Das Bergwerksunglück in West Virginia und der Zusammenbruch der Bergarbeitergewerkschaft

Von Jerry White
14. April 2010

Der Tod von mindestens 25 Bergleuten in West Virginia bei dem schwersten Bergwerksunglück seit mehr als 25 Jahren zeigt, wie sehr sich die Klassenverhältnisse in Amerika heute verändert haben.

In vieler Hinsicht erinnern die Arbeitsbedingungen in den Kohlerevieren der Appalachen denen vor einem Jahrhundert. Bedroht von Arbeitslosigkeit und Armut, sehen sich die Arbeiter gezwungen, in gefährlichen Bergwerken ihr Leben aufs Spiel zu setzen.

Minenbetreiber wie der Chef von Massey Energy, der vielfache Millionär Don Blankenship, missachten Sicherheitsbestimmungen und zwingen Bergleute in 12-Stunden-Schichten zu arbeiten, um den Profit der Firma zu maximieren. Sie wissen sehr genau, dass sie nach dem Abzug der Medien und den Anhörungen der staatlichen Behörden wieder freie Hand haben, um aus dem Tod und der Verstümmelung von Bergleuten Profite zu ziehen.

Eine Frau aus dem Revier drückte das gegenüber den Medien so aus: "Wir sind nichts als Wegwerfartikel."

Die Bergleute sind mit großen Firmen konfrontiert, die über gewaltige Ressourcen verfügen, haben selbst aber keine Organisation, um sich zu verteidigen. Das war nicht immer so. In der Tat war eben das Bergwerk, in dem jetzt die Explosion stattfand, noch bis Anfang der 1990er Jahre eine Hochburg der Bergarbeitergewerkschaft United Mine Workers of America (UMWA) und ein Zentrum militanter Streikaktionen gegen die Forderungen der Bosse nach Arbeitshetze, Lockerung der Sicherheitsstandards und Verschlechterung der Gesundheitsfürsorge für die Bergleute.

Sogar während der Blütezeit der Gewerkschaft, als sie noch viele Mitglieder hatte, waren die einfachen Bergarbeiter immer wieder in Konflikt mit ihrer konservativen Führung und deren Politik der Klassenzusammenarbeit geraten. Wenn die UMWA Erfolge erringen konnte, dann war dies das Verdienst der militanten Arbeitskämpfe der Bergleute.

Drei Jahrzehnte lang jedoch hat sich die UMWA jetzt von der militanten Tradition entfernt, die für die Bergarbeiter typisch war, und versucht, sich immer tiefer in das Management der Konzerne und der Regierung zu integrieren. In dieser Periode hat die Gewerkschaft einen Arbeitskampf nach dem anderen verraten. Das Ergebnis war der Zusammenbruch der UMWA. Ihre Mitgliedschaft sank von 120.000 im Jahr 1978 auf 14.000 heute.

Was ist die Ursache dieses Verrats und der Desintegration der UMWA? Wie konnten die Bergarbeiter in ihre gegenwärtige verzweifelte Lage geraten?

Die Bergarbeiter, besonders die in West Virginia, gehörten historisch zu den militantesten und klassenbewusstesten Teilen der amerikanischen Arbeiterklasse. Ein Jahrhundert lang bewiesen sie in ihren Kämpfen unvergleichlichen Mut, Solidarität und Opferbereitschaft.

Einen großen Teil des 20. Jahrhunderts hindurch war die soziale Bedeutung und die strategische Position der Bergarbeiter etwas, womit die US-Konzerne und das politische Establishment zu rechnen hatten.

Die UMWA konnte sich in den erbitterten Arbeitskämpfen der 1920er und 30er Jahre in den Minen in West Virginia verankern. Die Namen der großen Klassenkämpfe - "Bloody Mingo", "Die Schlacht vom Blair Mountain", das Massaker von Matewan" - lassen ahnen, mit welcher Intensität die sozialen Konflikte ausgetragen wurden und wie die Bergleute auf die Gewaltmaßnahmen der Kohlekonzerne und ihrer angeheuerten Schutzmannschaften und der Behörden reagierten.

