Es ist so kalt in der Nacht. Wir brauchen so schnell wie möglich Zelte und was zu Essen."

Zou Ming, der Leiter des Katastrophenschutzes im Ministerium für zivile Angelegenheiten, versprach am Donnerstag, dass noch am selben Tag 10.000 Zelte und genügend warme Kleidung für die Überlebenden nach Yushu gebracht würden. Das chinesische Militär plante am Donnerstagnachmittag, Lebensmittel für 100.000 Menschen herbeizuschaffen. Doch schlecht gewartete Strassen und Flughäfen verzögerten die Ankunft der dringend benötigten Hilfe und der schweren Rettungsgeräte.

Die Menschen versuchten, Verschüttete mit bloßen Händen zu bergen. In den meisten Fällen fanden sie jedoch nur noch leblose Körper vor. Die Singtao Daily aus Hong Kong berichtete von Bauarbeitern, die aus hundert Kilometern Entfernung herbeikamen, um mit Werkzeug und Fahrzeugen zu helfen. Etwa hundert Studenten, die fließend tibetisch sprechen, leisteten Freiwilligenarbeit als Übersetzer in den Krankenhäusern der Provinzhauptstadt Xining.

Die schäbig gebauten Lehm- und Holzhäuser in den Städten von Yushu stammen aus der Umsiedlungspolitik der Regierung von 2000. Damals wurden tausende tibetische Nomaden gezwungen, in städtische Gebiete überzusiedeln, angeblich, weil sie sich "zivilisieren" und "modernisieren" sollten. In Wirklichkeit war das Programm Teil der "Go West"-Kampagne der Regierung, die das Ziel verfolgt, die gewaltigen, unerschlossenen natürlichen Ressourcen und den Markt an Billiglohnarbeit im westlichen China zu erschließen.

Diese Umsiedlung, die dem Eindringen der kapitalistischen Ordnung in die Region Rechnung trug, sowie der weitverbreitete Unmut über die soziale Ungleichheit waren im Jahr 2008 der Hauptgrund für die heftigen Proteste in ganz Tibet und der benachbarten Präfektur Yushu. Die Aufstände wurden damals von bewaffneten Polizisten brutal niedergeschlagen.

Das Pekinger Regime reagiert besonders empfindlich darauf, dass so viele Schulkinder umgekommen sind. Am Mittwochabend meldete das Schulamt von Yushu 56 Tote. Es räumte aber ein, dass die tatsächliche Zahl viel höher liegen könne. Hunderte Eltern und Lehrer gruben weiterhin mit ihren bloßen Händen nach den vermissten Kindern. Bei einer Pressekonferenz am Donnerstag wichen Verwaltungsangestellte Fragen aus, ob mit besseren baulichen Sicherheitsstandards die Anzahl der Toten hätte verringert werden können.

Fast neunzehn Prozent der Bevölkerung sind hier Schüler - diese Zahl ist um einiges höher als der nationale Durchschnitt von acht Prozent. An einer Primarschule, wo 3.000 Kinder unterrichtet wurden, sind heute noch 200 Schüler unter den Trümmern begraben. Lehrer konnten 61 Schüler aus den Trümmern ziehen, aber 34 davon mussten später für tot erklärt werden. Vizedirektor Wen Ming sagte: "Viele Kinder waren schwer verletzt. Sogar jene, die außerhalb der Klassenräume gelesen hatten, gerieten unter die einstürzenden Mauern." Für die verletzten Schüler gab es keine medizinische Versorgung. Wer nicht von seinen Eltern abgeholt wurde, musste die Nacht ohne Schutz auf dem Spielplatz verbringen; bei Temperaturen von minus fünfzehn Grad Celsius.

Schuld an der miserablen Bauqualität der Schulhäuser ist die ungenügende Finanzierung aus Peking. Nach dem Erdbeben in Sichuan 2008, bei dem die schlecht gebauten Schulhäuser dazu führten, dass mehr als 5.300 Schüler starben, versprach die Regierung, Schulhäuser in erdbebengefährdeten Regionen zu überprüfen und statisch zu verstärken. Der Region Qinghai sagte die Behörde zu, ihre Schulhäuser würden innerhalb von drei Jahren die "sichersten und für die Eltern sorgenfreiesten Orte" werden. Dennoch verlief die Verstärkung von über viertausend Schulhäusern und der Wiederaufbau von weiteren fast Zehntausend nur schleppend. Laut der Qinghai Daily ist die Provinzregierung aufgrund begrenzter Fördermittel nicht imstande, das Ziel einzuhalten, bis Ende des Jahres sechzig Prozent der Arbeit fertig zu stellen.

Das Problem sind nicht etwa fehlende Ressourcen. China ist momentan die weltgrößte Baustelle. Als Reaktion auf die weltweite Finanzkrise legte die Regierung ein Stimulusprogramm von 586 Milliarden US Dollar für Infrastrukturprojekte auf und stellte dem Baugewerbe, Unternehmern und Banken Billionen Dollar aus staatlichen Bankdarlehen zur Verfügung. Dies bringt in den großen Städten eine enorme Immobilienblase hervor. Immobilien-Barone stellen nun die größte Gruppe unter Chinas 130 Dollar-Milliardären dar. Um aber die resultierende öffentliche Verschuldung und das Budget-Defizit unter Kontrolle zu halten, spart Peking an den Bildungs- und Sozialausgaben.

Siehe auch:
Spannungen zwischen USA und China eskalieren zum Handelskrieg
(20. März 2010)