Die Bergarbeiter standen beim Aufbau der neuen CIO Industriegewerkschaften in den 1930er Jahren an der Spitze und widersetzten sich Roosevelt im Zweiten Weltkrieg, indem sie einen nationalen Streik führten, mit dem sie einen großen Teil ihrer Forderungen durchsetzten, als die Industrie durch die Kriegsproduktion riesige Gewinne einfuhr. Auch 1947 trotzten die Bergarbeiter der Anordnung des Kongresses, an die Arbeit zurückzukehren und erklärten: "Sollen doch die Senatoren die Kohle ausgraben", und setzten die größte Lohnerhöhung, Verbesserungen bei der Gesundheitsversorgung und Schutzmaßnahmen gegen das Antistreikgesetz von Taft-Hartley durch.

Nach einer Reihe von selbstständigen Streiks, Massenprotesten gegen unsichere Arbeitsbedingungen und die Staublungenkrankheit und Rebellionen gegen die UMWA-Führung gewannen die Bergarbeiter 1974 nach einem 28-tägigen Streik für die drei nachfolgenden Jahre 54 Prozent Lohnerhöhung und bessere Unterstützungsleistungen. Danach folgte 1977/78 eine 111 Tage dauernde Arbeitsniederlegung. Erneut widersetzten sich die Bergleute einer Anordnung des Präsidenten, an die Arbeit zurückzukehren, die diesmal von dem Demokraten Jimmy Carter erlassen worden war.

Trotz der Militanz und der Solidarität der Bergarbeiter krankte ihre Bewegung jedoch an einem politischen Webfehler, der schließlich tödlich war. Es war die gleiche Schwäche, an der die gesamte amerikanische Arbeiterbewegung litt.

Die Bergarbeiter brachen nie von der Demokratischen Partei und der kapitalistischen Politik überhaupt. Ihre Kämpfe blieben im Rahmen der Gewerkschaft United Mine Workers und nahmen niemals einen bewusst antikapitalistischen Charakter an.

In ihrer gesamten Gesichte stellten sich den Bergarbeitern in ihren Kämpfen Fragen der politischen Perspektive und des Programms. Vom Beginn des Jahrhunderts an wurde die Forderung nach Vergesellschaftung der Bergwerke erhoben. Das galt besonders in Zeiten wirtschaftlichen Niedergangs, der Mechanisierung und der Anarchie der Kohleproduktion für den kapitalistischen Markt, die zu Massenarbeitslosigkeit, Verarmung der Bergarbeitergemeinden und ständigen Todesopfern und dem Verlust von Gliedmaßen führten, um den Profit für die Bosse zu erwirtschaften.

Die Notwendigkeit sich politisch unabhängig von den beiden großen Parteien des Kapitals zu organisieren, stellte sich der Arbeiterklasse wiederholt, wenn den Arbeitern befohlen wurde, an die Arbeit zurückzukehren und staatliche Repression durch Vertreter beider Parteien ausgeübt wurde, die von den Agenten der Kohlekonzerne bestochen waren.

Von Beginn an jedoch wandte sich die UMWA-Führung gegen einen Kampf gegen das kapitalistische System. In einer Radioansprache appellierte der UMWA-Präsident John L. Lewis im September 1937 an die herrschende Klasse, die Gewerkschaften anzuerkennen, weil sie sich als "das beste Bollwerk gegen das Eindringen der Lehren fremder Regierungen" erweisen würden.

"Die Gewerkschaften", so sagte Lewis, " gründet sich im Gegensatz zum Kommunismus auf das Lohnsystem und anerkennt voll und ganz die Einrichtungen des Privateigentums und des Rechts auf Profit für das investierte Kapital."

Von Anfang an war das Markenzeichen der amerikanischen Gewerkschaften der Antisozialismus, die Unterwerfung unter das Profitsystem und die Ablehnung jedes unabhängigen Kampfs der Arbeiterklasse. Zwar teilen die Gewerkschaften auf der ganzen Welt diese pro-kapitalistische Anschauung, doch die politische Rückständigkeit der amerikanischen Gewerkschaften ist am stärksten ausgeprägt.

Nachdem 1955 Sozialisten und andere linksgerichtete Kämpfer aus Führungspositionen verdrängt worden waren, schlossen die CIO-Führer sich mit der American Federation of Labor zum AFL-CIO zusammen, der sich auf die Verteidigung des Profitsystems und der imperialistischen Interessen der USA überall auf der Welt basiert. Während der nächsten 25 Jahre verlor der amerikanische Kapitalismus seine weltweite wirtschaftliche Vormachtstellung und die herrschende Elite setzte an die Stelle ihrer Politik der relativen Klassenkompromisse einen unerbittlichen Klassenkrieg, der dazu führte, dass die Perspektive der Gewerkschaften geradewegs in die Katastrophe führte.

Wie seine Gesinnungsgenossin Margaret Thatcher in Großbritannien war auch Präsident Reagan - der 1981 den Streik der Fluglotsengewerkschaft PATCO zerschlug - entschlossen, den Bergarbeitern das Rückgrat zu brechen, um eine ständige Verschlechterung der allgemeinen Lage der Arbeiterklasse insgesamt durchzusetzen.

1985/86 wurde mit voller Rückendeckung durch das Weiße Haus und staatlicher und lokaler Behörden im Bergwerk AT Massey Coal (an dessen Spitze Blankenship stand) eine Kampagne zur Ausschaltung der UMWA gestartet, die sich Methoden der Klassengewalt bediente, wie man sie seit den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts nicht mehr erlebt hatte.

Die UMWA, damals unter der Führung von Richard Trumka (dem jetzigen Präsidenten des AFL-CIO) isolierte die 2.600 Streikenden bei Massey, indem sie sich weigerte einen nationalen Bergarbeiterstreik auszurufen, wie es üblich war. Die UMWA tat nichts, um die militanten Bergleute zu verteidigen, die inhaftiert und unter falschen Anklagen ins Gefängnis geworfen wurden. Und nachdem die Streikenden schließlich vierzehn Monate Streikposten gestanden hatten und ausgelaugt waren, beendete Trumka den Streik. Das öffnete den Weg zur Zerschlagung der Gewerkschaft und für Zugeständnisse an die Unternehmer im ganzen Kohlerevier. Einen ähnlichen Verrat organisierte die UMWA 1989/90 beim Pittston-Streik.

Die objektiven Bedingungen, die die Beherrschung der Arbeiterklasse durch eine rechtsgerichtete Bürokratie erleichterten - die ungeheure Macht und die wirtschaftlichen Reserven des amerikanischen Kapitalismus und die weltweite Vorherrschaft seiner Industrie - existieren heute nicht mehr.

Durch die gegenwärtige Krise entsteht eine neue Periode des Klassenkampfs. Bergarbeiter werden versuchen, in ihren Kämpfen neue Organisationen aufzubauen. Das ist absolut notwendig und entscheidend. Aber die bitteren Lehren aus der Geschichte müssen gezogen werden - vor allem, dass der Widerstand der Bergarbeiter sich auf einen bewussten Kampf für die unabhängige Mobilisierung der Arbeiterklasse gegen das kapitalistische System und all seine politischen Repräsentanten stützen muss.

Der Geißel der Bergwerksexplosionen, der Einschlüsse und der Staublunge kann nur ein Ende bereitet werden, wenn die Bergwerke enteignet und in öffentliches Eigentum überführt werden, die im Besitz der arbeitenden Bevölkerung sind und von ihr selbst kontrolliert werden. Das erfordert den Aufbau einer großen sozialistischen Bewegung der Arbeiterklasse.